Das Heilbronn-Modell, reverse-engineered
Was andere Forschungsstandorte vom aggressivsten institutionellen Aufbau seit der Wiedervereinigung lernen können. Ein Gastbeitrag von Leo Engmann.

Blick auf den westlichen Eingang zum Bildungscampus Heilbronn . Foto: Kiliansmännle, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
DIE GRÜNDUNG DER TU-NÜRNBERG (UTN) 2021 war Inbegriff wissenschaftspolitischen Ehrgeizes. Deutschlandweit die erste neue Landesuniversität seit Jahrzehnten, Herzstück der bayerischen Hightech-Agenda, volle staatliche Finanzierung. Eine technische Universität neuen Typs für eine Industriestadt ohne Uni-Tradition. Schon 2017 hatte die hochkarätig besetzte Strukturkommission zum Aufbau der Hochschule ihre Arbeit aufgenommen, geleitet vom damaligen Präsidenten der TU München, Wolfgang Herrmann.
Fast zeitgleich, 200 Kilometer südwestlich, wieder hatte Wolfgang Hermann die Hände im Spiel. Die Dieter Schwarz Stiftung (DSS), finanziert aus dem Vermögen des Schwarz-Konzerns (Lidl, Kaufland), holte 2018 eine TUM-Dependance nach Heilbronn. Überraschte Wissenschaftspolitiker in Baden-Württemberg, keine von der Landesregierung eingesetzten Kommissionen. Nur privates Kapital und eine Strategie.
Anfang 2026: Nürnberg hat 20 Professoren berufen und ein Gebäude gebaut. In Heilbronn arbeiten über 1.000 Forscherinnen und Forscher, zur TUM hat sich die Max-Planck-Gesellschaft gesellt, Fraunhofer – und die ETH Zürich mit ihrem ersten europäischen Campus außerhalb der Schweiz. Der aggressivste institutionelle Aufbau in einem deutschen Forschungsstandort seit der Wiedervereinigung.
Die Stiftung hängt den Freistaat ab
Bayerns ...
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Kommentare
#1 - winner takes it all
#1.1 - Antwort
Danke für die Fragen. Kurz zu den drei Punkten:
Der Artikel analysiert bewusst die Mechanik des akademischen Aufbaus, nicht die Verteilungspolitik zwischen BW-Standorten – das wäre ein eigenes Stück wert. BW hat bis jetzt überschaubar investiert: 50 Mio für IPAI, 40 Mio für imec, 30 Mio p.a. ab 2029 für ConnAIx. Und ja, jede Standortentscheidung ist immer auch eine Entscheidung gegen andere, wobei man bei Heilbronn argumentieren kann dass BW-Unis dort selbst Ressourcen bekommen (ConnAIx).
Zur Reproduzierbarkeit: Das Modell ist in dieser Größe vermutlich nicht kopierbar, aber die Prinzipien schon: Reputation leihen statt aufbauen, Partnerschaften als mutual gain strukturieren. Interessanter ...
#1.2 - High Tech Universität
"Ein Text wie von einem consultant aus USA, finde ich."
Ja, privates Geld für High Tech Universitäten (von Studiengebühren redet man nicht) ist immer gut, aber die "Gender Studies" sind angeblich eine Säule der Demokratie, und "DEI ist unsere DNA". Gibt's die auch in Heilbronn? Man vergleiche auch den Hasso-Plattner-Campus in Potsdam. Insgesamt sehe ich weitere Schritte in eine Privatisierung des Bildungswesens, das kann auch einfach heißen, dass man mehr und mehr das erforscht, was konform zu der "KI-Blase" ist, die uns angeblich sogar in den Schulen die "neue digitale Lernkultur" bescheren wird. Warum sollte das nicht den Technokraten oder ...
#1.2.1 - Unklarheit
Lieber Herr Kühnel,
irgendwie entzieht sich der Inhalt Ihres Kommentars erfolgreich meiner Auffassungsgabe. Fordern Sie mehr Gender Studies, mehr DEI - oder gerade nicht? Wo im Blog-Beitrag werden diese Fächer/Policies erwähnt?
#1.2.1.1 - Antwort
Das bezog sich auf den Beitrag "Worauf warten wir?" hier im Blog vom 13. Februar. Ich nahm an, alle haben den auch gelesen. Mir ist irgendwie unwohl bei dem Preisen der Wichtigkeit von "Gender Studies" und "DEI" einerseits (beides wird bedenkenlos der Demokratie als solcher zugeordnet, so als wäre das nicht die Folge von Lobby-Arbeit von Minderheiten) und dem Hochloben von privaten High Tech Universitäten andererseits. Beides halte ich nicht für ein Musterbeispiel von Demokratie. Die Aktivitäten privater Stiftungen sollten nicht verboten, aber doch irgendwie staatlich kontrolliert werden. Ich bin nicht sicher, ob das geschieht. Vgl. auch den Beitrag #3.1 ...
#2 - Heilbronn
Heilbronn ist in der Tat ein spannender Fall, aus dem man viel lernen kann. Aus diesem Grund haben wir die letzte Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung (GfHF) auch genau dort abgehalten.
An dem Standort sind aber weitere Einrichtungen vorhanden, die durchaus auch erwähnt gehören, weil sie für das Innovationsökosystem sicher ebenfalls eine wichtige Rolle spielen (durch starken Lehr- und Praxisbezug): Die Hochschule Heilbronn und der Standort der DHBW.
#2.1 - Antwort
Danke, das freut mich. Es gibt eine ganze Reihe von Akteuren die es verdient hätten erwähnt zu werden – HHN und DHBW eingeschlossen. Das Format zwingt zur Fokussierung, hier lag der Schwerpunkt bewusst auf der Stiftungsstrategie und den institutionellen Interaktionen. Der Directors Cut auf meinem Substack wird das Ökosystem breiter aufspannen. Die GfHF-Tagung in Heilbronn kannte ich nicht, interessant dass das Feld den Standort schon so ernst nimmt.
#3 - KI physisch verankern
Den Artikel finde ich gut, unaufgeregt und objektiv. Vielen Dank dafür. Ich verfolge das Thema seit 10 Jahren, der Schaffung des Cyber Valley, in das BW nach eigenen Angaben 370 M€ investiert hat.
Grundsätzlich fraglich ist, ob die Steuerung von Bildung, Gesundheit, Wohnen, Energie, Wasser, Ernährung, ... die Grundpfeiler der Gesellschaft, von privatem Kapital organisiert werden sollten. Diese Grundpfeiler werden, falls öffentlich, von demokratisch geschaffenen Strukturen organisiert - mit etablierten und weit verzweigten, diversen Netzwerken vieler Experten. Das kann eine private Stiftung nicht leisten. Daher ist es klug und richtig, Etablierte einzuladen, eben TUM, ETH, FHG, MPG.
Auch wichtig: ...
#3.1 - demokratische KI in EU ohne Offenlegung der Höhe privater Spende
Ich lese DSS mehrfach - ist damit Dieter-Schwarz-Stiftung gemeint? Stört es ausser mich noch jemand, dass die DSS ihre Gemeinnützigkeit bekommt auch ohne offengelegte Bilanz? Was für Bosch-, Mercator-, Joachim-Herz-Stiftung möglich ist, will DSS nicht - warum? An der FU Berlin und beim MPI in Berlin ging es früher schon mal hoch her zu privaten Mitteln für Institute. I.d.R. haben FU-/MPI-Präsidium und privater Förderer die Zahlen an die Öffentlichkeit gegeben, weil die Seriosität und Reputation der FU und MPG dann doch zu teuer ist, um sie wegen Spenden, die privat bleiben wollten, auf's Spiel zu setzen. Die TU München, die ...
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