Ein Flaschenhals, der (vielleicht) gar nicht existiert

Es gebe zu wenige Professorenstellen für qualifizierte Nachwuchswissenschaftler, heißt es immer. Plausible Schätzungen kommen zu einem anderen Ergebnis. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: Pete Wright
Foto: Pete Wright

NICHT ALLE KLAGEN, die über die Arbeitsbedingungen junger Wissenschaftler erhoben werden, sind berechtigt. Zum Beispiel die, dass „Nachwuchs“-WissenschaftlerInnen mehr als acht Stunden am Tag und mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, und wohl auch nicht, dass Promovierende neben ihrer Dissertationsarbeit noch lehren und Arbeiten in Projekten übernehmen. Andere Beschwerden hingegen kann man gar nicht oft genug wiederholen. Dass die Arbeitsverträge in der Promotions- und Postdocphase immer noch viel zu kurz befristet sind etwa.

 

Das eigentliche Skandalon wäre jedoch, wenn junge WissenschaftlerInnen, die den mühsamen Weg der Qualifizierung, der Publikationen und Konferenzarbeit hinter sich gebracht haben, die höchst qualifiziert und spezialisiert sind, im schon nicht mehr sehr jungen Alter von um 42 Jahren feststellen müssten, dass ihnen trotz allem keine Stellen als Hochschullehrer offen stünden. Ein bekannter Sprecher der Juniorprofessoren, Remigius Bunia, hat 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vermutet, dass es ungefähr zwei Drittel aller Berufungsfähigen nicht auf eine Dauerstelle schafften Der Präsident der Freien Universität, Peter-André Alt, konstatierte schon 2012 ebenfalls in der FAZ ein Glücksspiel von 1: 300 für die Berufungschancen von Promovierten. Nach einem Beitrag von Neufeld und Johann (in Forschung&Lehre 9/2016) bleibt 82 Prozent der Aspiranten eine Professur verwehrt.

Doch was wissen wir wirklich über Angebot und Nachfrage an der Schwelle zur Professur? Wie groß und daher empörend ist dieses Skandalon?  Der neue Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs erlaubt dazu einige Aufschlüsse.

 

Gefragt, was sie in zehn Jahren beruflich machen werden bzw. wollen, streben etwa die Hälfte der Promovierten an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach der Promotion eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre an. 22 Prozent wünschen sich eine Professur oder leitende wissenschaftliche Tätigkeit im öffentlichen Hochschulsektor, 20 Prozent eine   Mitarbeiterstelle und 34 Prozent eine wissenschaftliche Tätigkeit außerhalb der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 22 Prozent wiederum planen eine Tätigkeit ohne Forschungsbezug. 

 

Diese Zahlen zu den Berufszielen stammen aus der 2016 von Stifterverband und Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) veröffentlichten Studie „Personalentwicklung“. Einer anderen Umfrage zufolge nennen 61 Prozent der befragten Nachwuchswissenschaftler als Berufsziel die Professur. Wenn von den jährlich rund 20.000 Promovierten (ohne Medizin) etwa ein Drittel in Forschung und Lehre verbleiben, sind es also je nach Studie 1500 bis 4500 Personen pro Jahr, die eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre oder explizit eine Professur anstreben. Dem stehen jährlich etwa 2000 Vakanzen an ausgeschriebenen Professuren demgegenüber. Diese Personengruppe kann man als Rekrutierungs-, aber noch nicht als Kandidatenpool betrachten.

 

Die einzige vermutlich belastbare Zahl zu den offensichtlich schon Berufungsqualifizierten ist die jährliche Zahl der Habilitierten, die von 2128 im Jahr 2000 auf 1627 im Jahr 2014 fiel. Dazu kommen (wiederum für das Jahr 2014) die 1613 Juniorprofessoren und 921 Leiter von Nachwuchsgruppen.  Wir wissen allerdings auch, dass etwa die Hälfte der erstberufenen W2- und W3-Berufenen nicht habilitiert ist, da seit einigen Jahren auch habilitationsäquivalente Leistungen qualifizieren. Von den   Habilitierten muss man allerdings den größten Teil der Humanmediziner abziehen, da sie mit der Habilitation keine Universitätsprofessur, sondern die Leitung einer Klinik   anstreben. Die Mediziner stellten 2014 die Hälfte der Habilitationen, gleichzeitig wurden 122 habilitierte Mediziner auf eine Professur (davon 58 auf eine W2 Professur) berufen.

 

Der Pool an Berufungsqualifizierten umfasst also schätzungsweise jährlich 850 Habilitierte (ohne Mediziner), ein Sechstel der Juniorprofessuren (um 270) und ein Fünftel der Nachwuchsgruppenleiter (um 180), also insgesamt rund 1300 Personen. Davon muss man noch die Gruppe der Personen abziehen, die sowohl eine Juniorprofessur haben oder eine Nachwuchsgruppe leiten. Unter den 2014 Erstberufenen gab es etwa ein Fünftel, die sowohl aus einer Juniorprofessur kamen als auch habilitiert waren. Unterstellt man, dass es auch unter den Leitern von Nachwuchsgruppen ähnlich viele Habilitierte gab, so gelangt man zu einer Zahl von Berufungsqualifizierten für 2014 von etwa 1220 Personen. Dem standen 2014 887 Erstberufungen (ohne Fachhochschulen) gegenüber. Dies ergäbe ein Chancenverhältnis von ca. 1: 1,4.  

 

Alle diese Schätzungen sind freilich mit hohen Unsicherheiten verbunden. So dürften etwa von den Bewerbern mit habilitationsäquivalenten Leistungen, im Jahr 2014 insgesamt 345 Personen, etliche   aus der Gruppe der Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter gekommen sein. Das könnte leicht zu einer Minderung der Chancen führen. In Rechnung zu stellen ist aber auch, dass die Fachhochschulen ihre Professoren zum Teil aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen rekrutieren. Die vielen unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Zahlen, die in dieser Debatte genannt werden, zeigen den morastigen Boden in der Abschätzung des Flaschenhalses. Zwischen 1999 und 2011 gab es laut Deutschem Hochschulverband (DHV) jährlich rund 1500 Ausschreibungen für W2- und W3-Professuren, 2014 kamen 40.000 Bewerbungen auf 1648 W2- und W3-Berufungen. Daraus wird im BuWiN eine Berufungsquote von etwa vier Prozent abgeleitet, also ein Chancenverhältnis von 1:25.

 

Die Angebotsseite des Professoriats wird in hohem Maße durch das altersbedingte Ausscheiden bestimmt. Von 2015 bis 2024 sollen 7866 Professoren altersbedingt ausscheiden; im EFI-Bericht 2017 werden für den kleineren Zeitraum von 2017 bis 2024 11.770 altersbedingte Vakanzen errechnet. Das würde durchschnittlich eine jährliche Anzahl von 800 bis 1400 Vakanzen produzieren.  Dazu kommen über die nächsten 15 Jahre 1000 Stellen für Tenure-Track-Professuren aus dem 2016 beschlossenen Nachwuchswissenschaftlerprogramm der Bundesregierung, also jährlich weitere 100 Vakanzen ab 2023. Könnte es angesichts solch annähernd ausgeglichener Zahlen also sein, dass das Skandalon in massiver Form gar nicht existiert?


HABEN SIE EINE ANDERE POSITION?
SAGEN ZAHLEN, DIE SIE KENNEN, ETWAS ANDERES?
FOLGEN SIE KARL ULRICH MAYERS AUFFORDERUNG UND SCHREIBEN SIE ES AUF. 


Woher kommt aber dann die Diskrepanz zwischen den subjektiv gefühlten und in der Öffentlichkeit dramatisierten Unsicherheiten und diesen meines Erachtens plausiblen Schätzungen?  Es ist höchste Zeit, durch bessere (Längsschnitt-)Daten diese Diskrepanz in der einen oder anderen Richtung aufzulösen. Und ich fordere zu mindestens ebenso detaillierten Alternativrechnungen und –simulationen auf. Denn das potenzielle Problem ist nicht nur für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel zu wichtig, um Ad-Hoc-Spekulationen überlassen zu bleiben.

 

Unbestritten ist darüber hinaus, dass die Betreuungsverhältnisse zwischen Professoren und Studierenden auch im internationalen Vergleich himmelsschreiend sind und die Qualifizierungszeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses nach der Promotion viel zu lang dauern.

 

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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Kommentare: 19
  • #1

    Bleistifterin (Dienstag, 21 März 2017 09:07)

    Leider kann man nicht erkennen, wieviele junge Idealisten sich genau während der ersten Qualifizierungsphase Promotion umentscheiden, da mit dem Wechsel "ins Lehrerzimmer" die Karriereaussichten erst besser einzuschätzen sind.
    Auch finde ich die Fixierung auf Lehrstühle als einzige feste Stelle schwierig. Wenn es bei BMW hiesse, Vorstand oder nach 6 Jahren raus, würde der Laden zusammenfallen. Universitäten verlieren andauernd grosse Mengen implizites Wissen im Mittelbau, da dieser ständig ausgetauscht wird. Das festigt zugleich die Position der 10% entfristeten=Profs.
    Der Grund, warum Sie keinen Flaschenhals sehen, ist weil so viele vorher aufgeben. Als Selektionskriterium ist reines Durchhaltevermögen vielleicht hinreichend, aber nicht ausreichend. So bleiben nicht die besten-die sind längst in der Wirtschaft, planungssicherer und besser bezahlt- sondern die, die im System am besten gedeihen.

  • #2

    kernpanik (Dienstag, 21 März 2017 09:30)

    Bei den Zahlenspielen wurden ein paar wichtige Details vergessen:

    Erstens gibt es einen zunehmenden internationalen Austausch - längst nicht alle Professuren werden mit Deutschen besetzt. Derzeit stammen wohl (die Schätzungen variieren) um die zehn Prozent der Professor_innen aus dem Ausland. Ausgeschriebene Stellen ausschließlich den deutschen Bewerber_innen gegenüberzustellen, greift also zu kurz.

    Zweitens existieren die besagten 1000 Tenure-Track-Stellen noch nicht - und dank der behäbigen Hochschulbürokratie darf auch bezweifelt werden, dass sie im avisierten zeitlichen Rahmen alle geschaffen sein werden.

    Drittens werden nicht nur neue Professuren geschaffen, sondern auch alte gestrichen. Dank der teilweise drastischen Sparpolitik mancher Hochschulen geht mit der Emeritierung so manche_r Professor_in auch ihr Lehrstuhl endgültig in Rente.

    Viertens wird nicht jede Professur tatsächlich besetzt. Es gibt Stellen, die dank des zähen Berufungs-und-Bleibeverhandlungspokers, schlechter Rahmenbedingungen und der (im internationalen Vergleich) eher mäßigen Bezahlung über Jahre hinweg vakant bleiben.

    Last but not least steigt die Zahl der Promovierenden - und damit derjenigen, die sich für eine Juniorprofessur bzw. Tenure-Track-Stelle qualifizieren - stetig. Laut Statistischem Bundesamt ist ihre Anzahl alleine in den letzten fünf Jahren um satte 13.400 Personen gewachsen.

  • #3

    René Krempkow (Mittwoch, 22 März 2017 10:33)

    @kernpanik: Ich finde es gut, nach (weiteren) Fakten zu schauen, die wichtig für diese Diskussion sind. Danke für diesen erfreulich faktenbasierten Diskussionsbeitrag! Hier noch drei Punkte dazu für die weitere Diskussion:

    1.) Es ist richtig, dass derzeit um die zehn Prozent der Professor(inn)en aus dem Ausland stammen. Bei ausländischer Staatsangehörigkeit sind es etwas weniger, bei Bildungsinländern etwas mehr (siehe die Zahlen dazu z.B. in: www.researchgate.net/publication/284138954, Seite 6 und folgende).

    2.) Es ist auch richtig, dass Professuren gestrichen werden. Aber bei Zahlen zu Neuberufungen ist dies bereits berücksichtigt, da dann eben nicht neu berufen wird.

    3.) Als Zahl derjenigen, die sich für eine Juniorprofessur bzw. Tenure-Track-Stelle qualifizieren, wäre die Zahl der Postdocs geeigneter, da für solche Stellen üblicherweise noch einige Jahre (eigenständige) Forschungserfahrung nach der Promotion vorausgesetzt wird. Leider gibt es hierzu bislang kaum zuverlässige Zahlen. Schätzungen u.a. mit den Berechnungsansätzen des Indikatorenmodells für die Berichterstattung zum wissenschaftlichen Nachwuchs gehen jedoch davon aus, dass es aktuell wahrscheinlich ca. 50.000 +/- 13.000 sein dürften (www.researchgate.net/publication/311455468).

    Soviel in aller Kürze zu weiteren Fakten. ;-)

  • #4

    Fragende (Mittwoch, 22 März 2017 15:36)

    Entsteht der Flaschenhals nicht vor allem auch durch ein Missverhältnis bei den Disziplinen? Gibt es nicht eine ganze Reihe Fächer mit überdurchschnittlich viel mehr Doktoranden und in der Folge Nachwuchswissenschaftlern auf verschiedenen PostDoc-Karrierewegen, als es letztlich Professuren in diesem Fach gibt? Und umgekehrt einige Bereiche, wo die Zahl derjenigen, die sich für eine Professur qualifizieren, tatsächlich vielleicht unter der Zahl zur Verfügung stehender Professuren gibt? Ich frage das, weil ich dazu keine Zahlen habe, nur eine, allerdings beobachtungsbasierte, Vermutung. Aber damit wäre ein Flaschenhals in der ersten Gruppe trotz (vermeintlich) vorhandener Stellen leicht erklärt.

  • #5

    Michael (Mittwoch, 22 März 2017 17:08)

    Ich finde den Artikel wenig plausibel - neben den gemachten Aussagen der anderen Kommentare verdient insb. der 4. Kommentar Beachtung: man kann ja wohl nicht einfach z.B. 1000 Stellen mit 900 professorablen Wissenschaftlern gegenüber stellen und dann behaupten, dass die Situation gar nicht so schlecht sei... es kommt ja wohl noch auf das Zahlenverhältnis innerhalb der einzelnen Fächer und sowie auf die konkreten Denominationen der einzelnen Professuren und den dazu passenden Kandidaten an. Ein Beispiel aus meiner Disziplin, der Politikwissenschaft: relativ viele Stellen für Internationale Beziehungen, aber auch sehr viele Kandidaten; wenige Stellen für Policyforschung, auch viele Kandidaten... so wie Mayer das hier macht, ist es viel zu pauschal und nicht plausibel; der Flaschenhals mag nicht überall gleich dünn sein, aber er existiert. Zudem ist es auch nicht sinnvoll, die jährlich Habilitierten als Vergleich heranzuziehen: zu dieser Zahl kommen ja noch diejenigen hinzu, die vorher habilitiert wurden, es aber noch nicht auf eine Professur geschafft haben...

  • #6

    Beitrag (Mittwoch, 22 März 2017 17:30)

    Ohne auf die konkreten Zahlen einzugehen, ein wesentlicher Aspekt der in der Betrachtung fehlt: Wer im ersten Jahr der eigenen Berufungsfähigkeit keine Professur erhält, scheidet nicht aus dem Rennen aus, sondern wird sich für viele weitere Jahre um eine Professur bemühen. Zusätzlich zu den je neu erscheinenden Berufungsfähigen gibt es also in jedem Jahr eine (stetig wachsende) Bugwelle Unberufener aus den Vorjahren, die den Überhang Berufungsfähiger um ein Vielfaches erhöhen.

  • #7

    Friedemann Kainer (Donnerstag, 23 März 2017 09:29)

    Berücksichtigt werden müsste auch, dass eine nicht unerhebliche Zahl der ausgeschriebenen Professuren mit Lehrstuhlinhabern besetzt werden, die auf diese Weise Einkommen, Stellen und Ausstattung verbessern.

  • #8

    René Krempkow (Donnerstag, 23 März 2017 16:30)

    Zur "Bugwelle Unberufener aus den Vorjahren, die den Überhang Berufungsfähiger um ein Vielfaches erhöhen" (#7, ähnlich #5): Im BuWIN (2017, S. 194, www.buwin.de) finden sich dazu Zahlen, auf die auch K.-U. Mayer am Ende seine Beitrags hinweist. Diese zeigen für 2014 eine Relation von insgesamt 45.378 Bewerbungen zu insgesamt 2.007 erfolgreichen Berufungen, wonach rein statistisch durchschnittlich jede 24. Bewerbung (oder 4% aller Bewerbungen) auf eine Professur erfolgreich ist. Allerdings wurden dort Neuberufungen und Weg-Berufungen sowie Juniorprofessuren (bislang fast immer ohne echten Tenure Track) zusammengefasst. Neuberufungen auf Dauerstellen sind nur 872, d.h.: Durchschnittlich jede 52. Bewerbung (oder 2% aller Bewerbungen) war zuletzt auf Dauer erfolgreich. Berücksichtigt man die für die Zukunft geplanten 1.000 Tenure-Track-Stellen, landet man allerdings wieder bei rund jeder 24 (bzw. 4%).

    Dies sagt aber in der Tat nichts über fächerspezifische Unterschiede (#4). Eine Näherung hierzu wäre möglich, allerdings nur grob: Als Relation der entsprechend Vorqualifizierten (eigentlich Postdocs gemäß #3, hilfsweise Promovierte 2007-2014 aus dem BuWiN (2017, S. 94) zu altersbedingt ausscheidenden Professoren 2017-2024 im BuWiN (2017, S. 195). Eingrenzen könnte man die Schätzung noch, wenn man nur den Anteil derjenigen Promovierten einbezieht, die angeben eine Professur anzustreben (z.B. aus der von K.-U. Mayer zitierten Stifterverbands/DZHW-Studie (2016, S. 32, www.researchgate.net/publication/303946305).

    Hier zwei Rechenbeispiele dazu:
    1.) Ingenieurwiss.: 21.688 * 0,22 / 952 = 5,0.
    D.h., grob geschätzt etwa jede/r 5. (oder 20%) derjenigen, die dies anstreben, hat hier durchschnittlich eine Chance auf eine Professur.
    2.) Rechts-/Wirt.-/Sozialwiss.: 28.882 * 0,59 / 879 = 19,4.
    D.h., grob geschätzt etwa jede/r 20. (oder 5%) derjenigen, die dies anstreben, hat hier durchschnittlich eine Chance auf eine Professur.

    PS: Mir ist bewusst, dass diese Quoten etwas zu positiv geschätzt sind, weil der BuWiN 2017 die Promovierten der letzten 8 Jahre ausweist, die altersbedingt ausscheidenden Professuren fachspezifisch aber für 10 Jahre. Andererseits sind hier die geplanten 1.000 Tenure-Track-Professuren nicht berücksichtigt, die die Quoten positiv beeinflussen wird. Deren Fächerverteilung muss sich erst noch zeigen. Es ist in der Tat ein Kreuz mit den Zahlen, aber für eine halbwegs realistische Abschätzung der Verbleibchancen im Wissenschaftssystem gibt´s derzeit nichts anderes... ;-)

  • #9

    Klaus Diepold (Freitag, 24 März 2017 12:23)

    Interessantes Thema und sehr gute Kommentare. Ich kann faktisch dazu wenig beitragen, ausser zweier Aspekte
    - den Flaschenhals kann ich sehen, wenn ich die Anzahl der Bewerber auf eine ausgeschriebene Stelle ansehe. Der Anteil der Bewerbungen aus dem Ausland ist dabei erheblich (deutlich mehr als 10%). Viele von den Bewerbungen aus dem Ausland sind Bildungsinländer, die übrigens in den wenigsten Fällen habilitiert sind, aber über viel selbstständige Forschungserfahrung verfügen. Ich weiss nicht, ob diese Effekte in den Statistiken erfasst sind.

    - Es wurde darauf hingewiesen, das viele potentielle Kandidaten das Thema wissenschaftliche Laufbahn frühzeitig ad acta legen. Ebenso verlassen viele Kandidaten, insbesondere die besonders geeigneten und motivierten, das Land, um z.B. die Promotion in den USA oder in anderen Ländern zu absolvieren und sich in den dortigen Systemen zu etablieren. Diesen Effekt finde ich in der laufenden Diskussion auch noch zu wenig erfasst.
    Cheers

  • #10

    Florian Eßer (Freitag, 24 März 2017 20:12)

    Was mir dabei fehlt, ist die Perspektive für diejenigen, die es (mit welcher Wahrscheinlichkeit auch immer) nicht auf eine Professur schaffen: Denn die gibt es (zumindest in meinem Bereich) kaum (mehr), weil der dauerangestellte Mittelbau ausradiert wurde. Daher heißt es für Posrtdocs schlicht hop oder Top - Professur oder Hartz IV, reiche Heirat oder Neuorientierung mit 42. Das ist das zentrale Problem, das selbst einigermaßen gute 'Wahrscheinlichkeiten' dennoch zu einem Hochrisikovorhaben macht.

  • #11

    Postdoc (Samstag, 25 März 2017 22:05)

    Das mit denjenigen, die es nicht auf eine Professur schaffen, ist allerdings ein leider immer noch ungelöstes Problem. Das wurde durch die Umwandlung des ursprünglich für den gesamten Nachwuchs gedachten sogenannten "Nachwuchs-Paktes" in das "1.000 Tenure-Track-Professuren"-Programm leider nicht mehr angegangen.
    Laut übereinstimmenden Medienberichten hatte innerhalb der Regierungskoalition die CDU/CSU-Fraktion dies verhindert. Hoffentlich erinnern sich auch andere Postdocs bei der nächsten Wahl noch daran!

  • #12

    Reinhard Kreckel (Montag, 27 März 2017 20:10)

    Etwas nach Kirchturmspolitik klingt sie schon, die deutsche Flaschenhalsfrage. Ein wenig internationaler Vergleich hilft da manchmal. Vgl. zum Beispiel die Grafiken in www.researchgate.net/publication/315383618. Dort sieht man dann z.B., dass die Konturen der universitären Personalstrukturen in Frankreich, England oder USA eher einem Bierglas als einer Weinflasche ähneln.

  • #13

    Karl Ulrich Mayer (Dienstag, 28 März 2017 11:11)

    Renè Krempkow macht einen anderen interessanten, alternativen Berechnungsvorschlag, in dem er die fächerspezifischen Promotionszahlen mit der fächerspezifischen Anzahl der ausscheidenden Professoren verknüpft und dies gewichtet mit der Karriereintention“ Prof.“
    Renè Krempkow macht aber einen ganz entscheidenden Denkfehler, in dem er von der Anzahl der Promovierten ausgeht und nicht von der Anzahl der Promovierten, die an den Universitäten (und außeruniversitären Forschungseinrichtungen) verbleiben wollen. Nach der Stifterverband/DZHW –Studie (2014, S.37) sind das etwas mehr als ein Drittel. (Noch besser wäre, man wüsste, wie hoch der Anteil der Promovierten in den verschiedenen Fächern ist, die tatsächlich nach 1-2 Jahren noch in akademischer Forschung und Lehre verbleiben).
    Das würde seine Schätzungen erheblich mindern.
    Im Übrigen hatte ich im Gegensatz zu Krempkow versucht, die Chancen der tatsächlich „Berufungsqualifizierten“ im Verhältnis zu den Berufungschancen abzuschätzen.

  • #14

    René Krempkow (Dienstag, 28 März 2017 17:14)

    Da sich hier eine erfreulich hochkarätige, sachliche Diskussion ergibt, gehe ich gern noch einmal auf zwei Argumente ein:
    1.) In der Stifterverbands/DZHW-Studie (deren Mitautor ich bin, dies sei hier erwähnt) wurde der Anteil der Promovierten erfragt und ausgewiesen, der eine Tätigkeit "als Professor(in) an einer Hochschule bzw. Forschungseinrichtung" anstrebt; dies sind bundesweit 44% (ebd., S. 32). Darüber hinaus wurde (neben den Tätigkeitsoptionen zur Wirtschaft) noch eine weitere zur Wissenschaft erfragt und ausgewiesen, nämlich "als Wissenschaftler(in) einer Hochschule bzw. Forschungseinrichtung (unterhalb der Professur)"; dies sind bundesweit 30% der Promovierten (ebd.) und diese wurden nicht in den Pool der eine Professur anstrebenden einbezogen, da sie diese nicht als ihr berufliches Ziel sehen. Diese Gruppe hat nicht etwa den Sprung zur Professur nicht geschafft, sie will sie nicht. (!) Diese große Gruppe (in anderen Ländern z.B. Senior Scientists o.ä., siehe #12) fällt im deutschen "up or out"-System derzeit aus wissenschaftspolitischen Überlegungen teilweise heraus. Zu dieser Gruppe scheint es daher generell Missverständnisse zu geben.

    2.) Zu "Berufungsqualifizierten" bin ich der Überzeugung, dass eine Betrachtung nur der Habilitierten, Juniorprofs und Nachwuchsgruppenleiter allein zu kurz greift, um die Berufungschancen abschätzen zu können. Denn es gibt - worauf Mayer ja auch hinwies - viele Bewerber mit habilitationsäquivalenten Leistungen, die aber eben nicht nur aus der Gruppe der Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter kommen. Zudem rekrutieren die Fachhochschulen ihre Professoren zu einem großen Teil jenseits der Habilitierten, Juniorprofs und Nachwuchsgruppenleiter, zumal Bewerber anstelle einer Habil. o.ä. eigentlich auch einige Jahre der Berufspraxis außerhalb von Hochschulen aufweisen sollten, (was jedoch nicht immer konsequent gehandhabt wird). In den Ingenieurwiss. und den Rechts-/Wirtschafts-/Sozialwiss. sind es für die W2-Professuren bundesweit sogar mehr als die Hälfte, die mit habilitationsadäquaten Leistungen ihre Erstberufung erhalten (vgl. BuWiN 2017, S. 192). Angesichts dessen wäre es ein nicht unbeachtlicher Verlust für das deutsche Wissenschaftssystem, wenn diese Promovierten nicht zu den "Berufungsqualifizierten" gezählt würden.

  • #15

    Christian Schneijderberg (Freitag, 07 April 2017 00:26)

    [Teil 1]
    Ich möchte zur Diskussion im Anschluss an den Gastbeitrag von Karl-Ulrich Mayer drei Aspekte einbringen:
    1. Ersetzen der Metapher Flasche bzw. Flaschenhals durch die Metapher des (Wein-)Dekanters mit breitem Boden, schmalem Durchlass und breiterer Öffnung oben.
    2. Alternativer Vorschlag zur Berechnung der Berufungsqualifizierten im Vergleich zu den bisher diskutierten Vorschlägen, und
    3. zur Berechnung des Verhältnisses der Berufungschancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
    Zu erstens: Die Metapher der Flasche suggeriert, dass es einen gleichmäßig breiten Mittelbau und ein schmales ProfessorInnentum gibt, zu welchem durch die Verengung des Flaschenhalses gelangt werden kann. Die Metapher versteckt jedoch mit Blick auf die wissenschaftliche Karriere und Berufungschancen auf eine Professur zweierlei: a) nach der Verengung „Ruf auf eine Professur“ wird der Dekanterhals wieder weiter, gemessen an der Anzahl W2 und W3 Professuren (n = 44.115); davon profitieren WissenschaftlerInnen, welche es auf eine temporäre Professur geschafft haben (n = 3.868) und solche, welche von einer W2 auf eine W3 Professur aufsteigen möchten. Und, b) der Mittelbau ist nicht einheitlich, sondern breit und stark differenziert nach AssistentInnen/DozentInnen (n = 3.400), wissenschaftlichen MitarbeiterInnen (n = 179.651) und Lehrkräften für besondere Aufgaben (n = 9.805) – verwendet man nur die Kategorien des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2015. Weiter differenziert werden müssen NachwuchsgruppenleiterInnen und WissenschaftlerInnen in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen, das zeigt der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) 2017. Gänzlich ignoriert wird bei den angestellten Karriereüberlegungen das nebenberufliche wissenschaftliche Personal (127.246; ohne TutorInnen), welches unkalkulierbares Potential für Berufungen birgt.
    Am Übergang vom Bauch zum Hals bzw. der Verengung des Dekanters kann die Gruppe der JuniorprofessorInnen (n = 1.615) angesiedelt werden; diese werden nicht als ProfessorInnen behandelt. An diesem Übergang zur Professur befinden sich jedoch auch die Habilitierten, zahlreiche PrivatdozentInnen (n = 6.856; inklusive außerplanmäßige ProfessorInnen), auch wenn letztere zum nebenberuflichen Personal gerechnet werden. In diesem Übergangsbereich befindet sich zudem eine statistisch schwierig zu ermittelnde Gruppe von promovierten Lehrkräften für besondere Aufgaben, Akademischen RätInnen und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen an Hochschulen. Wäre der Dekanter mit Wein gefüllt, würden die genannten Gruppen die obere Weinschicht bilden, die lange genug professorale Luft geatmet hat und damit bereit für die Berufung wäre – bildlich formuliert.
    Für die Berechnung von Berufungsqualifizierten und -wahrscheinlichkeiten müssen noch die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen an außeruniversitären Forschungsinstituten ergänzt werden. Deren Anzahl wird im BuWiN mit 38.406 angegeben, wobei davon 13.875 zur Gruppe der Promovierten (Altersgruppe 35 bis 45 Jährige) gerechnet werden (S. 104ff; Seitenzahlen beziehen sich alle auf den BuWiN 2017). Die hier verwendet Angaben aus dem BuWiN beziehen sich auf das Jahr 2014 und stammen ebenfalls vom Statistischen Bundesamt.

  • #16

    Christian Schneijderberg (Freitag, 07 April 2017 00:28)

    [Teil 2]
    Die Personalzahlen leiten zum zweiten Punkt über: des alternativen Berechnungsvorschlags für die Berechnung der Berufungsqualifizierten und des Verhältnisses der Berufungschancen. In Ermangelung von Angaben zum Qualifikationsniveau der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen wird im BuWiN die Gruppe der 35 bis 45 Jährigen für die Berechnung der Anzahl Promovierter und des Berufungspotentials verwendet (S. 98ff). Die Unsicherheiten der Methode werden im BuWiN kenntlich gemacht. Ich möchte eine alternative Berechnung vorschlagen. Basierend auf dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz könnte jedoch auch der Zeitraum von zwölf Jahren – sechs Jahre bis zur Promotion und weitere sechs Jahre bis zum Abschluss der Habilitation – als Teiler verwendet werden. Der Teiler von zwölf basiert auf der Annahme des regelmäßigen Ein- und Ausgangs von wissenschaftlichen MitarbeiterInnen. Zahlreiche Studien sprechen jedoch gegen diese Annahme und verweisen auf die hohe Selektivität vor allem in der Promotionsphase. Im BuWiN wird die Erfolgsquote bei Promotionen mit durchschnittlich 57% angegeben (S. 156). Der Einfachheit halber könnte ein Faktor zwei daraus entnommen werden. Im folgenden Gedankenexperiment wird also die Anzahl der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen durch 24 geteilt.
    Im Gegensatz zu den Angaben zum Hochschulpersonal konnte ich die Angaben zu wissenschaftlichen MitarbeiterInnen an außeruniversitären Forschungsinstituten nicht aktualisieren; der BuWiN arbeitet mit einer Sonderauswertung und öffentlich sind nur Angaben zu Vollzeitäquivalenten zugänglich. Es kann nicht die gesamte Gruppe der 35 bis 45 Jährigen als potentiell berufungsfähig betrachtet werden, das würde die Berechnungen zu sehr verzerren. In Ermangelung weiterer qualifizierter Informationen über die Gruppe von 13.875 wird diese der Einfachheit halber durch sechs geteilt – bezugnehmend auf die sechs Jahre nach der Promotion aus dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Würde die Anzahl von 38.604 durch 24 geteilt werden so besteht ein Unterschied von vier zur vorher genannten Vorgehensweise. Der Korrekturfaktor sechs wird auch bei den Gruppen der JuniorprofessorInnen sowie AssistentInnen und DozentInnen angewendet.
    Die Gruppe der PrivatdozentInnen und außerplanmäßigen ProfessorInnen wird vollständig gewertet, da es keine konkreten Anhaltspunkte für einen Teiler gibt. Zwar ist bekannt, dass nach einer gewissen Zeit die Berufungsfähigkeit sinkt bzw. sie „zu alt“ werden, doch dies bietet wenig Anhaltspunkte für eine Subtraktion.
    Basierend auf den obigen Überlegungen kann folgende Grundgesamtheit der potentiellen BewerberInnen für den Wettbewerb um dauerhafte und temporäre W2 und W3 Professuren angenommen werden:
    269 JuniorprofessorInnen
    567 AssistentInnen und DozentInnen
    6.856 PrivatdozentInnen und apl. ProfessorInnen
    7.485 wissenschaftliche MitarbeiterInnen
    409 Lehrkräfte für besondere Aufgaben
    2.313 wiss. MitarbeiterInnen außeruniversitärer Forschungseinrichtungen
    17.899 insgesamt

  • #17

    Christian Schneijderberg (Freitag, 07 April 2017 00:32)

    [Teil 3]
    Die hier erstellte Anzahl der potentiellen Berufungsqualifizierten ist grob halb so hoch wie die im BuWiN verwendete Orientierungsgröße von 35.047 der 35 bis 45 jährigen hauptamtlich wissenschaftlich Beschäftigten an Hochschulen im Jahr 2014 (S. 100). Da bei den 17.899 potentiellen Berufungsqualifizierten auch die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen außeruniversitäre Forschungseinrichtungen einbezogen sind kann von einer vorsichtigen bzw. konservativen Schätzung der Berufungswahrscheinlichkeiten – dem dritten hier behandelten Aspekt – ausgegangen werden.
    Nachdem die Kalkulation des Potentials der Berufungsqualifizierten dargelegt wurde, wird für die Berechnung der Berufungschancen wie folgt vorgegangen: da es sich bei der Chancenabschätzung nur um Näherungen handelt, werden beide in der hier geführten Diskussion genannten Größen verwendet. In der Studie von DZHW und Stifterverband gaben 44% an „als Professor(in) an einer Hochschule bzw. Forschungseinrichtung“ bleiben zu wollen, wie Rene Krempkow schreibt. Laut BuWiN streben 22% eine Professur an (S. 181). Beide Zahlen werden bei der Berechnung der Berufungswahrscheinlichkeiten verwendet. Weitere Größen für die Berechnung der Berufungschancen sind die Anzahl ausgeschriebener Professuren. Statt der 2.000 Ausschreibungen auf die sich Karl-Ulrich Mayer bezieht werden die Angaben des Deutschen Hochschulverbands (DHV) von jährlich durchschnittlich 1.500 Ausschreibungen verwendet. Die versprochenen 1.000 Tenure Track Professuren werden nicht bei der Berechnung berücksichtigt, da nicht klar ist, wann sie ausgeschrieben werden und ob diese dann an anderer Stelle wegfallen – was ja häufig in der Geschichte der Hochschulpolitik zu beobachten ist. Relevant für die Berechnung der Berufungschancen ist jedoch die Zahl von 872 Erstberufungen auf W2 und W3 Professuren (S. 191). Rechnet man Erst- versus Gesamtberufungen, so reduzieren sich die Berufungschancen erheblich, da mehr als 40% der Berufungen an ProfessorInnen gehen.
    Die Berufungswahrscheinlichkeiten im Wettbewerb um W2 und W3 Professuren variieren erheblich, je nachdem, ob der Professurwunsch von 44% oder 22% der Grundgesamtheit angenommen wird oder ob es sich um eine Erstberufung handelt oder nicht:
    44% von 17.899 = 7.876; 1.500 : 7.876 ≈ 19%; 872 : 7.876 ≈ 11%
    22% von 17.899 = 3.938; 1.500 : 3.938 ≈ 38%; 872 : 3.938 ≈ 22%
    Die Berechnungen zeigen, dass insgesamt etwa jedeR Zehnte (bei 44%) bzw. jedeR Fünfte (bei 22%) der wirklich, wirklich, wirklich Wollenden und potentiell Könnenden wahrscheinlich einen ersten Ruf erhalten kann. Die merkliche prozentuale Verringerung der Chancen einen ersten Ruf zu erhalten im Vergleich zu den durchschnittlich Möglichen 1.500 Rufchancen gibt einen Hinweis darauf, welchen Einfluss die Bewerbungen von ProfessorInnen (aus Deutschland oder anderen Landen) im wettbewerblichen System auf die Berufungschancen des wissenschaftlichen Nachwuchses haben. Neben umzugswilligen unbefristet angestellten ProfessorInnen steht der wissenschaftliche Nachwuchs insbesondere mit den 3.868 temporär Angestellten ProfessorInnen (davon 3.151 W2 und W3) in Konkurrenz um Professuren. Die Berufungschancen variieren selbstverständlich je nach Disziplin. Für das Gedankenexperiment zur Näherung an die Anzahl der Berufungsqualifizierten und -wahrscheinlichkeiten ist dies jedoch erst einmal unerheblich, ebenso wie der Fakt, dass die Zahlen aus unterschiedlichen Jahren stammen oder nicht einheitlich errechnet werden konnten.

  • #18

    Christian Schneijderberg (Freitag, 07 April 2017 00:33)

    [Teil 4]
    Die Antwort auf die Frage nach den Berufungsqualifizierten und dem Verhältnis der Berufungschancen lautet also zusammengefasst: Aus der Masse von 192.856 hauptberuflich in Forschung und Lehre tätigen MitarbeiterInnen an Hochschulen plus 38.604 an außeruniversitären Forschungseinrichtungen erreichen potentiell 17.899 das Stadium, in dem sie sich theoretisch um eine W2 und W3 Professur bemühen können – d. h. es sind grob 8%, die die Engstelle vom breiten Boden in den Dekanterhals passieren könnten. Von den 8% bzw. 17.899 kann es dann je nach Berechnungsart etwa jedeR Fünfte bis jedeR Zehnte wahrscheinlich auf eine erste Professur schaffen.
    Die allgemeine Wahrscheinlichkeit birgt jedoch nur begrenzte Aussagekraft für die individuellen Berufungswahrscheinlichkeiten. Denn real sind die Bewerbungschancen bei jeder neuen Bewerbung auf eine Professur für jedeN NachwuchswissenschaftlerIn wie beim Würfeln: bei jedem Wurf sind die Chancen gleich hoch eine eins, oder zwei, oder drei, oder vier, oder fünf, oder eine sechs zu bekommen – wobei der BewerberInnenwürfel wahrscheinlich meist mehr als sechs Seiten hat.
    Adressiert man nun angesichts der im Gedankenexperiment errechneten Berufungschancen die von Karl-Ulrich Mayer gestellte Frage nach dem „eigentlichen Skandalon“, dass NachwuchswissenschaftlerInnen „trotz allem keine Stellen als Hochschullehrer offen stünden“ so können zumindest folgende Antworten gegeben werden: „junge WissenschaftlerInnen, die den mühsamen Weg der Qualifizierung, der Publikationen und Konferenzarbeit hinter sich gebracht haben, die höchst qualifiziert und spezialisiert sind, im schon nicht mehr sehr jungen Alter von um 42 Jahren“ haben sowohl insgesamt als auch individuell recht überschaubare Chancen einen ersten Ruf auf eine Professur zu erhalten. Für die Mehrheit bedeuten die überschaubaren Berufungswahrscheinlichkeiten eine andere dauerhafte Stelle finden zu müssen oder game over im Hochschul- und Wissenschaftsbereich.

    [aufgrund der Zeichenbegrenzung des Blogs musste der Beitrag viergeteilt werden - Forschung ;-)]

  • #19

    René Krempkow (Montag, 10 April 2017 13:11)

    Ich las gerade die Kommentare-Serie von Christian Schneijderberg und möchte meiner Hochachtung Ausdruck verleihen ob der Zeit und Mühe, die darin steckt und die normalerweise kaum zu leisten ist. Gerade zur Würdigung dieser Leistung daher zwei Anmerkungen zum noch besseren Verständnis der Zahlen, mit Auswirkungen auf die Quote:

    1.) Schneijderberg berechnet gut nachvollziehbar in Teil 2(#16) die (deutlich über Mayers „Berufungsqualifizierte“ hinausgehende) Grundgesamtheit der potentiellen Bewerberinnen auf Professuren anhand der verfügbaren Daten v.a. der Hochschulpersonalstatistik. Leider ist in den verfügbaren offiziellen Daten eine potentiell große Gruppe nicht separat ausgewiesen: Dies sind die Lehrbeauftragten, die oft auch promoviert sind. (Hierfür gibt es in der Hochschulpersonalstatistik nur zusammengefasste Zahlen mit Honorarprof. und PD). Die dort Erfassten sind demnach aber rund 65.000 und die Honorarprof. und PD sind wohl nur ein Bruchteil davon. Da sich aber eine unbekannte Anzahl von Lehrbeauftragten ebenfalls auf Professuren bewirbt, müssten sie in Schneijderbergs Ansatz eigentlich noch mit berücksichtigt werden (in #8 sind diese bereits automatisch mit integriert). Dass dies schwierig ist, liegt auf der Hand; es vergrößert aber die Unsicherheit und verringert die durchschnittliche Berufungswahrscheinlichkeit.

    2.) Schneijderberg schrieb in Teil 3 (#17): In der Studie von Stifterverband/DZHW gaben 44% an, als Professor(in) an einer Hochschule bzw. Forschungseinrichtung bleiben zu wollen. Laut BuWiN streben 22% eine Professur an (S. 181), und er verwendet beide Zahlen bei seiner Berechnung der Berufungswahrscheinlichkeiten. Hierzu ist es zum Verständnis der beiden Zahlen wichtig, dass sich die 44% nur auf die Promovierten beziehen. Die 22% beziehen sich dagegen auf alle Nachwuchswissenschaftler insgesamt, also Promovierende und Promovierte. (Der deutlich geringere Wert von 22% für den wiss. Nachwuchs insgesamt hängt mit den nur 14 Prozent der Promovierenden in Deutschland zusammen, die 2015 eine Professur als berufliches Ziel in zehn Jahren angeben. Dies geht aus der stark gekürzten Darstellung im BuWiN nicht hervor.) Ich kenne dies deshalb so genau, weil beide Zahlen ursprünglich aus der Stifterverbands/DZHW-Studie stammen.
    Daraus ergibt sich für die Quote der Berufungswahrscheinlichkeit in Schneijderbergs Berechnungen: Wenn man nur die Quote der eine Professur anstrebenden 44% der Promovierten mit Doktortitel in die Berechnungen einbezieht, sind es bei ihm durchschnittlich 11% Berufungswahrscheinlichkeit für alle dies anstrebenden Promovierten in Deutschland (unabhängig vom Fächerhintergrund). Dies liegt etwa in der Mitte der in #8 berechneten Quoten für verschiedene Fächergruppen und zeigt damit, dass dieser wesentlich detailliertere jüngste Berechnungsvorschlag im Schnitt auf ähnliche Werte kommt. Für fächerspezifische Quoten (um die es hier weiter oben in Leserkommentaren und mir ging) bleiben wir einstweilen auf einfachere Berechnungen (#8) angewiesen. Aber evtl. finden wir dank „Schwarmintelligenz“ ja noch bessere Mittel und Wege auch dafür...

    Insgesamt finde ich, ist die Diskussion zu diesem Gastbeitrag ein beredtes Beispiel dafür, dass jenseits von Fake-News und Hasskommentaren eine weitgehend sachorientierte und fundierte Diskussion in diesem Format gut funktionieren kann. 
    Bedauerlich ist nur, dass die Diskussion erst nach Veröffentlichung des aktuellen BuWiN stattfinden konnte. So müssen wir jetzt drei Jahre warten, bis etwas davon (vielleicht) in den nächsten BuWiN einfließen kann.