"Ach, der Brexit"

Die TU Dresden und ihre Partner eröffnen eine Wissenschaftsschau in der Londoner Innenstadt. Rektor Hans Müller-Steinhagen über Dresdens Imageprobleme, eine besondere Partnerschaft und die Frage, wie Wissenschaft  an die normalen Leute herankommt.

So sah die Ausstellung in Dresden aus – jetzt geht sie nach London. Foto: René Jungnickel/TU Dresden

DIE TECHNISCHE UNIVERSITÄT Dresden präsentiert sich und ihre Forschung mit einer Ausstellung in London. Sind Sie mit der Wissenschaftskommunikation im eigenen Land nicht ausgelastet?

 

Im Gegenteil. Die DRESDEN-concept-Ausstellung ist bei uns in Dresden so gut gelaufen, dass wir selbstbewusst genug sind, sie jetzt auf Reisen zu schicken: zuerst nach London, dann nach Breslau und schließlich nach Prag. Damit wollen wir ein Signal in die Welt senden, dass vom Dresdner Neumarkt auch positive Nachrichten ausgehen können.

 

Auf dem Dresdner Neumarkt treffen sich jeden Montagabend die Pegida-Demonstranten...

 

...und dort stand auch über viele Wochen unsere Ausstellung, deren Exponate übrigens weit über die TU Dresden hinausreichen und den gesamten Wissenschaftsstandort Dresden repräsentieren.

Hans Müller-Steinhagen
Hans Müller-Steinhagen

Sie wollen den Londonern zeigen: Dresden kann nicht nur ausländerfeindlich. Dresden kann auch international?

 

Das ist ein ganz wichtiges Motiv. Die Pegida-Leute marschieren ja immer noch, wenn auch ihre Zahl – zum Glück!  – tendenziell abnimmt. Die Demonstrationen und andere ausländerfeindliche Aktionen haben einen Schatten auf das zuvor leuchtende Image Dresdens geworfen. Diesen Schaden müssen wir Dresdner jetzt alle gemeinsam reparieren.

 

Was gibt es denn zu sehen in der Ausstellung?

 

Für jeden etwas, würde ich sagen. Für Erwachsene und für Kinder. Sie können etwas über neue Krebstherapien erfahren, die Zukunft des Taktilen Internets ausprobieren oder superleichten Beton anfassen. Der ist mit Carbon verstärkt und wird, davon bin ich überzeugt, das Bauen revolutionieren. Und dann setzen Sie sich auf einen der CityTrees, die Dresdner Studierende in einem Startup entwickelt haben. Das ist eine Art Bank, hinter der eine mit Moosen und Stauden bewachsene Wand hochragt – ein natürlicher Schadstofffilter, der effektiver arbeitet als ein Baum. Und speziell für die Forscher planen wir um die Ausstellung herum eine Serie wissenschaftlicher Veranstaltungen und Symposien.

  

Das ist alles sehr schön. Zu schön, um wahr zu sein? Hand aufs Herz: Eine nette PR-Aktion des DRESDEN-concepts, dem Zusammenschluss der Dresdner Wissenschaftseinrichtungen, um im gerade angelaufenen Exzellenzstrategie-Wettbewerb zu punkten? Internationalität geht schließlich immer bei den Gutachtern...

 

Klar ist das PR, aber nur zufällig zum Auftakt der Exzellenzbewerbung. Wir wollen zeigen, welch tolle Wissenschaft in Dresden gemacht wird. Aber eben nicht nur. Wir wollen auch die Zusammenarbeit zwischen London und Dresden vertiefen, genauer: zwischen dem King’s College und der TU Dresden bzw. DRESDEN-concept. Die ist schon jetzt besonders. Zusammen haben wir den so genannten TransCampus aufgezogen, eine strategische Partnerschaft, die bislang unsere Mediziner verbindet und auf weitere Disziplinen ausgeweitet werden soll, die Mikroelektronik zum Beispiel oder die Geisteswissenschaften insbesondere auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Wandels. Schon jetzt nutzen unsere Forscher die Labore und Einrichtungen des King’s College und umgekehrt. Es gibt ein gemeinsames Graduiertenkolleg und sogar schon Wissenschaftler, die teilweise von uns, teilweise von den Londonern bezahlt werden.  Wir steuern auf gemeinsame Studiengänge und gemeinsame Promotionen hin.

 

Sie entkräften nicht gerade meine Vermutung, dass Sie sich für die Exzellenzstrategie in Stellung bringen. Vielleicht bewerben Sie sich ja eines Tages sogar im Verbund mit dem King’s College in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“?

 

Mal abgesehen davon, dass das, wie Sie wissen, von den Ausschreibungsbedingungen her gar nicht möglich ist, ergäbe es meines Erachtens auch wenig Sinn, einen Teil der für die Entwicklung der deutschen Universitäten vorgesehenen Mittel ins Ausland weiterzuleiten. Wir reden von einer Fördersumme von vielleicht 20, 25 Millionen Euro pro Jahr für Universitätsverbünde, das ist viel Geld, aber um neue Hochschulstrukturen aufzubauen, ist das erschreckend wenig und nicht im Entferntesten vergleichbar mit dem, was Eliteuniversitäten in den USA oder Großbritannien zur Verfügung steht. Wenn wir diese Mittel nun durch weitere internationale Partner ausdünnen, wir der Nutzen noch geringer. Im Übrigen dürfte es schon bei den deutschen Verbundbewerbungen in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ nicht einfach sein, die Gutachter davon zu überzeugen, dass sie mehr sind als Beutegemeinschaften. Bei den Forschungsclustern dagegen könnte ich mir gemeinsame Bewerbungen mit dem King’s College, mit Breslau oder Prag durchaus vorstellen – solange die ihren eigenen Finanzierungsanteil mitbringen.

 

Zurück zur Ausstellung. Wenn man so will, haben ja beide Partner ein Problem mit ihrem internationalen Image. Dresden wegen Pegida, das King’s College wegen des Brexits. Schweißt die Not zusammen?

 

Ach, der Brexit. Viele unserer Kollegen am King’s College können es noch immer nicht fassen und sagen, das sei doch alles der reinste Wahnsinn. Aber der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union war nicht der Anlass für unsere Ausstellung. Als die Planungen dafür begannen, hat noch kaum einer glaubt, dass es soweit kommt.

 

Außerdem gilt London ja nun ausgerechnet als europafreundlich.

 

Insofern müssten wir, wenn das eine Ausstellung gegen den Brexit sein sollte, unsere Exponate irgendwo im Hinterland zwischen zwei Farmen aufbauen, wo die wirklichen Europagegner zu Hause sind. Dass die Wissenschaftsausstellung trotzdem in eine Großstadt gehört, in die Mitte Londons, auf den Campus einer Spitzenuniversität, das versteht sich von selbst. Genauso, dass bei allem, was Wissenschaft auf die Beine stellt, die Botschaft mitschwingt: Forschung floriert nur in einem Klima der Offenheit und der Internationalität.

 

Glauben Sie wirklich, dass sich am Ende viele Londoner die Ausstellung angucken werden? Und zwar normale Londoner, nicht die Wissenschaftler und Studenten, die ohnehin auf dem Campus herumlaufen?

 

Es gab auch in Dresden Leute, die am Anfang skeptisch waren. Und dann riss der Besucherstrom nicht mehr ab, von Einheimischen wie von Touristen. Ich weiß noch, wie ich ein paar Mal um zehn oder elf Uhr abends am Neumarkt vorbeikam, und staunend stehenblieb: Da waren immer noch Leute zwischen den Ausstellungsstücken unterwegs. 

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