Debatte: Die Zukunft der Forschung (I)

Von Zeit zu Zeit veröffentliche ich in meinem Blog die Beiträge von Gastautoren, um den unterschiedlichsten Perspektiven mehr Raum zu geben. Heute macht Klaus Diepold von der Technischen Universität München einen kühnen Vorschlag. Bevor Sie drüber urteilen, lesen Sie den Text bitte zu Ende – und dann diskutieren Sie gern mit!

Forschungsförderung per Lotterie
Von Klaus Diepold

Erfolgreiche Forschungsförderung baut auf der wissenschaftlich hohen Qualität von Forschungsanträgen auf. Entsprechende Peer-Review Verfahren stellen sicher, dass nur die besten Projektvorschläge gefördert werden. Peer-Review Verfahren sind der einzige verlässliche Weg objektive Begutachtung von Projektideen zu gewährleisten. Soweit die Folklore zum Thema Projektbegutachtung und öffentliche Forschungsförderung.

Die Wahrheit ist: So, wie sie soll, funktioniert sie schon lange nicht. Wir ersticken in Anträgen und Begutachtungen. Darum mache ich einen einfachen, aber ernst gemeinten Vorschlag: Lasst uns lieber eine Lotterie daraus machen. 

 

Doch der Reihe nach. 

 

Antragsteller für Forschungsförderung, sei es bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder auch bei verschiedenen EU-Rahmenprogrammen, können berichten, dass sie nach mehreren Monaten Begutachtungsprozess des Öfteren Entscheidungen und Kommentare zurückgemeldet bekommen, die erhebliche Zweifel an der Kompetenz, der Sorgfalt oder sogar an der Objektivität der Gutachter aufkommen lassen. Die Qualität der Gutachterkommentare steht in solchen Fällen nicht im Verhältnis zur geforderten Qualität der Anträge oder auch nicht im Verhältnis zu dem in die Begutachtung investierten Aufwand an Zeit und Geld. Es gibt auch Fälle, bei denen Anträge negativ beschieden werden, die fachlich insgesamt positiv bewertet wurden, die aber in der Zielsetzung oder in der vorgeschlagenen Methodik als zu ambitioniert eingeschätzt werden oder aber zu stark vom Mainstream in der jeweiligen Community abweichen und somit mit einem erheblichen wissenschaftlichen Risiko verbunden sind. Inkrementelle, vorhersagbare Forschungsvorhaben mit geringem Risiko werden oft bevorzugt.

 

Natürlich gibt es auch hochqualitative Begutachtungen, aber deren Anteil nimmt bei der zunehmenden Evaluitis naturgemäß ab. Interessanterweise gibt es Studien, die empirisch belegen, dass sich bei einer Begutachtung durch Fachexperten oft kein konsistentes Bild ergibt. Die Bewertungen von Anträgen schwanken außerordentlich stark und daher ist die Reihung von Anträgen eher ein Zufallsprozess und weniger durch die Qualität der Anträge determiniert. Besonders schwer tun sich die Gutachter bei der Differenzierung und konsistenten Reihung von guten Anträgen. Diese beobachtete Inkonsistenz der Begutachtung fällt dann ins Gewicht, wenn die Erfolgsquote unter einen bestimmten Wert fällt (zum Beispiel kleiner als 30 Prozent).

 

In der Forschungsförderung haben wir häufig die Situation, dass es eine große Anzahl hinreichend guter Anträge gibt, dass aber nur Geld für eine kleine Anzahl von Projekten zur Verfügung steht (Erfolgsquote rund fünf Prozent bei EU-Anträgen). Die Förderentscheidung für ein Projekt verkommt unter diesen Umständen bei allem guten Willen der Agierenden zu einem Zufallsprozess, vulgo, zu einer Lotterie. Wer schon mal bei der EU als Evaluator aktiv war oder weiß, wie entsprechende Diskussionen im Senat der DFG ablaufen, kann diesen Befund sicher nachvollziehen.

 

Die Zufälligkeit der Förderzusage kann für die Antragsteller problematisch sein, weil die erfolgreiche Einwerbung von Drittmitteln im Rahmen der Forschungsförderung bereits als Qualitäts- oder Leistungsmerkmal für Wissenschaftler gilt und somit als Kriterium für deren beruflichen Aufstieg dient, zum Beispiel im Rahmen eines Entfristungsverfahrens für Professoren oder bei der Bemessung von Leistungszulagen. Dadurch erhalten karriererelevante Entscheidungen für Wissenschaftler einen zufälligen Anteil, der von den Entscheidern nicht transparent als solcher wahrgenommen wird.

 

Untersuchungen zeigen aber auch, dass Gutachter sehr gut die wirklich schlechten Anträge identifizieren können, also die Anträge, die für eine Förderung überhaupt nicht in Frage kommen. Aus diesen empirischen Befunden ließe sich ein alternatives Verfahren konstruieren, um Projekte für die Förderung auszusuchen. Nach dem Motto: Wenn schon Lotterie, dann aber richtig.

 

In einem ersten Schritt sortieren Gutachter mittels Peer-Review Verfahren anhand von einfach überprüfbaren Kriterien die 30 Prozent schlechtesten Anträge aus. Die zu fördernden Projekte werden dann in einem zweiten Schritt aus den verbleibenden 70 Prozent per Los ausgewählt. Das klingt erst mal verrückt, aber dieser offensichtliche Lotterieaspekt bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich.

 

Ein Effekt wäre, dass die Karriereentscheidungen sich wieder stärker an veröffentlichten Ergebnissen orientieren würden und nicht auf einem Kriterium fußen, das offensichtlich auf Zufall beruht. Die Lotterie vereinfacht die Begutachtung und hilft Zeit und Geld zu sparen, was letztendlich wieder der Forschung zugute käme. Die Gutachter würden entlastet und kein Wissenschaftler wäre bei Ablehnung mehr verärgert oder gar entmutigt, nur weil er bei der Lotterie leer ausgegangen ist. Genauso wenig kann sich ein Wissenschaftler im Erfolgsfall damit profilieren, dass er lediglich in einer Lotterie gewonnen hat. Die Forschungslandschaft würde von einer höheren Vielfalt von Anträgen mit höherem Risiko oder höherem Innovationspotential profitieren und die übermäßige Förderung von Modethemen würde verhindert. Eine Lotterie macht die Entwicklung von Seilschaften oder andere Formen der Manipulation unmöglich, vermeidet Interessenkonflikte und gibt außergewöhnlichen Forschungsthemen eine reale Chance.

 

Der Lotteriegedanke ließe sich in vielerlei Weise ändern und anpassen (zum Beispiel mehr Lose für erfolgreich publizierende Wissenschaftler), ohne seinen grundsätzlich rationalen Charakter zu verlieren. Liebe DFG, lieber European Research Council, wäre es nicht einmal einen Versuch wert? Am Ende könnte sich eine solche Lotterie als aufwandssparendes, grundständig faires und nicht manipulierbares Konzept erweisen.

Klaus Diepold ist Professor für Datenverarbeitung an der TU München und Geschäftsführer einer Organisationsberatungsfirma. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Anja Stürzer (Dienstag, 06 September 2016 15:47)

    Hervorragende Idee! Ein Lob dem Verfasser, der es wagt, im Forschungsamazonas gegen den Strom zu schwimmen. Schade nur, dass dieser Weckruf vermutlich weitgehend ungehört verhallen wird, und somit die alten Seilschaften weiterhin das Wasser auf ihre Mühlen lenken können...