"Wer Zugewanderte isoliert, verschärft das Problem"
20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland können kaum lesen und schreiben. Und doch zeigt ein internationaler Vergleich: Während Länder wie Ungarn oder die USA zurückfallen, hält die Bundesrepublik ihr Niveau stabil. Ein Interview mit der Alphabetisierungsforscherin Anke Grotlüschen.

Anke Grotlüschen ist Professorin für Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg und verantwortete mit den "LEO"-Studien 2010 und 2018 die ersten bevölkerungsrepräsentativen Studien zur Alphabetisierung in Deutschland. Ihre jetzt veröffentlichte Sonderanalyse " LEO PIAAC 2023 " knüpft daran an und liefert einen internationalen Vergleich. Foto: Uni Hamburg, Rechenzentrum-Medienzentrum / Mentz.
Frau Grotlüschen, zum Weltalphabetisierungstag am 8. September hat ein Wissenschaftlerteam unter Ihrer Führung Daten von PIAAC ausgewertet, der internationalen PISA-Studie für Erwachsene. Mit dem Ergebnis, dass 20 Prozent der über 18-Jährigen in Deutschland als "gering literalisiert" gelten. Was bedeutet das?
PIAAC hat fünf Kompetenzstufen. Die niedrigste, Level One genannt, umfasst Menschen, die längere Texte nur mühsam verstehen und Inhalte kaum schriftlich wiedergeben können. Über eine Postkarte hinaus wird es schwierig. Im Alltag heißt das: Sie können zwar rudimentär lesen und schreiben, brauchen dafür aber sehr viel Zeit und vermeiden es oft.
Spricht man da nicht von "funktionalem Analphabetismus"?
Der Begriff wird heute in der Forschung vermieden, weil er so stigmatisierend wirkt. Wir sprechen hier von einem Bereich noch unterhalb des Level One der PIAAC-Studie: Menschen, die zwar Buchstaben, Wörter und einfache Sätze entziffern können, aber nur mit großen Fehlern. Die deutsche LEO-Studie ("Leben mit geringer Literalität"), die wir 2010 und 2018 durchgeführt haben, fasste die Lesekompetenzen von unter Level One und Level One zusammen. Wir haben das bei der Auswertung der aktuellen PIAAC-Daten auch getan – und kamen so auf die rund 20 Prozent gering Literalisierten.
20 Prozent gering Literalisierte – ist das für ein reiches Land wie Deutschland ein Erfolg – oder ein Versagen am Ende der Dekade der Alphabetisierung, die Bund und Länder ab 2016 für die Bundesrepublik ausgerufen hatten?
Zunächst wirkt die Zahl erschreckend hoch. Im Zeitvergleich zeigt sich aber: Sie ist stabil geblieben. Das ist zwar kein Fortschritt, aber immerhin auch keine Verschlechterung.
"Österreich stieg von 16 auf 27 Prozent –
trotz ...
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Kommentare
#1 - Nichtwähleranteil
"Dort richten sich rechte Parteien gezielt an arme, gering gebildete, gering literalisierte Bevölkerungsschichten – und holen sie ab. Aus der LEO-Studie wissen wir: In diesem Segment liegt der Nichtwähleranteil bei fast 20 Prozent."
Was soll das wohl bedeuten, wo bei Bundestagswahlen eine Wahlbeteiligung von 80 % als "hoch" eingestuft wird und bei der letzten Landtagswahl in NRW die Wahlbeteiligung bei nur 55,5 % lag? So gesehen sind 20 % Nichtwähler nicht viel, sondern wenig. Hat Frau Grootlüschen vielleicht was ganz anderes gemeint? Um die Kompetenz in Sachen Prozentrechnung steht es wohl noch schlechter als um die Literalität. Das hat auch ...
#1.1 - Rund 20% der gering Literalisierten sind Nichtwähler
Danke für die Rückfrage - wir haben in LEO 2018 gesehen, dass Erwachsene mit geringer Literalität zu 20% Nichtwählende sind, alle anderen Werte waren eher vergleichbar mit der Gesamtbevölkerung.
Aus der Triggerpunkte-Studie von Mau et al. wird deutlich, dass die extreme Rechte besonders den Nichtwählenden ein Angebot macht.
Das waren die Eckpfeiler meines Arguments :-)
#1.1.1 - Nichtwähleranteil
Eckpfeiler meiner Verwunderung sind folgende:
1. Den weniger Gebildeten Angebote zu machen, gilt nicht grundsätzlich als schlecht. Die SPD war lange eine Arbeiterpartei und nicht eine für Politikwissenschaftler. Die taz schreibt sogar: "Von der CDU bis zur Linkspartei experimentieren alle mit neuen Beteiligungsformaten, im Internet wie in der Fußgängerzone. Die SPD setzt im Wahlkampf auf Hausbesuche, die Linkspartei versucht mit einfachen Botschaften gezielt Ungebildete zu adressieren." Hier steht's:
https://taz.de/Kommentar-Wahlbeteiligung/!5065078/
2. Was sind denn "20 % Nichtwählende"? Ich wundere mich über den (nicht plausiblen, aber von Ihnen vermittelten) Eindruck, dass die besser Gebildeten offenbar mehr Nichtwähler in ihren Reihen haben, denn ...
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