"Von wegen Streicheleinheiten und Lobeshymnen"

Manfred Prenzel ist ein ruhiger Typ. Womöglich war er genau deshalb als Vorsitzender des Wissenschaftsrats so auffällig. Ein Gespräch über das, was von seiner Amtszeit bleibt.

Der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel, 64, war seit Juli 2014 WR-Vorsitzender. Foto: privat
Der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel, 64, war seit Juli 2014 WR-Vorsitzender. Foto: privat

Herr Prenzel, wenn Sie draußen auf der Straße die Leute fragen, ob sie schon mal was vom Wissenschaftsrat (WR) gehört haben, sagen bestimmt 99 Prozent: „Wovon?“ Stört Sie das?

 

Ehrlich gesagt nicht sehr. Wenn wir eine Empfehlung verabschieden, ist das natürlich nichts, was die überwiegende Mehrheit der Menschen in unserem Land angeht. Wobei es sie womöglich stärker tangiert, als sie denken. Doch sie können es nicht einordnen. Für eine Teilöffentlichkeit allerdings, nämlich immer die, die unsere Empfehlungen betreffen, sind die Äußerungen des WR hochgradig interessant.

 

Sie sagen „Wir“, wenn Sie vom WR reden. Tatsächlich sind Sie zum 1. Februar als Mitglied ausgeschieden, auch den Vorsitz haben Sie an die Agrarökonomin Martina Brockmeier abgegeben.

 

Das sehen die Regeln im WR so vor. Nach maximal sechs Jahren Mitgliedschaft ist Schluss, und die waren bei mir erreicht.

 

Schade? Oder sind Sie eigentlich ganz erleichtert?

 

Ich fühle mich schon entlastet von dieser großen Verantwortung. Aber ich arbeite ja noch in einigen Arbeitsgruppen weiter, da sind noch Aufgaben zu Ende zu bringen.

 

Machen Sie doch mal Werbung für die Institution Wissenschaftsrat, die für viele der Inbegriff des kleinsten gemeinsamen Nenners in der Wissenschaftspolitik ist.

 

Die beste Werbung ist die Geschäftsstelle. Da sind Profis am Werk, die unaufgeregt die Sitzungen vorbereiten, die Unterlagen zusammenstellen, die Kommunikation zwischen den Beteiligten strukturieren, kurzum: dafür sorgen, dass im Zusammenwirken mit einer höchst kompetenten und engagierten Wissenschaftlichen Kommission überhaupt gute Empfehlungen entstehen können.

 

Gute Empfehlungen? Oder Empfehlungen, die keinem wehtun? >>



>> Die Kritik ist mir zu einfach. Ich fand es zum Beispiel durchaus mutig, dass der WR in seinen Empfehlungen zur Zukunft wissenschaftlicher Karrierewege einstimmig, also mit den Stimmen von Wissenschaft und Politik, gefordert hat, 7500 zusätzliche Professorenstellen zu schaffen.

 

Mit dem Ergebnis, dass es in einem befristeten Bund-Länder-Programm 1000 Tenure-Track-Stellen geben soll und die Länder bei der Nachhaltigkeit tricksen.

 

Aber die Zahl steht im Raum, man kann sie immer wieder herausziehen, und die Politik muss sich damit auseinandersetzen. Zugleich darf man nicht vergessen: Der WR ist nur ein Beratungsgremium, seine Empfehlungen werden aber nie eins zu eins umgesetzt. Das schwächt ihn jedoch nicht, das macht ihn aus. Und langfristig verändert sich dadurch mehr, als man zunächst denkt. Das Bemerkenswerte ist doch, dass die Wissenschaftsminister sich generell auf so eine Forderung eingelassen haben, was für mich zeigt, dass das Prinzip Wissenschaftsrat funktioniert.

 

Beschreiben Sie bitte mal dieses Prinzip.

 

Welche Themen sind heiß, welche sind reif und wichtig genug, um sie auf die politische Agenda zu setzen? Das ist die Entscheidung, mit der alles anfängt. Eine Entscheidung, die in den meisten Fällen von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kommt, aus ihrer Wahrnehmung dessen, was los ist an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Dann macht sich eine Arbeitsgruppe an die Arbeit, und weil schon in jeder Arbeitsgruppe zwei, drei Vertreter der Ministerien sitzen, kommt der Realitätscheck recht früh: Wie lässt sich in der Sache politisch etwas bewegen? Der erste Entwurf der Empfehlung geht dann in die so genannte Wissenschaftliche Kommission, zu der 24 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler  zählen und nochmal acht so genannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die einen Außenblick einbringen sollen.

 

Da könnte die Wissenschaft doch unbeeindruckt von politischem Druck das Papier zuspitzen und so klare Kante zeigen.

 

So funktioniert das aber nicht. Nach der Wissenschaftlichen Kommission wandert das Papier in die Verwaltungskommission mit 32 Stimmen von Bund und Ländern. Wenn Sie anfangen, da mit unrealistischen Papieren hereinzugehen, hat man den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik in kürzester Zeit zerstört. Das Geheimnis des Wissenschaftsrats ist die gegenseitige Perspektivenübernahme, das Ausloten dessen, was man einander zumuten kann. Wir Wissenschaftler müssen den Rahmen des Möglichen erkennen, ohne vorschnell einzuknicken. Das ist die Kunst des Ausbalancierens. Und das gelingt ziemlich gut, finde ich, zumal Wissenschaftspolitik und Wissenschaft im Wissenschaftsrat ohnehin oft im selben Boot sitzen. 

 

Erklären Sie das.

 

Ich könnte mir vorstellen, dass die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern manchmal froh sind, wenn sie mit einem fundierten Gutachten des WR zu ihren Finanzministerkollegen oder ihren Ministerpräsidenten gehen und das nötige Geld einfordern können. Die Empfehlungen werden im Übrigen auch von interessierten Parlamentariern gelesen. Und die können die Empfehlungen nicht einfach beiseite wischen, denn sie sind ja in einem fundierten Prozess auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und Politik entstanden. Insofern stärken wir den Wissenschaftspolitikern den Rücken, was wiederum der Wissenschaft hilft.

 

Klingt alles sehr ausgewogen.

 

Ausgewogen ja, aber nicht frei von Ecken und Kanten. Es ist ja nicht so, dass die Papiere des Wissenschaftsrats nur aus Streicheleinheiten und Lobeshymen bestehen. Oft rühren unsere Empfehlungen an handfesten Interessen, an womöglich überkommenen Traditionen, am im Alltag Eingeschliffenen. Nehmen wir als Beispiel nochmal unser Papier zu den Karrierewegen: Wenn wir 7500 Professuren zusätzlich fordern, kostet das nicht nur Geld und fordert die Politik heraus. Gleichzeitig bedeutet unsere Empfehlung in der Konsequenz das Ende eines überzogenen Lehrstuhlprinzips, also ein weniger übermächtiges Verständnis der Professur. Das geht auch an den Hochschulen vielen gegen den Strich.

 

Seit einigen Jahren berät der WR Bundesländer dabei, ihr Wissenschaftssystem neu auszurichten, im Fall des Saarlands oder Bremens verbunden mit Kürzungsvorschlägen. Ein Tabubruch?

 

Natürlich ist das ein Dilemma, vor dem wir stehen, wenn ein Land um ein Gutachten bittet, und die Empfehlungen sollen nichts kosten, sondern möglichst noch Geld einsparen. Natürlich könnten wir dann sagen, wir lassen die Finger davon. Aber wenn dann private Unternehmensberatungen den Job übernehmen, wird das Ergebnis ein besseres für die Wissenschaft sein? Ich glaube, es kommt mehr Gutes dabei heraus, wenn in Bezug auf Wissenschaft Wissenschaftler die Politik beraten, wenn wir so am Ende auch manche Kürzungsidee als vollkommen unrealistisch zurückweisen können. Aber klar, das ist und bleibt ein Spannungsverhältnis.

 

Als ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats müssen Sie nicht mehr ein Höchstmaß an Diplomatie walten lassen. Gibt es etwas, was Sie der Politik immer schon mal sagen wollten?

 

Ich finde, das Prinzip Wissenschaftsrat funktioniert weiterhin sehr gut. Doch die Politik sollte im Blick haben ihn als Institution nicht mit Aufgaben zu überfrachten. Die Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission wirken mittlerweile in so vielen Arbeitsgruppen mit, sie bearbeiten so viele unterschiedliche Themen von der institutionellen Akkreditierung über die Evaluation von Wissenschaftseinrichtungen bis hin zur Betreuung wichtiger Bund-Länder-Programme. Das schränkt die Zeit ein für das, was ich für das Kerngeschäft des WR halte: nach vorn zu denken, sich mit Zukunftsszenarien auseinanderzusetzen und Ideen zu formulieren, wie das System Wissenschaft seine Aufgabe besser als heute erfüllen kann.

 

Der Think Tank leidet unter den Alltagsmühen?

 

Wenn Sie so wollen. Der Wissenschaftsrat ist von seiner Art und Zusammensetzung her eine einzigartige Institution, und das wirkt sich auf die Vielzahl der Aufgaben aus, die die Politik ihm zuschreiben möchte... Darf ich noch einen zweiten Wunsch äußern?

 

Aber immer.

 

Die Politik darf nicht das Momentum verpassen, das endlich bei der Debatte um die Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft entstanden ist. Lange hat sich das Thema vor sich hingeschleppt, jetzt ist eine Aufmerksamkeitswelle da. Doch all die unterschiedlichen Initiativen von Bund, Ländern, Kommunen, von verschiedenen Ministerien, Behörden sowie wissenschaftlichen Einrichtungen, die laufen zu unkoordiniert nebeneinander. Voraussetzung für mehr Koordination ist, dass die einzelnen politischen Akteure ihre Einzelinteressen, besonders zur Geltung zu kommen, zurückstellen.

 

Wollen Sie noch deutlicher werden, welche Akteure Sie genau meinen?

 

Ich denke, das war deutlich genug.

 

Und was wollen Sie der Wissenschaft zum Abschied vom Wissenschaftsrat mit auf den Weg geben?

 

Wenn es ein Thema gibt, das mich in meiner Zeit als Vorsitzender, aber auch schon davor im WR, am meisten umgetrieben hat, so war das die Frage nach der Integrität von Wissenschaft. Und damit meine ich viel mehr als nur das Ziel, Plagiate früher erkennen und verhindern zu können. Wie sichern wir die Qualität der wissenschaftlichen Erkenntnisse etwa in den Lebenswissenschaften? Wie machen wir junge Menschen von Anfang an standhaft gegen Verlockungen, sich mit Kniffs und Tricks ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, einen höheren „Impact“ zu verschaffen? Das fängt bei Salami-Publikationen an und endet bei Zitierkartellen. Noch ist das gesellschaftliche Ansehen von Wissenschaft hoch. Doch wenn Wissenschaft nicht selbst die höchsten Maßstäbe entwickelt, um sich gegen Kompromittierungen von Qualität und Ethik abzusichern, dann gefährdet sie ihre eigene Autonomie.

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