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Wer auf die Zuwendungsgeber schielt, wird die Gesellschaft nicht erreichen

Alle reden vom "March for Science", natürlich auch die Chefs der Wissenschaftsorganisationen. Doch die wichtigste Lektion müssen einige von ihnen noch lernen.

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Artikelbild: Wer auf die Zuwendungsgeber schielt, wird die Gesellschaft nicht erreichen

DIE WISSENSCHAFT MUSS sich stärker der Gesellschaft öffnen, tönt es in diesen Tagen allenthalben. Und es stimmt ja auch: Wenn die Gesellschaft zunehmend Misstrauen gegenüber der Wissenschaft empfindet, kann das nicht nur an der Gesellschaft liegen. Und die Hochschulrektoren und Präsidenten der großen Forschungsorganisation beeilen sich zu versichern: Haben wir doch längst kapiert. In Interviews rechnen sie dann vor, wie sich ihre Kommunikationsabteilungen vergrößert haben in den vergangenen Jahren, sie holen stolz die Hochglanzmagazine hervor und berichten beseelt von Science Slams und Bürgerworkshops. Das Problem, sagen die Chefs dann nicht mehr ganz so öffentlich, sei der immer noch beachtliche Anteil zumeist älterer Wissenschaftler, die sich einfach nicht aus ihrem Elfenbeinturm zerren ließen.

Das Problem ist, dass die Rektoren und Präsidenten, die so argumentieren, komplett daneben liegen. Die Kommunikationsabteilungen sind enorm gewachsen, das stimmt. Doch ihr Potenzial, einen echten Ideenaustausch mit der Gesellschaft zu organisieren, bleibt größtenteils ungenutzt. Und das hat nichts mit den Kommunikationsabteilungen zu tun oder mit vermeintlich unkommunikativen Wissenschaftlern. Es liegt an den Chefs selbst.

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Kommentare

#1 -

Markus Pössel | Di., 18.04.2017 - 13:01
Hm. Die Ausführungen kann ich als sowohl in der Wissenschaft als auch in der Wissenschaftskommunikation tätiger Mensch nur bedingt teilen.



Strategische Ausrichtung: Einerseits sicher auch Zuwendungsgeber; zumindest den Menschen nach, mit denen ich in der institutionellen Wissenschaftskommunikation gesprochen habe, ist eine recht verbreitete Haltung aber auch: Wir profitieren von dem allgemein noch recht wissenschaftsfreundlichen Klima in unserer Gesellschaft (bestimmte umstrittene Forschungsgebiete ausgenommen); das gilt es zu erhalten, und dafür ist direkte Kommunikation mit der, ja, allgemeinen Öffentlichkeit wichtig. Wenn man ehrlich ist: Diejenigen Referenten, denen man stolz eigene Videos etc. zeigen kann, sind nicht diejenigen, die später im großen Stil ...

#2 -

Franz Ossing | Di., 18.04.2017 - 13:22
Klasse Kommentar. Zwei Präzisierungen wären m.E. sinnvoll: a) "Die Kommunikationsabteilungen sind enorm gewachsen, das stimmt." Das nehme ich auch an, würde das aber endlich gern mal quantifiziert sehen: was geht in Presseabteilung, was in Veranstaltungsmanagement, was in Marketing (wenn man das dazu rechnet)? b) Dass "die Öffentlichkeit" sich heute so stark bemerkbar machen kann (was ja begrüßenswert ist), liegt an den neuen, digitaltechnischen Möglichkeiten. Insofern schielt nicht nur die Institutsleitung, sondern auch die Politik nach diesem eigentlichen Zuwendungsgeber. Das ist die eigentliche Erfolgsgeschichte der Populisten.

#3 -

Josef König | Di., 18.04.2017 - 16:49
Lieber Jan-Martin,



so sehr ich sonst Deine Ansichten schätze, bin in diesmal über Deinen Beitrag etwas verwundert. Das mag vielleicht daran liegen, dass Du in der Spitze von Helmholtz gearbeitet hast, während meine Erfahrungen aus der Leitung einer Kommunikationsabteilung einer Universität stammen - und ich glaube nicht, dass in den knapp vier Jahren, seitdem ich dort weg bin, sich so grundlegend alles verändert hat.



Zunächst: Markus Possel stimme ich zu.



Sodann: Das Gespräch mit dem "Zuwendungsgeber" führt nicht die Kommunikationsabteilung, sondern führen Rektoren/Kanzler und ähnliche Chargen oder die Wissenschaftler selbst und alle direkt (Neudeutsch: face to face!)- und sicher nicht ...

#4 -

Jan-Martin Wiarda | Di., 18.04.2017 - 17:26
Lieber Josef, lieber Herr Pössel,

schön, dass Du/dass Sie Schwung in die Debatte bringst/bringen. Besten Dank dafür! Ich freue mich auf weitere Beiträge und bleibe natürlich bei meiner Meinung. Dass es immer Ausnahmen gibt, ist ja klar, oder?

Herzliche Grüße,
Jan-Martin Wiarda

#6 -

EDW | Di., 18.04.2017 - 18:25
Lieber Herr Wiarda,

vielen Dank für Ihren Eintrag.

Sehen Sie jetzt hier die Sternstunde von dem was als Citizien Science bezeichnet wird? Wie "die Bürger" in die Forschungsförderlogik eingebunden werden (können), kann derzeit in den Niederlanden beobachtet werden. Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob eine solche Einbindung wirklich zweckdienlich ist oder einfach nur als neues Spielzeug der Wissenschaftspolitik fungiert. Durch Citizien Science verbessern sich ja nicht notwendigerweise die Rahmenbedingungen für Forscherinnen und Forscher. Bessere Rahmenbedingungen sind jedoch mE eines der notwendigsten Kriterien, um einen aktiven Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu ermöglichen.



Viele Grüße, EDW

#8 -

Th. Klein | Di., 18.04.2017 - 19:56
Ich kann gut verstehen, wenn sich das Personal aus der Wissenschaftskommunikation von dem Beitrag getroffen fühlt. Doch es ist zugleich traurig, dass man sich so schnell auf Abwehr einstellt. Herr Wiarda schreibt, dass „Potenzial, einen echten Ideenaustausch mit der Gesellschaft zu organisieren, bleibt größtenteils ungenutzt.“ sowie „Menschen, die forschen, mit denen ins Gespräch bringen, die sie finanzieren und im besten Fall von ihr profitieren.“ Das ist doch grundsätzlich richtig und wird in der Tat vernachlässigt. Es gibt inzwischen genug Literatur aus der Innovationsforschung, die den Vorteil verdeutlicht, die Gesellschaft bspw. als spätere NutzerInnen, in den Innovationsprozess einzubinden (nicht Citizien Science!). ...

#9 -

Manfred Ronzheimer | Di., 18.04.2017 - 22:14
Vor anderthalb Jahren, im Oktober 2015, gab es im Bundestag eine Anhörung zum Thema Wissenschaftskommunikation, an der auch JM Wiarda teilnahm. Er machte dort gute Vorschläge, speziell zur Verbesserung des Wisseschaftsjournalismus, der in seinem heutigen Text garnicht mehr vorkommt. Sie sind in meiner Zusammenfassung hier nachzulesen: http://www.innomonitor.de/index2.php?id=132&be=3863

Das Traurige an dieser Reminiszenz - zu der auch der Auftrag des Koalitionsvertrages von 2013 gehört, man wolle "neue Formen der Wissenschaftskommunikation" entwickeln - ist, dass aus der Chance nichts gemacht wurde. Die Abgeordnete Daniela de Ridder ist später noch extra zu den Akademien gegangen, um sie inständig zu bitten, der Politik (und ...

#10 -

Jan-Martin Wiarda | Di., 18.04.2017 - 22:31
Vielen Dank wiederum an alle für die engagierten Beiträge.

Speziell in Richtung von M.G.: Vielleicht war das zu flapsig formuliert mit dem "Ich bleibe natürlich bei meiner Meinung". Was ich sagen wollte (und damit auch zum Stichwort Gegenargumente): Ich finde meine Argumente persönlich immer noch stichhaltig. Nur bin ich natürlich nicht der einzige mit guten Argumenten (wie die Diskussion zeigt). Weshalb ich mich sehr darüber freue!

#11 -

Susann Morgner | Mi., 19.04.2017 - 13:26
Ich als in der Wissenschaftkommunikatin (speziell Wissenschafts-PR) Tätige finde auch, dass das o. g. Potenzial noch nicht ausgeschöpft wird. Die Gründe dafür sind bekanntermaßen vielfältig. Und deshalb engagiere ich mich beim March for Science, in der Hoffnung, dass diese - sehr plakative - Form auch dafür als eine Art "Weckruf" betrachtet wird. In vielerlei Richtungen.Wir müssen reden - über wirklich relavante Fragen und mit allen, die dazu beizutragen haben.

#12 -

Hermann Lamberty | Do., 20.04.2017 - 10:42
Lieber Herr Wiarda,



Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass Wissenschaft Kommunikation viel stärker an Otto Normalverbraucher richten muss. Das geschieht aber meiner Ansicht nach zunehmend, zumindest in vielen Presse- und Kommunikationsabteilungen. Für die Presseaktivitäten unseres Hauses (NRW-Wissenschaftsministerium) habe ich z.B. die Devise ausgegeben, dass wir grundsätzlich zunächst an die allgemeine Öffentlichkeit adressieren (also allenfalls in zweiter Linie an Fachjournalisten, an Fachpublikum und erst ganz zuletzt an irgendwelche Kreise, für die ganz konkrete Förderprozedere und -strukturen relevant sind). Ich gehe davon aus, dass an anderen Stellen (wenn auch nicht an allen) ähnlich verfahren wird. Ich teile aber auch ausdrücklich die ...

#13 -

Eveline Lemke | Do., 20.04.2017 - 12:39
Sehr geehrter Herr Wiarda,

Ihr Beitrag ist bedenkenswert. Es ist gut, wenn Sie darauf Resonanz und Widerspruch erhalten, sonst kann sich nichts Neues herausbilden. Dieses Prinzip ist sowohl der Politik als auch der Wissenschaft eigen, das wissen Sie und Sie nutzen das. Aber Manfred Ronzheimer hat in seinem obigen Kommentar auch darauf hingewiesen, was bereits zur Modernisierung der Wissenschaftskommunikation versucht wurde und eben nicht auf Resonanz stieß. Ohne dies hier zu wiederholen, sondern das Argument aufnehmend: Deswegen ist doch der Reflex auf den March for Science so interessant: Bewegt sich die Wissenschaft aus Angst vor Despoten, die zunehmende Tendenz zum ...

#14 -

F .Ossing | Do., 20.04.2017 - 12:41
@ Lamberti und J.König: Die Fragestellung, wie man "die Bürger" einbindet, wird zu kurzsichtig beantwortet. Es handelt sich nicht um die Alternative, ob Ottilie Normalverbraucherin bei der Erforschung der Elemtarteilchenphysik oder "nur" bei Citizen Science eingebunden wird. Übersehen wird: "die Bürger" haben sich längst selbst eingebunden, indem sie wissenschaftsfeindliche Positionen auf dem Wahlzettel angekreuzt haben, in den USA, in der Türkei, in Ungarn... Hier liegt das Defizit sowohl der Wissenschaft als auch der Wissenschaftskommunikation. Der WissensTRANSFER aus der Forschung in die Gesellschaft hinein ist ja Normalzustand, aber die Bevölkerung (und auch beträchtliche Teile der Politik) wissen das gar nicht. Hier ...

#15 -

Volker Meyer-Guckel | Do., 20.04.2017 - 13:47
Die gründliche Erforschung unserer Welt und die anschließende Einordnung der Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, ist die Aufgabe von Wissenschaft. So heißt es auf der Webseite des "March for Science", bei dem es darum geht, die Autorität der Wissenschaft in einer Welt von falschen Fakten und Erzählungen zu bewahren. Es ist nicht bekannt, ob die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert am March for Science teilnimmt. Fakt aber ist, dass Frau Kemfert in ihrem jüngsten Buch und einem Tagespiegel-Artikel drei Tage vor den Spaziergängen für die Wissenschaft sehr eindrucksvolle Einordnungen ihrer Erkenntnisse vornimmt, die in Sätzen münden wie: "Die erneuerbaren Energien und der ...

#16 -

Eveline Lemke | Sa., 22.04.2017 - 18:51
Lieber Herr Meyer-Guckel,

das Politische an der Wissenschaft ist 1. schon die Frage, die wissenschaftlich gestellt wird und 2. die Perspektive, mit der die Antwort gesucht wird. 3. ist politisch, wer die Frage gestellt und 4. wer die Beantwortung bezahlt hat.



Über wessen Freiheit reden wir? Definitionen von Forschungsfeldern sind immer politisch... Würde die Wissenschaft dies anerkennen, wäre es ein Schritt. Diese Erkenntnis hilft, Freiheit wie politische Wirkung zu entfalten!



Und Schauen wir auf Innovationsprozesse in der Wissenschaft: Beginnt die Innovation einer wissenschaftlichen These im Weltbild oder endet sie dort?

Gruß, Eveline Lemke

#17 -

Josef König | So., 23.04.2017 - 01:34
@ossing, Lieber Franz, bei aller Wertschätzung für Dich und Deine Ansichten, gilt dennoch meine Hochachtung Immanuel Kant. Und daher bitte ich Dich, seine Zitate nicht in einer Weise zu verkürzen, die sie fast ins Gegenteil verfälschen. Daher bringe ich an dieser Stelle das komplette Zitat:

"Mit einem Worte: Wissenschaft (kritisch gesucht und methodisch eingeleitet) ist die enge Pforte, die zur Weisheitslehre führt, wenn unter dieser nicht bloß verstanden wird, was man tun, sondern was Lehrern zur Richtschnur dienen soll, um den Weg zur Weisheit, den jedermann gehen soll, gut und kenntlich zu bahnen, und andere vor Irrwegen zu sicheren; eine ...

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