Die Mär vom Wildwuchs

Coffee-Management und Rasenpflege: Studiengänge wie diese müssen herhalten, wenn mal wieder die Explosion unsinniger Fächer beklagt wird. Ein Zerrbild, meinen OLAF BARTZ und LENA WEYERS in ihrem Gastbeitrag.

Hammonia: "wildwuchs", CC BY-NC 2.0

ZU VIELE STUDIENGÄNGE gebe es in Deutschland, so ist es immer wieder zu hören. „Fachidioten“ würden herangezüchtet, heißt es, und fiktive abseitige Studiengänge liefern Anlass für satirische Darstellungen (siehe Seite sieben hier).

 

So verbreitet die Klage ist: Ist sie auch berechtigt? Hat die Zahl der Studiengänge tatsächlich einen bedenklichen Stand erreicht? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst eine noch viel grundsätzlichere klären: Was ist eigentlich ein Studiengang?

 

Maßgeblich sind, wie stets, die Hochschulgesetze der Länder. Eine typische Formulierung, hier aus Paragraph 49 des schleswig-holsteinischen Hochschulgesetzes, lautet: „Ein Studiengang ist ein durch Prüfungsordnung geregeltes, auf einen Hochschulabschluss, ein Staatsexamen oder ein kirchliches Examen ausgerichtetes Studium.“ Zudem findet sich in den Gesetzen der Begriff der „Teilstudiengänge“, der die in Deutschland vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie im Lehramt übliche Struktur beschreibt, in der angehende Studierende aus einem Katalog an Fächern eine bestimmte Anzahl, in der Regel zwei, für ihr Studium auswählen. 

 

Wie viele Studiengänge gibt es denn nun in Deutschland? Am verlässlichsten Auskunft geben die traditionsreiche Broschüre „Studien- und Berufswahl“ und der von der Hochschulrektorenkonferenz betriebene „Hochschulkompass“. Im Folgenden beziehen wir uns auf die Ergebnisse des Hochschulkompasses, und zwar aus zweierlei Gründen: Er liefert nicht nur Zahlen, sondern zusätzlich Informationen, welcher Studiengang wie akkreditiert worden ist. 

 

Der tagesaktuelle Wert, den der Hochschulkompass angibt, schwankt seit längerem zwischen 18.000 und 19.000 Studiengänge in Deutschland, davon gut 17.000 mit den Abschlüssen Bachelor und Master. Darin eingeschlossen sind Teilstudiengänge aller Art (auch als Studienfächer oder Studienmöglichkeiten bezeichnet), anders formuliert: Es handelt sich um den größtmöglichen Wert. Zugleich suggeriert die Zahl aber eine höhere Komplexität als in der Realität gegeben. Beispielsweise ist an der LMU München das eine Fach „Biologie“ unter diesem Namen in sieben Studiengängen zu finden: als Bachelor, als zwei- sowie als viersemestriger Master und für vier Lehramtstypen.

 

Nach welchen Gesichtspunkten könnte nun beurteilt werden, ob die 18.000 oder 19.000 Studiengänge in dieser weitesten Definition wirklich zu viel sind oder womöglich sogar zu wenige (hier sechs unterschiedliche Meinungen zu dieser Frage)? Schauen wir zunächst in die Vergangenheit.

 

Wer die Entwicklung der Studiengangszahlen analysiert, nimmt meist die größte Studienstrukturreform der bundesrepublikanischen Geschichte als Ausgangspunkt, die eingängig, wenngleich nicht vollständig präzise unter dem Rubrum „Bologna“ zusammengefasst wird. Wie war die Situation vor Bologna? Wie danach?

 

Maximal komplexitätsreduzierend erzählt, waren Diplom- und Magisterstudiengänge an sogenannten Rahmenprüfungsordnungen ausgerichtet, die Vorgaben für Inhalte und Struktur der Studiengänge enthielten. „Damals“, also bis zu Beginn der 2000er Jahre, wurden Studiengänge zur Genehmigung an das zuständige Wissenschaftsministerium geschickt, das die „Compliance“ mit den Rahmenprüfungsordnungen checkte. Dieses System stieß immer öfter auf Ablehnung:

 

• Kritisiert wurde, dass Studiengänge nicht von fachlich ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern von der Ministerialbürokratie beurteilt wurden.

 

• Das System der Rahmenprüfungsordnungen wurde als zu starr empfunden: Es bremse Innovationen innerhalb von Studiengängen, etwa didaktischer Natur. Darüber hinaus werde die Entwicklung neuer Programme jenseits der normierten klassischen Fächer gebremst und die Hochschulautonomie eingeschränkt.

 

Diesen Missständen abzuhelfen, war ein wesentlicher Antrieb für Hochschulrektoren- wie Kultusministerkonferenz, im Jahr 1998 und damit VOR der Bologna-Erklärung von 1999, grundlegende Beschlüsse zu fassen, in denen sie die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen sowie der Akkreditierung als wissenschaftsgeleitetes Qualitätssicherungssystem forderten. „Vielfalt ermöglichen“ lautete ein Hauptziel. 

 

Was ist seither geschehen? Schon vor der Reform boten die deutschen Hochschulen eine große Zahl an Studiengängen an, nämlich über 8300 im Wintersemester 1999/2000. 

 

Die Stufung der Studiengänge hat zunächst einmal automatisch ihre Anzahl erhöht: Wo früher ein einzügiger Diplom- oder Magisterstudiengang bestand, sind heute – wiederum ausgesprochen schematisch betrachtet – ein Bachelor- und ein Masterstudiengang zu finden. Auf diese Weise allein lässt sich ein Großteil des Anstiegs erklären. Der Rest kann auf tatsächlich neue Programme zurückgeführt werden. Es finden sich

 

• Ausdifferenzierungen, ob inhaltlicher Natur etwa in Gestalt spezialisierter Masterstudiengänge, oder studienstruktureller Natur, wenn beispielsweise Teilzeit- oder berufsbegleitende Angebote auf Basis bestehender Curricula als eigenständige Programme geschaffen werden. 

 

• Hybridstudiengänge an den Grenzbereichen mehrerer Fächer; ein klassisches Beispiel schon aus der Diplom-Ära ist der Wirtschaftsingenieur.

 

• Vertiefungen: Hochschulen weisen oft auf der Basis eines Kernfachs bestimmte Spezialisierungen als separate Studiengänge aus. Findet man an ein und derselben Hochschule beispielsweise Handels-, Vertriebs- und Tourismusmanagement, ist der BWL-Kern der Curricula in der Regel weitestgehend identisch. 

 

• Akademisierungen: Vor allem im Gesundheitsbereich sind eine Reihe von Berufsausbildungen in nennenswerter Größenordnung „akademisiert“ worden. Derzeit werden über 550 Studiengänge im Gesundheitsbereich außerhalb der Human-, Zahn- und Tiermedizin angeboten, die es im Jahr 2000 überwiegend noch nicht gegeben hat.

 

Was bedeutet das nun alles? Wir denken: Die Zahl der Studiengänge ist aus nachvollziehbaren Gründen angestiegen. Der weitaus größte Teil des Anstiegs ist technisch bedingt durch die Einführung der gestuften Studiengänge. Eine ebenfalls wichtige Begründung ist die angesprochene Akademisierung vormals nicht akademischer Berufsfelder. Die Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen fallen vergleichsweise wenig ins Gewicht, auch wenn ausgerechnet sie in der öffentlichen Diskussion als teilweise groteske Fehlentwicklung dargestellt werden. Als Paradebeispiele werden dann seltsame „Exoten“ und Extrem-Spezialisierungen genannt, die quantitativ die absolute Ausnahme sind – und meist auch schnell wieder vom Markt verschwinden. Den viel beschworenen Studiengang „Coffeemanagement“ hat die anbietende Hochschule schon vor einiger Zeit mangels Nachfrage eingestellt. 

 

Im Ergebnis plädieren wir für mehr Vertrauen in die Hochschulen, die Studierenden und in den Arbeitsmarkt: Neue Studiengänge werden ausprobiert, und das ist auch gut so – was sich nicht bewährt, wird aber wieder verworfen. Ein Wildwuchs, eine Verirrung, eine „Explosion“ überflüssiger Spezialstudiengänge bedeutet all das nicht. Schließlich ein Blick ins Ausland: In Großbritannien werden 50.000 Studiengänge angeboten. Da wirken die deutschen 19.000 doch überschaubar.

 

Olaf Bartz ist Geschäftsführer der Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland. Lena Weyers war von 2015 bis 2017 studentische Hilfskraft in der Geschäftsstelle der Stiftung.

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