Richtige Beschreibung, falsche Schlüsse
Die EFI-Wissenschaftsweisen analysieren das Innovationssystem treffend. Bei ihren Empfehlungen zur Transferförderung verkennen sie allerdings die Potenziale der HAW. Ein Gastbeitrag von Björn Christensen.
Björn Christensen ist Präsident der HAW Kiel und Professor für Statistik und Mathematik am Fachbereich Wirtschaft. Foto: M. Hanke.
DAS KÜRZLICH VORGESTELLTE Jahresgutachten 2026 der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) enthält zahlreiche Befunde zum deutschen Forschungs- und Innovationssystem, denen man wohl breit zustimmen kann. Geht es jedoch um die abgeleiteten Implikationen, kann man – zumindest aus Sicht einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) – nur konsterniert den Kopf schütteln.
Ein Schwerpunkt des Gutachtens widmet sich dem Transfer – also der Überführung neuen Wissens in Produkte und Dienstleistungen. Der Technologietransfer soll als Kernaufgabe der Hochschulen etabliert werden, ermöglicht durch zusätzliche zeitliche Freiräume und durch mehr intersektorale Personalmobilität zwischen Hochschule und Unternehmen – in allen Karrierephasen, von der Promotion bis zur Professur. Zudem empfiehlt die EFI, die angekündigte "Deutsche Anwendungsforschungsgemeinschaft (DAFG)" akteursoffen auszugestalten – also insbesondere die Konsortialführerschaft nicht auf HAW zu begrenzen. Im ergänzenden Interview hier im Wiarda-Blog geht die EFI-Vorsitzende Irene Bertschek noch weiter und stellt die Gründung der DAFG insgesamt in Frage.
Irritierende Argumentation
Aus Sicht einer HAW wirkt diese Argumentation irritierend. Deutschland verfügt im Kern über ein zweigliedriges Hochschulsystem: Universitäten mit stärker grundlagenorientierter Forschung und HAW mit klarem Fokus auf angewandte Forschung und Transfer.
Die Unterschiede lassen sich auch anhand der im EFI-Gutachten erwähnten Technologiereifegrade (Technology Readiness Level) verdeutlichen: Universitäten bewegen sich typischerweise im Bereich TRL 1 bis 3 (Grundlagenforschung bis Machbarkeitsnachweis), HAW vorrangig im Bereich TRL 4 bis 6 (Validierung bis Prototyp). Beide leisten Transfer – aber in unterschiedlichen Phasen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Universitäten transferieren vor allem über Publikationen und Patente. HAW transferieren über konkrete technologische Anwendungen, Kooperationen und Projekte mit Unternehmen. Wer Transfer stärken will, muss diese strukturellen Unterschiede anerkennen. Und dann differenziert handeln.
Will man Außenstehenden den Unterschied erklären, genügt oft ein Blick auf die Berufungsvoraussetzungen. An Universitäten wird neben der Promotion eine weitere wissenschaftliche Qualifikation (Habilitation oder Äquivalent) erwartet. An HAW hingegen eine mehrjährige praktische Berufserfahrung, davon in der Regel mindestens drei Jahre außerhalb des Hochschulsystems.
Nicht Zusatzaufgabe, sondern Selbstverständnis
Das prägt die Institutionen fundamental. Universitätsprofessuren werden überwiegend mit Personen besetzt, deren Berufsweg im akademischen System verlief. HAW berufen gezielt Persönlichkeiten mit substantieller Praxiserfahrung in ihrem Fachgebiet. Diese Erfahrung ist Voraussetzung für die praxisorientierte Ausrichtung von Lehre und Forschung.
Die Lehre an HAW lebt vom engen Austausch mit Unternehmen und externen Institutionen, die aktuelle Problemstellungen einbringen. Drittmittelprojekte sind anwendungsgetrieben, der Wissenstransfer in die Praxis ist integraler Bestandteil. Angewandte Forschung und Technologietransfer sind keine Zusatzaufgabe, sondern Teil des Selbstverständnisses jeder HAW. Auch die Studiengänge spiegeln das wider: Universitäten orientieren sich stärker an Forschungsdesideraten, HAW an konkreten Bedarfen des Arbeitsmarktes und leisten damit Transfer "über Köpfe".
Die strukturellen Unterschiede setzen sich in den Rahmenbedingungen fort. Ein zentraler Punkt ist das Lehrdeputat: An Universitäten beträgt es meist 9 Semesterwochenstunden, an HAW 18. Universitätsprofessorinnen und -professoren verfügen damit von vornherein über deutlich mehr Freiraum für Forschung und Transfer. An HAW entsteht dieser Freiraum nur über Drittmittelprojekte mit Freikaufmöglichkeiten – und selbst das nur in engen landesrechtlichen Grenzen.
Hinzu kommt: (Forschungs-)Freisemester sind an Universitäten oft systematisch vorgesehen, etwa alle sieben oder acht Semester. An HAW sind sie zwar formal möglich, faktisch jedoch selten realisierbar, weil die dafür nötigen Vertretungsstrukturen fehlen. Während Universitäten über akademischen Mittelbau verfügen, der Lehrvertretungen übernimmt, existieren solche Strukturen an HAW kaum.
Institutionalisierte Freiräume? Fehlanzeige
Die grobe Faustregel in vielen Bundesländern lautet daher: Eine HAW-Professorin oder ein HAW-Professor kann im Durchschnitt einmal im gesamten Berufsleben ein Freisemester wahrnehmen. Institutionalisierte Freiräume für Forschung und Transfer? Fehlanzeige. Dasselbe gilt für Mittelbaustellen. Während Universitäten über einen – wenn auch oft prekären – akademischen Mittelbau verfügen, fehlt diese Struktur an HAW weitgehend. Forschung und Transfer werden dort im Wesentlichen von den Professorinnen und Professoren selbst getragen, es sei denn, Drittmittel finanzieren zusätzliche Stellen. Doch genau für die Einwerbung solcher Mittel fehlen wegen des hohen Lehrdeputats und der fehlenden Freisemester wiederum Zeit und Ressourcen.
Besonders deutlich wird die Ungleichheit bei der Drittmittelvergabe. Zwar existieren formal hochschultypoffene Förderlinien. Doch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), mit knapp vier Milliarden Euro Fördervolumen pro Jahr der größte Drittmittelgeber Deutschlands, kann davon kaum die Rede sein. Die Diskussion, ob ein oder zwei Prozent der DFG-Mittel an HAW gehen sollten, spricht Bände. Für HAW-Professorinnen und -Professoren sind die universitär geprägten Gutachtergremien ein Closed Shop. Das wäre weniger problematisch, gäbe es im Gegenzug ausreichend alternative Förderprogramme für HAW. Doch nur etwa zehn Prozent aller Drittmittel fließen an HAW, während rund 90 Prozent an Universitäten gehen. Gleichzeitig sind 44 Prozent der Professorinnen und Professoren in Deutschland an HAW beschäftigt.
HAW sind also nicht nur bei der DFG unterrepräsentiert. Sie sind systematisch und gravierend unterfinanziert. Neben Deputat und fehlender Infrastruktur trägt dazu auch die vergleichsweise geringe Ausstattung spezifischer Förderlinien für HAW bei. Das Problem des EFI-Gutachtens liegt daher nicht in der Forderung nach mehr Transfer. Diese ist nachvollziehbar. Problematisch ist die Ignoranz gegenüber den bestehenden Systemunterschieden. Wer Transfer stärken will, muss die strukturellen Voraussetzungen dort verbessern, wo Transfer strukturell verankert ist: an den HAW.
Auf den Wissenschaftsrat hören
Der Wissenschaftsrat hat 2023 in seinem Gutachten für Schleswig-Holstein klar benannt, was das bedeuten würde. Es braucht temporäre Deputatsreduktionen, systematische Mittelbaustellen und gezielte Förderprogramme, um an HAW Drittmitteleinwerbung und Transferleistungen nachhaltig zu ermöglichen.
Darüber hinaus braucht es akteursgebundene Drittmittelprogramme mit angemessenen Budgets für HAW. Die von der EFI hinterfragte Konsortialführerschaft von HAW im "Transferbooster" oder in der DAFG darf nicht verwässert werden. Im Gegenteil, sie muss gesichert und finanziell planbar ausgebaut werden.
Nur so lässt sich Transfer systemisch stärken: indem jede Hochschulform institutionell in die Lage versetzt wird, das zu leisten, wofür sie strukturell am besten aufgestellt ist.
Das Zusammenspiel von Universitäten und HAW entlang der gesamten Technologiereifegrade ist eine Stärke des deutschen Hochschulsystems. Es funktioniert jedoch nur, wenn die Schnittstellen bewusst gestaltet, wenn sie durch verbindliche Kooperationsformate und passende Förderlinien flankiert werden. Transfer braucht Differenzierung – und die HAW.
Kommentare
#1 - HAW-Verständnis
„Für HAW-Professorinnen und -Professoren sind die universitär geprägten Gutachtergremien ein Closed Shop. […] Problematisch ist die Ignoranz gegenüber den bestehenden Systemunterschieden.“
Das EFI-Gutachten ist eben leider genau dies, ein Gutachten aus einem solchen Gremium.
#2 - Transfer an HAW: Bereits bei Abschlussarbeiten
Ich stimme dem Kollegen Christensen in allen Punkten zu. Man könnte noch hinzufügen, dass die Pflichtpraktika und Abschlussarbeiten der HAW-Absolventen in aller Regel bei Praxispartnern durchgeführt werden. Auch da sind Praxisnähe und Transfer schon inbegriffen.
#3 - Auch Firmen fördern Universitäten, nicht HAW
Angesichts des Befunds, dass die HAW so viel näher dran sind an den Firmen, ist es bemerkenswert, dass auch Drittmittel aus der Privatwirtschaft zu mehr als 90% an Universitäten gehen, siehe
https://hochschuldaten.che.de/drittmittel-an-haw/
Nimmt man ihre Investitionen zum Maßstab, so schätzen also die Firmen die Forschung an den Universitäten viel mehr als die an den HAW. Eine Erklärung hierfür ist, dass HAW einfach strukturell schlecht für Forschung aufgestellt sind. An Universitäten ist das Ideal, dass Professor*innen etwa gleich viel Zeit für Forschung und Lehre haben. An HAW ist das Ideal, dass die Professor*innen doppelt so viel lehren wie an Universitäten und somit 0% ihrer Arbeitszeit für Forschung vorgesehen sind. Anders gesagt betreiben sie Forschung als Hobby in ihrer Freizeit. Universitäten betreiben Forschung auch nicht nur mit Drittmitteln. Ein erheblicher Teil ihrer Grundfinanzierung dient der Forschung, was bei den HAW hingegen nicht der Fall ist. Die HAW sind also beim Wettbewerb um Drittmittel für die Forschung aufgrund ihrer Struktur gar nicht konkurrenzfähig. Es braucht strukturelle Veränderungen an den HAW, vor allem eine Senkung des Lehrdeputats und eigene Mittel für die Forschungsfinanzierung..
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