Die Hochschulen müssen umdenken. Der wissenschaftliche Nachwuchs aber auch

Der Karrieredruck führt dazu, dass viele junge Wissenschaftler ihren Kinderwunsch unterdrücken. Dabei zeigt der Bundesbericht: Wer sich traut, hat nicht zwangsläufig die schlechteren Aufstiegschancen. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: bady qb
Foto: bady qb

DAS SCHWERPUNKTTHEMA DES dritten, gerade von Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz veröffentlichten „Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs“, ist die Vereinbarkeit von wissenschaftlichem Beruf und Familie. Das war eine politische Vorgabe. Und in der Tat könnte man sich fragen, ob es für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keine wichtigeren Probleme gibt als die Familiengründung. Den wissenschaftlichen Erfolg etwa. Oder die Frage, ob sie eine Möglichkeit finden, auf Dauer in der Wissenschaft arbeiten zu können. Und schließlich könnte man noch einen draufsetzen und fragen: Ist die Familiengründung für junge Wissenschaftler nicht sogar leichter als für andere Berufsgruppen, schließlich bietet die Tätigkeit an einer Hochschule im Vergleich zur Privatwirtschaft eher größere Freiräume und zeitliche Autonomie.

 

Wer so fragt, hat den Kern der Problematik nicht verstanden. Der außerordentlich sorgfältig argumentierte und dokumentierte Bericht zeigt, dass die Arbeitsbedingungen der Doktoranden und Postdoktoranden sehr wohl in einem ursächlichen Zusammenhang stehen mit der Chance, eine Familie zu gründen und als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler Mutter oder Vater zu werden.

 

Zunächst die schlechten Nachrichten: Neun von zehn jungen WissenschaftlerInnen wünschen sich Kinder, aber  fast die Hälfte bleibt schließlich kinderlos. Genauer: 49 Prozent der Wissenschaftlerinnen an Universitäten und 42 Prozent ihrer männlichen Kollegen, was nicht an Ihrer hochqualifizierten Ausbildung liegt, sondern an ihrer Tätigkeit. Das kann man daran erkennen, dass von jenen HochschulabsolventInnen, die außerhalb der Hochschulen eine Karriere verfolgen, nur zu 25 Prozent kinderlos bleiben. Zwar stammen diese Daten von 2006, doch es gibt keinen Grund für die Annahme, die Situation habe sich gebessert. Der aktuelle Elternanteil unter den Nachwuchswissenschaftlern liegt nach den besten Studien zwischen 13 und maximal 30 Prozent.

 

Die geringe berufliche Planungssicherheit, verbunden mit der deshalb fehlenden finanziellen Langzeit-Perspektive, führt bei vielen von ihnen zur Entscheidung, den vorhandenen Kinderwunsch zurückzustellen. Dabei unterscheiden sich Frauen und Männer kaum. Benachteiligungen auf Grund ihrer Elternschaft nehmen allerdings vor allem Frauen wahr. Häufiger als die Väter erleben sie, dass ihre Leistungen weniger geschätzt und dass sie von ihren Vorgesetzten weniger gefördert werden. Frauen schätzen daher die Möglichkeit, Familie und Karriere vereinbaren zu können, geringer ein als Männer, nicht zuletzt weil Frauen ihrer Erwerbstätigkeit nach Geburt eines Kindes häufiger unterbrechen und sie eher die Hauptverantwortung für die Familien-und Hausarbeit übernehmen.

 

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Die wenigen WissenschaftlerInnen im öffentlichen Sektor, die während ihrer Qualifizierungsphase tatsächlich Eltern werden, erleben die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weniger kritisch, obgleich sie sich auch nicht begeistert über die Möglichkeiten äußern. Zugleich finden sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit hoch attraktiv. Kritisch erleben sie die hohe Arbeits- und Mobilitätsbelastung, die Konkurrenz von Familiengründungs- und Qualifizierungsphase und die mangelnden Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Zusammengefasst sind die Eltern unter den jungen WissenschaftlerInnen nicht weniger glücklich als Kinderlose. Im Gegenteil: Sie äußern sich sogar häufiger zufrieden mit ihrer Gesamtsituation und sind weniger gestresst.

 

Lassen sich promovierende oder promovierte Eltern stärker von einer akademischen Karriere abschrecken als kinderlose Promovierte? Nein, es sind keinerlei Unterschiede nachweisbar, keine negativen Auswirkungen des Elternseins auf akademische Karrierepläne. Bei promovierenden Vätern ist sogar das Gegenteil der Fall: Sie wollen eher in der Wissenschaft bleiben als kinderlose.

 

Zu den guten Nachrichten gehört auch, dass die Unterstützungsangebote für junge Eltern massiv zugenommen haben. Dazu gehören sowohl für alle Eltern zugängliche Maßnahmen wie Elterngeld und Elternzeit, aber auch speziell in von Hochschulen und Forschungseinrichtungen entstandene neue Möglichkeiten wie flexible Arbeitszeiten, Eltern-Kind Zimmer oder Kinderbetreuung bei Kongressreisen. Allerdings lässt die Kenntnis vieler solcher Angebote bei den jungen Wissenschaftlern, die Eltern sind oder es gern wären, zu wünschen übrig.

 

Insgesamt muss man die Politik dafür loben, dass sie dieses scheinbare Randthema zum Schwerpunkt des Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 gemacht hat. Eine Botschaft des Berichts geht direkt an die Adresse der jungen Wissenschaftler: Traut euch das Elternsein zu, die Realität zeigt, dass ihr eure Karriereaussichten dadurch nicht verschlechtert. Und es gibt viele Hilfen – nutzt sie.

 

Eine zweite Botschaft geht an die Wissenschaftspolitik und an die Hochschulen: Wenn die in den anderen Teilen des Bundesberichts behandelten Beschäftigungsbedingungen und Karrierechancen verbessert würden, hätte dies auch positive Folgen für das, was in dieser Republik eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler akademischen  Beruf  ausüben können, ohne auf Partnerschaft, Familie und Elternschaft verzichten müssen.

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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