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"Wir reden über ein ganzes System"

Geraldine Rauch und Lisa Niendorf sprechen bei "Wiarda wundert sich" über Machtmissbrauch, Social Media, Hochschulhierarchien – und das Bau-Fiasko an der TU Berlin.
Collage aus dem Cover des

Foto Geraldine Rauch (oben): Saskia Uppenkamp. Foto Lisa Niendorf (unten): Frederik A.

In dieser Folge von "Wiarda wundert sich" spricht Jan-Martin Wiarda mit zwei Frauen, die aus sehr unterschiedlichen Rollen auf das Wissenschaftssystem blicken und doch ähnliche Fragen stellen: Wie können Universitäten gerechter, offener und weniger hierarchisch werden? Was muss sich ändern, damit Machtmissbrauch nicht länger als Einzelfallproblem behandelt wird, sondern als strukturelle Herausforderung? Und warum ist es so schwer, an Hochschulen genau jene demokratischen Prinzipien zu verwirklichen, die sie nach außen verteidigen?

Geraldine Rauch war vier Jahre lang Präsidentin der TU Berlin. Nach ihrer nicht erfolgreichen Wiederwahl kehrte sie Anfang April auf ihre Professur für medizinische Biometrie an der Charité zurück. Lisa Niendorf ist Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, Influencerin und Autorin des SPIEGEL-Bestsellers "Universal gescheitert". Als "FrauForschung" hat sie allein auf Instagram über 84.000 Follower.

Im Interview mit Jan-Martin Wiarda erzählen die beiden, wie sie sich kennengelernt haben: durch einen Artikel über Niendorfs Buch und eine E-Mail aus dem Präsidialamt der TU Berlin. Rauch erinnert sich, sie habe den Text gelesen und gedacht: "Wow, genau mein Thema." Als sie dann erfahren habe, dass sich offenbar noch keine Uni-Präsidentin bei Niendorf gemeldet habe, sei für sie klar gewesen: "Das muss sich ändern."

Aus dem ersten Kontakt wurde schnell ein intensiver Austausch über Macht, Veränderung und die Kultur an Hochschulen. Niendorf sagt, beide verbinde unter anderem "eine große Leidenschaft zu fluchen" – vor allem aber eine ähnliche Art, über Konflikte zu sprechen. Rauch sagt, beide hätten, obwohl sie aus unterschiedlichen Kontexten kämen, sehr überlappende Erfahrungen mit dem Hochschulsystem gemacht.

Das Gespräch führt die beiden von Machtmissbrauch und prekären Karrieren über fehlende Mitbestimmung und Diversität bis zur Wissenschaftskommunikation in politisch rauer werdenden Zeiten.

Rauch blickt zurück auf ihre Amtszeit an der TU Berlin: auf erreichte Veränderungen, massive Widerstände und die Grenzen von Reformen in einem System, das Macht oft lieber verteidigt als hinterfragt. "Wir reden auf jeden Fall über ein ganzes System", sagt sie zum Thema Machtmissbrauch. Es sei zu einfach, nur von "den bösen Tätern" und "den armen Opfern" zu sprechen.

Niendorf beschreibt Rauchs Präsidentschaft von außen als Beispiel dafür, wie schnell Frauen in Leitungspositionen medial festgelegt würden: "Sie wurde irgendwie immer als zu laut, zu aktivistisch, zu fordernd, zu politisch irgendwie dargestellt." Zugleich habe sie Rauch als Beleg dafür wahrgenommen, "wie Leitung auch anders gehen kann".

Auch Rauchs Social-Media-Skandal kommt zur Sprache. Die damalige Präsidentin hatte auf der Plattform X unter anderem einen Beitrag mit einem "Gefällt mir" markiert, auf dem türkische Demonstranten dem Ministerpräsidenten Israels, Benjamin Netanjahu, Hakenkreuze auf die Brust gemalt hatten. Es hagelte Antisemitismus-Vorwürfe und Rücktrittsforderungen, Rauch bat um Entschuldigung. Im Podcast sagt sie dazu: "Dieses Hakenkreuz habe ich eben nicht gesehen." Seitdem habe sie sich aus den sozialen Medien zurückgezogen.

Am Ende landet das Gespräch beim aktuellen Fiasko an der TU Berlin: beim erneut geschlossenen Hauptgebäude, bei Brandschutzmängeln, Sanierungsstau, gesperrten Büros, hunderten Lehrveranstaltungen, die verlegt werden müssen oder ausfallen. Ob sie froh sei, die Verantwortung für die TU-Baumisere los zu sein, fragt Jan-Martin Wiarda. Geraldine Rauchs Antwort hören Sie in dieser neuen Folge von "Wiarda wundert sich". JMW.



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