Es gibt ein Forscherleben außerhalb des staatlichen Wissenschaftssystems. Wir sollten es nur ab und zu mal sagen.

Alles außer Universität
Der Nachwuchs strebt meist keine Hochschulkarriere an

  
Nur noch 45 Prozent der Jungwissenschaftler an deutschen Universitäten streben eine Dauerkarriere in der Wissenschaft an. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

 

2012 bejahten noch 53 Prozent die Frage nach der Karriere in der Hochschulwelt, damals konnte sich nur eine Minderheit eine Zukunft in der Wirtschaft vorstellen. Befragt wurde eine Stichprobe von 3396 wissenschaftlichen Mitarbeitern an 23 systematisch ausgewählten Hochschulen in ganz Deutschland.

 

Klar, werden jetzt die einen sagen: Kettenverträge, Befristungen und der Mangel an attraktiven Stellen verleiden den jungen Menschen ihren Traumjob. Von wegen, werden andere gegenhalten, das ist kein Abschied aus Not. Stattdessen sei es schlicht so, dass die Optionen für Akademiker in den Unternehmen selten so vielfältig waren wie heute.

 

»An beiden Interpretationen ist was dran«, sagt Mathias Winde vom Stifterverband. »In jedem Fall aber haben die Universitäten ihre Anstrengungen in Sachen Personalentwicklung erhöht.« Soll heißen: Die Doktoranden und Postdocs erhalten heute mehr Beratung und Coaching an beruflichen Weggabelungen. Sie wissen also besser, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich für eine Uni-Karriere entscheiden. Zugleich ist die Unsicherheit der Jungwissenschaftler hinsichtlich der Alternativen gestiegen. Sie fragen sich, was auf anderen Feldern von ihnen erwartet wird und wohin sie sich beruflich entwickeln wollen. »Darum brauchen wir noch mehr Berufsorientierung, vor allem für Berufsfelder außerhalb der akademischen Welt«, sagt Winde.

 

Wobei die Diskrepanzen zwischen den Fächern gewaltig sind: Ausgerechnet in den Geisteswissenschaften, wo die Chancen auf eine Professur besonders schlecht stehen, wollen 73 Prozent der Befragten dauerhaft in der Wissenschaft bleiben – nur 27 Prozent wollen in die freie Wirtschaft gehen. Direkt nach dem Masterabschluss konnten sich noch 38 Prozent der Befragten eine Karriere in einem Unternehmen vorstellen.

 

In der Studie wurden auch die Universitätsleitungen zu dem Thema befragt, und die reagieren mittlerweile auf die Konkurrenz aus der Wirtschaft: 93 Prozent geben an, dass die akademische Personalentwicklung eine hohe Priorität habe. Den Anteil der Dauerstellen wollen sie spürbar erhöhen. Ein hehres Unterfangen. Es bleibt abzuwarten, wann angesichts einer Befristungsquote von zuletzt fast 90 Prozent aus der Absicht Wirklichkeit wird.


Dieser Artikel erschien zuerst am 22. September 2016 in der ZEIT. Jetzt erreichte mich dazu ein Leserbrief, den ich mit Zustimmung des Verfassers hier gern dokumentiere. Es schreibt Prof. Dr. Andreas Klamt, Chef der COSMOlogic GmbH & Co KG in Leverkusen: "

Sehr geehrter Herr Wiarda, Ihr Artikel stellt Wissenschaft und Industriekarriere als exklusive Alternativen dar, als ob Wissenschaft nur an Universitäten betrieben würde. Ja, es gibt leider weite Kreise, die das so sehen, insbesondere im akademischen, öffentlich finanzierten Wissenschaftsbetrieb. Ich widerspreche vehement: Gute und spannende Wissenschaft kann auch in der Wirtschaft bzw. Industrie betrieben werden. Ich selbst habe alle meine wissenschaftlichen weitreichend anerkannten Arbeiten in der Industrie, d.h. zunächst bei der Bayer AG, und später in meiner eigenen Firma, durchgeführt. Daher möchte ich allen jungen Leuten, die vor der Wahl stehen, sich die Universitätskarriere oder eine Stelle in der Wirtschaft zu entscheiden, ermutigen: Lassen Sie sich nicht einreden, dass eine Entscheidung für die Wirtschaft eine Entscheidung gegen die Wissenschaft ist. Sie können auch in der Wirtschaft glänzende wissenschaftliche Ideen und Ergebnisse erzielen!"


Soweit der Leserbrief von Herrn Klamt. Und ich kann nur sagen: Er hat Recht. Es gibt ein Forscherleben außerhalb der Universitäten und Forschungseinrichtungen. Wobei ich dem nie widersprechen wollte, im Gegenteil: Womöglich hat ja die beschriebene Attraktivität der Unternehmen für viele der Jung-Wissenschaftler genau darin ihren Grund. Und genau deshalb müssen wir dagegen argumentieren, dass ein Verlassen des staatlichen Wissenschaftssystems für Forscher das persönliche Scheitern bedeutet. Viele sehen es immer noch so. Und manchen wird es sogar von ihren Professoren eingebläut. 


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Kommentare: 2
  • #1

    Klaus Diepold (Freitag, 14 Oktober 2016 13:29)

    ich kann hier dem Kollegen Klamt nur zustimmen. Ich selbst war 10 Jahre in der Industrie tätig, bevor ich an die Universität gewechselt habe. Ich kann feststellen, dass ich in den Jahren in der Industrie intensiver, fokussierter und mehr forschen konnte als in den Jahren in der Universität. Historisch gesehen ist es auch so, dass der größere Teil der Forschung in der Industrie (inkl. Patentamt und Schulen), in Klöstern und von mehr oder weniger vermögenden Privatpersonen betrieben wurde.

  • #2

    Geisteswissenschaftler (Montag, 17 Oktober 2016 10:09)

    "Wobei die Diskrepanzen zwischen den Fächern gewaltig sind: Ausgerechnet in den Geisteswissenschaften, wo die Chancen auf eine Professur besonders schlecht stehen, wollen 73 Prozent der Befragten dauerhaft in der Wissenschaft bleiben – nur 27 Prozent wollen in die freie Wirtschaft gehen. " Meiner Erfahrung nach liegt dies zu einem nicht unwesentlichen Teil daran, dass es an Vorstellungskraft fehlt, in welchen Tätigkeitsfeldern (jenseits von universitärer Forschung, Museum/ Archiv und Lehre) Geisteswissenschaftler nachgefragt werden, insbesondere auch ohne ihre geisteswissenschaftliche Identität aufgeben und fachfremd arbeiten zu müssen. Hier wird an den Universitäten viel zu wenig Aufklärung betrieben. Gerade in den Geisteswissenschaften sitzt der Glaube noch tief, dass ausschließlich für die universitäre Forschung ausgebildet wird und alles andere nur Nebenprodukt ist (häufig mit dem pejorativen Unterton: für die, die es in der universitären Forschung nicht schaffen).