Mission: Fachhochschule

Heute wird die lang erwartete Abbrecherstudie veröffentlicht. Ihre Ergebnisse sind eine Warnung an die Politik – die zweite innerhalb weniger Tage.

Foto: Wegweiser auf dem Campus der FH Kiel (JMW)
Foto: Wegweiser auf dem Campus der FH Kiel (JMW)

"WANN WIRD DIE STUDIE veröffentlicht?“, fragte ich Anfang Dezember und zitierte in meinem Artikel durchgesickerte Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), denen zufolge die Abbrecherquoten an Fachhochschulen stark angestiegen waren. Damals lautete die fast wortgleiche Antwort von DZHW und seinem Auftraggeber, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Wenn die Studie fertig ist.

 

Sechs Monate und eine parlamentarische Anfrage der Grünen später ist es soweit: Heute geben BMBF und DZHW die Ergebnisse von „Studienerfolg und Studienabbruch“ auf einer Pressekonferenz bekannt. Die Zahlen dürften dieselben geblieben sein wie vor einem halben Jahr: 27 Prozent der FH-Anfängerjahrgangs beenden ihr Studium vorzeitig. Das DZHW hat in der aktuellen Studie den Studienanfängerjahrgang 2010/2011 ausgewertet. Bei derselben Erhebung vier Jahre vorher hatten nur 19 Prozent der Fachhochschulstudenten ihr Bachelorstudium abgebrochen.

Natürlich wird es bei dem Termin heute mit Ministerin Johanna Wanka (CDU) und dem DZHW-Studienleiter Ulrich Heublein um viel mehr gehen: um die Abbrecherquoten von Fachhochschulen und Universitäten im Vergleich, wobei die Universitäten einen Rückgang um drei Prozentpunkte auf 32 Prozent bei den Bachelorstudenten zu verzeichnen haben, um den Einfluss von Fächerkulturen, persönlichen Beweggründen und Lebenssituationen auf die vermutlich grundlegendste Lebensentscheidung, die die meisten jungen Menschen bis dahin getroffen haben. In einer von der Stiftung Mercator geförderten Zusatzstudie wiederum haben die Forscher die Motive von Studienabbrechern aus Migrantenfamilien untersucht.

 

Was aber vor allem hängen bleiben dürfte, ist dies: Die Fachhochschulen haben ein Qualitätsproblem. Und das, wie sich erst vor ein paar Tagen erneut herausgestellt hat, in gleich mehrfacher Hinsicht. Am Dienstag nämlich veröffentlichten BMBF und DZHW eine weitere Studie. Staatliche Fachhochschulen, ermittelten die DZHW-Forscher, haben teilweise enorme Probleme, ihre Professsorenstellen zu besetzen. Besonders im Südwesten der Republik, besonders in ländlichen Regionen und ganz speziell in einigen Fächern. In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften endeten zuletzt 40 Prozent der Verfahren nach der ersten Ausschreibungsrunde mangels geeigneter Kandidaten ohne Berufung, in den Ingenieurwissenschaften sogar fast die Hälfte. Übrigens sind die Ingenieurwissenschaften auch eine der FH-Fächergruppen mit hoher und steigender Abbrecherquote: Innerhalb von vier Jahren kletterte sie von 30 auf 33 Prozent. Noch schlimmer ist die Situation in der Informatik, wo die Quote von 27 auf 41 Prozent hochschnellte.

 

Ein Zufall? Sicher nicht. Schließlich arbeiten sich beide DZHW-Studien am selben Phänomen ab: In den vergangenen zehn Jahren sind die Fachhochschulen dramatisch gewachsen, von 109.000 Studienanfängern im Studienjahr 2005 auf gut 200.000 2016. Auch das kein Zufall: Jahrzehntelang lautete das politische Ziel, die Studentenströme von den Universitäten Richtung Fachhochschulen umzulenken. Was gelang: Der FH-Anteil an den Erstsemestern stieg zwischen 2005 von gut 30 auf knapp 40 Prozent.

 

Doppelt so viele Studenten an den FHs, aber kaum mehr Professoren: Wundert sich da jemand über den Anstieg bei den Abbrecherquoten? Im Gegenteil: Eigentlich kann man sich darüber wundern, wie wenig stark sie sich erhöht haben.

 

Gefragt ist nun die Politik, und das weiß sie. Der Bund wolle die Fachhochschulen bei ihrer Personalgewinnung unterstützen, sagt Bundesbildungsministerin Wanka und verweist auf Empfehlungen des Wissenschaftsrats.  „Ausgehend davon prüfen wir gerade mit den Ländern, wo es einen gemeinsamen Handlungsbedarf gibt und inwiefern ein Bund-Länder-Programm den Fachhochschulen helfen kann.“

 

Sol heißen: Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, dass eine Staatssekretärsarbeitsgruppe die Verhandlungen vorbereiten soll. Zu spät, zu unkonkret, kritisierten Fachhochschulrektoren und Oppositionspolitiker schon, als Wanka das FH-Programm erstmals im Februar ankündigte. Das mangelnde Tempo stehe im „krassen Kontrast zur Dynamik bei der Neujustierung des Exzellenzwettbewerbs“, befand etwa der grüne Bildungsexperte Kai Gehring. „Der Eindruck der Fachhochschulen, bei dieser Koalition allenfalls die zweite Geige zu spielen, ist nicht von der Hand zu weisen.“

 

Was stimmt: Bund und Länder haben selten so viel Enthusiasmus im Gleichklang offenbart wie bei der Ausgestaltung der großen Bund-Länder-Programme für die Universitäten: bei der Neuformulierung der Exzellenzstrategie ebenso wie bei der Einführung eines milliardenschweren Tenure-Track-Programms. Selbst bei der deutlich kleineren, auf Wissens- und Technologietransfer ausgerichteten Förderinitiative „Innovative Hochschule“ sind die Universitäten gleichermaßen antragsberechtigt, so dass die Fachhochschulen bereits über das Missverhältnis zwischen der hohen Zahl von Förderanträgen und den zur Verfügung stehenden wenigen Fördermitteln klagten.

 

So könnten sich die gestiegenen FH-Abbrecherquoten als heilsamer Schock erweisen. Zwar hat das BMBF wichtige Maßnahmen längst ergriffen und zum Beispiel zur Förderung von Studienerfolg und zur Verminderung des Studienabbruchs eine eigene Projekt-Förderlinie eingerichtet. Allerdings sollte spätestens nach dem Studiendoppelschlag dieser Woche klar sein: So wichtig es ist, sich die persönliche Motivlage der Studienabbrecher anzuschauen – auf sie einzugehen, wird nur dort gelingen, wo genügend qualifizierte Hochschullehrer da sind. Gerade in Fächern wie den Ingenieurwissenschaften oder der Informatik, wo die Gehälter in der Wirtschaft teilweise um ein Mehrfaches über denen von Fachhochschulprofessoren liegen. Es geht also um neue Karrierewege, um neue Anreizstrukturen. Vor allem aber geht es, so langweilig das sein mag, auch um mehr Geld für die Fachhochschulen.

 

Lieber Bund, vor allem aber auch liebe Länder, eine einfache Gleichung zum Schluss: Wer will, dass 40 und mehr Prozent der Studenten auf Fachhochschulen gehen, sollte ihnen auch mindestens 40 Prozent seiner Aufmerksamkeit schenken.


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NACHTRAG AM 01. JUNI ABENDS: 
Die Studie kann auf der Website des DZHW komplett heruntergeladen werden. Eine aktuelle Berichterstattung, auch zu den heutigen Reaktionen, findet sich unter anderem bei Spiegel Online. Fast schon bedrückend sind die Ergebnisse der von der Stiftung Mercator finanzierten Zusatzstudie, denen zufolge die Abbrecherquote unter Migranten 14 Prozentpunkte über dem Schnitt aller Studenten liegt – bei 43 Prozent, zumeist aufgrund von "Leistungsproblemen", wozu auch der Umgang mit Deutsch als Wissenschaftssprache zählt. Besonders viele Migranten geben allerdings auch an, aus finanziellen Gründen die Hochschulen verlassen zu müssen. Spannend ist schließlich der Spin, den BMBF und DZHW heute ihrer Meldung zu den gestiegenen Abbrecherquoten gegeben haben. Überschrift: "Studienabbrecher beginnen häufig eine Berufsausbildung".

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