Die notwendige Zumutung der Komplexität
Früher als gedacht legt die unabhängige Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" ihre Bestandsaufnahme vor. Ihre Empfehlungen folgen im Juni, doch schon jetzt ist die Botschaft klar: Wer die Probleme lösen will, muss an Strukturen arbeiten – sonst bleibt jedes Social-Media-Verbot Symbolpolitik.

Foto: pressfoto / freepik.
DER KOALITIONSVERTRAG von Union und SPD hatte eine unabhängige Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" angekündigt, Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte sie im vergangenen September eingesetzt. Eigentlich, so lautete der Auftrag, sollten die 18 Mitglieder aus Wissenschaft und Praxis bis zum Sommer 2026 "erste Ergebnisse" liefern.
Doch der Druck der politischen Debatte über die Social-Media-Nutzung von Jugendlichen ist derart groß, dass die Kommission nun schon an diesem Montag eine erste Bestandsaufnahme veröffentlicht. Noch ohne Handlungsempfehlungen (die sollen Ende Juni folgen), aber mit einer eindeutigen Botschaft: Die Wirklichkeit ist zu vielschichtig und komplex, um sie auf plakative Forderungen zu verengen. Ob es den Experten unter Leitung des Bildungsforschers Olaf Köller und der früheren Bundestagsabgeordneten Nadine Schön gelingt, so ein Stück Atemlosigkeit und Aktionismus aus dem politischen Entscheidungsprozess zu nehmen?
Knapp 130 Seiten lang ist das, was die Expertinnen und Experten selbst als "strukturierte Gesamtschau" bezeichnen. Sie zeige auf, "dass Schutz, Befähigung und Teilhabe nur dann angemessen verstanden werden können, wenn Risiken, Bildung, Prävention und Regulierung gleichzeitig betrachtet werden können."
Entsprechend gliedert sich der Bericht in drei Teile, von der Nutzung digitaler Medien über die Vermittlung von Medienkompetenz bis zu den geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen und Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche.
Digitale Lebens- und Gefährdungswelten
Der erste Teil ist der längste, umfasst inklusive Quellenverzeichnis mehr als die Hälfte der Bestandsaufnahme und bietet einen umfassenden Überblick über die vorhandenen Studien, Statistiken und Umfragen zu den digitalen Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, zu den Risiken für die körperliche, psychische und soziale Gesundheit, aber ausdrücklich auch zu den Entwicklungschancen, die sich bieten, all das ergänzt um eine strafrechtliche und kriminologische Perspektive. Einige der zentralen Punkte:
- Der tiefgreifende Wandel der Medienumgebung und die Integration digitaler Medien in Alltag und Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen lässt sich vielfach empirisch belegen: 95 Prozent der ...
Sie sehen die gekürzte Fassung dieses Artikels
Der volle Zugang zu Artikeln, die älter sind als vier Wochen, ist nur für registrierte Unterstützer des Wiarda-Blogs vorgesehen.
Kommentare
#1 - Regulierung der Firmen und deren Algorythmen erste Pflicht
Danke für die Zusammenfassung. Was mir in der Debatte fehlt, ist der Blick auf die Firmen, die mit unserer Zeit, unserem Kosumverhalten sehr viel Geld verdienen, gerade, in dem sie als Zielgruppe Kinder und Jugendliche in den Blick nehmen - diese sollten beschränkt und für alle sicherer gemacht werden. Wie viele Untersuchungen zu Extremismus, sexualisierter Gewalt, Cybermobbing etc. und Web 2.0 braucht es noch, wie viele Studien zu schädlichen Algorythmen, um die Firmen dafür in die Verantwortung zu bringen. Dies wäre aus meiner Sicht staatliche Pflicht... Verbote nutzen Kindern nichts, solange die Apps nicht von Herstellerseite verpflichtend sicher gemacht werden, ...
#2 - Kinder oder Jugendliche
Im Text, aber auch in der Studie, geht es munter durcheinander: Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, Minderjährige, 13- bis 19jährige, 6-13jährige, unter 14-Jährige. Da wünscht man sich Konsistenz in der Problem- und Lösungsbeschreibung. Was in der einen Gruppe sinnvoll und und ohne Probleme möglich ist, ist bei der anderen Gruppe nicht umsetzbar und wenig sinnvoll.
Neuen Kommentar hinzufügen