"Man kann nicht jeden desinteressierten Studenten zum Studienabschluss bringen!"

Gastkommentar zu den gestiegenen Abbrecherquoten im Fach Informatik

Die Fachhochschulen haben ein Qualitätsproblem“, habe ich vor drei Wochen geschrieben. Die Abbrecherquote von FH-Bachelorstudenten, die vor vier Jahren bei 19 Prozent lag, ist seither um fast die Hälfte gestiegen, auf aktuell 27 Prozent. Was ist da los?, habe ich gefragt – und als besonders abschreckendes Beispiel die FH-Informatik genannt. Ich schlussfolgerte: „Beschämende Werte. Welcher politische Druck sich in den kommenden Jahren auf die Informatiker entladen wird, ist absehbar angesichts der allgegenwärtigen Digitalisierungsrhetorik.“ Vor wenigen Tagen erreichte mich eine Replik des Informatikprofessors Christian Baun, die ich in ihrer Differenziertheit bemerkenswert finde und – mit seinem Einverständnis – an dieser Stelle veröffentliche.


Weil es uns nicht egal ist

 

Von Christian Baun

 

In seinem Artikel über eine noch unveröffentlichte Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) thematisiert Jan-Martin Wiarda die gestiegenen und in der Tat hohen Abbrecherquoten im Studiengang Informatik (Bachelor) an Fachhochschulen. Im Großen und Ganzen liest man aus seinem Artikel heraus, dass die Abbrecherquoten primär die Schuld der Hochschulen und damit logischerweise der Professoren seien. Viele Leser werden den Schluss ziehen, dass es den FH-Professoren egal (oder sogar schlimmstenfalls sogar ganz recht?!) sei, wenn so viele Studenten das Studium ohne Abschluss abbrechen. Das ist aber wirklich nicht so! Das Thema ist unter meinen Kollegen ein echter Dauerbrenner.  

 

Die Entwicklung der Abbrecherquoten ist unstrittig, und natürlich darf man diese auch benennen. Was ich an Wiardas Artikel vermisse, ist eine Auseinandersetzung mit den

Gründen für diese Abbrecherquoten. Diese Gründe sind kein Geheimnis und jedem bekannt, der im FH-Umfeld wirkt. Diese Gründe sind nach meiner Erfahrung einerseits einige Besonderheiten des Studienfachs Informatik und andererseits eine massive Veränderung der Zusammensetzung der Studenten in den vergangenen Jahren. Konkret:

 

1. Informatik ist traditionell ein Studiengang ohne Numerus Clausus (NC). Das heißt: Wer die entsprechende Hochschulzulassung hat, kann sein Glück mit Informatik versuchen. Persönlich finde ich das richtig, weil man jungen Menschen auch zugestehen sollte, dass sie in ein Thema "hineinschnuppern" und eventuell feststellen, dass es nicht das richtige für sie ist. Man kann auch nicht erwarten, dass alle jungen Menschen mit 18 oder 19 Jahren schon sicher wissen, mit welchen Themen sie sich ihr ganzes Studium und Berufsleben beschäftigen möchten. Ein NC würde natürlich zu leistungsstärkeren Studenten im Studium führen. In der Konsequenz senkt ein NC also die Abbrecherquoten. Nachteilig am NC ist, dass man damit auch Menschen die Chance verbaut, die trotz einer schwachen Abi-Note später natürlich sehr gute Informatiker werden (können).

 

2. Bei der Informatik weicht die Realität häufig weit von den allgemeinen Vorstellungen ab. Es soll Menschen geben, die meinen, dass man im Informatikstudium primär Computer zusammenbaut/installiert und vielleicht noch Homepages programmieren lernt. So bekommen junge Menschen, die nicht recht wissen, was sie nach der Schule machen sollen, hin und wieder geraten, sie sollten doch Informatik studieren, weil sie ja eh so viel am Computer sitzen und im Internet unterwegs sind. Das Studium der Informatik ist aber eine Naturwissenschaft, und besonders in den ersten Semestern nehmen Mathe-Vorlesungen und Grundlagen der Softwareentwicklung einen großen Raum ein. Das hat so gar nichts mit den falschen Erwartungen vieler Erstsemester zu tun. Wer in den ersten ein bis zwei Semestern merkt, dass es nichts für ihn ist, dem kann man eigentlich nur gratulieren, dass er nicht mehr Zeit in den Sand gesetzt hat. Zudem hat er an der Hochschule vielleicht andere interessante Menschen und Fachrichtungen kennengelernt und in dieser Zeit herausgefunden, was besser zu ihm passt.

 

3. Die Verdienstmöglichkeiten für Absolventen eines Studiums der Informatik sind sehr gut. Zudem kommen längere Phasen der Arbeitslosigkeit bei Informatikern nur selten vor. Das macht das Fach natürlich interessant für junge Menschen und deren „Berater“ (Eltern und Verwandte), die noch nicht sicher wissen, mit welchem Thema sie sich ihr ganzes Berufsleben lang beschäftigen möchten. Für Bachelor-Absolventen sind abhängig von Region und Arbeitgeber direkt nach dem Studium Einstiegsgehälter zwischen 35.000 und 45.000 Euro pro Jahr realistisch. Wer hingegen ein Fach wie zum Beispiel Journalismus oder gar ein so genanntes "Orchideenfach" studiert, der macht es ganz bewusst und trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten („Überzeugungstäter"), in die er nach dem Studium

kommen kann. Wer so von seinem Fach überzeugt und begeistert ist, der wird nicht so einfach das Studium abbrechen.

 

4. Die Verkürzung des Abiturs und der Wegfall von Wehrdienst und Zivildienst haben dazu geführt, dass das Alter eines großen Teils der Erstsemester im Schnitt ein bis zwei Jahre geringer geworden ist, als noch vor zehn oder 15 Jahren der Fall war. Besonders bei den männlichen Studenten merkt man häufig, wie groß der Entwicklungsunterschied zwischen 18/19 und 20/21 ist. Ein reiferer Mensch ist tendenziell selbständiger, weiß eher, was er will, und wird sich bei Problemen im Studium eher durchbeißen.

 

5. Die Gesamtzahl der Studenten (insgesamt und in der Informatik im Besonderen) mag massiv gestiegen sein, die Gesamtzahl der jungen Menschen, die sich brennend für die oben genannten Inhalte der Informatik begeistern, ist jedoch vermutlich nicht im gleichen Maße gestiegen. Zahlreiche Bachelor-Studenten interessieren sich nur wenig für die Inhalte des Faches und wollen einfach nur den Abschluss, um danach einen angenehmen, gut bezahlten und sicheren Job zu bekommen. Sie wollen mit möglichst wenig Aufwand "durchkommen" und dann ein abgesichertes Leben führen. Für diese Einstellung kann man niemanden verurteilen! Es führt aber einfach zu großen Herausforderungen für die Lehre. Eine wunderbare Quelle zu dieser Thematik ist der Film „Teaching Teaching & Understanding Understanding“ von der Universität Aarhus. Er dauert nur 19 Minuten und ist wirklich empfehlenswert. Auf YouTube ist er in drei Teilen verfügbar. Der Film beschreibt, passenderweise anhand von zwei Studenten der Informatik, die unterschiedlichen Ziele und Arbeitsweisen von interessierten und eher desinteressierten Studenten, die einfach nur den Abschluss wollen. Er beschreibt auch die klassischen Fehler von Professoren und gibt Ideen, wie die Lehre verbessert werden kann.

 

Nur das Ende des Films ist meiner Meinung nach etwas zu positiv dargestellt. Auch mit einer verbesserten Lehre wird es nicht möglich sein, jeden eher desinteressierten Studenten zu motivieren. Tatsächlich versuchen zahlreiche meiner Kollegen und auch ich, unsere Lehre kontinuierlich zu verbessern und mit neuen Lehrkonzepten die Studenten zu begeistern.

 

Fazit: Hätten wir eine andere – schlechtere – wirtschaftliche Situation in der Informatik, ein verpflichtendes Vorpraktikum und einen NC (den ich persönlich ablehne), dann würden die Abbrecherquoten automatisch sinken. Auch muss man bedenken, dass wir einige Studenten haben, die nur für das Semesterticket eingeschrieben sind. Diese brechen nach

einigen Jahren offiziell ab, haben aber in Wirklichkeit nie oder nur kurz „richtig“ studiert. Natürlich schreiben sich solche Studenten auch eher in einem Fach ohne NC ein, weil das weniger Aufwand bedeutet. Zudem machen sich einige unserer Studenten während des Studiums selbständig und lassen dann den Abschluss, einfach weil sie keine Zeit

oder keine Lust mehr darauf haben. Die Verjüngung der Studenten und die veränderte Zusammensetzung der Studenten sind zudem Tatsachen, auf die die Hochschulen keinen Einfluss haben.

 

Bestimmt ist meine Liste an Gründen nicht komplett und man könnte noch endlos dazu schreiben. Dennoch hoffe ich, dass sie dabei helfen, die Abbrecherquoten im Studiengang Informatik in einem anderen Licht zu sehen.

 

Christian Baun, 37, ist seit 2013 Professor für Informatik an der Frankfurt University of Applied Sciences und hat unter anderem bei SAP und am damaligen Forschungszentrum Karlsruhe gearbeitet.

Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit!

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Josef König (Mittwoch, 21 Dezember 2016 09:54)

    Sehr gut - jedes Wort und jedes Argument ist genau gewählt. Hinzufügen sollte man außerdem, dass wir inzwischen 2,8 Mio Studierende haben, also die Hochschulen weit über ihre Kapazität überfüllt sind, aber die Grundmittel und Investitionen nicht mit dieser Entwicklung Schritt halten. Und ein letztes: Mit der zunehmenden Bürokratisierung der Hochschulen und des Studiums nicht nur, aber auch nicht zuletzt, durch die BA/MA-"Reform" (Bulimie-Studium) wird Lehrenden und Professoren auch die Zeit genommen, die sie besser in Lehre und Forschung stecken könnten.

  • #2

    Klaus Diepold (Mittwoch, 21 Dezember 2016 12:48)

    @Christian Baun:
    Gute Zusammenstellung der Problematik, die in vieler Hinsicht auch auf das Fach Elektrotechnik und Informationstechnik zutrifft. Beim NC würde ich anmerken wollen, dass die geringere Anzahl an Abbrechern auch eine Frage ist, wie man die Zahl rechnet. Nur weil viele Studienbewerber durch NC abgehalten werden ein Fach zu studieren ist das auch keine echte substantielle Verbesserung. Die abgelehnten Studienbewerber schlagen dann um so mehr bei den Studiengängen ohne Zugangsbeschränkung auf und erhöhen dort möglicherweise die Abbrecherquote.

    Ich denke, dass wir als Hochschullehrer einen Fehler machen, wenn wir es als unsere Aufgabe betrachten junge Menschen für ein Studium zu motivieren. Wir wären gut beraten lediglich darauf zu achten, die vorhandene Motivation nicht systematisch zu vernichten. Für die Demotivation kennen wir viele Wege und Möglichkeiten.

    @Josef König:
    Bulemiestudium mag es geben, das ist aber nicht die Verantwortung von Bologna (aka BSc/MSc). Die Schuld dafür liegt bei den Hochschulen selbst und den dort handelnden Personen, wie sie Bologna interpretiert und umgesetzt haben. Das Leben insgesamt wird zunehmend bürokratisiert, da bildet die Hochschule keine Ausnahme und selbst Edi Stoiber hat dagegen kein Kraut gefunden.. Daran ist Bologna auch nur mittelbar schuld. Das starke Anwachsen der Studierendenzahlen bei geringem Wachstum an Lehrpersonal und fast Nullwachstum bei der Infrastruktur ist in der Tat ein Problem. In wie weit das zur Abbrecherquote beiträgt, kann ich nicht sagen.

  • #3

    Jakob Wassink (Freitag, 23 Dezember 2016 15:21)

    Lieber Herr Baun, lieber Herr Diepold,
    vielen Dank für die etwas differenziertere Darstellung der Abbrecherpoblematik.
    Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass man über viele Faktoren für hohe Studienabbrecherzahlen wunderbar mutmaßen kann. Konkretes Wissen ist nur rudimentär vorhanden und zugegebener Maßen auch nur schwer zu erhalten, da man Abbrecher praktisch nicht mehr systematisch befragen kann.

    Gesichert ist jedoch, dass eine Vielzahl der genannten Gründe für Studienabbruch durch die Universitäten und Fachhochschulen beeinflussbar sind. Im Bereich Natur- und Ingenieurwissenschaften ist das - bedingt durch die bessere Personalausstattung - sicherlich noch eher möglich, als in Geistes- und Kulturwissenschaften. Man muss nur den Mut haben, die vorhandenen Ressourcen anders auf die Studiensemester zu verteilen.

    Der NC ist als Begründung nur bedingt geeignet, da dessen Einführung entgegen der landläufigen Meinung in den Hochschulen nur bedingt in deren Hand liegt. Ein NC soll die Hochschulen vor dem Kollaps aufgrund zu vieler studienberechtigter Bewerber schützen. Ein NC kann immer erst dann eingeführt werden, wenn über einen längeren Zeitraum mit deutlich mehr Bewerbern als vorhandenen Studienplätzen zu rechnen ist. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: vielfach wird nach meiner Erfahrung aber auch bewusst auf einen NC verzichtet, um sich Vorteile bei der Verteilung der HP2020-Mittel zu verschaffen. Ob die Informatik so kalkuliert weiß ich aber nicht.

    Fehlvorstellungen bei der Berufswahl, etwaige Berufstätigkeiten neben dem Studium und die Tatsache, dass Studierende i.d.R. keinen Wehr- oder Zivildienst mehr ableisten können durch die Hochschule durch Infoveranstaltungen, Schnupperstudienangeboten, Teilzeitstudienangeboten bzw. schlicht einer Curricularreform aufgefangen werden. Die Bologna-Regularien lassen all das zu!