Wir brauchen einen neuen Qualitätsbegriff
Warum in der Debatte über Kita-Personalschlüssel die Maßstäbe verrutschen – und wie die frühkindliche Bildung wirklich besser wird. Ein Gastbeitrag von Ties Rabe.

Ties Rabe war zwischen 2011 und 2024 Schulsenator in Hamburg. Foto: Daniel Reinhardt / Senatskanzlei Hamburg.
NEULICH HAT DIE BERTELSMANN-STIFTUNG die Personalausstattung der bundesdeutschen Kitas überprüft. Mit ihrem Bericht bestärkt sie eine Diskussion, nach der die Personalausstattung das überragende Merkmal für die Qualität der Kita ist. Diese Fokussierung ist falsch. Wir müssen im Kita-Bereich umdenken und endlich einen besseren Qualitätsbegriff entwickeln.
"Die Mehrheit der Kinder wird nicht optimal betreut". "Viele Kinder können nicht ausreichend gefördert werden": So lauteten nur zwei der Medienschlagzeilen nach der jüngsten Bestandsaufnahme der Bertelsmann-Stiftung . Weniger Personal bedeutet in dieser Logik automatisch, dass Kinder "nicht optimal betreut" werden. Doch diese Logik ist fragwürdig.
So ganz nebenbei: Auch die Maßstäbe für den Personalbedarf gehören auf den Prüfstand. Aus dem Kita-Betreuungsschlüssel von 1 zu 9 bei 3- bis 6-Jährigen leitet die Stiftung ihre Forderung nach einem fast doppelt so hohen Personalschlüssel von 1 zu 5 ab. Kein Wunder, dass die meisten bundesdeutschen Kitas diese Forderung nicht erfüllen. 1 zu 5 – das ist fast drei Mal so viel Personal, wie ...
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Kommentare
#1 - wer ist zuständig?
"NEULICH HAT DIE BERTELSMANN-STIFTUNG die Personalausstattung der bundesdeutschen Kitas überprüft."
Wieso eigentlich überprüft die Bertelsmann-Stiftung so etwas und nicht die zuständigen Ministerien? Ist im staatlichen Bereich etwa niemand dafür zuständig? Wozu haben wir eigentlich eine KMK und zusätzlich ein Bundesbildungsministerium mit (zur Zeit von Frau Schavan als Ministerin) 900 Mitarbeitern?
Auch im schulischen Bereich nimmt man es einfach hin, dass unternehmensnahe Stiftungen definieren, was gute Bildung ist, was Qualitätsstandards sind und warum die "Digitalität" vollkommen alternativlos und ungeheuer bedeutend ist. Hat das noch irgendwas mit Demokratie zu tun? Welche Demokratie gibt es wohl innerhalb dieser Stiftungen?
#2 - hattie-report usw
Vier Anmerkungen:
(1) Seit vielen Jahren wabert die Aussage durch die Debatte, Hattie hätte, wie es oben heißt, „unerbittlich“ nachgewiesen, „dass die Klassengröße das Lernergebnis kaum verbessert“. Hat er aber nicht. Er hat lediglich eines festgestellt: Die von seinem Team ausgewerteten Metastudien ergeben in der Gesamtschau keine statistisch signifikanten Zusammenhänge zwischen Klassengrößen und Lernerfolgen. Mit anderen Worten: Er hat nicht eine Aussage widerlegt, sondern nur gesagt, dass diese Aussage mit den vorhandenen Studien weder belegbar noch widerlegbar ist. Halten wir daher fürs erste fest: Es kann auch nach dem Hattie-Report durchaus sein, dass Klassen- (oder im Kita-Bereich Gruppen-)Größen relevant für ...
#2.1 - Bertelsmann-Stiftung
Ich hatte oben nicht der Bertelsmann-Stiftung etwas vorgeworfen, sondern eher den zuständigen Ministerien usw., die es zulassen, dass die Bertelsmann-Stiftung wie eine legitime staatliche Institution agieren kann, ihre eigene Agenda durch bezahlte Studien propagiert und schließlich über die Medien (Bertelsmann ist ein MEDIENKONZERN) durch Schlagzeilen in die Köpfe des Volkes hämmert, unterstützt von Netzwerken hinter den Kulissen. Das sage nicht nur ich, das sagt auch Josef Kraus in seinem Buch "Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt". Auf Seite 71 spricht Kraus von einem "Tsunami an 'Studien' und 'Stellungnahmen' der Bertelsmann-Stiftung, die medial stets alarmistisch inszeniert werden."
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