Hillary Clinton will Studiengebühren abschaffen

Vergangene Woche hat Bernie Sanders angekündigt, Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur zu unterstützen. Wer sich fragte, welchen Preis Clintons härtester innerparteilicher Konkurrent für seinen Schwenk verlangen würde, hat jetzt die Antwort. Nein, der 74 Jahre alte Sanders will keinen Posten. Sondern eine milliardenschwere Entlastung für Amerikas Studenten: Clinton hat überraschend versprochen, im Falle ihres Wahlsiegs die Studiengebühren an staatlichen Hochschulen abzuschaffen. Gleichzeitig will sie jenen Studenten helfen, die bereits über beide Ohren verschuldet sind. Ihr Versprechen an die Studenten von gestern, heute und morgen hat sie im Detail auf Ihrer Website aufgeschrieben. 

 

Es wäre eine radikale Wende, fast zu schön um wahr zu sein in einem Land, in denen die Kosten für einen Vier-Jahres-Bachelor seit 2006 um 40 Prozent gestiegen sind, in dem die Bundesstaaten seit 2009 die Budgets der staatlichen Hochschulen um ein Fünftel zusammengestrichen haben. 1200 Milliarden Dollar Studienkredite haben Absolventen angehäuft, macht 30.000 Dollar pro Schuldner. Alles Zahlen, die bislang Sanders in kaum einer Rede ausließ und Clinton neuerdings auf ihrer Website zitiert.

 

Die Antwort lautet nun also: freies Studium für alle? Nicht ganz. Nur für Studienanfänger, deren Familieneinkommen unter 125.000 Dollar liegt – was laut US-Census jedoch für rund 80 Prozent aller Haushalte gilt. Als Gegenleistung sollen die Studenten 10 Stunden pro Woche arbeiten. Und das kostenfreie Studium gilt nur für den Bachelor und nur in dem Bundesstaat, in dem die Studenten auch zur Schule gegangen sind.

 

Kritiker sprechen von einem Programm, das die Gesellschaft auseinandertreiben werde – weil es auf Kosten der Wohlhabenderen finanziert werden soll. Sie erwarten Kosten von 450 bis 500 Milliarden Dollar auf zehn Jahre. "Hillary Clinton versteht das Problem nicht", schreibt die Wirtschaftsjournalistin Megan McArdle. Die Verschuldung wegen Studiengebühren sei gar nicht so hoch, und die demokratische Hoffnung, dass mehr Bildung die Probleme der Vereinigten Staaten lösen könne, sei kaum auf Evidenz zu gründen. "Wenn der Plan umgesetzt ist, muss Amerika immer noch die Kranken- und Sozialversicherung, das Rentensystem, die Behindertenversicherung und andere Programme in Ordnung bringen." Doch wer werde dann dafür bezahlen, wenn die Reichen schon für die Studiengebühren aufgekommen seien?

Man mag McArdles widersprechen: In den USA, wo sich wirtschaftlicher Liberalismus gern einmal mit politischem Konservatismus verbindet, hat eine solche Argumentation viele Unterstützer. Weswegen es nicht wundert, dass Clinton, die auf eine breite Mehrheit abzielt, erst durch Sanders Richtung "free tuition" gepusht werden musste.

Sogar sozialliberale Hochschulforscher wie Philip Altbach vom Boston College tun sich schwer mit kostenlosen Unis. Er sagt: "Wer Studiengebühren abschafft, alimentiert diejenigen, die es gar nicht nötig haben." Die Einkommensgrenze sei mit 125.000 Dollar viel zu hoch gesetzt, so dass der Mittelstand unnötig subventioniert werde. "Die können es sich leisten zu zahlen, zumal die Schulden der Absolventen von staatlichen Colleges im Schnitt sehr viel niedriger als 30.000 Dollar sind." Viel wichtiger sei es, den wirklich armen Studenten mit mehr echten Stipendien, also auch für den Lebensunterhalt, zu helfen. 

 

Allerdings bestätigt auch Altbach, dass die Studiengebühren in den vergangenen zwei Jahrzehnten in vielen Staaten zu stark angestiegen seien. "Die Antwort darauf kann aber nicht sein, sie ganz abzuschaffen, sondern sie wieder auf ein verträgliches Maß zu senken."

 

Unabhängig von der Wertediskussion: Auch ganz praktisch werden die Verhandlungen mit den Bundesstaaten, die ja für die Hochschulen zuständig sind, kompliziert und langwierig: Wie kann Clinton sicherstellen, dass sie die Bundesmilliarden nicht dazu nutzen, ihre eigenen Haushalte zu sanieren? Ein Problem, das der deutschen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka allzu bekannt vorkommen dürfte.

 

Dennoch: ein zukunftsweisender Plan, den die designierte demokratische Präsidentschaftskandidatin da verkündet hat und der viele Wähler inspirieren dürfte. Strategisch schlau ist er insofern auch: So kann Clinton einen guten Teil der jungen Amerikaner, die bislang Sanders durch seinen unvergleichlich enthusiastischen Wahlkampf trugen, zu sich herüberziehen. Entsprechend ausdauernd verbreitet ihr Team die frohe Botschaft seit Tagen über die sozialen Netzwerke. 

 

Sollte Clinton Präsidentin werden und Wort halten, es wäre ein Zeichen, dass Amerikas Hochschulsystem nach Jahren des Stillstands wieder einmal dabei ist, sich neu zu erfinden.

Dieser Beitrag erschien in gekürzter Version heute auch im ZEITChancen Brief. 

NACHTRAG vom 21. Juli: In der ursprünglichen Version des Artikels stand "1200 Billionen Dollar Studienkredite". Ich wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass es im Deutschen "1200 Milliarden Dollar" heißen muss. Habe ich jetzt im Text korrigiert. 

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