Vermessene Studenten

Die Ergebnisse der 21. Sozialerhebung liegen vor. Die ersten Reaktionen konzentrieren sich auf die angespannte Finanzlage vieler Studenten.

DIE SOZIALERHEBUNG WAR noch nie eine Publikation, die man eben mal rasch durchblättert, und dann war's das. Im Gegenteil: Die Ergebnisse, die das Deutsche Studentenwerk (DSW) heute auf knapp 200 Seiten veröffentlicht hat, werden sich in ihrer Tiefe auch diesmal erst allmählich erschließen. So umfangreich sind die zum 21. Mal erhobenen Daten über die Lebenswirklichkeit der Studenten in Deutschland. Deshalb sind auch die heute erschienenen Schlagzeilen, so spannend sie sind, doch nur als erstes Exzerpt zu sehen. 

 

Betont nüchtern daher kommt die Überschrift der Pressemitteilung, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Finanzier der Studie gemeinsam mit DSW und dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) herausgegeben hat: "Umfrage mit Rekordbeteiligung". Noch nie hätten so viele Studenten mitgemacht, die Angaben von mehr als 60.000 Menschen an 248 Hochschulen seien eingeflossen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagte bei der Vorstellung der Studie, die Gruppe der Studentinnen und Studenten sei "heute so vielfältig wie unsere ganze Gesellschaft und hat entsprechend ganz unterschiedliche Bedürfnisse im Studium." Die Hochschulen müssen daher ihre Studienformen noch flexibler gestalten. Zudem wünschten sich die Studenten mehr Praxisbezug. 

 

Weniger zurückhaltend war das Studentenwerk wenig später bei seinen eigenen Pressemitteilungen, von denen es gleich drei auf einmal losschickte, jeweils mit eigener Aussage versehen. Erstens: "Der finanzielle Druck auf die Studierenden nimmt zu." Gegenüber 2012 sei die Erwerbstätigenquote um sechs Prozentpunkte gestiegen auf zuletzt 68 Prozent der Studierenden. Zugleich hätten die sogenannten "unbaren Unterstützungsleistungen" der Eltern zugenommen, von 261 Euro auf 309 Euro im Monat. Zweitens: "Kostentreiber Miete ein Problem für viele Studierende." Im Schnitt müssen Studenten laut den neuen Zahlen 323 Euro fürs Wohnen aufwenden, in Hochschulstädten mit immer weniger bezahlbarem Wohnraum wie München, Köln, Frankfurt am Main, Hamburg oder Berlin sei es noch deutlich mehr. Und – drittens – die Schlussfolgerung präsentiert das Studentenwerk auch gleich noch mit: "BAföG regelmäßig erhöhen". Nur 18 Prozent aller Studenten erhielten im Sommer die Unterstützung zum Studium, das sei die niedrigste Quote seit Beginn der 1990er Jahre, kritisierte DSW-Präsident Dieter Timmermann: "Wir alle hoffen, dass durch Erhöhung der Elternfreibeträge um 7 Prozent zum Wintersemester 2016/2017 – wie von der Bundesregierung erhofft – nun deutlich mehr Studierende BAföG bekommen."

 

Die Skepsis, ob es wirklich so kommt, steht in Timmermanns Statement mehr als nur zwischen den Zeilen. Zuletzt hatte das DSW Ende Mai "Förderlücken" beim BAföG angeprangert. Noch deutlicher wurde der grüne Bildungsexperte Kai Gehring in seinem ersten Reaktion auf die Sozialerhebung: "Studierende ächzen unter unsozialer Politik der großen Koalition." Nach zwölf Jahren unionsgeführter Bundesregierung sei das BAföG ein Schatten seiner selbst und müsse "schleunigst verbessert, ausgebaut und regelmäßig automatisch erhöht werden".

 

Die Initiative "Arbeiterkind.de" bemängelte die fortbestehenden Hürden für Kinder aus Nichtakademikerfamilien an deutschen Hochschulen: "Der/die typische Studierende kommt weiter aus einem Akademikerhaushalt." Der Sozialerhebung zufolge stammen haben 52 Prozent der Studenten mindestens ein Elternteil mit akademischem Abschluss.

 

Kai Gehring kritisierte denn auch, dass in der Sozialerhebung von 2016 der so genannte "Bildungstrichter" fehlte, der 2012 plakativ gezeigt hatte, dass 77 von 100 Akademikerkindern studierten, aber nur 23 von 100 Nicht-Akademikerkindern. Warum? Beim Studentenwerk hält man sich bedeckt und ist nur zu einer betont offiziellen Stellungnahme bereit. Das Fehlen habe vor allem methodische Gründe, und den Bildungstrichter wegzulassen, sei eine gemeinsame Entscheidung aller Partner gewesen. Er werde aber wahrscheinlich im nächsten Nationalen Bildungsbericht wieder auftauchen. Gehring twitterte: "BMBF beseitigt Beleg für Bildungsspaltung. Angst vor bad news?" 

 

Ein Vorgeschmack auf einige der vielen Ergebnisse der Sozialerhebung, die heute noch nicht so viel Beachtung fanden: Traditionell spannend ist die Frage nach dem Zeitbudget der Studenten. So ist die Zeit, die Studenten pro Woche in Lehrveranstaltungen verbringen, zwischen 2012 und 2016 um drei Stunden auf 15 gesunken, während das Selbststudium um eine Stunde auf 18 zunahm – was wiederum mit der bereit erwähnten höheren Erwerbsquote zusammenhängen könnte. Das Durchschnittsalter der Studenten stieg im gleichen Zeitraum leicht von 24,4 auf 24,7 Jahre. Sechs Prozent sind verheiratet, 48 Prozent unverheiratet, befinden sich aber in einer festen Partnerschaft. Und: Sechs Prozent der Studenten haben mindestens ein Kind,  ein Prozentpunkt mehr als 2012. Im Schnitt haben Studenten übrigens 1,6 Kinder.

 

Durchgeführt haben die Studie Forscher des DZHW.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ein Schelm (Mittwoch, 28 Juni 2017 17:17)

    Ein Schelm, wer Arges dabei denkt? Bildungstrichter abgeschafft, weil die Daten auch aus anderen Erhebungen stammen und weil sie "wahrscheinlich" im nächsten Nationalen Bildungsbericht wieder auftauchen? Ah ja, das sind wirklich überzeugende Gründe dafür, dass es auf keinen Fall mehr vor den Wahlen veröffentlicht werden kann. ;-)

    Schließlich könnte es Wasser auf die Mühlen der Vielen sein, die den "Mythos von den Leistungseliten" (Hartmann) als immer größer werdenden Mythos sehen und die beide Regierungsfraktionen an empfindlicher Stelle mit Fragen traktieren könnten: Die CDU/CSU bei der angeblichen Leistungsgerechtigkeit der Gesellschaft und der "Chancen durch Bildung", die SPD bei der sozialen Gerechtigkeit.

    Dumm nur, dass die Bildungschancen auf jeden Fall analysiert werden, da es zum Glück auch noch von den Geldern des BMBF unabhängige Organisationen gibt, wie erst vor wenigen Wochen ein Artikel in der ZEIT (Nr. 22, Chancenteil) belegt. Er zeigt, "wie groß der Graben zwischen Arbeiter- und Akademikerkindern an deutschen Hochschulen wirklich ist:
    Von hundert Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelorabschluss machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich 10 eine Promotion absolvieren.
    Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur 8 bis zum Master weiter – und nur eine einzige Person erlangt den Doktorgrad."
    (Weitere Info einschließlich einer zur "Leaky Pipeline" verlängerten Bildungstrichter-Grafik für Hochschulen in URL: www.zeit.de/2017/22/soziale-herkunft-eltern-bildung-studium).