"Für eine Gesellschaft, in der sich das Lügen nicht mehr lohnt"

Kurz vor dem Science March habe ich mit Claus Martin, einem der deutschen Initiatoren, über seine Motive und die Erfahrungen der vergangenen Monate gesprochen.

Claus Martin. Foto: privat
Claus Martin. Foto: privat

CLAUS MARTIN IST Opern-Regisseur und Musical-Komponist. Und einer der Initiatoren des Science March Germany. Wie passt das zusammen, habe ich mich gefragt – und dann im Auftrag von Spektrum.de ihn. Martins Antwort: Sehr gut. Wissenschaft sei ja nichts, was nur die Wissenschaftler angeht. "Wir wollen für eine Gesellschaft auf die Straße gehen, in der sich das Lügen nicht mehr lohnt. In der sich Politiker Fakten nicht einfach zurechtbiegen können, in der Populisten auffliegen, wenn sie gefühlte Wahrheiten als Wahrheiten deklarieren."

 

Martin räumt im Interview ein, dass der deutsche March ein Wahrnehmungsproblem habe – "weil wir zu stark mit dem US-March gleichgesetzt werden, der in der Tat eher eine Kundgebung der Wissenschaft ist." Genau das wolle der deutschen March nicht sein, "sondern eine Demonstration aus der Mitte der Gesellschaft heraus von Leuten, die sich Sorgen um die Demokratie machen. Das ist keine Lobbyveranstaltung aus der Wissenschaft für die Wissenschaft."

Gerade weil in Deutschland die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit nicht direkt bedroht sei, "können und müssen wir uns solidarisch mit den Ländern zeigen, wo Wissenschaftler unter Druck geraten sind, in den USA, aber vor allem auch in der Türkei, Ungarn und anderswo."

 

In der März-Ausgabe des DSW Journals habe ich einen Blick in einige der genannten Länder geworfen. Ich habe mit US-Forschern gesprochen, mit einem deutschen Wissenschaftler in Ägypten und mit der türkischen Juraprofessorin Ece Göztepe, die von den fortwährenden Entlassungen und Ausreiseverboten berichtete. Zum von Präsident Erdogan initiierten Verfassungsreferendum sagte sie damals: „Wenn er damit durchkommt, ist das Parlament seiner Funktion beraubt, die Gewaltenteilung ist am Ende, und die Türkei ist eine Ein-Mann-Diktatur. "Und ihre Rolle als Professorin, sagte Göztepe, sei, genau darauf hinzuweisen. Er ist, wie wir wissen, wenn auch nur äußerst knapp, damit durchgekommen. 

 

An diesem Samstag, den 22. April, gehen in mehr als 500 Städten weltweit Menschen für die Wissenschaft, für bedrohte Wissenschaftler und für die Meinungsfreiheit auf die Straße, auch an 20 Orten in Deutschland.  Nähere Informationen zu den Orten und Zeiten gibt es auf der Website von Science March Germany. 


EINEN AKTUELLEN ESSAY ÜBER EINE LEKTION, DIE MEINES ERACHTENS VIELE WISSENSCHAFTSMANAGER IN SACHEN WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION NOCH LERNEN MÜSSEN, FINDEN SIE HIER –  MITSAMT DEN ENGAGIERTEN KOMMENTAREN VON LESERN. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0