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Informatik, Finanzen oder Glück: Was sollen deutsche Schüler lernen?

Unser Bildungssystem muss neue Lerninhalte aufnehmen. Das könnte auf Kosten der kulturellen Bildung gehen. Und auch der Lehrermangel sollte beim Ruf nach neuen Schulfächern nicht vergessen werden.

NATÜRLICH ERGIBT die Maßnahme jeden Sinn. Mit dem Saarland startet das nächste Bundesland vom kommenden Schuljahr an mit Informatik als verpflichtendem Schulfach für alle ab Klasse 7. Vor dem rasanten Aufstieg des KI-Sprachgenerators ChatGPT hätte die Bildungspolitik das Thema vielleicht noch aussitzen können.

 

Doch fordern nicht nur Mint-Verbände die flächendeckende Einführung, sondern zum Beispiel auch die einflussreiche Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz. Womit klar ist: Das Pflichtfach Informatik kommt. Eher auf kurz als auf lang, und zwar überall.

 

Informatik, Geld und am besten noch Gesundheit,
Glück und auch bitte Verbraucherschutz

 

Unterdessen bezeichnet Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) ein eigenes Schulfach Wirtschaft als "riesige Chance". Zusammen mit ihrem Parteikollegen, Bundesfinanzminister Christian Lindner, hat sie die "Initiative Finanzielle Bildung" gestartet. In deren Zielen ist zwar nicht explizit von einem (Pflicht-)Fach Wirtschaft die Rede, dafür aber von der Erarbeitung einer Finanzbildungsstrategie für Deutschland.

 

Auch die wäre überfällig: Die Deutschen sparen viel, legen ihr Geld aber im internationalen Vergleich zu miesen Renditen an. Und wie klagte die damalige Gymnasiastin Naina schon 2015 auf Twitter: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen."

 

Die mauen deutschen Schülerleistungen beim internationalen Pisa-Vergleich zeigen allerdings, dass zwischen einem Viertel bis einem Drittel der Neuntklässler ganz andere Probleme haben. Sie können nicht sinnerfassend lesen, sie versagen bei grundlegenden Rechenoperationen, und auch in den Naturwissenschaften haben sie gewaltige Lücken. "Eine Stärkung der Kernfächer und der basalen Kompetenzen", lautet die Folgerung der Kultusminister. Hessens neue CDU-/SPD-Koalition will die Zahl der Deutschstunden in der Grundschule erhöhen, für die Klassen fünf und sechs soll es dort übrigens das neue Schulfach "Digitale Welt" geben.

 

Regelmäßig durchs mediale Dorf getrieben werden Vorschläge, ein eigenes Schulfach für "Gesundheit" einzurichten, für "Verbraucherschutz" – oder gar für "Glück". Auch wenn man Letzteres den deutschen Schülern gerade derzeit wünscht, zumindest diese Idee erscheint bildungspolitisch doch chancenlos.

 

Kultur könnte
wegfallen

 

Ein Kernkonflikt bleibt meist unbearbeitet bei all den Debatten über das, was neu hinein soll in die Schule, sei es als neuer Unterrichtsstoff oder, plakativer, als neues Schulfach. Es ist die Frage nach dem, was zum Ausgleich wegfallen müsste. Doch diese Debatte ist für die Bildungspolitik weitaus unangenehmer. Dabei führt das Nichtführen nicht dazu, dass keine Verdrängung stattfindet. Sie funktioniert dann eben nach dem Prinzip: Der Stärkere verdrängt den Schwächeren.

 

Nein, das sind nicht die Gedichtanalysen in vier Sprachen an den Gymnasien. Es sind Fächer wie Musik oder Kunst, die an allen Schulformen ins Hintertreffen geraten. Gar nicht einmal unbedingt in der Zahl erteilter Schulstunden (die zu kürzen hieße in vielen Fällen die Komplettstreichung aus dem Curriculum). Sondern in ihrem öffentlichen und pädagogischen Stellenwert.

 

Neben der kulturellen Bildung schon länger unter Druck befindet sich die Demokratiebildung – so sehr, dass Ende September eine von der Hertie-Stiftung zusammengebrachte Kommission aus Wissenschaft, Politik, Medien und Zivilgesellschaft dringende Empfehlungen Richtung Kultusministern schickte. Demokratiebildung in der Schule gehöre unbedingt auf die nationale politische Agenda, sagte Ludger Wößmann, Kommissionsmitglied und ifo-Bildungsökonom. "Demokratie funktioniert nur, wenn die Menschen sie mitmachen und gestalten, und die Schulen sind diejenigen Einrichtungen, wo alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden und die dafür nötigen Kompetenzen und Einstellungen entwickeln."

 

"Demokratie" müsste mit
verbindlichen Zielen in den Lehrplan

 

Das beifällige Nicken der Bildungspolitik dürfte der Kommission etwa angesichts der antisemitischen Vorfälle der vergangenen Monate gewiss sein. Doch wollte die Kommission Taten sehen: Die Kultusminister müssten verbindliche Bildungsstandards für die Demokratiebildung entwickeln, sagte Wößmann, "wie wir sie bereits für Deutsch, Englisch oder Mathematik haben".

 

Und in der Hinsicht haben die Kultusminister gerade andere Pläne, der Pisa-Druck wiegt schwerer. Weshalb die Kommission in weiser Voraussicht auch die Einführung eines "Demokratie-Pisa" empfohlen hatte.

 

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? Am ehesten wohl – mal wieder – für diejenigen, die ihn am wenigsten brauchen: die Gymnasiasten. Viele Bundesländer haben die Schulzeit von 12 auf 13 Jahre zurückgedreht oder sind dabei. Von diesem bildungspolitischen Hin und Her kann man halten, was man will, am Ende bietet das Mehr an Zeit mehr Raum zur Neugestaltung der Curricula vor allem in der Mittelstufe, das allerdings mehr sein muss als ein strategiefreies Vollpacken der Stundentafeln. Nur dass viele Neuerungen – wie die flächendeckende Einführung von Informatik – schon daran kranken, dass der bundesweite Lehrkräftemangel so gewaltig ist.

 

In Sachen Bildungsgerechtigkeit mehr ausrichten würde eine andere Weichenstellung: wenn sich die Kultusminister endlich durchringen würden, den gebundenen Ganztag an allen Schulen einzuführen. Dann würden sich Fachunterricht, individuelle Lernzeiten, Freizeit- und Sportangebote den ganzen Tag über abwechseln: Luft für Basiskompetenzen, für neue und bewährte Inhalte, für Persönlichkeitsbildung. Doch ausgerechnet diese, die beste Lösung des Dilemmas, scheint derzeit ausgeschlossen. Die Bildungspolitik fürchtet den Widerstand der Eltern.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel.



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Kommentare: 2
  • #1

    Martin (Donnerstag, 11 Januar 2024 12:16)

    Ich würde mir erstmal eine Diskussion wünschen was "weg" kann, um Platz zu schaffen für neue Inhalte.

    Die immerwährenden Forderungen was alles noch zusätzlich gelehrt werden sollte, bei gleichzeitigem Lehrkräftemangel ist nicht zielführend.

    Es gibt sehr vieles was fächerübergreifend gelehrt werden könnte. Alleine da gäbe es extrem hohe Synergieeffekte.

    Ebenso finde ich den religionsgebundenen Religionsunterricht überflüssig. Ein Fach wie Ethik in dem dann Religionskunde und Werte vermittelt werden können, wäre zeitgemäßer - und würde dem Verständnis für andere Religionen sehr zugutekommen (anders gesagt, Konflikte entschärfen!) Wer sich intensiver mit seiner eigenen Religion beschäftigen will, findet mannigfaltige Angebote in den Kirchengemeinden.

    An den Gymnasien würde ich die verpflichtende zweite Fremdsprache auf den Prüfstand stellen. Im Zeitalter von Sprachapps, KI und der enormen Verbreitung von Englisch, braucht es immer weniger eine zweite Fremdsprache. Wieso nicht alternative Hauptfächer schaffen z.B. Informatik oder Wirtschaft?

    Am meisten benötigt es aber mutige und innovative Kultusminister, die nicht mit Blick auf Wählerstimmen handeln (müssen.) Letzteres ist der Hauptgrund für das Dilemma in dem wir uns befinden.

    Vielleicht muss man das pädagogisch/fachliche auch den Kultusministern gänzlich nehmen und ihr Wirken auf das organisatorische/finanzielle beschränken?

  • #2

    Vater (Samstag, 13 Januar 2024 18:05)

    Ich wäre schon mal froh, wenn Lesen, Schreiben, Rechnen klappen würde. Danach können wir über Zusatzinhalte sprechen.