Erwin Böttinger muss früher gehen

Bund und Land setzen MDC-Chef Lohse als Interim-Vorstandssprecher des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung ein. Sie wollen damit ein Signal senden: Entschlossenheit.

ERWIN BÖTTINGER, DER Noch-Vorstandschef des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG), hat eigentlich erst zu Ende Dezember gekündigt, doch jetzt machen Bund und Land Tempo: In einer gemeinsamen Pressemitteilung haben sie gestern Abend mitgeteilt, dass Böttinger schon zu Ende Juli abberufen werden soll. Der Aufsichtsrat unter Vorsitz von BMBF-Staatssekretär Georg Schütte beschloss außerdem, Martin Lohse zum Vorstandssprecher auf Zeit zu ernennen. Lohse ist Chef des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Tagesspiegel berichtet, "nach einem noch unbestimmten Zeitraum" solle die Sprecherfunktion dann an Karl Max Einhäupl, den Vorstandsvorsitzenden des zweiten BIG-Partners Charité, übergehen.  Bis zum Antritt des Nachfolgers von Böttinger könnten ein bis zwei Jahre vergehen.

 

Falls es den denn in der Form überhaupt geben wird. Denn auch wenn Bund und Land sich in ihrer Pressemitteilung ausdrücklich zu der auch von Böttinger vorangetriebenen  „BIG-Strategie 2026“ bekennen, werden nach der Bundestagswahl im September umfangreiche, auch organisatorische, Veränderungen beim Institut erwartet. Dass der Aufsichtsrat zugleich von einer "Weiterentwicklung" der Strategie spricht, kann als Hinweis auf diese Pläne verstanden werden. Verschiedenste Optionen werden diskutiert. Denkbar wäre zum Beispiel, so ist zu hören, dass das bundesfinanzierte BIG als Abteilung in die landeseigene Charité eingegliedert werde. 

 

Es sei allen Beteiligten "ein besonderes Anliegen, die Verbindung zwischen Charité und MDC weiter zu stärken", sagte Interim-Vorstandssprecher Lohse am Freitag. Das BIH sei als "Brücke" gedacht, die eine noch engere Zusammenarbeit ermögliche und so neue Perspektiven für die translationale Forschung schaffte. Eine Brücke zwischen Charité und MDC? Oder die Gelegenheit für beide, aus der BIG-Führungskrise Kapital zu schlagen und das Institut jetzt ganz ohne Störungen nach Belieben steuern zu können?

 

Ohne hauptberuflichen Vorstandschef wird das BIG seine Eigenständigkeit, unabhängig von den dann anstehenden Umstrukturierungen, in den nächsten Monaten erstmal behaupten müssen. Die am Institut anstehenden zahlreichen Berufungsverfahren für alle ausgeschriebenen "BIG-Schlüsselprofessuren (BIG- Chairs)" sollen jedenfalls weiterlaufen, bei den Berufungsgesprächen wird Nobelpreisträger Thomas Südhof den Vorstand unterstützen – und soll nebenher sicherlich auch ein Gegengewicht zu MDC und Charité schaffen.

 

Südhof sitzt bislang nicht nur im wissenschaftlichen Beirat des BIG; er bildet auch mit zwei Wissenschaftlerkollegen die Expertengruppe, die Böttinger Ende Mai zur Seite gestellt worden war – was viele als vorzeitige Entmachtung des offenbar wechselwilligen Vorstandschefs gewertet hatten.   

 

Südhofs beständig wachsende Bedeutung fürs BIG ist nicht frei von Ironie, hatte es doch nach seiner Berufung ans Institut als "Visiting Fellow" 2014 zunächst Kritik gegeben, es handle sich um eine Luftnummer, der Mann werde bestenfalls ein paar Mal im Jahr nach Berlin kommen. "Medizin-Nobelpreisträger forscht wieder in Deutschland", hieß es damals vollmundig in der Pressemitteilung des BMBF, Südhof solle mit dem Charité-Forscher und Exzellenzcluster-Sprecher Christian Rosenmund ein gemeinsames Projekt aufbauen, "das sich der Frage widmet, wie Nervenzellen im Gehirn miteinander kommunizieren". Drei Jahre später steht fest: Südhof ist mehr vor Ort, als er es vermutlich selbst je erwartet hätte. So richtig zum Forschen indes dürfte er erstmal nicht kommen.

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