Ein Flaschenhals, der (vielleicht) gar nicht existiert

Es gebe zu wenige Professorenstellen für qualifizierte Nachwuchswissenschaftler, heißt es immer. Plausible Schätzungen kommen zu einem anderen Ergebnis. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: Pete Wright
Foto: Pete Wright

NICHT ALLE KLAGEN, die über die Arbeitsbedingungen junger Wissenschaftler erhoben werden, sind berechtigt. Zum Beispiel die, dass „Nachwuchs“-WissenschaftlerInnen mehr als acht Stunden am Tag und mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, und wohl auch nicht, dass Promovierende neben ihrer Dissertationsarbeit noch lehren und Arbeiten in Projekten übernehmen. Andere Beschwerden hingegen kann man gar nicht oft genug wiederholen. Dass die Arbeitsverträge in der Promotions- und Postdocphase immer noch viel zu kurz befristet sind etwa.

 

Das eigentliche Skandalon wäre jedoch, wenn junge WissenschaftlerInnen, die den mühsamen Weg der Qualifizierung, der Publikationen und Konferenzarbeit hinter sich gebracht haben, die höchst qualifiziert und spezialisiert sind, im schon nicht mehr sehr jungen Alter von um 42 Jahren feststellen müssten, dass ihnen trotz allem keine Stellen als Hochschullehrer offen stünden. Ein bekannter Sprecher der Juniorprofessoren, Remigius Bunia, hat 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vermutet, dass es ungefähr zwei Drittel aller Berufungsfähigen nicht auf eine Dauerstelle schafften Der Präsident der Freien Universität, Peter-André Alt, konstatierte schon 2012 ebenfalls in der FAZ ein Glücksspiel von 1: 300 für die Berufungschancen von Promovierten. Nach einem Beitrag von Neufeld und Johann (in Forschung&Lehre 9/2016) bleibt 82 Prozent der Aspiranten eine Professur verwehrt.

Doch was wissen wir wirklich über Angebot und Nachfrage an der Schwelle zur Professur? Wie groß und daher empörend ist dieses Skandalon?  Der neue Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs erlaubt dazu einige Aufschlüsse.

 

Gefragt, was sie in zehn Jahren beruflich machen werden bzw. wollen, streben etwa die Hälfte der Promovierten an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach der Promotion eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre an. 22 Prozent wünschen sich eine Professur oder leitende wissenschaftliche Tätigkeit im öffentlichen Hochschulsektor, 20 Prozent eine   Mitarbeiterstelle und 34 Prozent eine wissenschaftliche Tätigkeit außerhalb der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 22 Prozent wiederum planen eine Tätigkeit ohne Forschungsbezug. 

 

Diese Zahlen zu den Berufszielen stammen aus der 2016 von Stifterverband und Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) veröffentlichten Studie „Personalentwicklung“. Einer anderen Umfrage zufolge nennen 61 Prozent der befragten Nachwuchswissenschaftler als Berufsziel die Professur. Wenn von den jährlich rund 20.000 Promovierten (ohne Medizin) etwa ein Drittel in Forschung und Lehre verbleiben, sind es also je nach Studie 1500 bis 4500 Personen pro Jahr, die eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre oder explizit eine Professur anstreben. Dem stehen jährlich etwa 2000 Vakanzen an ausgeschriebenen Professuren demgegenüber. Diese Personengruppe kann man als Rekrutierungs-, aber noch nicht als Kandidatenpool betrachten.

 

Die einzige vermutlich belastbare Zahl zu den offensichtlich schon Berufungsqualifizierten ist die jährliche Zahl der Habilitierten, die von 2128 im Jahr 2000 auf 1627 im Jahr 2014 fiel. Dazu kommen (wiederum für das Jahr 2014) die 1613 Juniorprofessoren und 921 Leiter von Nachwuchsgruppen.  Wir wissen allerdings auch, dass etwa die Hälfte der erstberufenen W2- und W3-Berufenen nicht habilitiert ist, da seit einigen Jahren auch habilitationsäquivalente Leistungen qualifizieren. Von den   Habilitierten muss man allerdings den größten Teil der Humanmediziner abziehen, da sie mit der Habilitation keine Universitätsprofessur, sondern die Leitung einer Klinik   anstreben. Die Mediziner stellten 2014 die Hälfte der Habilitationen, gleichzeitig wurden 122 habilitierte Mediziner auf eine Professur (davon 58 auf eine W2 Professur) berufen.

 

Der Pool an Berufungsqualifizierten umfasst also schätzungsweise jährlich 850 Habilitierte (ohne Mediziner), ein Sechstel der Juniorprofessuren (um 270) und ein Fünftel der Nachwuchsgruppenleiter (um 180), also insgesamt rund 1300 Personen. Davon muss man noch die Gruppe der Personen abziehen, die sowohl eine Juniorprofessur haben oder eine Nachwuchsgruppe leiten. Unter den 2014 Erstberufenen gab es etwa ein Fünftel, die sowohl aus einer Juniorprofessur kamen als auch habilitiert waren. Unterstellt man, dass es auch unter den Leitern von Nachwuchsgruppen ähnlich viele Habilitierte gab, so gelangt man zu einer Zahl von Berufungsqualifizierten für 2014 von etwa 1220 Personen. Dem standen 2014 887 Erstberufungen (ohne Fachhochschulen) gegenüber. Dies ergäbe ein Chancenverhältnis von ca. 1: 1,4.  

 

Alle diese Schätzungen sind freilich mit hohen Unsicherheiten verbunden. So dürften etwa von den Bewerbern mit habilitationsäquivalenten Leistungen, im Jahr 2014 insgesamt 345 Personen, etliche   aus der Gruppe der Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter gekommen sein. Das könnte leicht zu einer Minderung der Chancen führen. In Rechnung zu stellen ist aber auch, dass die Fachhochschulen ihre Professoren zum Teil aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen rekrutieren. Die vielen unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Zahlen, die in dieser Debatte genannt werden, zeigen den morastigen Boden in der Abschätzung des Flaschenhalses. Zwischen 1999 und 2011 gab es laut Deutschem Hochschulverband (DHV) jährlich rund 1500 Ausschreibungen für W2- und W3-Professuren, 2014 kamen 40.000 Bewerbungen auf 1648 W2- und W3-Berufungen. Daraus wird im BuWiN eine Berufungsquote von etwa vier Prozent abgeleitet, also ein Chancenverhältnis von 1:25.

 

Die Angebotsseite des Professoriats wird in hohem Maße durch das altersbedingte Ausscheiden bestimmt. Von 2015 bis 2024 sollen 7866 Professoren altersbedingt ausscheiden; im EFI-Bericht 2017 werden für den kleineren Zeitraum von 2017 bis 2024 11.770 altersbedingte Vakanzen errechnet. Das würde durchschnittlich eine jährliche Anzahl von 800 bis 1400 Vakanzen produzieren.  Dazu kommen über die nächsten 15 Jahre 1000 Stellen für Tenure-Track-Professuren aus dem 2016 beschlossenen Nachwuchswissenschaftlerprogramm der Bundesregierung, also jährlich weitere 100 Vakanzen ab 2023. Könnte es angesichts solch annähernd ausgeglichener Zahlen also sein, dass das Skandalon in massiver Form gar nicht existiert?


HABEN SIE EINE ANDERE POSITION?
SAGEN ZAHLEN, DIE SIE KENNEN, ETWAS ANDERES?
FOLGEN SIE KARL ULRICH MAYERS AUFFORDERUNG UND SCHREIBEN SIE ES AUF. 


Woher kommt aber dann die Diskrepanz zwischen den subjektiv gefühlten und in der Öffentlichkeit dramatisierten Unsicherheiten und diesen meines Erachtens plausiblen Schätzungen?  Es ist höchste Zeit, durch bessere (Längsschnitt-)Daten diese Diskrepanz in der einen oder anderen Richtung aufzulösen. Und ich fordere zu mindestens ebenso detaillierten Alternativrechnungen und –simulationen auf. Denn das potenzielle Problem ist nicht nur für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel zu wichtig, um Ad-Hoc-Spekulationen überlassen zu bleiben.

 

Unbestritten ist darüber hinaus, dass die Betreuungsverhältnisse zwischen Professoren und Studierenden auch im internationalen Vergleich himmelsschreiend sind und die Qualifizierungszeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses nach der Promotion viel zu lang dauern.

 

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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