Wir haben ein Integrationsproblem. Aber anders, als viele denken

Viel ist in den vergangenen Monaten von Medientabus die Rede gewesen. Berichten wir Journalisten ausreichend über das Fehlverhalten einiger Flüchtlinge und Migranten, über ihre Anpassungsschwierigkeiten und Bildungsdefizite, oder verharmlosen wir aus welchem Motiven auch immer die Situation? Waren es vergangenes Jahr noch vor allem Anhänger von Pegida und Ablegern, die über die vermeintliche "Lügenpresse" schimpften, stammen die Vorwürfe der Unausgewogenheit seit der Kölner Silvesternacht auch aus gemäßigteren Ecken. Mit erstaunlichen Folgen: Plötzlich lässt kaum noch ein Politiker die Gelegenheit aus, nun aber wirklich einmal den Flüchtlingen klipp und klar zu sagen, dass sie sich bitte auch zu integrieren haben. Nach dem Motto: Integration ist keine Einbahnstraße. Nicht selten schwingt da ein ungesagtes "Das muss man ja wohl noch sagen dürfen" mit. Und unter Journalisten macht sich die Sorge breit, nun bloß nicht zu gutmenschig über die "Flüchtlingskrise" zu berichten, sondern bloß auch die Probleme, die "die Flüchtlinge" haben und verursachen, immer ausreichend mitzunennen. 

 

Ich sitze an meinem Schreibtisch und wundere mich. Das fängt schon bei dem Wort an, das alle jetzt so einfach übernehmen: "Flüchtlingskrise". Klingt fast so, als seien die Geflüchteten das Problem. Als seien nicht die Fluchtbewegungen Folge einer regional-, ja weltpolitischen Krisensituation im Nahen Osten, in Nordafrika und darüber hinaus. Um auch mal etwas klipp und klar zu sagen: Die Tatsache, dass Deutschland und Europa über so viele Jahre so wenig Menschen auf der Flucht zu sehen bekommen haben, war die Ausnahme. Fluchtbewegungen, wie wir sie im vergangenen Jahr gesehen haben, sind die Regel und werden sie bleiben angesichts von Kriegen, Wirtschaftskrisen und weltweiten Instabilitäten. Es kommt darauf an, diese neue Realität zu gestalten, anstatt sich ihr zu verweigern. 

 

Meine Verwunderung geht weiter, wenn ich mir die deutsche Debatte über Integration und den vermeintlich mangelnden Integrationswillen vieler Flüchtlinge anschaue. Im vergangenen Jahr sind 1,5 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen, viele von ihnen entwurzelt und traumatisiert. Macht man sich das klar, ist es geradezu erstaunlich, wie WENIG Gewalt und systematische Kriminalität wir erleben. Zumindest seitens der Geflüchteten. Der allergrößte Teil von ihnen besitzt offenbar einen enorm großen Integrationswillen, sie wollen etwas tun, doch viele von ihnen können nur in den überbelegten Heimen sitzen und abwarten. Bei der Vorstellung frage ich mich manchmal, wie aggressiv ich wohl in so einer Situation werden würde. 

 

Umso mehr Gewalt erleben wir von der anderen Seite. Wer kann noch die Zahl der angezündeten Heime und demolierten Unterkünfte zählen? Wer weiß noch, wie viele Migranten, Geflohene und "anders Aussehende" jeden Tag in unseren Städten bedroht werden? Und wer kann sich vorstellen, was in kleinen Jungs und Mädchen aus Syrien vorgeht, die aus einer Kriegsregion kommend mit ihren Eltern im Bus ins deutsche Hinterland transportiert werden, um dort von einer grölenden Menge empfangen zu werden? 

 

Spätestens seit den Wahlergebnissen vom Sonntag weiß ich: Ja, wir haben ein Integrationsproblem. Aber das betrifft nicht vor allem die Geflüchteten. Es betrifft uns Einheimische. In einer Gesellschaft, in der ein Fünftel und mehr rechte und rechtsradikale Parteien wählen, die vor Überfremdung warnen und vor dem Untergang des "Deutschen" (was soll das eigentlich sein?), müssen wir uns eingestehen, dass da gewaltig etwas schiefgelaufen ist. AfD-Politiker bezeichnen ihre Mitbewerber als "Altparteien" und die Zeitungen und Fernsehsender als "Systemmedien", sie vermengen absichtlich Politik, Medien und Intellektuelle zu einem vermeintlich gemeinsame Sache machenden Establishment, das sich für die "Stimme des Volkes" nicht mehr interessiert. Und: Sie haben Erfolg damit. Sie finden den Beifall eines großen Teils der Öffentlichkeit. Und zwar der Öffentlichkeit, die sich aus unseren öffentlichen Diskursen weitgehend verabschiedet hat und sich irgendwie eine niemals existiert habende Version der 80er Jahre zurückwünscht. DAS ist das wahre Integrationsproblem, das wir haben. 

 

Daraus kann man verschiedene Schlüsse ziehen. Man kann wie Sigmar Gabriel die Forderung stellen, jetzt auch mal was für die "einheimische Bevölkerung" zu tun – oder wie Horst Seehofer fast nur noch über Begrenzung der "Flüchtlingsströme" reden, anstatt über die Ursachen von Flucht und Vertreibung nachzudenken und diese zu bekämpfen. Ein gefährliches Spiel mit dem Populismus, denn im Zweifel beherrschen die hauptberuflichen Populisten von AfD & Co solche Sprüche viel besser. 

Man kann aber auch einfach unbeeindruckt weitermachen. Toleranz und Weltoffenheit erreicht man nicht durch Engstirnigkeit. Es klappt sehr wohl, die Defizite der Geflüchteten und anderer Bevölkerungsgruppen offen zu benennen, ohne ständig in Grundsatzdebatten über Islam und Parallelgesellschaften abzugleiten. Das klappt, wenn man aus den Defiziten und dem Anderssein keine Schuldzuweisungen ableitet, sondern Lösungsstrategien entwickelt. Es ist richtig, dass die Integration der Geflüchteten teuer ist, lange dauert und nicht immer zum Erfolg führen wird. Es ist aber ebenso richtig, dass sich das gleiche über die Integration eines großen Teils der hier geborenen Menschen sagen lässt. Aufgeben dürfen wir weder die einen noch die anderen. 

 

PS: Übrigens habe ich als Bildungsjournalist eine gute Rechtfertigung, diese Zeilen zu schreiben. Ich bin davon überzeugt: Der einzige Weg zur Integration von Deutschen wie von Nichtdeutschen führt über mehr Bildung, mehr Austausch, neue Horizonte. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Erwin Amann (Donnerstag, 17 März 2016 15:29)

    Wenn wir Menschen integrieren wollen, so müssen wir sie vor allem und in erster Linie willkommen heißen. Es gibt großartige Beispiele dafür in Deutschland aber auch in Österreich. Nicht jeder muss persönlich einen Flüchtling aufnehmen. Jeder sollte aber denjenigen, welche es machen mit Hochachtung begegnen. Wer jedoch Flüchtlingsheime, ob belegt oder noch nicht, anzündet, wer die Flüchtlinge beschimpft und angreift, der säht Gewalt und darf sich nicht wundern, wenn er schließlich auch Gewalt erntet. Vielen Dank Dr. Wiardia für Ihren ausgezeichneten Beitrag.