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Ist später einschulen besser?

Wieso ältere Erstklässler Vorteile haben und wann ein zusätzliches Kitajahr helfen kann: ein Interview mit dem Bildungsökonomen Simon ter Meulen.
Portraitfoto von Simon ter Meulen

Simon ter Meulen forscht als Postdoc am ifo Zentrum für Bildungsökonomik. Foto: Fabian Calis.

Herr ter Meulen, Sie haben gerade eine große Überblicksstudie zum Einschulungsalter vorgelegt – was ist denn aus wissenschaftlicher Sicht das "richtige" Einschulungsalter?

Das ist genau die Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Für Eltern ist sie sehr konkret und mit Unsicherheit verbunden – vor allem dann, wenn ihr Kind rund um den Stichtag für die Einschulung geboren wurde: Wenn wir früher einschulen, ist unser Kind vielleicht überfordert. Wenn wir warten oder einen Antrag auf Zurückstellung stellen, verpasst es vielleicht etwas. Aus wissenschaftlicher Sicht ist wichtig, dass diese Entscheidung mehrere Dinge gleichzeitig verändern kann: nicht nur das Alter beim Schulstart, sondern auch die Position des Kindes in der Klasse, das Alter beim Wechsel in die weiterführende Schule und damit die gesamte Bildungsbiografie. Deshalb ist die Frage nach dem richtigen Einschulungsalter viel komplexer, als sie zunächst wirkt.

Sie haben eine Vielzahl internationaler Studien ausgewertet. Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?

Wir sehen, dass fast überall die Kinder, die später eingeschult werden, zunächst im Vorteil sind. Das war erwartbar. Mich hat aber überrascht, wie wenig von diesen frühen Vorteilen langfristig übrigbleibt, zumindest in bestimmten Ländern. In Deutschland und den Niederlanden zum Beispiel tun sich ältere Kinder noch beim Übergang aufs Gymnasium leichter, aber später holen viele der Jüngeren auf und finden andere Wege zum Abitur, sie kommen über Umwege doch noch an die Hochschule. In Österreich dagegen sehen wir eher dauerhafte Unterschiede, das System dort scheint weniger flexibel zu sein.

"Die wenigen Studien, die wir haben, zeigen, 
dass es besser ist, später anzufangen."

Viele Bundesländer haben die Stichtage in den vergangenen 20 Jahren teilweise mehrfach verschoben – erst in Richtung früherer Einschulung, zuletzt teils wieder zurück. Gleichzeitig wurden klassische Zurückstellungen eher eingeschränkt, doch inzwischen steigen auch sie wieder. Wie passt das zu Ihren Befunden?

Solche Reformen verändern immer mehrere Dinge gleichzeitig, und genau das macht ihre Wirkung schwer vorhersehbar. Wenn man den Stichtag verschiebt, wirkt das auf das Einschulungsalter, aber auch auf die Alterszusammensetzung der Klassen und die relativen Positionen der Kinder in einem Schuljahrgang. Die wenigen Studien, die wir haben, zeigen, dass es besser ist, später anzufangen. In Amerika erreichen Kinder, die später eingeschult werden, höheres Lebenseinkommen. Aber das gilt nur, wenn sie entsprechend länger in die Kita gehen, anstatt einfach länger von den (Groß-)Eltern betreut zu werden. Früher starten mit Schule bedeutet auch, dass Kinder eher fertig sind und früher mit Arbeit anfangen. Das kann kurzfristig das nationale Arbeitskräftepotenzial vergrößern. Aber man sieht auch, dass zum Beispiel norwegische Kinder, die früh starten, eher früh in Rente gehen.

Wie kommen die Vorteile einer späteren Einschulung überhaupt zustande?

Ein großer Teil davon ist schlicht eine Frage der tatsächlichen Reife. Ein siebenjähriges Kind kann in vielen Situationen einfach mehr als ein sechsjähriges, das ist kein Wunder. Aber dazu kommt der relative Alterseffekt: In jeder Klasse gibt es von den Ältesten bis zu den Jüngsten immer fast ein Jahr Unterschied, das ist enorm viel in dem Alter – und auf den reagieren Lehrer, Eltern und auch die Kinder selbst, oft ohne es zu merken.

"Dass sich Unterschiede am Ende in Deutschland ausgleichen, 
heißt nicht, dass sie kostenlos verschwinden."

Wie meinen Sie das?

Wenn ein Kind zu den Jüngsten gehört und schlechtere Noten bekommt, dann wird das vor allem in unteren Klassen oft als Problem wahrgenommen, nicht nur von den Lehrern. Viele Eltern investieren mehr Zeit, helfen stärker bei Hausaufgaben und machen sich mehr Sorgen. Das kann dazu führen, dass jüngere Kinder aufholen, aber es hat auch Kosten: Die Eltern arbeiten weniger, insbesondere Mütter, und es gibt sogar Hinweise auf mehr Stress und eine höhere Scheidungsrate der Eltern. Das ist ein wichtiger Punkt: Dass sich Unterschiede am Ende in Deutschland ausgleichen, heißt nicht, dass sie kostenlos verschwinden.

In Deutschland wird gerade viel über Sprachtests und davon abhängig ein verpflichtendes Vorschuljahr diskutiert – mit dem Ziel, frühzeitig Bildungsnachteile abzubauen. Was würde Ihre Forschung dazu sagen?

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht nur um das Einschulungsalter selbst geht, sondern um die Frage, was Kinder in dieser Zeit lernen und in welchem institutionellen Rahmen das passiert. Wenn man Kinder früher in ein schulähnliches Umfeld bringt, kann das Vorteile haben, zum Beispiel für die Sprachentwicklung oder die frühe Förderung. Wichtig ist dabei aber, dass man nur den Einstiegspunkt verschiebt und nicht zum Ausgleich am Ende der Schulkarriere verkürzt. Langfristig sieht es so aus, als ob diese zusätzlichen Jahre am Anfang der Schulkarriere die Sozialkompetenzen verbessern.

Was bedeutet das für die Bildungspolitik?

Wichtiger als das offizielle Einschulungsalter ist aus meiner Sicht die Frage, wie das System mit den immer vorhandenen Altersunterschieden umgeht, ob es Möglichkeiten gibt, später Entscheidungen zu korrigieren und ob flexible Übergänge existieren. Wenn ein System flexibel ist, können frühe Unterschiede ausgeglichen werden, wenn es starr ist, werden sie verstärkt. In Deutschland setze ich große Hoffnungen auf das zusätzliche Vorschuljahr – wenn es wirklich zusätzliche Förderung bedeutet, besonders bei Sprache, sozialer Entwicklung und Schulreife.

Interview: Jan-Martin Wiarda

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