Neue Ordnung für die Bildungsanarchie?

Die Politik wollte Vielfalt in der Hochschullandschaft. Die hat sie bekommen. Jetzt sind Wissenschaftler und Hochschulmanager auf der Suche nach dem systematischen Überbau. Ein Gastbeitrag von Christine Prußky.

Foto: Edwin Andrade
Foto: Edwin Andrade

DAS HAT ES noch nicht gegeben: Sechs Berliner Fachhochschulen treten gemeinsam in einem bundesweiten Wettbewerb an. 15 Millionen Euro fließen in die Hauptstadt, wenn der Berliner Verbundantrag die Gutachter der Bund-Länder-Förderinitiative „Innovative Hochschule“ überzeugt. Die Entscheidung fällt zwar erst in ein paar Wochen, doch die Stadt darf sich schon jetzt als Gewinner sehen.

 

Allein die Antragsarbeit hat die Hochschulen einander näher gebracht, sie haben gemeinsame Ziele identifiziert und ein Wir-Gefühl erfahren: „Wir“,  sagt Bettina Völter, Prorektorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, „engagieren uns für die Lösung von zentralen Fragen der wachsenden Metropole Berlin“.

 

Das klingt nebulöser als es ist. Ein gemeinsames Gründungszentrum ist geplant, und über die gesamte Stadt verteilt sollen Anlaufstellen für den Wissensaustausch entstehen. Orte also, an denen sich Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft finden können. Wo es Raum und Zeit für sie gibt, am Beispiel Berlin die Bedürfnisse wachsenden Städten auszumachen und so wissenschaftlich fundiert wie praxisnah zu beantworten. Das also ist der Plan. Und seine bloße Existenz scheint den sechs Hochschulen einen Swing zu geben, den sie ohne ihn eben nicht hätten.

 

Am Berliner Verbundantrag und seinen Folgen für die Beziehungen der Hochschulen untereinander lässt sich sehen: Wettbewerbliche Förderverfahren setzen Energien frei, mobilisieren neue Kräfte. Sie schaffen Kooperationen, Bündnisse – und treiben unwillkürlich eine Entwicklung voran, die die internationale Hochschulforschung schon als „Phase der Anarchie“ klassifiziert.

 

Philip G. Altbach vom Center for International Higher Education des Boston College untersuchte unlängst im Auftrag der Körber-Stiftung, wie sich der weltweite Studierendenboom und die steigenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Erwartungen auf die jeweiligen Hochschulsysteme auswirken. Um die massive Nachfrage nach akademischer Bildung zu decken und unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht zu werden, hätte sich weltweit ein „breites Spektrum“ an akademischen Bildungseinrichtungen gebildet. Diese würden sich nicht nur in ihren Angeboten und Profilen unterscheiden, sondern auch in ihrer Qualität und in ihrem Nutzwert, heißt es weiter in der Studie, die am Ende in einem klaren Plädoyer mündet, nämlich: Ordnung und Struktur in die aktuelle Bildungsanarchie zu bringen.

 

Wie aber soll das wann genau geschehen und wer ist hier eigentlich in welchem Umfang zum Handeln aufgefordert? Überlegungen dazu stellten Wissenschaftler und Hochschulmanager gemeinsam mit Vertretern aus Forschungsorganisationen und der Wissenschaftspolitik vergangene Woche bei einer Tagung in Wien an. Organisiert worden war der Austausch von den Wissenschaftsräten in Deutschland und Österreich, wo die Fragen zur Differenzierung der Hochschulsysteme nicht weniger virulent sind wie in anderen Teilen der Welt.

 

Denn natürlich sollen die Hochschulen in Deutschland forschen, den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern, Studierende zu Persönlichkeiten ausbilden und deren Berufsfähigkeit garantieren. Auf der akademischen to-do-Liste stehen daneben die Weiterbildung, die Akademisierung von Berufen, der Wissens- und Technologietransfer. Hochschulen sollen in ihren jeweiligen Regionen also   Innovationsinkubatoren und damit genau das sein, worauf die sechs Berliner Hochschulen mit ihrem Antrag zielen. Und so unterstützte Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller den Antrag finanziell und lobt ihn öffentlich als „hervorragendes Beispiel“ für die „in Berlin stark ausgeprägte Kooperationskultur“.

 

Die vielfältigen Ansprüche von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an Hochschulen sind für sich genommen „vernünftig“, sagt die Vorsitzende des Wissenschaftsrates Martina Brockmeier, „und doch in der Summe geeignet, die einzelne Institution zu überfordern.“ Das so beschriebene Dilemma ist nicht neu. 2010 suchte der Wissenschaftsrat bereits nach Lösungswegen und entwarf mit seinem Plädoyer für eine „funktionale Differenzierung“ des Hochschulsystems ein Modell, das heute  als Königsweg in Deutschland gilt. Hinter dem etwas sperrigen Schlagwort steckt die ganz pragmatische Denke der Arbeitsteilung. Hochschulen spezialisieren sich thematisch und in ihren Leistungen, um so in der Summe den Anforderungen gerecht zu werden.

 

Den Prozess mit einem „Masterplan für das Hochschulsystem“ steuern zu wollen, hält der Wissenschaftsrat für keine gute Idee. Dennoch, machte Brockmeier in Wien deutlich, sind Politik und Hochschulen gleichermaßen gefordert. Während die Hochschulen als Impulsgeber und Akteure im Bildungssystem neue akademische Angebote und Organisationsmodelle initiieren und ausprobieren müssten, sollte die Politik die Entwicklung neuer Hochschultypen und die Lockerung des „Typenzwangs“ zulassen und fördern.

Dabei denkt der Wissenschaftsrat explizit nicht nur an finanzielle Anreize wie sie im Exzellenz-Wettbewerb für Universitäten, im Qualitätspakt Lehre oder zuletzt auch dem Förderprogramm „Innovative Hochschule“ speziell für die Fachhochschulen und kleinere Universitäten gesetzt werden. Es geht auch um die dauerhafte Finanzierung von Kooperationen oder Fusionsmodellen wie die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung oder auch dem KIT, das aus der Universität Karlsruhe und dem Forschungszentrum Karlsruhe entstand.

 

Dass dabei mit erheblichen Reibungsverlusten zu rechnen ist, lässt sich aktuell am Berlin Institute of Health sehen. Gemeinsam von der Charité und dem Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Jahr 2013 gegründet ging das BIH mit klarem Exzellenzanspruch in der Forschung an den Start. Nach einer kosten- und nervenaufreibenden Anfangsphase glitt das BIH nun in einen Richtungsstreit mit veritabler Führungskrise, die nicht nur am BIH genauso ausgehalten und ausgetragen werden muss. Sie wirkt auch auf Charite und MDC.

 

Denn mag der Wissenschaftsrat die Differenzierung im Wissenschafts- und Hochschulsystem noch so sehr als einen Prozess skizzieren,  bei dem die Wissenschaft ausgehend von den Bedürfnissen der Wissensgesellschaft passende Organisationsformate findet, um eben diese adäquat zu erfüllen. Der institutionelle Wettstreit um Wertschätzung, Anerkennung und Reputation lässt sich nicht ausblenden.

 

Überbietungslogiken bestimmen also den Takt bei der Differenzierung. Von einem „akademischen Kapitalismus“ spricht die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft Julika Griem. Die marktwirtschaftliche Dynamik sei längst Fakt, erklärte die Literaturwissenschaftlerin von der Goethe-Universität Frankfurt/Main während der Tagung in Wien und: „Wir müssen uns fragen, wie wir den akademischen Kapitalismus systemisch gestalten wollen.“

 

Zu Griems Befund passt die Analyse des Vorsitzenden der Österreichischen Wissenschaftsakademie Antonio Loprieno. Der ehemalige Rektor der Universität Basel gehört zu den Herausgebern des Buches „Die entzauberte Universität“  und sieht mit der Profilbildung einen grundlegenden Wandel markiert, bei dem die Universität von einer Wertegemeinschaft in viele Hochschulen im institutionellen Wettbewerb zersplittert.

 

Das muss nicht automatisch schlecht sein. Ein nach außen gerichtetes Profil kann auch nach Innen Identität stiften und akademische Werte bewahren. Davon zumindest ist Sascha Spoun überzeugt. Als Rektor der Leuphana hat er in Lüneburg den Erfindungs- und Selbstfindungsprozess einer ganzen Universität schon einmal komplett durchexerziert. Die Leuphana hat sich im Bildungsmarkt nach außen positioniert und nach innen ihr Leitbild gefunden. Humanistisch, nachhaltig, handlungsorientiert – das ist die Mission, mit der die Leuphana in den Wettbewerb geht. Und es ist der Kitt, der Forschende und Lernende in Lüneburg zusammenhält.

 

Wie genau am Ende das  Band aussieht, das sie Berliner Fachhochschulen mit ihrem Verbundantrag knüpften, wird sich zeigen. Auch seine Tragfähigkeit ist noch nicht ausgemacht. Feststeht allerdings, dass im Programm „Innovative Hochschule“ von den bundesweit insgesamt 118 Anträgen und Initiativen nur etwa 20 Prozent gefördert werden können. Dann sind die Programmmittel erschöpft. Differenzierung braucht Geld.  

 

Christine Prußky ist Journalistin für Hochschule und Wissenschaft in Berlin. Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst im Tagesspiegel. 

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