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Mut zum Protest für eine andere Universität

"Vorübergehend" ist die Krisenlosung von Hochschulen, deren Leistung von der Opferbereitschaft ihres Personals abhängt. Eine anders verstandene Wissenschaft braucht eine Lobby. Sie braucht uns als Lobby. Ein Gastbeitrag von Friedemann Vogel.

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Artikelbild: Mut zum Protest für eine andere Universität

Friedemann Vogel ist Professor für Sozio- und Diskurslinguistik an der Universität Siegen.

DER TEILCAMPUS und das Gebäude, auf dem ich mein Büro habe, sollte für meinen eigenen Fachbereich – einen der größten der Universität – nur eine vorübergehende Bleibe bieten. Wir haben aber inzwischen gelernt, und wie könnte es anders sein, dass "vorübergehend" ein sehr dehnbarer Begriff ist und auch mal schnell über ein Jahrzehnt vergehen könnte. Etwas, das nur vorübergehend genutzt werden soll, wird natürlich nur so weit instandgehalten, wie es unbedingt nötig ist: Eine Cafeteria oder Gemeinschaftsräume gibt es nicht, dafür sterile Krankenhausoptik ohne jede akademische Anregung. Parken im maroden Parkhaus ist verboten, der Nahverkehr ist unzuverlässig.

Immerhin, wir haben Strom, Licht und fließend Wasser. Aber weil das ein bisschen wenig ist und die Gebäude derzeit auch empfindlich abkühlen, bleiben viele – sei es Personal oder auch Studierende – oft nur so lange, wie es sein muss. Das wiederum dient zur Legitimation weiterer Sparmaßnahmen: wenn doch ohnehin niemand da ...

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Kommentare

#1 -

Ein Mittelbauler | Do., 02.02.2023 - 12:06
Danke für die treffende Beschreibung. Mein Eindruck ist, dass in Deutschland der gordische Knoten aus hochschulautonomer Personalpolitik, Finanzierungszuständigkeit der Länder und enormer Drittmittelfinanzierung durch den Bund nur in einer großen, gemeinsamen Kraftanstrengung zu lösen ist. Prekarisierung durch Befristung, durch Hochdeputatsstellen, durch privates Promovieren und Habilitieren "on top" zur Arbeitszeit, durch die Marginalisierung des Mittelbaus in universitären Entscheidungsgremien (Professorenmehrheit), durch die Tarifsperre im WissZVG nehmen den Beschäftigten des Mittelbaus die Ressourcen, sich für ihre Institution einsetzen zu können und zu wollen, da der Einsatz für eine Verbesserung des Systems aus einer maximal schwachen Position heraus einem Aufreiben auf Kosten der Gesundheit ...

#2 -

Verblüffend | Sa., 04.02.2023 - 18:29


Ich bin Professor an einer Universität in einem MINT Fach. Und ist stimme dem Artikel in ungefähr nichts zu. Um mich herum sind viele zufriedene Doktorand*innen, für PostDoc Stellen finden wir kaum qualifiziertes Personal, mit der Verwaltung schlagen sich praktisch nur die Profs rum (da ist sich der Mittelbau viel zu fein für), und alle können im wesentlichen forschen, was sie wollen (wobei der Umfang vom Erfolg in der Drittmitteleinwerbung abhängt).



Es gibt offensichtlich viele parallele Universen.

#3 -

Josef | Di., 07.02.2023 - 16:29
@Verblüffend: "Um mich herum sind viele zufriedene Doktorand*innen, für PostDoc Stellen finden wir kaum qualifiziertes Personal"

Diese Schilderung zeigt doch bereits, dass vermutlich auch bei Ihnen am Fachbereich nicht alles so rosig ist, wie Sie es wahrnehmen. Wäre die Doktorand*innen so hoch zufrieden mit den Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbereich, müsste es doch ein leichtes sein, entsprechend viele von ihnen auch für die nächste Phase im Wissenschaftsbetrieb, die Postdoc-Phase, gewinnen zu können ...

#4 -

Ralf Meyer | Mi., 08.02.2023 - 19:52
@Josef: In vielen Bereichen ist die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften derzeit viel höher als das Angebot. Das gilt z.B. für Wissenschaftler*innen in vielen MINT-Fächern, aber auch Elektriker*innen, Lehrer*innen, usw. Fachkräfte mit passenden Qualifikationen können sich aussuchen, wo sie arbeiten wollen, und weder die Firmen noch die Unis können alle Stellen mit Fachkräften besetzen. Die Arbeitsbedingungen sind für die Hochschulen im Wettbewerb um Fachkräfte hierbei sekundär. Denn was Gehalt und Arbeitsplatzsicherheit angeht, können sie sowieso nicht mit den Firmen mithalten, schon wegen der Tarifregeln im öffentlichen Dienst. Auch die öffentliche Verwaltung hat übrigens zur Zeit große Probleme, Stellen mit Fachkräften ...

#5 -

Verblüffend 2 | Do., 09.02.2023 - 15:51
@Josef: Ich verstehe ihr Model für Universitäten nicht. Unis bildet schon immer viel mehr Doktorand*innen aus, als es Stellen an der Uni gibt. Die allermeisten Doktorand*innen in MINT wollen auch gar nicht an der Uni bleiben, sondern qualifizieren sich per Promotion und sind dann heissbegehrt auf dem Arbeitsmarkt. Es hat auch keinerlei Sinn, die alle an die Unis zu halten, sonst bräuchten wir jedes Jahr tausende neuer Mittelbau-Stellen. Ich bin sehr für Personalaufwuchs an den Unis - aber das dann doch nicht....



Warum wollen jetzt nur noch so wenige bleiben, dass wir PostDoc-Stellen kaum besetzt bekommen? Nun ... Industrie zahlt ...

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