Worüber reden wir, wenn wir Wissenschaftsfreiheit meinen?
Debatten über Wissenschaftsfreiheit verheddern sich, wenn die Beteiligten über unterschiedliche Dinge reden. Was hilft, um die Positionen zu sortieren und miteinander voranzukommen? Ein Gastbeitrag mit Vorschlägen von Justus Henke.
Illustration Ki-generiert.
DIE DEBATTE über Wissenschaftsfreiheit gleicht einem Streit über ein Haus, bei dem einer über das Fundament redet, der andere über die Fassade und der dritte über den Brandschutz. Klaus Ferdinand Gärditz plädiert in der FAZ für einen "mutigen Teilrückzug in den Elfenbeinturm". Matthias Anbuhl fragt auf diesem Blog: "Worauf warten wir?". Volker Meyer-Guckel sieht "zu viel Wertsetzung" in der Wissenschaft. Jan-Martin Wiarda warnt vor der "trügerischen Sehnsucht nach dem Kern". Alle vier argumentieren zur Wissenschaftsfreiheit. Alle vier haben Gründe. Aber sie reden über unterschiedliche Dinge, andere Fragen, verschiedene Ebenen.
Das ist kein Zufall. Der Begriff Wissenschaftsfreiheit ist schillernd, vielfältig – und genau deshalb verwirrend. Er umfasst rechtliche, epistemische, institutionelle und gesellschaftliche Dimensionen, die in der Debatte immer wieder vermischt werden. Wer sich klar macht, an welcher Stelle die eigene Argumentation ansetzt, erkennt oft: Die anderen liegen nicht unbedingt falsch. Sie blicken anders auf Wissenschaftsfreiheit. In diesem Beitrag möchte ich drei Ebenen zur Differenzierung vorschlagen: die individuelle, die institutionelle und die systemische. Damit und entlang von vier Leitfragen lassen sich die Facetten von Wissenschaftsfreiheit schärfer konturieren.
Wozu überhaupt Wissenschaftsfreiheit?
Wissenschaftsfreiheit ist kein Selbstzweck. Sie existiert, weil Wissenschaft gesellschaftlich etwas leistet – aber nur für eine Gesellschaft, die mit diesen Leistungen etwas anfangen kann und die wissenschaftliche Unabhängigkeit als notwendig erachtet. Der Soziologe Robert Merton argumentierte 1942, die normativen Imperative der Wissenschaft – etwa Universalismus, organisierter Skeptizismus – korrespondierten mit demokratischen Werten. Aber stimmt das noch uneingeschränkt? Technologieforschung lässt sich auch autoritär organisieren: China führt in neun von zehn Schlüsseltechnologien. Gesellschaftskritische oder soziotechnische Forschung, Geistes- und Sozialwissenschaften dagegen können ohne Freiheit nicht so existieren, wie wir das gewohnt sind. Und mit der Freiheit kommt die Verantwortung: Weil Wissenschaft fallibel ist, muss sie die Kosten möglicher Irrtümer mitdenken. Das ist kein Gegensatz zur Freiheit, sondern ihre Konsequenz.
Die Antwort auf "Wozu Wissenschaftsfreiheit?" fällt also verschieden aus, je nachdem, welche Wissenschaft man meint, und auf welcher Ebene man fragt: Für die einzelne Forscherin? Für die Hochschule als Institution? Für das Wissenschaftssystem als Ganzes?
Und es gibt eine unbequeme Kehrseite der Wozu-Frage: Ist die Demokratiepraxis, auf die sich Wissenschaft beruft, selbst in der Krise? Hat die Wissenschaft daran Anteil? Peer Pasternack diagnostiziert ein "Gefangensein im Bestehenden": Die reflexiven Milieus, zu denen die Wissenschaft gehört, verteidigten eine Ordnung, die keine Antworten auf die Krisen finde – während die Populisten immerhin eine Alternative anböten, so regressiv sie auch sein möge. Wer Wissenschaftsfreiheit verteidigen will, ohne diese Frage zu stellen, riskiert, dass die Verteidigung als Besitzstandswahrung wahrgenommen wird.
Was ist Wissenschaftsfreiheit?
Max Weber schrieb 1919: "Wenn jemand ein brauchbarer Lehrer ist, dann ist es seine erste Aufgabe, seine Schüler unbequeme Tatsachen anerkennen zu lehren". Das setzt Freiheit voraus, aber eine bestimmte Art von Freiheit. Karl Popper definierte Wissenschaftlichkeit über Falsifizierbarkeit: Eine Aussage ist wissenschaftlich, wenn sie prinzipiell widerlegbar ist. Daraus folgt eine Unterscheidung, die in der Debatte erstaunlich oft untergeht: Wissenschaftsfreiheit ist nicht Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit schützt fast alles – selbst Unsinn. Wissenschaftsfreiheit verlangt methodische Qualität. Verfassungsrechtlich sind es zwei verschiedene Grundrechte mit jeweils eigenen Schranken.
Für die einzelne Forscherin bedeutet das Forschungs- und Lehrfreiheit. Für die Hochschule institutionelle Autonomie, also Selbstverwaltung in Forschung und Lehre. Und auf Systemebene eine verfassungsrechtliche Garantie, die beides schützt, Individual- und Institutionsrecht.
Was bedingt und bedroht die Wissenschaftsfreiheit?
Peter Dabrock nannte 2025 im Wiarda-Blog den "Elefanten im Raum": das Verhältnis von Grund- zu Projektfinanzierung. Die Grundausstattung finanziere nur noch die Drittmitteleinwerbung. Das ist eine Bedrohung von innen, aus dem System selbst. Dazu kommen Prekarität, Bürokratie und eine schleichende Selbstzensur: In Anlehnung an Daniel Bar-Tals Konzeption ein sich selbst verstärkender Mechanismus – wer sieht, dass andere schweigen, schweigt auch.
Von außen drohen politische Eingriffe, wie sie das AfD-Programm für Sachsen-Anhaltvorsieht: Rückabwicklung von Bologna, Abschaffung ganzer Fächer. Zugleich stellt dieselbe Partei im Bundestag einen Antrag zur Wissenschaftsfreiheit, der "Schutz vor Selbstzensur" und vor "Diskursverengung" fordert. Das sind Begriffe, die direkt aus dem Wissenschaftsfreiheits-Diskurs stammen. Ein Brandstifter, der sich für den Denkmalschutz einsetzt, wie es in der Bundestagsdebatte hieß.
Bedrohungen von innen und von außen spielen sich dabei auf verschiedenen Ebenen ab und überlagern sich. Auf individueller Ebene zeigt sich die Erosion von innen als Selbstzensur, von außen als Anfeindung. Auf institutioneller Ebene von innen als Sprachlosigkeit gegenüber Konflikten, von außen als politischer Eingriff in die Governance. Auf Systemebene von innen als Verwundbarkeit durch Finanzierungsarchitektur, von außen als autoritäre Transformation: der Academic Freedom Index dokumentiert aktuell Rückgänge in 50 Ländern.
Wie die Wissenschaftsfreiheit verteidigen?
Hier machen die Ebenen ebenfalls den Unterschied. Auf der Ebene des Individuums besteht das Spannungsfeld zwischen epistemischem Engagement und epistemischer Distanz. Weber forderte die Trennung von Erkenntnis und Bewertung. Wer mit Forschungshut im politischen Streit mitmische, riskiere Glaubwürdigkeit. Zugleich lässt sich in Anlehnung an Hannah Arendts Unterscheidung von Tatsachenwahrheit und Meinung sagen: Gegenüber Tatsachen kann Wissenschaft nicht neutral sein. Beide Positionen beschreiben eine reale Spannung innerhalb derselben Rolle.
Auf der Ebene der Institution besteht ein anderes Spannungsfeld: Wenn Hochschulen sich politisch nicht positionieren, sichert das die Offenheit für alle wissenschaftlichen Positionen, zugleich es macht sie aber stumm, wenn ihre Mitglieder angegriffen werden oder ganze Fächer delegitimiert werden sollen. Julia Wandt hat kürzlich drei rechtlich tragfähige Wege aufgezeigt, wie Hochschulen sich positionieren können: über den Schutz ihrer Mitglieder, über die Kommunikation eigener Forschungsergebnisse oder über bestehende Partnerschaften.
Auf der Ebene des Systems steht ein drittes Spannungsfeld: Ist die normative Überformung der Wissenschaft – Transfer, Nachhaltigkeitsziele, Gleichstellungsauflagen – Teil des Problems, wie Meyer-Guckel argumentiert? Oder ist der Rückzug auf den vermeintlichen „Kern“ die falsche Reaktion, wie Wiarda kontert? Doch der Rückzug auf den "Kern" ist kein Erneuerungs-, sondern ein Restaurationsanliegen – und Wissenschaftsfreiheit braucht erneuerte Demokratiepraxen, nicht die Rückkehr zu einem Zustand, der die heutigen Probleme miterzeugt hat.
Wozu ein Grundriss?
Vier Fragen, drei Ebenen und die Spannungsfelder dazwischen – das ist der Grundriss, den dieser Beitrag anbietet. Er ersetzt keine Antworten, aber er schärft die Fragen. Wer weiß, auf welcher Ebene und zu welcher Frage argumentiert wird, kann Scheinangriffe von echten Problemen unterscheiden. So kann man erkennen, wo populistische Kritik an der Wissenschaft legitime Fragen aufgreift, um ihnen falsche Lösungen unterzuschieben. Denn das ist vielleicht die wichtigste Leistung eines Grundrisses: Er zeigt nicht nur, wo man selbst steht, sondern auch, wo der Brandstifter die Tür gefunden hat.
Justus Henke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Nachwuchsgruppenleiter am Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
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