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Nicht mehr draußen, noch nicht drinnen

Der Wissenschaftsrat vermisst nach 14 Jahren erneut die privaten Hochschulen in Deutschland und beschreibt eine dynamische Entwicklung: Sie seien heute "fester Bestandteil der Hochschullandschaft, aber nur bedingt des Wissenschaftssystems". Was folgt daraus für die Privaten, die staatlichen Hochschulen und die Wissenschaftspolitik?
Grafische Darstellung der Entwicklung der Studierendenzahlen an privaten und staatlichen Hochschulen.

Entwicklung der Studierendenzahlen an privaten und staatlichen Hochschulen. Darstellung: WR, Quelle: Statistisches Bundesamt nach DZHW: ICEland (Bestand 40101).

ALS DER WISSENSCHAFTSRAT im Jahr 2012 eine Bestandsaufnahme zu den nichtstaatlichen Hochschulen in Deutschland präsentierte, kamen die Statistiker auf insgesamt 149 Einrichtungen. 14 Jahre später hat sich das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern erneut mit dieser Hochschulgruppe beschäftigt und "Empfehlungen zur Weiterentwicklung des privaten Hochschulsektors" vorgelegt – und zählt 152 Institutionen, davon laut Wissenschaftsrat 116 private und 36 kirchliche.

Wenig Dynamik? Weit gefehlt, denn im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Studierenden an nichtstaatlichen Hochschulen in Deutschland mehr als verdreifacht: von rund 134.000 im Wintersemester 2010/11 auf fast 415.000 Studierende im Wintersemester 2024/25. Eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte, haben die staatlichen Hochschulen doch im gleichen Zeitraum nur um 18 Prozent zulegen können.

Der private Hochschulsektor habe sich in den vergangenen 20 Jahren von einer "Randerscheinung zu einem signifikanten Bestandteil der deutschen Hochschullandschaft entwickelt", konstatiert der Wissenschaftsrat in seinem Papier. Eine zutreffende Beschreibung, waren doch im Wintersemester 2005/2006 laut Statistischem Bundesamt gerade einmal 80.000 Studierende an nichtstaatlichen Hochschulen eingeschrieben.

Noch deutlicher wird der enorme Sprung, wenn man die über die Zeit recht konstante Zahl der Studierenden an kirchlichen und sonstigen Hochschulen beiseitelässt und nur auf die reinen "Privaten" schaut. 2005/2006: rund 54.000 Studierende. 2010/11: 109.000, 2024/25: 384.000. Vor 20 Jahren studierte rund jeder 50. Studierende an einer privaten Hochschule. Zuletzt war es jeder achte.

"More, different or better"

Allerdings ist auch dieser Boom ungleich verteilt. Der Wissenschaftsrat weist selbst darauf hin, wie stark die größte private Hochschule die Statistik prägt: Die IU Internationale Hochschule allein kommt auf 124.000 Studierende. Zwischen 2015 und 2020 wuchs sie um 627 Prozent, seit 2020 noch einmal um 119 Prozent; die übrigen privaten Hochschulen legten in diesen Zeiträumen nur um 32 bzw. vier Prozent zu. Wer vom Aufstieg der Privaten spricht, muss also immer mitdenken: Ein erheblicher Teil dieses Aufstiegs ist IU. Und an ihr zeigt sich, siehe unten, exemplarisch auch eine Problematik hochskalierter, international vermarkteter Studienmodelle.

Soweit die Zahlen. Aber was bedeuten sie? Offenbar vor allem dieses: "Die private Hochschule gibt es nicht." Das sagt Birgit Spinath, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Heidelberg und Vorsitzende des Ausschusses Tertiäre Bildung des Wissenschaftsrats. Sie hat die Arbeitsgruppe zum Wissenschaftsrats-Papier geleitet. Über ein Jahr hinweg tagte diese immer wieder, befragte die Leitungen privater Hochschulen und die Länder schriftlich und führte zahlreiche Expertengespräche.

Die Modelle der privaten Hochschulen, sagt Spinath, unterschieden sich grundsätzlich, und nur die wenigsten Hochschulen, für Spinath eine Überraschung, arbeiteten gewinnorientiert. Und weiter: "Die Privaten verstehen es gut, die Nachfrage auch bei Berufstätigen und Erstakademikerinnen und -akademikern mit passgenauen Angeboten zu bedienen."

Was bei allen Unterschieden doch zentrale Gemeinsamkeiten der Privaten zeigt und ihr starkes Wachstum maßgeblich erklären dürfte: Die privaten Hochschulen haben, weil sie darauf angewiesen sind, den Markt genau gelesen und verstanden. Sie haben zielgenau die Nachfrage bedient, die die staatliche Konkurrenz nicht ausreichend im Blick hatte.

Spinath weist außerdem darauf hin, dass in den vergangenen Jahren nicht nur der Anteil der Privaten an allen Studierenden gestiegen sei, sondern zudem "die Zahlen im staatlichen Sektor zuletzt rückläufig waren". 

Ein Wachstum also auf Kosten der Staatlichen? Mitnichten. Vielmehr scheint es so, dass die Privaten besser in der Lage waren, durch die sich verändernde Demografie der Studierendenschaft zu manövrieren. Der Wissenschaftsrat beschreibt die Funktionen und Motivationen privater Hochschulbildung mit der Formel "more, different or better": Private Hochschulen schaffen demnach zusätzliche, andersartige oder bessere Bildungsangebote – besonders in Bereichen, die staatliche Hochschulen kaum abdecken, etwa bei flexiblen Fernstudienformaten oder fachlich stark spezialisierten Studiengängen.

Hochschulpolitisches Signal

Damit wird aus der privaten Nische ein hochschulpolitisches Signal. Den Erfolg der Privaten sollten die staatlichen Hochschulen als Anlass nehmen, über die eigenen Strategien und Studienangebote nachzudenken – bis hin zu der ganz bewusst gestellten Frage, was sie sich von der Konkurrenz abgucken können. In der Vergangenheit mussten viele Standorte das nicht, weil starke Geburtsjahrgänge an die Hochschulen strömten. Doch die Zahl der inländischen Erstsemester geht vielerorts nun schon seit mehreren Jahren zurück.

Entsprechend fordert der Wissenschaftsrat: "Staatliche und private Hochschulen sollten sich stärker einander öffnen, um einer Versäulung der beiden Sektoren entgegenzuwirken und gemeinsamen Herausforderungen wirksamer begegnen zu können. Sie sollten auf individueller und institutioneller Ebene Kooperationen ausbauen, von denen beide Seiten profitieren können."

Allerdings ist es mit dem Voneinander-Abgucken so eine Sache. Private Hochschulen bewegten sich zwischen unternehmerischen und akademischen Logiken, beschreibt der Wissenschaftsrat. "Ihre privatwirtschaftliche Verfasstheit prägt ihre Profilierungsstrategien, Personalpolitik und Governance. Sie beeinflusst die Art, wie sie Lehre und Forschung betreiben, Innovationen umsetzen und mit anderen Akteuren interagieren."

Die privatwirtschaftliche Verfasstheit hat einen Preis, der womöglich die größte Schwäche des privaten Hochschulsektors bedeutet. Der Preis heißt: wissenschaftliche Substanz. Denn wer sich fast vollständig über Studienentgelte finanziert und zugleich in einem preissensiblen Markt konkurriert, steht unter permanentem Druck, Studienangebote effizient, günstig und möglichst skalierbar zu organisieren. Das kann Innovation und Tempo erzeugen. Es kann aber auch dazu führen, dass Forschung, Transfer, Personalentwicklung und akademische Selbstverwaltung hinter den Lehrbetrieb zurücktreten – und strategische Entscheidungen eher unternehmerisch als wissenschaftlich geleitet werden. Der Wissenschaftsrat spricht von einer "Marktabhängigkeit" vieler privater Hochschulen und davon, dass eine Orientierung an Mindeststandards sich "nachteilig auf die Ausstattung, Arbeitsbedingungen und Forschungsleistungen" auswirke.

Der Preis der Skalierung

Tatsächlich liegen die wirtschaftlich selbsttragenden Modelle im privaten Hochschulsektor fast durchweg bei den HAW/FH – und zwar oft eher im Sinne klassischer, lehrstarker Fachhochschulen als forschungsaffiner Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Sie stellen 75 Prozent der privaten Hochschulen und 92 Prozent der privat Studierenden. Gesunde universitäre Kerne gibt es dagegen nur wenige: 17 private Hochschulen haben das Promotionsrecht, zusammen mit gerade einmal rund 30.000 und damit acht Prozent der Studierenden an privaten Hochschulen. Bei den staatlichen Hochschulen beträgt der Anteil der Uni-Studierenden nahezu 60 Prozent.

Die Spannung zwischen Wachstum, Effizienz und wissenschaftlichem Anspruch zeigt sich bei Forschung und Personal. Sie zeigt sich aber auch dort, wo private Hochschulen besonders offensiv expandieren: bei internationalen Studierenden. So berichteten verschiedene Medien in den vergangenen Monaten über indische Studierende an der IU in Berlin. Es ging um hohe Vorauszahlungen, Vermittlungsgebühren, teure möblierte Zimmer, Lieferdienstjobs und Visa-Probleme, weil hybride oder online geprägte Studienformate von der Ausländerbehörde nicht ohne Weiteres als Präsenzstudium anerkannt wurden. Die IU widersprach zentralen Darstellungen und verwies auf Beratung, Gespräche mit der Behörde und Anpassungen des Studienmodells.

Der Wissenschaftsrat nennt die Hochschule an dieser Stelle in seinem Papier nicht beim Namen, spricht aber ausdrücklich von einzelnen Fällen, in denen vor allem indische Studierende an privaten Hochschulen in prekäre Wohn- und Arbeitsverhältnisse geraten seien. Solche Fälle könnten, warnt er, "das Ansehen privater Hochschulen und des gesamten deutschen Hochschulsystems im Ausland, insbesondere in Indien, beschädigen".

Solche Vorkommnisse sind nicht der Normalfall. Aber sie zeigen, warum der Wissenschaftsrat seine Kritik nicht auf Forschungsdefizite beschränkt. "Private Hochschulen sind als Hochschulen eigener Art fester Bestandteil der Hochschullandschaft, aber nur bedingt des Wissenschaftssystems", schreibt er und fordert von den privaten Hochschulen "eine wissenschaftsgeleitete Entwicklung, substanzielle Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen sowie Innovationsfreude und Vernetzung".

Länder, schaut auf die Privaten

Die Feststellung, dass die privaten Hochschulen "wissenschaftsaffiner und forschungsaktiver werden, ihre Transferpotenziale heben und sich konsequenter an hohen Qualitätsstandards orientieren" sollten, ist allerdings weder neu noch überraschend. Sie gehört zum Standardrepertoire des Wissenschaftsrats, wenn er über private Hochschulen spricht. Spannender wären konkrete Vorschläge, wie sich die beschriebenen Defizite unter den gegebenen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen beheben ließen.

Und hier bleibt das Papier auffällig vorsichtig. Immerhin gibt der Wissenschaftsrat Hinweise, indem er erstmals in dieser Schärfe die staatliche Hochschulpolitik in die Pflicht nimmt: Das Studienangebot privater Hochschulen wirke sich länderübergreifend auf die Nachfrage nach Studienplätzen an staatlichen Hochschulen aus und entlaste zugleich die Länder als deren Träger. Zugleich spielten private Hochschulen in der Hochschulpolitik der Länder und in der Perspektive staatlicher Hochschulen weiterhin nur eine untergeordnete Rolle; ihre quantitative Relevanz und ihre möglichen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Implikationen würden häufig unterschätzt. Woraus folgt: "Die Länder sollten die steigende Bedeutung privater Hochschulen in der Hochschulpolitik stärker im Blick behalten, das Verhältnis zwischen staatlichen und privaten Hochschulen wenn möglich gestalten und den Rechtsrahmen zur Qualitätssicherung privater Hochschulen falls erforderlich weiterentwickeln. Sie sollten den Austausch untereinander intensivieren und für gemeinsame Standards eintreten."

Birgit Spinath sagt: "Privat heißt privat und eben nicht staatlich, das gilt auch für die Finanzierung. Aber die Politik setzt den rechtlichen Rahmen, in dem die Privaten agieren. Damit muss sie dafür sorgen, dass private Hochschulen wissenschaftliche Qualitätsstandards erfüllen." Auch der Wissenschaftsrat zieht diese Grenze: Wo es um die finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen eines wissenschaftsadäquaten Hochschulbetriebs geht, adressiert er in erster Linie die Träger und Betreiber der privaten Hochschulen; bei den wissenschaftlichen Leistungsprozessen die Hochschulen selbst.

Wie ungeschoren der Wissenschaftsrat die Länder an dieser Stelle finanzpolitisch davonkommen lässt, ist dennoch auffällig – und dürfte auch mit deren maßgeblicher Rolle im Gremium zu tun haben. Denn in der Vergangenheit hatten etliche Länder sogar direkt finanziell von den privaten Hochschulen profitiert: indem sie deren Studienanfänger bei den Hochschulpaktmitteln des Bundes mitzählten, die Mittel aber nicht oder nur teilweise an die privaten Hochschulen weitergaben. Formal lag die Weiterleitung im Ermessen der Länder; Kritiker bemängelten schon damals, viele Länder hätten genau dieses Ermessen zu ihren Gunsten genutzt. Insofern tragen die Länder durchaus eine hochschulpolitische Mitverantwortung dafür, dass sich der private Hochschulsektor so stark auf kosteneffiziente, studienentgeltfinanzierte Lehrmodelle konzentriert hat.

"Gemeinsamer Aktions- und Verantwortungsraum"

Was die geforderte und in Teilen vermisste wissenschaftliche Qualität angeht, ist der Wissenschaftsrat indes nicht nur Mahner von außen. Im Auftrag der Länder prüft er seit vielen Jahren private Hochschulen in der Institutionellen Akkreditierung und beschreibt sich selbst als "zentraler Akteur der externen Qualitätssicherung". Eine offene Selbstkritik formuliert er zwar nicht. Aber er räumt ein, dass Rechtsaufsicht und punktuelle Begutachtungen "nicht in allen Aspekten kontinuierliche Qualität sicherstellen können". Auch die Akteure der Qualitätssicherung müssten ihre Verfahren und Kriterien fortlaufend überprüfen und weiterentwickeln – und problematischen Entwicklungen, wo nötig, konsequent entgegentreten.

Trotz unterschiedlicher Logiken und heterogener Ausprägungen, bilanziert der Wissenschaftsrat, agierten alle Hochschulen in einem gemeinsamen Aktions- und Verantwortungsraum. "Diesen zu gestalten, ist eine Aufgabe der privaten und staatlichen Hochschulen, der Länder und der Akteure der externen Qualitätssicherung."

Dass der Wissenschaftsrat glaubt, solche vermeintlich trivialen Selbstverständlichkeiten explizit betonen zu müssen, ist am Ende Aussage in sich: Staatliche Hochschulen und staatliche Hochschulpolitik waren so lange so eng nur aufeinander bezogen, dass sie viel von der Dynamik des privaten Hochschulsektors entweder verpasst oder mit einer gewissen Arroganz beobachtet haben. Damit, sagt der Wissenschaftsrat, muss jetzt endgültig Schluss sein. JMW.


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Kommentare

#1 -

McFischer | Di., 07.07.2026 - 13:55

Das Wachstum der IU ist schon eines der markantesten Phänomene in der deutschen Hochschullandschaft der letzten Jahre. Nach der Grafik sind dort ein drittel aller Studierenden des privaten Hochschulsektors eingeschrieben.

Und man muss klar sagen: Die IU ist formal eine Hochschule, aber real ein Geschäftsmodell, dass akademische Abschlüsse als Produkt anbietet und dieses Produkt national und international bisher erfolgreich vermarktet. Aber was Amazon schon länger weiß: schlechte Produkte erzeugen auch schlechte Bewertungen. Und: die akademischen Grade der IU sind eben nicht der Nachweis, dass man in einem Studium "kulturelles Kapital" (Bourdieu) erworben hat. Gerade weil die IU - auch bei Arbeitgebern - bekannt sein dürfte, dürften solche Abschlüsse zumindest in Deutschland weit unter dem Wert anderer privater Hochschulabschlüsse liegen.

Die Leidtragen sind neben den (nationalen und internationalen) Studierenden auch die anderen privaten Hochschulen in Deutschland. Da ist auch Spreu und Weizen dabei, aber es gibt auch gute bis sehr gute Hochschulen, die sich um Qualität bemühen und sie auch liefern. In unterschiedlichen Formaten, oft berufs- und lebensbegleitend, mit innovativen didaktischen Konzepten und - da hat der Wissenschaftsrat recht - insgesamt wenig Forschung. Das gibt das Modell halt finanziell nicht wirklich her.

Richtig ist, dass der Wissenschaftsrat sich auch selbstkritisch fragen muss, was er bisher in diesem Sektor allgemein und der IU im Besonderen vielleicht versäumt hat.

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