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Von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit

Hoffentlich eine einmalige Entgleisung: Justizministerin Barleys gefährliche Wissenschaftsschelte.

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Artikelbild: Von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit

Katarina Barley . Foto: INSM , CC BY-ND 2.0 .

AUSGERECHNET KATARINA BARLEY. Die Nachfolgerin von Heiko Maas gilt unter den Mitarbeitern im Bundesjustizministerium als echter Gewinn: an der Sache interessiert, kenntnisreich, nicht in erster Linie auf den Show-Effekt aus. Umso mehr wundert, ja verstört, wie sich die promovierte Juristin vergangene Woche zur Arbeit von Forschern geäußert hat.

Anlass für Barleys Entgleisung war ein Gutachten zur Wohnungspolitik, das der Wissenschaftliche Beirat beim Wirtschaftsministerium vorgelegt hatte und in dem die Forscher den weitgehenden Verzicht auf den sozialen Wohnungsbau und die Streichung der Mietpreisbremse empfahlen. Barleys Kommentar: Es sei "unverantwortlich, wenn Wissenschaftler jetzt gegen den sozialen Wohnungsbau argumentieren und das den Markt regeln lassen wollen". Fragt sich: Von welcher Verantwortung sprach Barley eigentlich? Etwa eine den regierenden Parteien gegenüber?

Und dann belehrte die Barley die Wissenschaftler auch noch: "Jeder weiß, dass der Markt von sich aus nur wenige bezahlbare Wohnungen schafft", sagte die Sozialdemokratin der Rheinischen Post . Klar, jeder. Nur diese weltfremden Wissenschaftler, die natürlich nicht.

Anfang dieser Woche bekam die Justizministerin Unterstützung von Finanzminister Olaf Scholz (ebenfalls SPD). Was die Wissenschaftler geschrieben hätte, sei "alles Quatsch" und ...

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Kommentare

#1 -

1 Leser | Do., 30.08.2018 - 15:20
"Wissenschaftler erfüllen ihre Verantwortung, wenn sie frei forschen und denken und keine Angst haben, aus beidem unbequeme Schlussfolgerungen zu ziehen."



D'accord. Nur mag man sich in diesem Fall durchaus fragen, ob das in dem vorliegenden Gutachten der Fall ist und ob die ewige Wiederholung des immergleichen Ökonomensermons von der Schädlichkeit staatlicher Eingriffe und der Regulierung des Marktes zum Wohle aller angesichts lebensweltlicher Evidenzen, die mittlerweile bis in die Mittelschicht reichen, nicht selbst politische Schlagseite hat. Zumal das Gutachten eben nicht (wie hier im Text fälschlicherweise behauptet) der Wissenschaftliche Beirat des Wissenschafts-, sondern des Wirtschaftsministeriums erstellt hat - das als CDU-geführtes ...

#2 -

Jan-Martin Wiarda | Do., 30.08.2018 - 15:36
@1 Leser: Vielen Dank für den Hinweis auf meinen Fehler. Sie haben völlig Recht. Es handelt sich um den Wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsministeriums (was ich eigentlich auch wusste). Aber wenn man immer so viel über Wissenschaftsministerien schreibt, dann schreibt das Kleinhirn mit. Ich bitte um Entschuldigung. Wobei (bezogen auf Ihren letzten Satz) auch das BMBF CDU-geführt ist. Ich werde den Fehler gleich im Text korrigieren und einen Hinweis anfügen.



Beste Grüße

Ihr Jan-Martin Wiarda

#3 -

Florian Bernstorff | Do., 30.08.2018 - 15:37
Auch mir erscheint das eine ganz ungehörige Entgleisung zu sein, die sich leider in ein wachsendes Mosaik wissenschaftsfeindlicher Äußerungen von SPD-Politiker*innen einfügt. Da war doch auch das Wahlkampfmobbing vom damaligen Kanzler Schröder gegen Paul Kirchhoff. Und kürzlich verstieg sich sogar der Staatsekretär im Wissenschaftsministerium von Rheinland-Pfalz, Professor (!) Dr. (!) Salvatore Barbaro zu der Aussage im SWR-Interview , man wolle ja gar nicht, dass die Studierenden später promovierten, sonder freue sich, wenn diese in die Wirtschaft gingen.



Und dies als Rechtfertigung für miserable Drittmitteleinwerbungen der rheinland-pfälzischen Hochschulen.



Mir macht das Sorgen.

#4 -

Raphael Wimmer | Do., 30.08.2018 - 16:11
Auch wenn ich Ihnen grundsätzlich zustimme, scheinen die genannten Politiker in diesem Fall das richtige Bauchgefühl gehabt zu haben: https://www.welt.de/finanzen/immobilien/article181343630/Mietpreisbremse-Oekonomen-machen-bei-Kritik-schweren-Fehler.html

#5 -

Leser 1 | Do., 30.08.2018 - 17:03
@Jan-Martin Wiarda: Danke, ich kenne das zu Genüge, wenn das Kleinhirn übernimmt. Deshalb auch nur zur Präzisierung des letzten Satzes: Ja, auch das BMBF ist CDU-geführt, aber in den politischen Entscheidungsprozessen um Mietpreisbremse und sozialen Wohnungsbau selbst nicht Akteur in der Weise wie es das BMWi ist.
Beste Grüße.

#6 -

Jan-Martin Wiarda | Do., 30.08.2018 - 17:23
@Raphael Wimmer:
Es geht aber eben nicht um Bauchgefühl und auch nicht darum, ob die Studie ggf. wissenschaftlich fehlerhaft war. Es geht um die Art der Auseinandersetzung, und es geht darum, dass keine der im WELT-Artikel genannten Kritikpunkte als sachliche Kritik auch von Ministern Barley angeführt wurden.

#7 -

Leser #2 | Do., 30.08.2018 - 18:12
@Herr Wiarda:

Naja, ich will nicht polemisch sein. Aber Ihr Verständnis von Wissenschaft erscheint mir etwas zu naiv zu sein. Zwar gibt es dieses Idealbild, dass die Wissenschaft der einen objektiven Wahrheit verpflichtet sei. Das mag für die Naturwissenschaften noch einigermaßen gelten (obwohl die Debatte um den Klimawandel dem auch widerspricht). Aber spätestens bei den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften muss man sich von dieser Annahme verabschieden.



Wir wissen ja alle, dass es in den Wirtschaftswissenschaften verschiedene Denkschulen gibt, die ihre Annahmen hoffentlich empirisch untermauern. Diese Denkschulen sind vor allem in den Wirtschaftswissenschaften natürlich auch politisch bzw. normativ motiviert (marktradikale/-liberale vs. marktkritische ...

#9 -

Jan-Martin Wiarda | Do., 30.08.2018 - 19:33
@ Leser #2
Das ist meines Erachtens aber genau der Punkt: Es wäre völlig okay gewesen, wenn Barley oder Scholz die von Ihnen genannten X Studien angeführt hätten. Haben sie aber nicht. Sondern die inhaltliche Ebene komplett gemieden.

Womöglich ist meine Sichtweise, was Wissenschaft angeht, an der Stelle naiv. Aber das nehme ich dann mal als Kompliment.

Beste Grüße
Ihr Jan-Martin Wiarda

#11 -

Interessierter Leser | So., 09.09.2018 - 22:35
Sehr geehrter Herr Wiarda,



ich lese Ihre Artikel stets mit großem Interesse. Ihre Kritik an der Bundesjustizministerin kann ich allerdings nicht nachvollziehen.



1. Viele Prophezeiungen des Sachverständigenrats aus der Vergangenheit sind nicht eingetreten. Haben Sie beispielsweise erhebliche negative Beschäftigungseffekte beobachtet, mit denen im Jahresgutachten 2013/14 vor der Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns gewarnt wurde? Dass die vorhergesagten Effekte nicht eingetreten sind, liegt nicht an unvorhersehbaren Entwicklungen. Vielmehr sind viele Empfehlungen des Sachverständigenrats aus Modellen ableitet. Diese Modelle sind zwar in sich schlüssig formuliert, unterliegen aber Annahmen und spiegeln Denkschulen wider - nicht aber die komplexe Wirklichkeit.



2. Auch der Sachverständigenrat ...

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