Nur 19 Prozent der möglichen Studiengänge integriert: Kultusminister schlagen Alarm bei digitaler Studienplatzvergabe DoSV

Der Webauftritt der Stiftung für Hochschulzulassung
Der Webauftritt der Stiftung für Hochschulzulassung

Die Bundesbildungsministerin war voll des Lobes. Endlich, jubelte sie, werde das sich jährlich wiederholende bundesweite Zulassungschaos bei der Studienplatzvergabe enden. Keine Bewerber mehr, die monatelang auf eine Zusage warten und dann mitunter leer ausgehen, während anderswo Plätze frei bleiben. 15 Millionen Euro spendierte die Bundesregierung für ein System, das international Maßstäbe setzen sollte: eine Onlineplattform, die Studienbewerber und Wunschhochschulen zusammenbringt, per Datenabgleich in Echtzeit. Die begeisterte Ministerin hieß Annette Schavan, und ihr Jubel stammt aus dem Jahr 2009. 

Sieben Jahre später geht die Dauerkrise beim "Dialogorientiertes Serviceverfahren" (DoSV, sprich: "Dosfau") in die nächste Runde. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Kapitel und Unterkapitel der zumeist unerfreulichen Geschichte des Systems zu wiederholen. Sie handelt von überforderten Projektleitern, versagenden Software-Schnittstellen und einem immer aufs Neue startenden Pingpong-Spiel zwischen Bund und Ländern, zwischen Politik und Hochschulen, zwischen Wissenschaft und Softwareanbietern um die Frage, wer denn nun die Verantwortung an der Misere trägt. Zuletzt hinzu kam eine juristische Komponente um vermeintlich gegen EU-Regeln verstoßende Beihilfen für den staatlichen Software-Dienstleister HIS.

 

Und jetzt also Neues aus Dortmund, wo die für DoSV zuständige Stiftung für Hochschulzulassung residiert. In einer internen Sitzung der KMK schlug Thomas Grünewald, Vorsitzender der Amtschefskommission "Qualitätssicherung an Hochschulen", Alarm. Grünewald, zugleich Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung für Hochschulzulassung, berichtete, zwar nehme die Zahl der Hochschulen, die sich mit Studiengängen an dem zentralen System beteiligten, zu, doch bleibe der Aufwuchs hinter den Erwartungen zurück und verlangsame sich. Zitat aus dem Sitzungsprotokoll: "Eine nähere Betrachtung der Zahlen mache deutlich, dass von ca. 4.000 örtlich zulassungsbeschränkten Studienangeboten letztlich lediglich 19 Prozent am DoSV teilnehmen." 19 Prozent. Eine nach all den Jahren an sich schon pikante Zahl. Was die Sache noch problematischer macht: Die Ministerpräsidenten haben bei einer ihrer regelmäßigen Konferenzen die Vorgabe beschlossen, dass eine "flächendeckende Anbindung" erreicht werden soll – und zwar bis zum Wintersemester 2018/19. Von 19 auf 100 Prozent in zwei Jahren – und das, wo schon die ersten 19 Prozent sieben Jahre gedauert haben?

Eine Zuspitzung, die Thomas Grünewald, Wissenschaftsstaatssekretär in NRW, so nicht stehen lassen will. Auf Nachfrage räumt er die Probleme unverwunden ein, betont jedoch, man dürfe den "aktuellen Umsetzungsstand nicht rein quantitativ bewerten. Qualitativ betrachtet ist die Situation günstiger, obgleich nicht zufriedenstellend.“ So versteckten sich hinter den 19 Prozent viele derjenigen Fächer, bei denen ein funktionierender zentraler Bewerbungsabgleich besonders wichtig sei: die Psychologie zum Beispiel, wo 100 Prozent der Studiengänge durch DoSV erfasst würden. "Die positiven Koordinierungseffekte sind deutlich sichtbar", sagt Grünewald. "Überzählige Mehrfachbewerbungen in den teilnehmenden Studiengängen werden massiv vermindert." 

 

Wobei Psychologie ein Einfach-Studiengang ist. Besonders niedrig ist die Umsetzungsquote bei Mehrfachstudiengängen. Auch das bestätigt Grünewald: Das Problem liege "derzeit noch an der unzureichenden Programmierleistung einzelner lokaler Campus-Management-Systeme". Was für Nichttechniker übersetzt heißt: Die Software der einzelnen Hochschulen und DoSV verstehen sich nicht. Da fast jede Hochschule über die Jahre ihre von den Software-Schmieden (zumeist HIS) gelieferten Anwendungen angepasst, aufgestockt und umgeschrieben hat, muss für die Mehrfach-Studiengänge auch für jede einzelne Hochschule ein eigenes Verbindungsstück zu DoSV programmiert werden. 

 

Von einem „Flickenteppich“ spricht KMK-Kommissionschef Grünewald, wenn er nach dem unterschiedlichen technischen Stand der Campus-Management-Systeme an deutschen Hochschulen gefragt wird. "Wir werden dieses Thema in einer eigenen Arbeitsgruppe behandeln." Eine respektable Ankündigung, allerdings ist das mit dem Flickenteppich als Lagebeschreibung so neu ebenfalls nicht: Schon 2012 klagten Wissenschaftspolitiker und Softwareexperten über eben diesen als Ursache aller Verzögerungen.


Technisch immerhin scheint das Problem längst gelöst zu sein, doch, so sieht es Grünewald, jetzt kommen die Software-Anbieter nicht hinterher: "Bisher ist es leider nicht gelungen, die technische Nachrüstung in erforderlichem Umfang zu bewerkstelligen." Fehlen also schlicht die Technikexperten? Werden die Hochschulen Opfer des so häufig beklagten IT-Fachkräftemangels? 

 

Die Software-Anbieter, darunter die staatliche HIS, aber auch private Unternehmen wie Hamburger Datenlotsen, bestreiten das: Sehr wohl könnten Hochschulen, die das wollten, auch für den Mehrfachabgleich ans System angeschlossen werden.  


So bleibt die Lage unübersichtlich. Die Lösungsvorschläge, die die KMK-Amtschefs diskutiert haben, klingen denn auch zum Teil hilflos, zum Teil überraschend ambitioniert. Hilflos: Die Staatssekretäre wollen "die Problematik der Campus-Management-Systeme und der Digitalisierung des Bewerbungsprozesses" in der KMK-Strategie zur "Bildung in der digitalen Welt" adressieren. Das Papier soll Ende des Jahres vorliegen. Ambitioniert: Die Situation werfe die Frage nach der Notwendigkeit einer Standardisierung der Campus-Management-Systeme auf, heißt es im Protokoll, die Arbeitsgruppe, so harmlos ihre Einsetzung zunächst klingt, soll "mögliche Lösungsansätze" entwickeln.

 

Nach Jahrzehnten des Wildwuchses bei der Hochschul-Software die Standardisierung: ein teures und angesichts von Hochschulautonomie und Föderalismus komplexes Ziel, vor dessen Formulierung die Kultusminister aus exakt diesen Gründen lange zurückgeschreckt sind. Zumal diese Standardisierung nicht mehr wie in der Vergangenheit einen Wettbewerber, die HIS, bevorzugen dürfte. Insofern wäre es ein Riesenerfolg, wenn die Kultusminister hier etwas erreichen sollten. Auch wenn das der Umsetzungsquote von DoSV kurzfristig kaum etwas bringen dürfte.

 

Grünewald bekräftigt dennoch wacker, dass alle Beteiligten sich einig seien, am Ziel einer flächendeckenden Anbindung festzuhalten.“ Und zwar bis 2018/19. Ebenfalls bis 2018/19 soll die Medizin in das DoSV einbezogen werden. Und hier gibt es tatsächlich einen Lichtblick zu vermelden: Bislang werden die zentralen NCs noch über das alte, noch aus Zeiten der ZVS (der Vorläuferorganisation der Stiftung für Hochschulzulassung) stammende Verfahren abgewickelt. Derzeit, so heißt es im Protokoll der KMK, laufe "die Integration des zentralen Verfahrens in das DoSV nach Plan". 

Nachtrag vom 09. Oktober 2016:
Mein Kollege Karl-Heinz Reith hat sich einige Tage nach mir im neuen "DSW Journal" ebenfalls mit der Problematik des DoSV beschäftigt. Er berichtet von dem neuen Staatsvertrag, den die 16 Bundesländer für die Stiftung für Hochschulzulassung bereits im März beschlossen haben und der noch in der Ratifizierung steckt. Dieser Staatsvertrag löst allerdings die beschriebenen Probleme nicht – weder was die Anbindung der Hochschulsoftware angeht noch die unterschiedliche Bereitschaft der Hochschulen, sich an DoSV zu beteiligen. Sehr aufschlussreich finde ich, dass die Stiftung für Hochschulzulassung den Kollegen Reith mit einer Teilinformation abgespeist hat. Tatsächlich machen, wie Reith schreibt, 103 von 177 möglichen Hochschulen bei DoSV mit. Diese Zahl steht auch im von mir zitierten KMK-Protokoll. Aber eben nur mit 19 Prozent aller möglichen Studiengänge. Und genau diese Zahl hat die Stiftung bei ihrer Auskunft an Reith offenbar unterschlagen.  

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