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"Es geht um die Qualität von Schule insgesamt"

Deutschlands Schulen haben Nachholbedarf in der Demokratiebildung, mahnt eine Expertenkommission. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann sagt, was jetzt passieren sollte – und warum es Zeit ist, mit alten Vorurteilen aufzuräumen.

Ludger Wößmann, 50, leitet das ifo Zentrum für Bildungsökonomik und ist Professor für Bildungsökonomie an der Universität München. Foto: ifo Institut | Enno Kapitza.

Herr Wößmann, Sie haben in der Kommission "Demokratie und Bildung" mitgearbeitet. Die Hertie-Stiftung hatte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Medien und Zivilgesellschaft zusammengebracht, um Empfehlungen für die Demokratiebildung an Schulen zu erarbeiten. Ein Feld, das vielen inhaltlich diffus erscheint. Als Bildungsökonom sind Sie aber für klare Statements bekannt. Dann sagen Sie doch mal: Was ist für Sie die wichtigste Aussage der Kommission? 

 

Das ist vor allem die Feststellung, dass Demokratiebildung in der Schule unbedingt auf die nationale politische Agenda gehört. Demokratie funktioniert nur, wenn die Menschen sie mitmachen und gestalten, und die Schulen sind diejenigen Einrichtungen, wo alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden und die dafür nötigen Kompetenzen und Einstellungen entwickeln. Das war immer schon wichtig, aber das Thema hat jetzt eine besondere Aktualität: Die Digitalisierung aller Lebensbereiche bestärkt den Trend, dass unsere Gesellschaft in verschiedene, oft antagonistische Gruppen und Lebenswelten auseinanderdriftet. Zugleich wird unsere Demokratie von außen durch autokratische Gegenentwürfe wie in China oder Russland herausgefordert. Nur Menschen, die die Demokratie verstehen und wertschätzen, werden sie – und damit unseren freiheitlichen Lebensentwurf – am Ende auch verteidigen.

 

Wie wollen Sie sicherstellen, dass es nicht nur bei schönen Worten bleibt, sondern wirklich etwas passiert?

 

Der Schlüssel liegt in mehr Verbindlichkeit. Die Kultusministerkonferenz (KMK) sollte verbindliche Bildungsstandards für die Demokratiebildung entwickeln, wie wir sie bereits für Deutsch, Englisch oder Mathematik haben. Und zweitens brauchen wir eine Art Demokratie-Pisa.

 

Was meinen Sie damit?

 

Durch die Bildungsstandards definieren wir die Kompetenzen, die Bürger für die Gestaltung der Demokratie und ihre Teilhabe an der Gesellschaft brauchen. Und diese Kompetenzen müssen wir dann in einem zweiten Schritt auch messen, um zu sehen, ob die Schulen sie wirklich vermitteln.

 

"Ich glaube durchaus, dass wir uns in einem
großen Teil der Gesellschaft sehr schnell auf Kernelemente dessen einigen könnten, was eine notwendige Demokratiebildung ausmacht."

 

Sie glauben also wirklich, dass man demokratische Bildungskompetenzen nicht nur definieren, sondern sie auch messen kann?

 

Ja, natürlich. Sie sind vielleicht etwas weicher, unbestimmter als Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Aber ich glaube durchaus, dass wir uns in einem großen Teil der Gesellschaft sehr schnell auf Kernelemente dessen einigen könnten, was eine notwendige Demokratiebildung ausmacht. Es gibt ja längst aussagekräftige Vorbilder, an denen wir uns orientieren können, zum Beispiel die International Civic and Citizenship Education Study (ICCS), bei der in der Vergangenheit die meisten westlichen Länder mitgemacht haben. Im Gegensatz zu Deutschland.

 

Was misst die ICCS?

 

Es geht darum, inwieweit junge Menschen in der Schule darauf vorbereitet werden, ihre Rolle als Bürgerinnen und Bürger in der Demokratie zu übernehmen, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit anerkennen. Schülerinnen und Schüler der achten Klasse werden nach ihrem Wissen über demokratische und zivilgesellschaftliche Konzepte und ihre Kompetenzen zur Analyse des politischen Geschehens befragt, aber auch über ihre für die Demokratie relevanten Einstellungen wie Toleranz und institutionelles Vertrauen und über ihre Partizipationsabsichten. Anhand all dessen werden sie in verschiedene Kompetenzstufen eingeordnet, analog zu internationalen Bildungsvergleichen wie TIMSS oder IGLU. Übrigens steht hinter der ICCS mit der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) auch dieselbe Organisation wie bei TIMSS und IGLU.

  

Und Deutschland war bislang nicht dabei?

 

Es gab seit den 2000ern mehrere Erhebungsrunden, bei der letzten hat nur Nordrhein-Westfalen im Rahmen eines Forschungsprojekts teilgenommen, an der aktuellen noch Schleswig-Holstein. Das ist echt traurig. Wir brauchen belastbare Befunde für ganz Deutschland, am besten sogar heruntergebrochen auf die einzelnen Bundesländer.

 

"Eine stärkere Berücksichtigung demokratischer
Bildung bedeutet nicht, dass das Leistungsprinzip in der Schule geschwächt wird, ganz im Gegenteil."

 

Bleibt die Frage, ob mehr Raum für Demokratiebildung, für Klassenlehrerstunden, für Schülerparlamente und Abstimmungen aller Art nicht dazu führt, dass noch weniger Zeit für die klassische Bildung bleibt, obwohl je nach Erhebung bereits 20, 25 Prozent der Schüler bei Lesen, Schreiben oder Rechnen abgehängt sind.

 

Erstmal will ich mit einem anderen Vorurteil aufräumen. Mehr Demokratiebildung bedeutet nicht, dass jetzt alle Prozesse in der Schule durchdemokratisiert werden, dass am Ende die Schüler darüber abstimmen können, welchen Schulstoff sie lernen wollen oder welche Noten sie bekommen. Zu Ihrer eigentlichen Frage: Natürlich könnte man einen Trade-Off erwarten, wenn am Ende nicht mehr Zeit für Unterricht insgesamt zur Verfügung steht. Allerdings zeigt die Bildungsforschung: Praktisch spielt das kaum eine Rolle. Wenn eine Schule in einem Bereich besonders gut in der Lage ist, ihren Schülern erfolgreich Kompetenzen zu vermitteln, kann sie das meistens auch in den anderen Bereichen. Und wenn eine Schule es in einem Bereich nicht schafft, hat sie meist auch in allen anderen Lernfeldern Probleme. Es geht also um die Qualität von Schule insgesamt. Soll heißen: Eine stärkere Berücksichtigung demokratischer Bildung bedeutet eben nicht, dass das Leistungsprinzip im Sinne möglichst guter Ergebnisse in der Schule geschwächt wird, ganz im Gegenteil.

 

Apropos Leistungsprinzip: Die Linke will die Noten abschaffen, das Sitzenbleiben ebenfalls. 

 

Leistung lässt sich auf unterschiedliche Weisen fördern, messen und bescheinigen. Wer aber generell den Vorschlag macht, Noten und Sitzenbleiben abzuschaffen, muss vorher erklären, was er an deren Stelle setzen will. Sonst erweist man ausgerechnet den Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen den größten Bärendienst – weil die zu Hause oft nicht die Bedeutung von Bildungsleistungen für den Erfolg in unserer Gesellschaft vermittelt bekommen. 



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Kommentare: 1
  • #1

    Laubeiter (Dienstag, 24 Oktober 2023 09:10)

    Interessante Perspektive, vielen Dank für dieses Interview. Ich hoffe, die Schulen machen dann den hier empfohlenen Demokratie-Unterricht. Zur Frage nach Noten am Schluss: Wenn ich es richtig verstehe, sollen die derzeit vergebenen Noten es schaffen, Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen die Bedeutung von Bildungsleistungen für den Erfolg in der Gesellschaft zu vermitteln. Ich nehme an, dass einem Ökonomieprofessor und seinen Studierenden diese Bedeutung von Bildungsleistungen geläufig ist, doch warum vermitteln Noten Kindern diese Bedeutung? Ich denke, Erfolg in der Schule motiviert. Schlechte Noten haben mich demotiviert, daher fand ich Noten eher eine Form von Macht.