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Exzellenz ohne Vergleich?

Warum die durchweg positive Bewertung der Exzellenzuniversitäten mehr über das Verfahren als über die Leistung der Standorte sagt. Ein Gastbeitrag von Dominik Fischer.
Portraitfoto von Dominik Fischer

Dominik Fischer ist Wissenschaftsberater und Gründer von Fischer Strategy. Vorher arbeitete er als Wissenschaftsmanager für die Technische Universität München und am Laboratory for Molecular Infection Medicine Sweden (MIMS) der Umeå University. Foto: privat.

"GRÜNES LICHT für Deutschlands Exzellenzuniversitäten", verkündeten Wissenschaftsrat und DFG in einer gemeinsamen Pressemitteilung zur Weiterförderung der Exzellenzstandorte. Also alles bestens? Durchweg exzellent? Direkt nach Bekanntgabe der Entscheidung merkte bereits Jan-Martin Wiarda an, dass "selektiv" und "alle zehn kommen durch" aus Sicht der Exzellenzkommission offenbar kein Widerspruch zu sein schien. Was also sagt ein durchgehend positives und in "Einstimmigkeit" erzieltes Ergebnis über die Selektivität des Verfahrens aus?

Ein Blick auf das Verfahren für die Fortsetzungsanträge der zweiten Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" liefert eine erste Erklärung. Konstanz erfüllte mit nur einem verteidigten Cluster die Voraussetzungen nicht. Die verbliebenen Standorte wurden nicht miteinander verglichen, sondern daran gemessen, inwieweit sie ihre jeweils eigenen Zielsetzungen erreicht haben.

Diese Logik ist aus Verfahrenssicht nachvollziehbar. Sie verhindert weitere Ermüdungseffekte, die entstehen würden, wenn bereits evaluierte Konzepte immer wieder neu gegeneinandergestellt würden. Zugleich ermöglicht sie es den Universitäten, ihre strategischen Profile weiterzuentwickeln, ohne ständig neue Zukunftsvisionen entwerfen zu müssen. Damit verschiebt sich jedoch auch der Maßstab: weg vom Wettbewerb zwischen Standorten, hin zur Bewertung individueller Entwicklungsverläufe.

Was die Stellungnahmen zeigen

Einblicke in die Entscheidungsgrundlage bieten nun die veröffentlichten Stellungnahmen des Committee of Experts. Detaillierte Kritik wurde den einzelnen Standorten vertraulich übermittelt. Die standortübergreifenden Erkenntnisse aus den Stellungnahmen hat der Wissenschaftsrat auf seiner Website zusammengefasst. Diese Empfehlungen geben zugleich Hinweise für das deutsche Wissenschaftssystem insgesamt:

  • eine engere Verzahnung von (datengestütztem) Monitoring und Strategie,
  • eine zielgruppenspezifischere Ausgestaltung von Diversität und Chancengerechtigkeit,
  • die Festigung forschungs- und praxisorientierter Lehre sowie
  • die konsequente Vermittlung ethischer Kompetenzen, insbesondere in technologiegetriebenen Bereichen.
     

Die Einzelkritiken selbst zeichnen ein bemerkenswert einheitliches Bild: Den Standorten wird attestiert, ihre Ziele erreicht, vielfach sogar übertroffen zu haben. Die Tonalität ist durchgehend würdigend und konstruktiv und darauf ausgerichtet, Entwicklungsprozesse sichtbar zu machen. Die Evaluation folgt einer kontextualisierten Logik: Leistungen werden im Verhältnis zu eigenen Zielen, Ausgangsbedingungen und strategischen Entscheidungen interpretiert. Dadurch jedoch erscheinen die Stellungnahmen zugleich sehr wohlwollend und erklärend.

Und somit drängt sich umso mehr die Frage auf, wie ein Evaluierungsverfahren, das selbst an den höchsten Qualitätsansprüchen genügen muss – sprich dem Exzellenzgedanken –, zu durchgängig positiven Bewertungen gelangt ist. Haben sich Zielkorridore im Verlauf womöglich verschieben können – gerade dort, wo Monitoring und strategische Maßnahmen noch nicht hinreichend verschränkt und damit nur eingeschränkt als verlässliches Bewertungssystem nutzbar sind? Welchen Erkenntnisgewinn liefert die Evaluierung als Exzellenzbestätigung damit tatsächlich?

Die deutlichste Differenzierung zeigt sich noch in der Kategorie "Qualität und Entwicklung der Forschungsleistung", die auch quantitativ durch Selbstberichte unterlegt ist. Die Bewertungen reichen von "herausragend" (Bonn, Heidelberg, Dresden, Karlsruhe, LMU und TUM) über "in den meisten Forschungsschwerpunkten herausragend" (Tübingen) bis hin zu "hervorragend" (Aachen, Hamburg) beziehungsweise "hervorragend durch überinstitutionelle Kooperationen" (Berlin). Nebenbei: Schulkindern kann man ohne Umschweife signalisieren, dass mit "ausreichend" zwar das Klassenziel erreicht ist, aber noch reichlich Luft nach oben bleibt. In der Wissenschaft hat sich mit ihren diffizil abgestimmten Superlativen eine gewisse sprachliche und intellektuelle Eitelkeit etabliert.

"Modellgebende Ansätze"

Nuancen, sowohl in der Einordnung als auch im Grad der Überzeugungskraft in der Abschlussbewertung, lassen sich auch in den weiteren Kategorien feststellen:

  • Tragfähigkeit der Gesamtstrategie und institutionelle Erneuerungsfähigkeit
  • Entwicklung der weiteren Leistungsdimensionen und Handlungsfelder
  • Planungen des Exzellenzverbunds für die nächste Förderphase

Diese sind jedoch noch einmal stärker in die jeweiligen Ansätze und Priorisierungen der Universitäten eingebettet.

Als modellgebend hervorgehoben werden unter anderem Matrix-Strukturen in Bonn und an der TUM, flexibilisierte Berufungsprozesse an der LMU sowie klare Leitungs- und Entscheidungsstrukturen und kooperative Governance in Tübingen. Auch besonders wirksame (Dresden) oder prestigeträchtige Partnerschaften (Heidelberg–Harvard) finden Erwähnung. Ebenso wird die Berlin University Alliance als erster Universitätsverbund im deutschen Wissenschaftssystem in ihrer Vorreiterrolle adressiert.

Bemerkenswert ist, dass bei der Unterstützung durch die Landespolitik differenziert wird: Baden-Württemberg wird für eine abgestimmte Gesamtstrategie, Bayern für die regionale Vernetzung, Nordrhein-Westfalen für besonderes Engagement, Hamburg für enge Zusammenarbeit und Sachsen für verlässliche Unterstützung gewürdigt. Berlin wird für die Überwindung rechtlicher Hürden hervorgehoben, zugleich jedoch an die Bedeutung zugesagter finanzieller Unterstützung erinnert.

Stärken und Grenzen der Zielerreichungslogik

Die konsequente Orientierung an der Zielerreichung bringt Vorteile: Sie macht strategische Entwicklung sichtbar, setzt gezielte Impulse für die Institutionen und schafft Raum, Zukunftsvisionen auszugestalten. Sie erkennt Potenziale an, noch bevor sie sich vollständig materialisiert haben – Hamburgs Ansatz der "Twin Transformation" ist hierfür ein Beispiel. In einer strikt vergleichenden Perspektive würden solche Entwicklungen leicht untergehen, insbesondere wenn sie sich noch nicht in klassischen Leistungsindikatoren abbilden lassen.

Exzellenz benötigt Zeit. Wenn dem Exzellenzverbund Berlin University Alliance in den Stellungnahmen fast schon die Rolle eines Systemakteurs zugeschrieben wird – und sie sich auch selbst als "too integrated to fail" sieht –, stellt sich aber schon die Frage, wie lange "Kursanpassungen in verschiedenen Leistungsdimensionen und Handlungsfeldern" als belastbare Belege für "strategische Erneuerungsfähigkeit" und "systematische Weiterentwicklung" gelten können.

Insofern: Aufschlussreiche Hinweise für Entwicklung und Weiterführung, ja – Grundlage für Selektion, augenscheinlich nein.

Der eigentliche Wettbewerb folgt

Die elf Neuanträge stehen dagegen in einem direkten Wettbewerb zueinander und werden miteinander verglichen. Auch dies ist aus Verfahrenssicht insoweit folgerichtig, da hier Exzellenz "neu identifiziert" und nicht nur "bestätigt" werden muss.

Die Konstellation führt nun dazu, dass weniger als die Hälfte der Anträge erfolgreich sein kann, da keine zusätzlichen Plätze zur Verfügung stehen. Die nun erzielte Einstimmigkeit bei den Fortsetzungsanträgen dürfte sich im Herbst kaum wiederholen. Kritische Diskussionen und die eigentliche Auswahlentscheidung sind damit vertagt – nicht aufgehoben.

Kommentare

#1 -

Th. Klein | Di., 24.03.2026 - 08:10

Das erinnert stark an Zielvereinbarungen zwischen Hochschulen und den Ländern, die ja auch in der Regel zahnlos sind und selbst gesteckte Ziele der Hochschulen einbeziehen. Und beim PFI folgt selbst aus kritischen Daten keine negative Konsequenz. Ich glaube, es stand in irgendeinem Kommentar vor einigen Monaten: um 10.000 Euro von einem Drittmittelgeber muss härter gerungen werden als um zig-Millionen. Da stimmt doch etwas nicht im System.

#2 -

Franka Listensen | Di., 24.03.2026 - 09:16

Wenn man die Pressemeldung des Wissenschaftsrates und diesen Beitrag liest, dann beschleicht einen das Gefühl, dass die Wissenschaft hier um sich selbst kreist. Man attestiert sich in Wortgirlanden sogenannte "Exzellenz", vor allem wenn es um das Beschreiben von Luftschlössern geht. Statt das Geld für die "Exzellenzunis" in die tatsächliche Forschung zu geben, also in die Cluster und vor allem in die grundfinanzierte Forschung. Was "exzellent" ist, mendelt sich dann von selbst heraus, und man kann sich viel des großen Aufwands sparen.

#3 -

Gerald Lutzmann | Di., 24.03.2026 - 10:10

Die Exzellenz-Initiative wird immer mehr zur Fehlkonstruktion. Die Mittel fehlen bei der Grundausstattung, v.a. wegen der wirtschaftlichen Gesamtsituation. Die für die Anträge notwendige zeitliche Investition klaut den besten Leuten die Reserven. Das war in der erste Runde in den 0'er Jahren noch anders.

#4 -

Laubeiter | Mi., 25.03.2026 - 11:49

Sehr klar, vielen Dank. Ich verstehe den Text so: Bei der Begutachtung der Anträge auf Verlängerung der ExStra attestierten die Gutachten, dass die EXUs ihre selbst gesteckten Ziele erreicht hätten. Bei der Begutachtung der Neuanträge in der ExStra werden die Gutachten attestieren müssen, ob die angtragstellenden non-EXUs die vom WR gesteckten Ziele erreichen. Und das ist unfair. Fair wäre es, wenn EXUs und non-EXUs nach identischen Kriterien über eine gleich hohe Hürde kommen müssten.

#5 -

Corinna M. Dartenne | Mi., 25.03.2026 - 15:41

Danke für diesen Kommentar. Eigentlich war es nicht anders zu erwarten: Die bisher ausgelobten Institutionen erhalten weiterhin die Dukaten. Denn sonst hätte man ja bisher falsch ausgelobt. Das ist wie bei einer Ärztin/einem Arzt, die/den man fragt, ob bei der Operation ein Fehler passiert sein könne. Fehler zuzugeben (bei der ursprünglichen Handlung, die doch so viel Gutes bezwecken sollte), ist eben wirklich schwer. 
So entsteht dann die selbsterfüllende Prophezeiung, und die Neuanträge buhlen um die restlichen Plätze. Der Tanz um das goldene Drittmittelkalb hat (unsichtbare) selektive Regeln, die hier gut dargestellt werden. 

#6 -

Fumarius | Mi., 25.03.2026 - 17:39

Irgendwie habe ich das Gefühl,  dass die Kritik an den Evaluationsergebnissen die Grubdstruktur der ExStra nochmal 'hintenrum' diskutiert - es gab eben die Entscheidung, dass einmal ausgewählte EXU dauerhaft gefördert werden, solange sie alle 7 Jahre regelmäßig mindestens 2 Cluster einwerben und  externe Gutachter feststellen,  dass die Förderkriterien weiterhin erfüllt werden. Dass dafür schon im Ansatz gute Chancen bestehen, ist nicht überraschend,  sondern eben gewollt. Das kann man mit guten Gründen problematisch finden (oder eben nicht), es aber nun 'überrascht' an den Ergebnissen festzumachen,  scheint mir irgendwie zu spät. Und die Förderkriterien sind übrigens für bestehende EXU und Neuanträge die gleichen - die Logik heißt: Wer sie bestmöglich erfüllt, ist, wird und bleibt ggf. EXU.

#6.1 -

Dominik Fischer | Mi., 25.03.2026 - 21:44

Antwort auf von Fumarius (nicht überprüft)

Vielen Dank für den Kommentar. In der medialen Berichterstattung nach der Bekanntgabe wurde das Ergebnis zwar diskutiert, aber – soweit ich das nachvollziehen konnte – nicht in einen Zusammenhang mit der Verfahrenslogik gebracht. Jan-Martin Wiarda war m. W. der Erste/ Einzige, der direkt nach Bekanntgabe die kritische Frage stellte, wie ein durchweg positives Ergebnis mit Selektivität einhergehen kann. Insofern denke ich schon, dass eine Einordnung, wie und in welchem Gesamtkontext die Stellungnahmen zu lesen sind – und weshalb das Ergebnis gerade keine Überraschung ist –, gefehlt hat und hilfreich ist.

Bzgl. gleicher Förderkriterien: Der entscheidende Unterschied ist, dass bei Neuanträgen mehr als fünf die Topkriterien erfüllen könnten, ohne dass alle gefördert würden. Dafür gibt es (gute) Gründe, wie im Artikel dargelegt; mit Blick auf Oktober kann man dies aber schon einmal im Hinterkopf behalten.

#7 -

Schöneberger | Do., 26.03.2026 - 10:53

Als jemand, der zwei der Exzellenzuniversitäten näher kennt, kann ich nur sagen, dass es diese Einrichtungen mit Textprosa und minutiös geplanten Begehungen wohl tatsächlich geschafft haben, die Gutachtenden von Luftschlößern zu überzeugen. Inwiefern hier z.B. internationale Partnerschaften, bei denen "on the ground" nicht viel passiert, oder Transferstrukturen, die absolut inädequat sind und minimalen Outcomes erzielen, positiv bewertet werden können, kann nur durch den oberflächlichen Blick der Gutachtenden erklärt werden. Der datenbasierte Element der Evaluierung scheint hier vernachlässigt worden zu sein

#8 -

Johannes | Fr., 27.03.2026 - 16:04

Ich finde den Text super, weil er hervorhebt, dass es doch eine (nötige) Differenzierung in der Bewertung der Anträge auf Weiterförderung gibt. Ich finde aber auch super, dass alle weiter gefördert werden (und dass Fumarius darauf hinweist, dass dies auch die Absicht der Konstruktion des "Wettbewerbs" war), weil doch sehr viele Menschen, wenn sie eine Liste der "hervorzuhebenden" Universitäten schreiben sollte, auf ungefähr diese Liste kämen. Exzellenzunis sollen nicht dauernd wechseln, und die Beschlüsse darüber auch nicht. Und wenn jetzt noch ein paar Unis oder Verbünde sinnvoll dazukommen, auch gut. 

Für die Zukunft wünsche ich mir dann noch weniger Wechsel, noch mehr Beurteilung nach sehr einfachen Kriterien (past performance, einfach den DFG Förderatlas nehmen) und noch weniger nach Antragsprosa, die zu erstellen zu viele Forscherjahre kostet. Und bitte nicht immer die vergleichsweise geringe materielle Förderung mit dem krassen Missstand der mangelnden Grundfinanzierung vermischen... 

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