Was die staatlichen Hochschulen vom Boom der Privaten lernen können

Ich fürchte, mit meinem Artikel, der heute in der ZEIT erscheint, werde ich ein paar Leute ärgern. Zugegeben: Die These ist steil. Privathochschulen, schreibe ich, sind die sozial offeneren Hochschulen. Und das trotz Studiengebühren.

 

Die These ist steil, aber ich glaube, ich kann das belegen.


Beobachtung 1: 72 Prozent der Menschen im Alter zwischen 40 und 59, also die Elterngeneration heutiger Erstsemester, haben hierzulande keinen Hochschulabschluss. Ginge es fair zu, müssten logischerweise auch 72 Prozent der Studienanfänger aus Nichtakademikerhaushalten stammen. Tatsächlich sind es nur 30 Prozent. Die (zumeist staatlichen) Hochschulen füllen ihre Reihen also mit Akademikerkindern. Dazu passte die Feststellung aus dem eben veröffentlichten Nationalen Bildungsbericht, dass die soziale Schieflage an deutschen Hochschulen so stark wie sonst fast nirgendwo in Europa sei.

Beobachtung 2: Die privaten Hochschulen erleben gerade einen Boom. 10 Prozent der Studienanfänger nehmen sie mittlerweile auf, gegenüber nur drei Prozent im Jahr 2000. Doch dieses Wachstum ist nicht gleich verteilt, sondern es konzentriert sich auf die privaten Fachhochschulen und dort auf bestimmte Fächer und Ausbildungsgänge.

 

Nach einer Studie des Stifterverbands kann man die privaten Fachhochschulen grob in drei Kategorien unterteilen: Erstens: Die Aufwerter. Das sind Hochschulen wie die SRH, die sich auf die Akademisierung früherer Lehrberufe konzentriert haben: Soziale Arbeit zum Beispiel, aber auch Therapieberufe oder Medien und Handwerk. Zweitens: Die Flexiblen. Die FOM zum Beispiel, die sich „die Hochschule für Berufstätige“ nennt. Die Flexiblen bieten Fern- und Teilzeitstudiengänge, berufsbegleitend oder berufsintegriert. Drittens: Die Berufsorientierten. Diese Fachhochschulen betreiben, häufig in Abstimmung mit regionalen Unternehmen, stark berufsorientierte Studienfänge – mit hohem Verschulungsgrad und klarem Berufsziel. An der Hochschule Fresenius etwa kann neben vielen Gesundheitsstudiengängen „3D-Design und Management“ studieren oder auch „Angewandte Biologie für Medizin und Pharmazie“. Wobei die großen Privathochschulen meist alles auf einmal sind: Aufwerter, Flexible und Berufsorientierte.

Kurzum: Die privaten Hochschulen orientieren sich an der Lebenswirklichkeit vieler Studenten. Die Folge: siehe oben.

 

Was die staatlichen davon lernen können? Natürlich sind viele von ihnen sind längst genauso offen wie die privaten für Menschen mit ungewöhnlichem Lebenslauf. Aber viele eben auch nicht. Und natürlich haben staatliche Hochschulen, Universitäten wie Fachhochschulen, ihren eigenen Bildungsauftrag und ihre eigenes Profil. Was gut so ist. Doch es lohnt sich, die Ideen der Privaten mal etwas genauer anzuschauen. Welches Verständnis von Lehre haben sie? Welche Studienmodelle bieten sie? Wie sprechen sie Menschen aus Nicht-Akademikerfamilien an?

 

Insofern hoffe ich, dass die staatlichen meine These nicht einfach so abtun. Sondern darüber nachdenken, ob und was dran sein könnte. Am Ende könnte sich das auch als strategisch schlau erweisen: Die Studienanfängerzahlen werden nicht ewig so hoch bleiben. Es sei denn, man erschließt sich neue Zielgruppen.  


Mein Artikel in der ZEIT ist noch nicht online verfügbar. Sobald sich das ändert, verlinke ich ihn sofort. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    U.F. (Donnerstag, 20 Oktober 2016 23:46)

    Guten Tag Herr Wiarda,

    Danke für Ihren interessanten Artikel! Allerdings verstehe ich nicht, inwiefern die beiden angeführten Beobachtungen Ihre These bestätigen sollen. Sie müssten zumindest darlegen, dass an den privaten Hochschulen der Anteil von Nichtakademikerkindern höher liegt als 30 %. Weiterhin müsste berücksichtigt werden, ob die Studierenden das Studium an der privaten Hochschule dem an einer staatlichen Hochschule vorgezogen haben. Es hätte mich interessiert, ob Elcin Ersoy sich auch bei einer staatlichen Hochschule beworben hat. Insgesamt fehlt mir in Ihrem Artikel zumindest die Andeutung einer kritischen Auseinandersetzung mit der Privatisierung von Bildung.

    Mit besten Grüßen,
    U.F.

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Freitag, 21 Oktober 2016 18:15)

    Liebe/r U.F.,

    vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen und die konstruktive Kritik. Ich stimme Ihnen zu: Meine Beobachtungen sind nur Belege, kein Beweis. Das Problem ist, dass wir keine verlässlichen Daten haben, was die soziale Zusammensetzung der Studierendenschaft privater Hochschulen angeht. Die Sozialerhebung hat da bislang keine Aussagen gemacht, es besteht aber die (berechtigte) Hoffnung, dass das in der Neuauflage anders sein wird.

    Insofern ist es, wie ich schreibe, (nur) eine These, die ich habe, aber ich glaube, es ist eine These, die sich durch die Beobachtungen und durch den Menschenverstand angesichts der Fächerzusammensetzung und der Studienmodelle gut belegen lässt. Abgesehen von all dem anekdotischen Wissen und qualitativen Studien wie die des Stifterverbandes, was natürlich auch nicht schlagkräftig als Beweis taugt.

    Frau Ersoy hat sich ganz bewusst dort beworben, weil sie die Betreuung so überzeugend fand. Vorher hat sie sich hier und da informiert, aber hat nie den Schritt gemacht, sich zu bewerben, weil sie nicht überzeugt war. Was in sich schon eine – meines Erachtens – typische Geschichte ist.

    Und schließlich zur kritischen Auseinandersetzung: Auch da stimme ich Ihnen zu. Wollte ich aber auch in diesem Artikel gar nicht, weil ich ja zugespitzt und thesenartig schreiben wollte. Ich habe zwar mit Herrn Keller und Frau Bauer Stimmen mit gewissen Vorbehalten drin, aber keine Fundamentalkritik von Privatisierung von Bildung, das stimmt. Wenn Sie eine andere – und ältere – Perspektive von mir auf das Thema interessiert, finden Sie sie hier: http://www.zeit.de/2011/25/C-Privathochschulen . Dass dort dieselbe Stifterverbandsstudie erwähnt wird, liegt daran, dass es sonst praktisch keine Studien zu privaten Hochschulen in Deutschland gibt. Was für sich genommen schon viel aussagt, wie ich finde...

    Beste Grüße und Wünsche,
    Ihr Jan-Martin Wiarda