Mehr Heimat wagen
Warum Universitäten nicht nur die Demokratie verteidigen, sondern auch neu an die Gesellschaft Anschluss finden müssen. Ein Gastbeitrag von Christina Wolff und Johannes Freudenreich.
Christina Wolff ist Leiterin des Koordinationsbüros für Chancengleichheit an der Universität Potsdam und Vorständin bei der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (bukof). Johannes Freudenreich ist Leiter der Potsdam Graduate School an der Universität in Potsdam und aktuell in Elternzeit. Fotos: privat.
DIE DEMOKRATIE ist in Gefahr – und mit ihr die Wissenschaft. So sehen es zumindest viele Analyst*innen. Denn eine Partei könnte bald an die Macht kommen, die viele als rechtsextrem sowie wissenschaftsfeindlich verstehen. In Sachsen-Anhalt, wo am 6. September 2026 ein neuer Landtag gewählt wird, steht die Alternative für Deutschland (AfD) vor der absoluten Mehrheit. Auch in anderen Bundesländern, insbesondere im Osten, könnte schon bald kein Weg mehr an der AfD vorbeiführen.
Akteurinnen aus der Wissenschaft warnen daher eindringlich vor der AfD, zuletzt prominent Katja Becker, Wolfgang Wick und Walter Rosenthal Anfang Juni in der FAZ: Die AfD führe wissenschaftspolitisch in die Sackgasse. Die Wissenschaft stehe anders als die AfD für Fortschritt, Offenheit und internationale Vernetzung. Auch stellen sich die Autorinnen explizit hinter die Gleichstellungsarbeit in der Wissenschaft sowie vermeintlich ideologisierte Forschungsfelder. Gleichzeitig wird hinter den Kulissen intensiv daran gearbeitet, sich auf das "AfD-Szenario" einzustellen und wissenschaftliche Einrichtungen "resilient" zu machen, also angepasst und handlungsfähig unter möglichen neuen Rahmenbedingungen einer AfD-Regierung.
Jedoch können Warnungen verhallen, wie berechtigt sie auch sind, wenn sie die potenziellen AfD-Wähler*innen nicht erreichen, und Resilienz stößt an ihre Grenzen, wenn die politische Mehrheit zukünftig nur mit der AfD möglich ist. Denn mit einer Mehrheit im Landesparlament können die Haushalte der Hochschulen angepasst und die institutionellen Rahmenbedingungen umgestaltet werden.
Hochschulleitungen müssen sich daher mit der Frage auseinandersetzen, wie sie langfristig die gesellschaftliche Unterstützung für die Wissenschaft sichern können. Denn die Zukunft der Universitäten entscheidet sich nicht primär durch das Abschneiden in Rankings oder durch erfolgreiche ERC-Anträge, sondern letztlich an der Wahlurne. Haltung zu zeigen, ist hier ein wichtiges Element. Universitäten müssen aber auch noch mehr Orte evidenzbasierter öffentlicher Debatten, Bürgerkompetenz und gesellschaftlicher Verständigung sein.
Wissenschaft braucht Anschluss
Ein wichtiger Ansatz ist in diesem Zusammenhang die "Cultural Backlash Theory", die Pippa Norris und Ronald Inglehart 2019 zum gesellschaftlichen Wertewandel formulierten. Sie baut unter anderem auf Daten des internationalen World Values Survey auf, der seit den 1980er Jahren Einstellungen zu Demokratie, Autorität, Gleichstellung und Religion in zahlreichen Ländern untersucht. Dieser Ansatz geht davon aus, dass der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien als Gegenbewegung zu langfristigen gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen zu verstehen ist. Teile der Bevölkerung erleben diese Entwicklungen nicht als Fortschritt, sondern als Statusverlust oder als Bedrohung sozialer Ordnung. In dieser Perspektive ist der Erfolg der AfD Ausdruck eines tief verankerten Wertekonflikts.
Wenn es aber im Grunde um einen Wertekonflikt gehen sollte, bringt es wenig, die andere Seite mit der eigenen Rationalität überzeugen zu wollen. Vielmehr braucht es ein Verständnis für andere Wertvorstellungen, das Interesse, diese Werteorientierungen verstehen zu wollen, die Fähigkeit, zuzuhören und die eigenen Argumente mit den moralischen Kategorien anderer politischer Milieus in Verbindung zu setzen. Es braucht keine moralische Belehrung, sondern das Anknüpfen an geteilte Werte, um politische Gräben zu überbrücken. Das meint nicht, die "richtigen" Werte in bessere Botschaften zu verpacken, sondern Anliegen an bereits vorhandene Werte anzuknüpfen und dieselben Ziele aus unterschiedlichen normativen Perspektiven zu begründen.
Folgt man diesem Ansatz, müssen sich Universitäten in Deutschland künftig stärker als gesellschaftliche Vermittlungsinstanzen verstehen, und zwar ausgehend von den regionalen Kontexten, in die sie eingebettet sind, insbesondere mit Blick auf Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Sie müssen Narrative entwickeln, die auch jenseits des eigenen akademischen Milieus – des oft bemühten Elfenbeinturms – anschlussfähig sind. Denn viele bestehende Formate der Wissenschaftskommunikation erreichen bislang vor allem bereits wissenschaftsaffine Gruppen. Themen wie regionale Identität und gesellschaftlicher Zusammenhalt sollten daher stärker in den Vordergrund rücken, und Universitäten sollten sich auch ländlichen und strukturschwächeren Regionen zuwenden. Denn die Wissenschaft steht für Offenheit gegenüber unterschiedlichen Perspektiven und Lebensrealitäten, dazu gehören auch Erfahrungen der Menschen "vor Ort".
Es gibt aber aktuell unseres Wissens keine Universität, die der regionalen Verwurzelung einen ähnlichen Stellenwert wie der internationalen Vernetzung einräumt. Vielmehr sind Führungsebenen oft gerade nicht regional besetzt. So bestehen Hochschulleitungen in Ostdeutschland zu einem sehr großen Anteil aus Personen, die in Westdeutschland sozialisiert sind.
Raus aus der Komfortzone
Um eine bessere regionale Verwurzelung zu erreichen, sollten Universitäten stärker Formate implementieren, in denen Forschung nicht nur vermittelt, sondern gemeinsam mit Bürger*innen diskutiert und weiterentwickelt wird, etwa im Rahmen öffentlicher Dialogformate oder auch innerhalb der universitären Selbstverwaltung sowie in Kooperationen mit Schulen, Volkshochschulen und lokalen Vereinen und Initiativen. Der Lehramtsausbildung und den Erziehungswissenschaften könnte dabei eine besondere Bedeutung zukommen, denn gerade junge Menschen beziehungsweise Männer zeigen einen Anstieg rechtsextremer Einstellungen. Auch Angehörige von Studierenden und deren Familien können dabei eine bislang unterschätzte Zielgruppe darstellen, nicht zuletzt, da mittlerweile rund 50 Prozent eines Jahrgangs ein Studium aufnehmen. Durch solche Begegnungen kann Vertrauen aufgebaut werden, und unterschiedliche gesellschaftliche Lebensrealitäten können auch von der Wissenschaftscommunity besser verstanden werden.
Ein weiteres zentrales Handlungsfeld ist die Gleichstellungsarbeit an Universitäten. Auch hier zeigt sich, dass reine Appelle zum Abbau struktureller Benachteiligung oft nur diejenigen erreichen, die bereits von diesen Argumenten überzeugt sind. In diesem Sinne könnte der Ruf nach mehr Gerechtigkeit stärker an unterschiedliche Wertvorstellungen rückgebunden werden: etwa als Frage von Leistungs- und Bildungsgerechtigkeit beim Zugang zur Hochschule, als Beitrag zur Stärkung des Gemeinwesens oder als wirtschaftlicher Vorteil für Deutschland. Das bedeutet nicht, Bemühungen um Chancengleichheit inhaltlich zu relativieren, sondern ihre Begründungen breiter anschlussfähig zu machen. Bei der Diversitäts- und Gleichstellungsarbeit geht es eben nicht nur um All-Gender-Toiletten oder Sprache, sondern um die Schaffung von Bedingungen dafür, dass alle teilhaben und sicher und gerecht studieren und forschen können. Gerade in einem politisch polarisierten Umfeld kann so der Gefahr entgegengewirkt werden, dass Gleichstellungsarbeit, wie in den vergangenen Jahren, als Projektionsfläche rechter Propaganda genutzt wird.
Wir glauben, dass Universitäten einen wichtigen Beitrag für die Demokratie in Deutschland leisten können und müssen. Durch Empathie, Vertrauensaufbau, regionale Verwurzelung und durch einen Austausch mit jenen Gruppen, die sich von staatlichen Institutionen entfremdet haben. Das heißt nicht, kosmopolitische Werte aufzugeben, sondern, statt nur über Internationalisierung, Diversität und Weltoffenheit auch über Verantwortung für die Region, Generationsgerechtigkeit und ja, sogar Heimat zu sprechen. Es ist für viele von uns ein Schritt heraus aus der (moralischen) Komfortzone. Aber es ist höchste Zeit, dass wir diesen Schritt tun.
Kommentare
#1 - Sehr guter Artikel!
Tatsächlich fehlt auch mir an den deutschen Hochschulen die regionale Identität. Grund dafür ist auch das "Hausberufungsverbot", wodurch Karrieren in den deutschen Wissenschaftseliten oft überregional sind, und keine regionalen Schulenbildung ermöglichen. Wegen der Sprachbarrieren sind Elitekarrieren auch noch zu selten international, womit die nationale Ebene zu stark betont wird und somit nicht nur die AfD, sondern auch viele der angeblichen Antifaschisten zu stark national handeln. Beispiel Verkehrswesen: Da die meisten wissenschaftlichen Eliten national kodiert sind, werden deutsche Schnellfahrstrecken überproportional gegenüber ÖPNV-Projekten, aber auch gegenüber einem europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz betont. Es braucht mehr Europa der Regionen!
#3 - übertriebene Bürokratie
Die beiden Institutionen an der Universität Potsdam (Koordinationsstelle und Graduate School) beschäftigen 24 Mitarbeiterinnen, fast alle sind Frauen. Aber diese sind weder für Forschung noch für Lehre zuständig. Was sie machen, könnte man mit "Wissenschaftsadministration" bezeichnen, etwas unfreundlich als "Bürokratie". Aus deren Sicht sieht die ganze Wissenschaft naturgemäß anders aus als aus Sicht derjenigen, die tatsächlich in Forschung und Lehre arbeiten. In USA bedeutet "Graduate school" etwas gänzlich anderes, die vergibt akademische Grade wie PhD oder Master, da geht es um die Zulassung von Bewerbern und um die inhaltliche Betreuung der Doktoranden. Dort haben die Professoren das Sagen. In Potsdam aber nach eigenen Angaben:
"Als interdisziplinäres Trainings- und Förderzentrum bauen wir Brücken zwischen den verschiedenen Disziplinen. Wir engagieren uns für die Etablierung optimaler Rahmenbedingungen und Betreuungsstandards an der Universität Potsdam. Wir unterstützen bei der Einwerbung von Drittmitteln zur Qualifizierung von Forschenden und nutzen selbst eingeworbene Projektmittel zur Weiterentwicklung unserer Angebote." Man spricht auch von "verbindlichen Qualitätskriterien in der Promotion".
Die Frauenbeauftragte, die es mal gab, wurde zur Gleichstellungsbeauftragten "weiterentwickelt", und jetzt hat man eine 9-köpfige Koordinationsstelle dafür mit einer Leitung und diversen Zuständigkeiten (und Hilfskräften noch dazu). Man kann das alles haben, aber wenn man dies als "essenziell für die Wissenschaft oder die Demokratie" preist, muss man wissen, dass es mit "Resilienz" auch Widerspruch dazu geben wird, und das unabhängig von der AfD. Denn die eigentlichen Aufgaben einer Universität (das sind Forschung und Lehre) werden durch weitere Bürokratie immer nur geschwächt und eben nicht "unterstützt" (das wird nur behauptet, auch wenn es gut gemeint sein mag). Alle Abläufe werden immer komplizierter, und diese "Koordinationsstellen" schlucken auch einige Ressourcen, die dann an anderer Stelle wegfallen. Das eigentlich Fatale ist aus meiner Sicht, dass immer mehr (promovierte) Akademiker an Hochschulen mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt werden und dass diese naturgemäß ihre Aufgaben ausweiten und Beförderungsstellen schaffen wollen und Angst davor haben, "wegrationalisiert" zu werden. Die "deutsche Krankheit": Man baut gutgemeinte Bürokratie auf, und diese entwickelt dann eine Eigendynamik und wächst und wächst. An einer (Gesamt-)Hochschule, an der ich als junger Dozent tätig war, spottete man: "wir haben eine Verwaltung, die sich nebenbei auch noch eine Hochschule hält". An der TH Köln spricht man unter der Überschrift "Diversitätsgerechtes Lehren und Lernen" schon von einem "inklusiven Fakultätsentwicklungsplan". Und man spricht von einer "Toolbox mit Lehr- und Moderationsmethoden, die einen besonderen Blick auf Diversität haben." Das wiederum musste in vielen Arbeitsstunden erarbeitet werden und lenkte von den eigentlichen Aufgaben ab.
Fazit: Irgendwann muss man erkennen, dass man übertrieben hat.
#3.1 - Das ist eine zutreffende Beschreibung...
und hat auch viel mit deutschem Arbeitsrecht und letztlich den Buhlmanschen Reformen zu tun.
Natürlich stehen die Dinge seitdem überall Kopf. Professoren (häufiger noch Professorinnen) sitzen, je nach Fachrichtung, alleine in Büros und korrigieren Klausuren (tls. mit dem Gehalt von Studienräten btw) - und müssen um jeden Euro betteln. Seit neuestem auch auf befristeten Professuren.
Verwaltungsmitarbeiter:innen der oberen, teils sogar mittleren Ebene haben Dauerstellen, steuern ganze Teams und verteilen fünfstellige Budgets für dies und das.
#3.2 - @"eine Verwaltung, die sich nebenbei noch eine Hochschule hält"
Herr Kühnel zeichnet hier das Bild eines übertriebenen Ausbaus des wissenschaftsunterstützenden Personals (wobei er nicht zwischen den verschiedenen Untersützungstätigkeiten differenziert - aber dies wäre ein eigenes Thema, s. z.B. https://www.researchgate.net/publication/394354282_Wissenschaftsmanagement_in_Deutschland). Greifen wir hier also nur seine These des übertriebenen Ausbaus auf und prüfen diese mit den verfügbaren Fakten für die Situation in Deutchland, und lassen dabei die enormen Unterschiede zwischen den Wissenschaftseinrichtungen einmal außer Betracht: #
Dann stellt sich dies Situation gemäß Forschungsliteratur folgendermaßen dar: Otto Hüther und der inzwischen leider verstorbene Hochschulforscher und ehemalige Fachgellschaftsvorsitzende Georg Krücken kamen zu dem Ergebnis, dass es in Folge der Einführung des New Public Management und der neuen Governancestrukturen in Deutschland (anders als in einigen anderen Staaten) nicht zu einer Ausweitung des wissenschaftsunterstützenden Personals kam. Im Gegenteil konnten sie anhand der Daten des Statistischen Bundesamtes (StBA) zeigen, dass der Anteil des hauptberuflich tätigen Verwaltungs-, technischen und sonstigen Personals am hauptberuflichen Personal der Hochschulen von 65 Prozent (1980) auf 55 Prozent (2013) abgenommen (!) hat, während der Anteil des hauptberuflich wissenschaftlichen Personals entsprechend erheblich anstieg (vgl. Hüther & Krücken 2016).
#3.2.1 - Wissenschaftsfreundliche Mehrheiten
Liebe alle, danke für die spannenden Kommentare. Ich fände es schade, wenn wir uns an dieser Stelle in eine interne Diskussion über „Wissenschaft” vs. „Verwaltung” verlieren, während es im Beitrag eigentlich darum geht, sich gemeinsam mit potenziell ändernden politischen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen und diese mitzugestalten. Vielleicht können Sie @Wolgang Kühnel und @Elbe Ihre Punkte noch einmal auf die im Artikel aufgeworfene Frage beziehen?
#4 - Regionale Verwurzelung von Universitäten
"Es gibt aber aktuell unseres Wissens keine Universität, die der regionalen Verwurzelung einen ähnlichen Stellenwert wie der internationalen Vernetzung einräumt."
Dem würde ich mit Optimismus aus der Praxis widersprechen: Die Universität Jena engagiert sich mit einem regionalen Netzwerk, neuen niederschwelligen Public Engagement-Formaten wie dem MitmachFORUM und ab 2027 mit der Einführung eines Wissenschaftsbusses stark für mehr Teilhabe und direkten Austausch mit der Stadtgesellschaft und dem Umland. Auch andere Hochschulen haben in Ostdeutschland ihre Aktivitäten in diesem Bereich ausgebaut.
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