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Jungs im Abseits

Der neue ifo-"Chancenmonitor" belegt: Die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem bleibt groß – und Jungen sind im Vergleich zu den Mädchen abgehängt. Das hat Konsequenzen weit über die Schule hinaus. 
Zwei Freunde verbringen draussen Zeit zusammen, einer mit Rucksack, der andere mit Rollschuhen.

Foto: freepik.

LANGE BEFANDEN SICH Jungs und junge Männer im toten Winkel der Bildungspolitik. Warum auch nicht? Frauen verdienen im Schnitt 16 Prozent weniger als Männer, immer noch sind die meisten Führungspositionen in der Wirtschaft mit Männern besetzt, der Frauenanteil in den Vorständen von DAX-Konzernen verharrt bei einem Viertel. Und im Bundestag? Ging der Prozentsatz weiblicher Abgeordneter zuletzt sogar zurück – auf unter ein Drittel.

Vielen erschien es daher lange überflüssig, vielleicht sogar absurd, über Jungen- und Männerförderung zu sprechen. Auch wenn die Jugend- und Geschlechterforschung seit vielen Jahren warnt. Jetzt zeigen neue Berechnungen des ifo-"Chancenmonitors" auf der Grundlage von Mikrozensus-Daten, wie dramatisch die Schieflage tatsächlich ist. Während im Schnitt 43,5 Prozent der Mädchen zwischen 10 und 18 das Gymnasium besuchen, tun dies nur 36,9 Prozent der gleichaltrigen Jungen. Der Gymnasialbesuch ist ein gut messbarer Indikator für Bildungsungleichheit, aber bei Weitem nicht der Einzige: Jungen bleiben auch häufiger sitzen, landen häufiger auf der Förderschule und haben ein höheres Risiko, die Schule abzubrechen.

Zurück zum Gymnasialbesuch: Wer meint, ein Geschlechterunterschied von 6,6 Prozentpunkten sei unerheblich, irrt gleich mehrfach. Erstens, weil diese paar Prozentpunkte bereits bedeuten, dass Jungs mit einer um 15,1 Prozent verringerten Wahrscheinlichkeit das Gymnasium besuchen. Zweitens, weil, worauf die Schweizer Bildungsforscherin Margit Stamm wiederholt hinwies, dahinter keine Intelligenzunterschiede liegen, sondern Jungen und Mädchen in Kita und Schule unterschiedlich angesprochen und gefördert werden: "Jungen fallen bereits im Kindergarten zurück, holen in der Primarzeit oft nicht auf – trotz vergleichbarer Intelligenz."

Und drittens, weil die Lücke abhängig von Alter und sozialer Herkunft weiter aufreißt: Bei Kindern, deren beide Elternteile kein Abitur haben, beträgt der Wahrscheinlichkeitsnachteil der Jungs satte 24,1 Prozent – im Vergleich zu nur 5,4 Prozent, wenn beide Eltern selbst Abitur gemacht haben. Und bei Jugendlichen zwischen 16 und 18 ist der Rückstand der Jungs noch einmal mehr als doppelt so groß wie im Alter zwischen 10 und 12 – was laut ifo vor allem daran liegt, dass viel mehr Jungs vor der gymnasialen Oberstufe abgehen. Der Abstand entsteht also nicht nur beim Übergang aufs Gymnasium – er wächst vor allem, weil Jungen später deutlich häufiger wieder ausscheiden.

Der Rückstand wächst mit dem Alter

Das ifo hat für seinen diesjährigen – den nach 2023 zweiten – Chancenmonitor akribisch weitere Statistiken zur Bildungsbenachteiligung von Jungen zusammengetragen: 7,8 Prozent von ihnen werden verspätet eingeschult, aber nur 4,8 Prozent der Mädchen. Im Alter von 15 Jahren haben 21,8 Prozent der Jungen mindestens ein­mal die Klasse wiederholt, rund ein Drittel mehr als Mäd­chen (16,4 Prozent). Der Anteil der männlichen Schüler an Haupt- oder Mittelschulen betrug 57 Prozent, an den Förderschulen sogar 65 Prozent. 9,2 Prozent der Jungen verlassen die Schule ohne Abschluss, aber nur 6,2 Prozent der Mädchen. Und laut der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU hinken die Jungs den Mädchen kompetenzmäßig am Ende der vierten Klasse um das Äquivalent eines Drittelschuljahres hinterher. Ein internationales Phänomen. Dieser Rückstand beim Lesen ist besonders gravierend – weil er alle weiteren Lernprozesse beeinflusst.

Jungen hätten "deutlich geringere Bildungschancen als Mädchen", resümieren die ifo-Autoren. Und weiter: Die Bildungsprobleme der Jungen würden "zunehmend Konsequenzen für ihre Lebenschancen haben." Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, warnt: "Mangelnde Bildungskompetenzen werden sich bei jungen Männern etwa in schlechteren Erwerbsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt und erhöhten Kriminalitätsrisiken widerspiegeln."

Schon jetzt zeichnet sich eine scheinbar paradoxe Entwicklung ab: Während sich das gesamtgesellschaftliche Gender Pay Gap zulasten der Frauen hartnäckig hält, werden die Niedriglohnjobs immer stärker von den abgehängten Männern besetzt. Dass Männer dennoch im Schnitt mehr verdienen, erklären Ökonomen vor allem mit Unterschieden in Berufswahl und Erwerbsverläufen – Elternschaft wirkt sich fast nur bei Frauen negativ auf ihr Einkommen aus – nicht mit besseren Bildungsabschlüssen.

Hinzu kommt: Hatten junge Männer schon traditionell die demografische Gruppe mit der höchsten Kriminalitäts- und Gewaltrate, wirken schlechte Bildungschancen als weiterer Katalysator. Und schließlich das Extremismusproblem. Junge Männer radikalisieren sich häufiger als junge Frauen, je geringer der Bildungsstand, desto eher. Studien wie das MOTRA-Projekt zeigen dabei explizit: Geringe Bildung ist ein zentraler Risikofaktor für rechtsextreme Einstellungen – besonders bei jungen Männern ohne stabile Bildungs- und Berufsperspektiven.

Bildungsungleichheit weiter verfestigt

Die Bildungsnachteile der Jungen und jungen Männer passen sich ein in ein deutsches Bildungssystem, das insgesamt einen hohen Grad sozialer Ungleichheit aufweist. Auch hierzu ein Zitat mit eindrücklichen Zahlen aus dem ifo-Chancenmonitor: "Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt bei 16,9 Prozent, wenn ein Kind mit Eltern ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel ohne Migrationshintergrund aufwächst. Im Gegensatz dazu liegt sie bei 80,3 Prozent, wenn das Kind mit Eltern mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel mit Migrationshintergrund aufwächst." Dabei fielen Bildung und Einkommen der Eltern besonders stark ins Gewicht. "Bei Chancengerechtigkeit sollte der Gymnasialbesuch in den verschiedenen Gruppen des familiären Hintergrunds gleich sein, da in diesem Fall der Bildungserfolg nicht von der sozialen Herkunft abhängt", sagt Ludger Wößmann. "Die Analyse zeigt, dass dies in Deutschland nicht der Fall ist." Die Ungleichheit der Bildungschancen, so das ifo, habe sich zwischen 2019 und 2022 – mit der Corona-Pandemie als Einschnitt dazwischen – "weiter verfestigt".

Legt man all die Daten im ifo-"Chancenmonitor" nebeneinander, ist die Schlussfolgerung klar: Wer die ausgeprägte soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem angehen will, sollte auch und gerade bei den Jungen anfangen. Sie sind demografisch in der Mehrheit – in jedem Geburtsjahrgang sind 51,3 Prozent der Kinder männlich und 48,7 Prozent weiblich –, und in ihrer strukturellen Bildungsbenachteiligung kulminieren die Schieflagen im deutschen Bildungssystem.

Aber was konkret tun? Die ifo-Studie zählt eine Reihe möglicher Maßnahmen auf: frühkindliche Bildungsangebote gezielt für benachteiligte Kinder ausbauen, Familien stärker unterstützen, die besten Lehrkräfte an Schulen mit vielen benachteiligten Schülern bringen, kostenfreie Nachhilfeprogramme etablieren, die frühe Aufteilung auf weiterführende Schulformen hinauszögern sowie Mentoring-Programme ausweiten. Speziell für Jungen empfehlen die Autoren mehr männliche Fachkräfte in Kitas und Grundschulen, eine kritischere Reflexion von Geschlechterstereotypen im Unterricht, eine frühere und gezieltere Förderung der Lesekompetenz sowie Programme zur Stärkung von Selbstregulation und Lernverhalten.

Die Lösungen sind bekannt

Vieles davon ist nicht neu. Schon 2012 forderte Klaus Hurrelmann, es wäre "viel gewonnen, wenn wir mehr Männer für Erziehungs- und Bildungsberufe gewinnen könnten". Seitdem hat sich der Anteil männlicher Erzieher zwar erhöht, bleibt aber niedrig; an Grundschulen ist der Mangel an männlichen Bezugspersonen weiter besonders auffällig. Auch die Forderung nach geschlechtersensibler Förderung ab der Kita, nach mehr Leseförderung und nach einem Unterricht, der Jungen nicht vorschnell als störend, unkonzentriert oder weniger schutzbedürftig etikettiert, liegt seit Jahren auf dem Tisch. Neu ist also weniger die Diagnose als die Dringlichkeit, endlich Konsequenzen daraus zu ziehen.

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), die bei der Vorstellung der Chancenmonitor-Ergebnisse am Dienstagvormittag einen Impulsvortrag halten sollte, hat die Schieflage zuletzt klar benannt. "Was uns nicht passieren darf, ist, dass wir zunehmend eine Männergeneration bekommen, die sich als Verlierer empfindet und dadurch anfällig für autoritäre Weltbilder und extremistische Inhalte ist", sagte sie im Februar der Rheinischen Post. "In Großbritannien etwa gebe es bereits quasi keine Lohnlücke mehr zwischen Männern und Frauen. "Nicht, weil die Gleichstellungspolitik wirkt, sondern weil die Jungen die Schule häufiger nicht schaffen und in der Folge seltener gut bezahlte Berufe finden." Bei Jungs gebe es eine höhere Selbstmordrate, sie würden häufiger krank, eher kriminell und neigten mehr zur Gewalttätigkeit. " Es ist meiner Meinung nach eines der zentralen gesellschaftlichen Probleme, die wir in Deutschland haben, dass wir für die Jungs mehr tun müssen", sagte Prien, die neben Bildung für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zuständig ist, jetzt anlässlich der Veröffentlichung des Chancenmonitors.

Wie zu all diesen richtigen Ansätzen passt, dass im Kanzleramt eine interne Liste mit Kürzungsvorschlägen einer Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Gemeinden kursiert, ist fraglich. Öffentlich gemacht hat sie zuerst der der Paritätische Gesamtverband – und auf die massiven Folgen gerade für Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderung hingewiesen. JMW

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