"Uns ist bisher immer eine Lösung eingefallen"

Allein in Nordrhein-Westfalen leben 20.000 Kinder, die nicht genug Deutsch sprechen, um am regulären Unterricht teilzunehmen. wie die Flüchtlinge die Schulen verändern: eine Geschichte aus Essen.

Das Viktoria-Gymnasium (Foto: Wiki05)
Das Viktoria-Gymnasium (Foto: Wiki05)

Der folgende Artikel erschien in leicht gekürzter Fassung Ende Juli in der FAZ, allerdings nur im Print. Angesicht der gegenwärtigen Debatte finde ich, es ist an der Zeit, den Blick wieder auf die Menschen zu richten, die zu uns gekommen sind, weil sie Schutz suchen. Auf ihre Hoffnungen und Bedürfnisse – und auf ihr Recht auf Teilhabe an unserer Gesellschaft. Wie können unsere Schulen angemessen mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen umgehen? Wo fördern wir ihr Potenzial am besten? Mein Artikel handelt von einer Bildungsministerin, einer Lehrerin, einer Schule und 60 Kinder aus Syrien, Irak und dem Rest der Welt.


SYLVIA LÖHRMANN ist Bildungsministerin. Sabine Husemeyer ist Lehrerin. Neulich sind sie sich begegnet bei einer Konferenz über „Schule im Einwanderungsland Deutschland“. Löhrmann hielt eine Ansprache, und am Ende stand Husemeyer auf und sagte, das sei doch fernab jeder Realität, was die Ministerin da rede.

 

Es wäre leicht, aus dem Aufeinandertreffen der beiden den typischen Gegensatz zu konstruieren zwischen Theorie und Praxis, zwischen Politikern und der Basis, zwischen Sonntagsrede und Alltagsmühen. Zu leicht: Denn könnte es sein, dass die Lehrerin Recht hat – und die Ministerin auch?

Der Reihe nach. Sabine Husemeyers Schule liegt im Essener Bezirk Stadtmitte, direkt neben der Autobahn und ein paar hundert Meter vom Schienengewirr des Hauptbahnhofs entfernt. Eine Schule mit Tradition: Das Viktoria-Gymnasium wurde 1912 gegründet, ein weiß getünchter Schulbau aus der Kaiserzeit. Doch das Bildungsbürgertum, das einst seine Kinder hierherschickte, ist längst verschwunden aus dem Zentrum der Ruhrgebiets-Metropole. Fürs neue Schuljahr verzeichnete die Schule nur 53 Anmeldungen, davon 44 aus Einwandererfamilien und 21 mit Gymnasialempfehlung.

 

Zahlen, die manchen Gymnasiallehrer zur Flucht veranlassen würden. Für Sabine Husemeyer, 50, der Grund, die Versetzung zu beantragen. Und zwar hierher. Seit 24 Jahren arbeite sie als Lehrerin, sagt Husemeyer, die meisten davon an Schulen mit privilegierten Kindern. „Dann habe ich mich daran erinnert, dass ich Lehrerin geworden bin, um einen Unterschied zu machen.“ Was pathetisch klingen mag, aber wenn man der Studienrätin für Spanisch und Geschichte ins Gesicht schaut, weiß man: Die meint das wirklich so.

Die niedrigen Anmeldezahlen am Viktoria-Gymnasium sind natürlich auch der Schulverwaltung nicht verborgen geblieben. Doch es war Schulleiter Klaus Wilting, der die Initiative ergriff und der Bezirksregierung die erste Seiteneinsteiger-Klassen anbot. „Wir hatten Platz und wir haben auch die Notwendigkeit der Integration gesehen.“

 

Seiteneinsteiger, das die neueste Umschreibung für Kinder, die neu sind in Deutschland und nicht genug Deutsch sprechen, um am regulären Schulunterricht teilzunehmen. Im Zuge der Flüchtlingskrise ist ihre Zahl explodiert: In Nordrhein-Westfalen geht die Landesregierung von aktuell rund 20.000 aus, für die eigene Klassen eingerichtet werden mussten. Allein 3000 leben in Essen, der Großteil wiederum im Norden und in der Mitte der Stadt. Zunächst habe man versucht, die meisten der älteren an den Haupt-, Gesamt- und Realschulen der Stadt unterzubringen – und nur wenige an den Gymnasien, berichtet Martin Schneider, der für die Migrantenförderung zuständige Leitende Regierungsschuldirektor. Doch als die voll waren, sei man zunehmend auch auf Gymnasien zugegangen: „Die hatten wegen der Umstellung vom neun- aufs achtjährige Gymnasium noch freie Räume.“

 

Besonders viele freie Räume hatte das Viktoria-Gymnasium, und so beginnt dort mit dem neuen Schuljahr die mittlerweile dritte Seiteneinsteiger-Klasse. 60 Kinder aus Syrien und dem Irak, aus Somalia, Mazedonien, aber auch aus Italien oder Bulgarien. Maximal zwei Jahre, so das Gesetz, dürfen sie extra unterrichtet werden, dann müssen sie in die Regelklassen.

So kommt es, dass plötzlich Gymnasiallehrer Kinder unterrichten, die erst noch die lateinische Schrift lernen müssen, nicht sicher im Zahlenraum bis 100 rechnen können und zum ersten Mal in ihrem Leben ein Wörterbuch sehen. Wenn denn welche da sind. Denn so wenig wie die Lehrer auf ihre neuen Schüler vorbereitet sind, ist es die Schule. Eigentlich bräuchte jedes Kind sein eigenes Lexikon, sagt Husemeyer, doch dafür fehle das Geld, so dass sie sich die Bücher teilten. Das überhaupt welche da sind, sei der Spende einer Lokalpolitikerin zu verdanken. Die Poster mit den Grammatikbeispielen an den Wänden ihrer „SE II“ hat die Klassenleiterin Mareike Hartmann bezahlt, und damit die Kinder Stifte und Hefte haben, greift sie auch schon mal in die eigene Tasche. „Uns ist bisher immer eine Lösung eingefallen, die den Mangel kaschiert“, sagt Sabine Husemeyer, die Lehrerin.

 

Sylvia Löhrmann, die Ministerin, kommt ins Schwärmen, wie sie von dem Spirit spricht, mit dem die Schulen in Nordrhein-Westfalen die Flüchtlinge willkommen heißen. „Das ist eine Riesenherausforderung, klar, aber die Lehrkräfte krempeln die Ärmel hoch, sie sehen das Potenzial der Kinder und die Not, der sie entflohen sind.“

Wenn sie vor Lehrern über Einwandererkinder redet, wie bei der Konferenz in Bochum, erzählt sie erst einmal von ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer Zeit als Lehrerin an der Städtischen Gesamtschule Solingen, wo sie nebenher für die regionale „Arbeitsstelle zur Förderung ausländischer Kinder und Jugendlicher“ gearbeitet hat. Die Regionalen Arbeitsstellen heißen in NRW heute politisch korrekter Kommunale Integrationszentren, aber sonst haben sie im Kern noch dieselbe Aufgabe wie in den Neunziger Jahren. Und genau das sind Löhrmanns zwei Kernbotschaften: Erstens: Sie weiß, wovon die Lehrer sprechen, sie hat es ja selbst erlebt. Zweitens: Dass die Schulen sich verändern, sich öffnen für eine immer buntere Schülerschaft, das sei ja nicht erst seit gestern so. „Im Ruhrgebiet hat jedes zweite neu angemeldete Grundschulkind eine Zuwanderungsgeschichte“, sagt Löhrmann. „Flüchtlingskinder wirken fast wie eine Art Verstärker in einem Prozess, der ohnehin stattfindet.“

Als nächsten Schritt zählt Löhrmann dann all die Maßnahmen auf, die das Land ergriffen hat, um die Schulen zu unterstützen, und die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend. Insgesamt rechnet die Landesregierung für 2015 und 2016 mit 80.000 zusätzlichen Flüchtlingskindern in den Schulen von NRW. Um den Ansturm zu bewältigen, hat das Ministerium fast 6000 neue Lehrerstellen geschaffen, davon 1200 für die Sprachförderung, und die meisten dieser Stellen seien bereits besetzt, betont Löhrmann. An den meisten Schulen habe der Perspektivenwechsel längst geklappt: „Der Perspektivwechsel, dass Einwandererkinder nicht per se schwächer oder weniger begabt sind.“

 

Alles richtig, sagt Sabine Husemeyer. Das bezweifle hier auch keiner. „Die Frage ist nur: Geben wir ihnen am Gymnasium eine echte Chance?“ Dem Mädchen zum Beispiel, das mit ihrer hochschwangeren Mutter aus Somalia geflohen ist und jetzt häufiger die Schule verpasst, wenn die Mutter krank ist und sie auf das Baby aufpassen muss. Oder den beiden Brüdern aus Syrien, die von ihren Eltern allein auf die Reise geschickt wurden, und jetzt arbeitet der Große, damit der Kleine zur Schule gehen kann. Oder was ist mit dem italienischen Mädchen, das laut Kommunalem Integrationszentrum sonderpädagogischen Förderbedarf hat, aber am Gymnasium gelandet ist, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen?

Natürlich, sagt Husemeyer, seien da auch Kinder, die mit einer erstaunlichen Vorbildung nach Deutschland kämen. „Doch das sind eben maximal 20 Prozent, die wir dann auch zum Abitur führen können.“ Und die übrigen 80 Prozent? Was passiert mit denen, wenn die zwei Jahre um sind? „Die anderen Schulen sind doch voll. Sollen wir sie hier weiter beschulen, ohne dass sie jemals die Aussicht auf den Besuch der Regelklassen haben?“

So treibt ein Trend, der bislang das Schulsystem als Ganzes spaltete, zunehmend auch die Gymnasien auseinander: Auf der einen Seite stehen Schulen, an denen alles so bleibt, wie es immer war. Die sich bislang weitgehend gegen den Zustrom der Seiteneinsteiger abschotten und es auch können, weil sie in den bürgerlichen Bezirken der Großstädte liegen. Auf der anderen Seite stehen vor allem innenstadtnahe Gymnasien, die immer stärker vom Bildungsbürgertum gemieden werden und die sich, schon aus der Not heraus, immer weiter öffnen für Schüler ohne klassische Gymnasialempfehlung. Die in der Einrichtung von Seiteneinsteiger-Klassen eine Chance mehr für sich sehen zu überleben. Was auch immer das für die Kinder heißt.

Sylvia Löhrmann sagt, natürlich sei die ungleiche regionale Verteilung der Seiteneinsteiger ein Problem. „Aber das ist keine Frage schulpolitischer Steuerung, sondern da geht es um die Entwicklung von Quartieren, die sozialen Unterschiede zwischen Nord und Süd im Ruhrgebiet.“ Martin Schneider von der Bezirksregierung kündigt an, dass zum Herbst ein neues Verfahren eingeführt werden soll, damit nach den maximal zwei Jahren in den Seiteneinsteiger-Klassen genügend Plätze in der aufnehmenden Schulformen vorhanden sein werden. Er sagt aber auch: „Das wird angesichts der dann sehr hohen Zahlen eine besonders Herausforderung, vor allem in den Großstädten.“ Und dann, sagt Ministerin Löhrmann, seien da noch die zusätzlichen Integrationsstellen, die Schulen „mit besonderen Förderbedarfen“ beantragen könnten, ein besonderes Förderkonzept vorausgesetzt.

 

Ein besonderes Förderkonzept, haben sie das am Viktoria-Gymnasium?Die Deutschförderung sei die größte Priorität, sagt Schulleiter Wilting. Was im Umkehrschluss heißt: Nur eine der Klassen erhält bislang Mathe- und Sportunterricht. Kunst gibt es gar nicht. „Im nächsten Schuljahr werden aber weitere Fächer hinzukommen“, verspricht Wilting.

 

Eigentlich kommen nach den Vorgaben des Ministeriums rechnerisch anderthalb Lehrer auf eine Seiteneinsteigerklasse. Tatsächlich hat die Schule auch die dafür nötigen Stellen bewilligt bekommen, bestätigt Wilting, dennoch unterrichten Husemeyer und ihre Kolleginnen fast immer allein. 10 Stunden in der Woche ist noch eine so genannte Sprachmittlerin dabei, eine Lehramtsstudentin mit libanesischen Eltern, die übersetzt, wenn Lehrerin und Kindern mal wieder die gemeinsame Sprache fehlt. Doch nur die Hälfte der Kinder spricht überhaupt Arabisch.

 

Wo aber sind die übrigen Lehrerstunden geblieben? Wilting sagt vieldeutig: "Da wir zwei Stellen um Unterhang sind, ließe sich darüber streiten, an welcher Stelle Stunden gekürzt werden müssen."  An anderen Gymnasien, so hört man, soll die Situation ähnlich sein: Offenbar müssen Stunden aus Seiteneinsteiger-Klassen auch mal herhalten, um anderswo Lücken zu stopfen.

 

Wer erwartet, er käme deshalb in eine Klasse voller lernunwilliger, abgehängter Kinder, der irrt. Als Sabine Husemeyer an diesem Morgen in der SE II fragt, was Schulfächer seien, fliegen 18 Hände in die Luft. Jazan winkt gleich mit beiden Händen. Dann darf Jazans Schwester Athir ihr Lieblingsfach an die Tafel schreiben, und als da „Gischichte“ steht, dauert es eine Weile, bis sie kapiert, was Frau Husemeyer daran stört. Samir sagt: „Poleon“, und nun braucht Sabine Husemeyer eine Weile. „Ach, du meinst Napoleon. Das ist aber kein Schulfach, sondern der kommt in einem vor, nämlich in Geschichte.“ Ajan sagt: „Kunst“, und Husemeyer verspricht: „Wenn alles gut läuft, habt ihr nächstes Jahr auch ein paar Stunden. Also nur eines von beiden. Kunst oder Musik.“

Später steht Mareike Hartmann vor der Klasse und teilt Ferienpässe aus, die sie für alle Kinder organisiert hat. Irgendwann merkt sie, dass die Kinder nicht mehr zuhören können, also sagt sie: „Jetzt gehen wir mal ein bisschen raus, Fußball spielen. Aber nur, wenn Jungen und Mädchen in gemischten Teams sind.“

Das besondere Lernkonzept an der Viktoria-Gymnasium, das sind Lehrerinnen wie Husemeyer oder Hartmann, die gerade erst eine Fortbildung für „Deutsch als Zweitsprache“ macht, aber vom Ministerium schon als eine der 1200 Fach-Sprachförderkräfte gezählt wird. Und so sind am Ende ausgerechnet die beiden Belege dafür, dass auch die Ministerin, die Husemeyer so heftig kritisiert, Recht hat mit ihrem Optimismus. Sie sind die Lehrkräfte, die die Ärmel hochkrempeln, die die Integration ihrer Schüler wollen und alles dafür tun. Und wenn das bedeutet, dass sie auf die Barrikaden steigen müssen.

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