Mehr Tiefgang bitte!

Warum wir von der amerikanischen Liberal-Arts-Tradition lernen sollten.

DER WIDERSPRUCH IST offensichtlich. Auf der einen Seite klagen viele den Verlust des akademischen Tiefgangs seit der Bologna-Studienreform, auf der anderen Seite wagt sich kaum eine Hochschule an mutige Studienmodelle. Die Politik lasse das nicht zu, so lautet die Standardausrede. Oder: Die engstirnigen Akkreditierer sind schuld.

 

Wer so argumentiert, redet den eigenen Spielraum klein – und unterschlägt die eigene Verantwortung für zu kleinteilige Studienprogramme, eine zu frühzeitige Spezialisierung und zu wenig Studium generale in den ersten Semestern.

 

Es ist doch ironisch: Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, die für ihre Studiengebührenexzesse gescholten werden, existiert eine Vielzahl so genannter Liberal-Arts-Colleges, die als Kern vierjähriger Bachelor-Programme das Sich-Bilden anbieten, die eingehende Beschäftigung mit den großen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen. Darüber hinaus gibt es ohnehin kaum ein Bachelor-Programm in den USA, das nicht in den ersten Semestern ein fachübergreifendes Überblicksstudium vorsieht, bevor die Studenten sich auf zumeist ein Haupt- und ein Nebenfach festlegen müssen.

 

Zuletzt hat die Zahl ähnlicher Modelle in Deutschland in homöopathischen Dosen zugenommen, doch die erdrückende Mehrheit der Studiengangsverantwortlichen versteht hierzulande unter „mehr Tiefgang“ immer noch mehr Grundlagen aus dem eigenen Fach; „mehr Breite“ erschöpft sich meist in fachnahen Wahlmöglichkeiten. Und die gleichen Studiengangsverantwortlichen beschweren sich dann die übergroße Spezialisierung der Studienangebote und die Diktatur der „Verwertungslogik“.

 

Wie wäre es, mal weniger über die Grenzen zu klagen, die Bologna und über 50 Prozent Studienanfänger setzen, und statt dessen über die Möglichkeiten nachzudenken, die sich hier eröffnen? Wenn dann die Politik und die Akkreditierer nicht mitspielen, kann man sich wirklich zu Recht über sie aufregen.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Bleistifterin (Donnerstag, 09 März 2017 10:13)

    Ach Herr Wiarda.
    Ich glaube fest an Liberal Arts, habe in den USA einige Semester so studiert, in D. interdisziplinär promoviert, an der Leuphana gearbeitet. Wäre bereit, jedem Arbeitgeber breite Studienwahl zu erklären, werde aber nirgendwo eingeladen. Kein BWL Diplom.

  • #2

    S. Fugbaum (Donnerstag, 09 März 2017 13:03)

    Lieber Herr Wiarda, wo finden sich denn in Deutschland derartige Programme? Wen haben Sie vor Augen?

  • #3

    Annegret Kuckuck (Freitag, 10 März 2017 09:37)

    Lieber Herr Wiarda,
    eine breite fachliche und methodische Grundbildung sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Ich verstehe nicht, weshalb alle Welt den Bologna-Prozess reflexartig mit Grenzen und bürokratischen Vorgaben assoziiert.
    Die staatlichen Vorgaben kann man auf die folgenden 3 Aspekte reduzieren: Zweistufigkeit, Modularisierung, Kompetenzorientierung. Die gesetzliche Aufgabe, Studierende auf eine berufliche Tätigkeit, welche die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden erfordert, vorzubereiten, ist mit der Einführung des Bologna-Prozesses nicht geändert worden. Die KMK hat zudem die Rahmenprüfungsordnungen abgeschafft, welche noch für die Diplomstudiengänge umfangreiche formale und inhaltliche Vorgaben gemacht haben. Die Universitäten haben hier ein hohes Maß an Freiheit erhalten. Sie müssen Sie wirklich nur nutzen und sich nicht hinter den häufig leider nicht von großer Sachkenntnis geprägten Meinungen einzelner Interessenträger verstecken.

  • #4

    Josef König (Freitag, 10 März 2017)

    Lieber Jan-Martin,

    lese und verstehe ich Dich richtig, dass Du nun, wie ich schon lange, Dich in die Reihe der B.A./M.A.-Kritiker einreihst? So klingt zumindest die Forderung nach mehr Tiefgang (und implizit mehr Selbstbestimmung und Wahlfreiheit). Dass Du das aber mit den US Liberal arts begründest, erstaunt mich etwas. Ich habe vom College bzw. BA in den USA als ein etwas "besseres Abitur" gehört, weil die high school dort nicht an das deutsche Abinieveau heranreichen solle.
    Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, auch wenn in meinem Alter schon ein gewisser Altersstarrsinn einsetzt. ;-)

    Liebe Grüße und wenn Du Dich erneut in Bochum blicken lässt, ohne Bescheid zu geben, könnte der Altersstarrsinnige an die Zeiten des Rohrstocks erinnern ...

    Josef

  • #5

    Jan-Martin Wiarda (Montag, 13 März 2017 10:03)

    @ S. Fugbaum: Ich habe bewusst keine Beispiele genannt, weil ich dann andere, die ebenso gut sind, unterschlagen würde. Häufig in der Diskussion erwähnt werden jedoch die Leuphana Universität Lüneburg, das University College Freiburg oder auch das private Bard College in Berlin.
    @ Josef König: Keineswegs bin ich zum Bologna-Kritiker mutiert, im Gegenteil: Ziel meines Kommentars war, deutlich zu machen, welche Möglichkeiten die Reform bietet – wenn man sie denn nutzt. Das mit dem "besseren Abitur" an amerikanischen Colleges gehört zu den leider immer noch verbreiteten Klischees, die meines Erachtens von Leuten gepflegt werden, die entweder nie länger dort waren oder dadurch im Umkehrschluss die Leistungsfähigkeit deutscher Universitäten überhöhen wollen... Apropos: In Bochum bin ich morgen bei der nexus-Jahrestagung!

    Beste Grüße an Sie und an Dich,
    Ihr Jan-Martin Wiarda