Willkommensklassen an Gymnasien – geht das?

Das Viktoria-Gymnasium in Essen steht direkt neben der Autobahn und nur ein paar 100 Meter vom Schienengewirr des Hauptbahnhofs entfernt. Es ist eine Schule mit Tradition, ein weißgetünchter Schulbau aus der Kaiserzeit. Doch das Bildungsbürgertum ist längst aus den Zentren der Ruhrgebietsstädte verschwunden. Für Gymnasien wie das Viktoria eine existenzbedrohende Entwicklung. Daher hat sich das Kollegium für die Flucht nach vorn entschieden und ist dabei, sich neu zu erfinden. Drei Seiteneinsteiger-Klassen lernen dort mittlerweile. Anderswo heißen sie Willkommensklassen, in NRW jedoch ist Seiteneinsteiger die Umschreibung für Kinder, die neu sind in Deutschland und nicht genügend Deutsch sprechen, um am regulären Schulunterricht teilzunehmen. Allein 3000 davon leben zurzeit in Essen, die meisten von ihnen sind als Geflüchtete im vergangenen Jahr gekommen. 

 

60 Kinder aus Syrien und dem Irak, aus Somalia und Mazedonien, aber auch aus Italien und Bulgarien lernen in den Seiteneinsteigerklassen des Viktoria-Gymnasiums. So kommt es, dass plötzlich Gymnasiallehrer Kinder unterrichten, die nicht sicher im Zahlenraum bis 100 rechnen können und zum ersten Mal in ihrem Leben ein Wörterbuch sehen. Was macht das mit einer Schule, wie reagieren die Lehrer – und vor allem: Wie  sinnvoll ist das für die Kinder?

 

Ich bin nach Essen gefahren und habe mir die Schule angesehen, habe den Schulleiter getroffen und engagierte Lehrerinnen wie Sabine Husemeyer oder Mareike Hartmann, die den Kindern aus eigener Tasche Stifte und und Hefte bezahlt. Ich habe aber auch erfahren, wie die Extra-Stunden für Seiteneinsteiger gelegentlich dafür herhalten müssen, in anderen Klassen Versorgungslöcher zu stopfen. Am Ende ist es wie so oft: Nicht die Schulform entscheidet, sondern das Konzept, das eine Schule hat. Und das Konzept, sind wir mal ehrlich, sind am Ende die Lehrer, die dort unterrichten. Die Lehrerinnen, die ich getroffen habe, krempeln die Ärmel hoch und wollen die Integration ihrer Schüler. Auch wenn das bedeutet, dass Sie dafür ab und zu auf die Barrikaden steigen müssen.

 

All das können Sie nachlesen in meiner Geschichte, die heute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist. Leider noch nicht online. Also falls Ihnen heute eine FAZ in die Hände fällt, blättern Sie doch mal auf Seite 6.  

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