Die Rede vom Großen Wurf

 

Wer behauptet, Wissenschaftspolitik sei etwas für Langweiler, wurde in den vergangenen Monaten eines Besseren belehrt. Das Verhandlungsdrama zwischen Bund und Ländern um zwei neue Programme und die Zukunft der Exzellenzinitiative hat die Wissenschaftler in Atem gehalten, hat für erregte Diskussionen gesorgt an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Und auch wenn die Wissenschaftspolitik das sicher nicht bezwecken wollte mit ihrer betulichen Geheimniskrämerei: Gerade dadurch hat sie die Fantasien und die Streitlust vieler Beobachter angestachelt.

 

Am Freitag nun hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen gesprochen, und das Interesse an ihren Beschlüssen war so groß, dass die GWK-Website zwischenzeitlich unter der Masse der Anfragen zusammenbrach.

 So groß die Erwartungen waren, so schnell waren sich fast alle Kritiker einig: Kein großer Wurf. Wieder mal. Weder das Programm „Innovative Hochschule“ noch der Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs. „Die Bedarfe der Hochschulen sind nicht ausreichend getroffen worden“, monierte die Hochschulrektorenkonferenz; „Gut, aber nicht gut genug“, befand die Bildungsgewerkschaft GEW, und der grüne Forschungssprecher Kai Gehring kommentierte: „Die Problemzonen bleiben.“  

 

Stimmt ja auch: Mit 1000 Tenure-Track-Stellen lässt sich der Professorenmangel nicht beseitigen. Und was die „Innovative Hochschule“ angeht: Hätte man so ein Programm nicht auch mal ausschließlich den Fachhochschulen gönnen können? Und ist es fair, fragen manche, dass bei der Exzellenzinitiative die harte Forschung gefördert wird, die Fachhochschulen und kleinen Unis bei „ihrem“ Programm aber vor allem ihre neuerdings so genannte „Dritte Mission“ stärken sollen – wo doch alle wissen, dass die Forschung an sich in der Wissenschafts-Hackordnung ganz oben steht? 



 

Das kann man alles so sehen – und trifft damit doch nicht den Kern. Wieso erwartet ein Hochschulsystem, dessen Finanzierung im Wesentlichen auf dem Engagement der einzelnen Bundesländer beruht, die große Rettung eigentlich immer vom Bund? Warum glauben wir, der Bund könne finanzieren, was viele Bundesländer sträflicherweise vernachlässigt haben? Und warum erlauben wir einigen Bundesländern, sich immer mit ihrer Budgetknappheit herauszureden, um dann anschließend auf den Bund zu zeigen, dass der gefälligst mehr tun solle?



 

Was der Bund tun kann, was er in einem föderalen System tun sollte, das hat er getan. Er hat neben der Exzellenzinitiative zwei neue Programme auf den Weg gebracht, die Anstoß geben sollen zu mehr. Nie wurde an deutschen Hochschulen das Thema Tenure Track so intensiv diskutiert wie jetzt, und noch wichtiger: Wenn Hochschulen in den nächsten Monaten an Konzepten zur Personalentwicklung und Karriereplanung feilen werden, ist das ein enormer Fortschritt in unserer immer noch Ordinarien-zentrierten Hochschulwirklichkeit. Das Thema Wissenstransfer in Gesellschaft und Wirtschaft findet endlich ein wenig mehr der Beachtung, die ihm zusteht. Und wenn Fachhochschulen jetzt selbstbewusst – und zu Recht! – einen faireren Zugang zu Forschungsdrittmitteln einfordern, dann tun sie das, weil sie merken, dass der Wind sich gedreht hat. Weil die Wissenschaftspolitik sie mit einem Programm wie der „Innovativen Hochschule“ systematisch aufwertet als Teil eines nun schon Jahre dauernden Prozesses. 

 

Ein großer Wurf, das Ganze? Nein. Aber genau das, was wir erwarten durften. Der Bund hat seine Mission für den Augenblick erfüllt. Nun sind wieder die Länder dran.

Dieser Kommentar ist in einer leicht gekürzten Version heute auch im ZEITChancen Brief erschienen. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Verwundert (Montag, 23 Mai 2016 08:45)

    "Wieso erwartet ein Hochschulsystem, dessen Finanzierung im Wesentlichen auf dem Engagement der einzelnen Bundesländer beruht, die große Rettung eigentlich immer vom Bund?" fragen Sie? Weil der Bund ein riesiges Brimborium darum macht! Das ehemalige Hoheitsgebiet der Länder hat der Bund sich - und sei es auch nur öffentlichkeitswirksam - zu eigen gemacht und damit natürlich den Fokus auf sich selbst gelenkt. Und viel von der Kritik an den Programmen rührt auch genau daher - dass der Bund eine enorme öffentliche Wahrnehmung anstrebt, aber natürlich nur initiiert oder pointiert unterstützt. Das führt zu einem unausgeglichenen Bild, es führt dazu, dass in der Exzellenzinitiative eine Debatte über die Lehre geführt wird, ohne dass 85% der Menschen, die sich da aufregen, überhaupt wissen, dass es auch Pakte für die Lehre gibt. Ich frage, warum wird sie nicht bei deren Verabschiedung darüber aufgeregt, was diese beinhalten oder nicht?
    Und kommt nicht das Thema Tenure Track aus einem Bundesland?

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Montag, 23 Mai 2016 09:00)

    @Verwundert: Ich stimme Ihnen zu. Schon Namen wie Nachwuchspakt wecken Erwartungen, die völlig übersteigert sind. Nur entschuldigt dieses Rettergetue nicht die Bundesländer, finde ich.
    Beste Grüße,
    Ihr J-M Wiarda