Der Streit ums Anthropozän: Das Ende der Geschichte?

Berlin von oben. Foto: NASA Goddard Space Flight Center (CC BY-SA 2.0)
Berlin von oben. Foto: NASA Goddard Space Flight Center (CC BY-SA 2.0)

Manfred Menning  hat es schon vorher gewusst. "Ich hoffe sehr, dass der Begriff nicht in die Geologie eingeführt wird", sagte der Geologe vom Geoforschungszentrum in Potsdam Ende August auf der Website der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Begriff heißt "Anthropozän" (wörtliche Übersetzung: Das vom Menschen gemachte Neue) und ist seit einigen Jahren schwer in Mode bei allen, die nach einer griffigen Beschreibung suchen für die Wirkungsmacht, mit der wir Menschen den Planeten Erde verändert haben. 

 

Tatsächlich ist es frappierend, dass in den vergangenen Jahrtausenden eine menschliche Zivilisation nach der anderen (und keine so stark wie die heutige) die globalen Lebensräume umgestaltet hat, das Klima beeinflusst, die Meere verschmutzt und sich an Flora und Faune bedient hat, wie sie es gerade brauchte, und doch die geologische Epoche im Jahr 2016 offiziell noch dasselbe ist wie im Jahr 8000 vor Christus: das so genannte Holozän, dessen Beginn gemeinhin mit einem starken Temperaturanstieg vor 11650 Jahren definiert wird. 

 

Und genau auf dieses Holozän hat eine  Gruppe einflussreicher Forscher vor einigen Tagen auf dem 35. Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt einen Generalangriff gestartet. Beauftragt von der "Internationalen Stratigraphischen Kommission" haben die 35 Wissenschaftler nach sieben Jahren einen Bericht vorgelegt, demzufolge "Anthropozän" nicht nur das Modewort der Stunde ist, sondern der Faktor Mensch tatsächlich ausschlaggebend geworden ist für das Erscheinungsbild unseres Planeten. Was wiederum die Einführung des Begriffs in die Geologie rechtfertige. 

 

Warum aber gibt es dann so viele Skeptiker wie Manfred Menning, der acht Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Stratigraphischen Kommission war? Eine Antwort gibt Ralf Nestler im Tagesspiegel. Sie sei das Heiligtum der Geoforscher: "eine Tabelle, in der die gesamten viereinhalb Milliarden Jahre des Planeten untergliedert sind in Abschnitte wie Kambrium, Jura oder Quartär. (...) Für Geologen ist diese Zeitskala so wichtig wie das Periodensystem der Elemente für Chemiker." Irgendwie nachvollziehbar: Eine Wissenschaft, die in Zeitschritten von Tausenden und Millionen Jahren rechnet, muss naturgemäß konservativ agieren. Das Holozon als jüngster Zeitabschnitt der Erdgeschichte ist zum Beispiel dem Zeitalter des Quartärs zugeordnet, das nach Definition der Geologen wiederum vor zwei Millionen Jahren begonnen hat. 

 

Womöglich sind die Argumente, auf welche die Befürworter eines neuen geologischen Zeitabschnitts (oder sogar eines neuen Erdzeitalters?) ihr Plädoyer gründen, tatsächlich nicht so stark, wie sie zunächst aussehen mögen. Geologie ist nicht Politik, und nur weil wir uns politisch schnell einig werden, dass der Mensch die Macht und Kraft hat, den Planeten Erde zu bewahren oder zu zerstören, so lautet die entscheidende geologische Frage anders und wird am deutlichsten von Ralf Nestler, selbst Geologe, formuliert: "Was nützt ein neues Erdzeitalter?" Gleich darauf gibt Nestler sich selbst die Antwort: "Für die praktische Arbeit im Gelände gar nichts."

 

Natürlich hinterlassen wir Menschen mit unseren Siedlungen und Verkehrswegen, mit unserem Bergbau und unserer Landwirtschaft nicht nur auf der Oberfläche der Erde unsere Spuren; wir beschleunigen auch die Erosions- und Sedimentierungsprozesse, wir verteilen Mikroplastik, Quecksilber und Aluminium über den Planeten, wir verändern die Zusammensetzung von Luft und Wasser mit Kohlenstoff, Stickstoff und Flugasche. Doch gleichzeitig gehen alle nicht vom Menschen zu verantwortenden geologischen Prozesse weiter, so dass die Entscheidung der Wissenschaftler am Ende lautet: Wollen sie diese natürlich ablaufenden Ereignisse in den Vordergrund stellen (und damit womöglich eine Verlängerung des Holozäns) oder lieber die menschlichen Zutaten, die das Gesamtbild am Ende natürlich unwiderruflich verändern? 

Nestler schreibt, das Anthropozän sei etwas für Aktivisten, aber nichts für Geologen. Menning sieht das ähnlich: Der Begriff sei "vor allem politisch und nicht geologisch geprägt". Sicherlich ist es am Ende zu einfach, die gegenwärtige Debatte zu einer Auseinandersetzung zwischen Natur- und Sozialwissenschaftlern zu machen. Aber um die unterschiedlichen Positionen zu verstehen, hilft diese Deutung dann doch. 

 

Eine Frage indes stellen sich weder die einen noch die anderen. Wenn wir jetzt das Anthropozän ausrufen, was bleibt uns dann noch? Ein bisschen käme mir die Einführung dieser neuen Epoche vor wie das, was Francis Fukuyama mit Bezug auf die internationale Politik 1992 als "Ende der Geschichte" bezeichnet hat. Mit dem Überwinden des Kalten Krieges, schrieb Fukuyama, werde sich die liberale Demokratie als Ordnungsmodell weltweit durchsetzen, womit die Auseinandersetzung zwischen den politischen System und Modellen (und damit die Geschichte als dynamischer Prozess) ein für alle Mal beendet sei. Ist irgendwie nicht so gekommen.

 

Mit Bezug auf die geologische Erdgeschichte: Wenn wir jetzt im Anthropozän leben, ist das der Weisheit letzter Schluss? Gehen wir davon aus, dass wir Menschen die Erde bis ans Ende aller Tage begleiten und dass gleichzeitig alle natürlichen geologischen Prozesse zum Erliegen kommen? Machen wir Menschen uns damit nicht wichtiger für die Erdgeschichte, als wir tatsächlich sind? Oder haben wir, zynisch formuliert, die Vermutung, dass die endgültige Zerstörung des Planeten durch den Menschen ohnehin kurz bevor steht, so dass wir uns solche Gedanken nicht mehr machen müssen?

 

Um die spannendste Frage noch einmal anders zu formulieren: Wenn jetzt das Anthropozän herrscht, würde ich gern wissen, welches Erdzeitalter danach kommt. Ich fürchte aber, wir alle werden es so oder so nicht mehr erleben. 

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