Beauty statt Bildung

Warum private Investoren Bildungs-Startups meiden. Ein Gastbeitrag von Ulrich Schmid.

Foto: Screenshot von www.iversity.org/de
Foto: Screenshot von www.iversity.org/de

UNTER DEN 64 STARTUPS, an denen die Holtzbrinck Ventures – einer der größeren deutschen Finanzinvestoren – aktuell Anteile hält, befindet sich mit „Lecturio“ genau ein Unternehmen aus der Bildungsbranche. Demgegenüber stehen etwa zehn Beauty- und Fashion-Startups. Der Rest: Shopping, eBusiness, Sport, Reisen. Der zweite große deutsche Risikokapitalgeber bmp zählt sogar kein einziges „EdTech“- Unternehmen zu seinen rund 90 Investments. Und auch beim zur Deutschen Telekom gehörenden „Hub:Raum“ läuft der Bereich Education unter ferner liefen: Von 16 finanzierten Jungunternehmen kann allenfalls „Blinkist“ im weiteren Sinn zum Thema Wissen und Bildung gezählt werden. 

 

Dabei war eine andere Telekom-Tochter namens „T-Ventures“ noch vor wenigen Jahren ein echter Impulsgeber im Bildungsbereich: 2015 engagierte sie sich mit hohen Millionenbeträgen für „Iversity“, eines der vielversprechendsten deutschen Bildungs-Startups, das den erfolgreichen US-amerikanischen MOOC-Plattformen (zum Beispiel Coursera) Konkurrenz machen wollte. Allerdings stellte T-Ventures schon Ende 2016 die Unterstützung ein, auch bmp winkte ab, so dass Iversity erst in die Insolvenz rutschte und dann von Holtzbrinck übernommen wurde – mit der Folge einer Neu-Ausrichtung auf den sogenannten Corporate-Markt, also die berufliche Weiterbildung. 

 

Das Ergebnis: Laut dem „Deutschen Startup Monitor“ von 2016 lassen sich hierzulande nur rund 4 Prozent der Venture-Capital-Investitionen noch dem Bildungssektor zuordnen, im Rest Europas ist der Anteil ähnlich gering. Doch während deutsche und europäische Geldgeber Bildungs-Startups meiden, ziehen die Investitionen in eLearning anderswo spürbar an. Weltweit wurden im vergangenen Jahr über 400 Investments in „EdTech“-Startups gezählt, mit einem Volumen von 2,2 Milliarden US-Dollar. Dabei nehmen gerade große Investitionen (von mehr als 50 Milllionen Dollar) sprunghaft zu, so eine 2016 veröffentlichte Untersuchung von Ambient Insights. All das Geld konzentriert sich jedoch auf Unternehmen in den USA und Indien, gefolgt von China und Großbritannien. Ein Trend, der sich auch in den jüngsten Akquisitionen der Bertelsmann Education Group widerspiegelt, die vor zwei Jahren einen führenden US-amerikanischen Bildungsanbieter für den Gesundheitsmarkt übernahm („Relias Learning“) und sich zudem am Silicon Valley Bildungs-Senkrechtstarter „Udacity“ beteiligte. Die Übernahme des Video-Lecture-Anbieters „Lynda.com“ durch LinkedIn für geschätzte 1,5 Milliarden Dollar belegt ebenfalls eindrucksvoll das geschäftliche Potenzial von „Education“ im globalen Rahmen. Nur hierzulande scheuen Risiko-Kapitalgeber vor Beteiligungen an Bildungsunternehmen zurück. 

 

Wie kann das sein – angesichts des enormen digitalen Innovationspotenzials und eines Marktvolumens, das von der Bertelsmann-Stiftung auf fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes geschätzt wird? Fehlen hierzulande die „smarten Lösungen“ und „disruptiven“ Gründungsideen, oder verkennen die deutschen Kapitalgeber schlicht die Potenziale der „EdTech“? Vier Antwortversuche:

 

Erstens: Der deutsche Bildungsmarkt ist kein (einfacher) Markt, jedenfalls nicht im schulischen und akademischen Bereich. Bildung wird als „öffentliches Gut“ betrachtet, das kostenlos zu sein hat und staatlich scharf reguliert wird. Entsprechend hoch sind die Eintrittshürden für neue Anbieter und Angebote im schulischen und hochschulischen Segment. Selbst inzwischen etablierte Jung-Unternehmen im schulischen Nachmittagsmarkt, wie „Sofatutor“ oder „Scoyo“, können davon ein Lied singen. Im deutschen Hochschulbereich konnte sich bisher kein einziges nennenswertes Bildungs-Startup etablieren. Vielleicht schafft das ja „qLearning“, das – unter anderem finanziert von der IBB Beteiligungsgesellschaft – ein mobiles Angebot für die Klausurvorbereitung in den Markt bringen möchte. Offener ist hingegen die Ausgangssituation in der beruflichen Weiterbildung: Dies belegt beispielsweise die Neugründung „Carreerfoundry“, die seit einiger Zeit mit großem Erfolg hochwertige Online-Kurse rund um neue Qualifikationsthemen anbietet.

 

Zweitens sind im deutschen Sprachraum – verglichen mit der englischsprachigen Welt – keine allzu großen Skaleneffekte zu erwarten. So können beispielsweise deutschsprachige Video-Tutorials oder Test-Apps allenfalls nach Österreich und in die Schweiz verkauft werden. Dazu kommen regulatorische und kulturelle Eigenheiten vieler Bildungsmärkte, was wiederum den Entwicklungs- und Vertriebsaufwand enorm ansteigen lässt. 

 

Drittens sind die Exit-Szenarien für die Investoren im Bildungsbereich relativ unattraktiv, sprich: Sie fürchten, ihr Geld nicht beizeiten wiederzubekommen. Eine berechtigte Sorge, nicht nur, weil deutsche Bildungs-Startups – zumindest verglichen etwa mit Shopping-Apps– nur selten ähnlich traumhafte Wachstumshoffnungen wecken. Sondern auch, weil selbst für den Fall, dass hohe Umsatzziele erreicht wurden, die Anzahl potenter Bildungsunternehmen, die später als Käufer in Frage kommen, hierzulande überschaubar ist. 

 

Zusammengenommen führt dies viertens dazu, dass junge Gründer aus Deutschland lieber einen ultimativen neuen Beauty-Guide für junge Frauen als eine adaptive Sprachenlern-App für Grundschüler entwickeln. 

 

Doch wie kommt so Innovation ins Bildungssystem? Bleibt das am Ende allein den amerikanischen oder indischen Startups überlassen? Kritik an den deutschen Gründern oder Venture Capital Firmen greift jedenfalls zu kurz, leben diese doch davon, dass mindestens eins von zehn ihrer Investments irgendwann abhebt. Anzusetzen wäre vielmehr an den politisch-regulatorischen Rahmenbedingungen des staatlichen Bildungssystems, das sich stärker öffnen müsste für innovative Anbieter. Die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in Aussicht gestellte Förder-Milliarden für die digitale Schul-Ausstattung könnte hier vielleicht eine neue Ausgangslage schaffen, strukturell wird sich der Markt dadurch jedoch nicht verändern. So ruht die Hoffnung der Startups auf der überwiegend privat organisierten (beruflichen) Weiterbildung, die mit immerhin 27 Milliarden Marktvolumen nur unwesentlich kleiner ist als der Hochschulbereich. Hier locken nicht nur erhebliche geschäftliche Potenziale, sondern vor allem ein rasch wachsender Bedarf nach neuen, intelligenten Bildungsformaten – jenseits traditioneller Schulungsanbieter. Also: Wo ist das digitale Bildungs-Startup aus Deutschland, das die berufliche Weiterbildung neu denkt und Uber-like „auf links dreht“? 

 

Ulrich Schmid hat Politikwissenschaft und Medienberatung studiert und ist Geschäftsführer des mmb Institut – Gesellschaft für Medien- und Kompetenzforschung mbH. 

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Kommentare: 7
  • #1

    Volker Zimmermann (Dienstag, 11 Juli 2017 14:27)

    Endlich mal eine gute Analyse der IST-Situation im EdTech Markt. Gilt eigentlich analog für alle Länder in Europa - siehe nur Frankreich, Italien, Spanien, Schweiz, Österreich und die Nordics. Vielleicht mit Ausnahme UK. Der Grund ist korrekt analysiert: Bildung ist in Europa überwiegend öffentlich finanziert. Die Mittel sind meist sehr fest in Personal und Gebäuden allokiert. Es braucht deshalb politischen Willen, diese Allokation in Richtung IT zu verschieben. Das dauert und wird zudem noch von Ausschreibungsregularien behindert. Der Ausweg, mehr auf die betriebliche Weiterbildung zu fokussieren, ist allerdings nicht ausreichend für eine gute Start-Up-Szene. Denn wer den Corporate Markt adressiert, bewegt sich meist im B2B Business. Und dieser Markt wird weniger betrachtet von vielen Venture Capitalists. Die meisten Start-Ups in USA im EdTech Bereich sind im Consumer-Markt entstanden. Wenn wir in Deutschland als die Start-Up Szene im EdTech Markt verstärken wollen, dann brauchen wir Investoren, die erkennen, dass auch der B2B Markt interessante Geschäftsfelder bietet. Und wir brauchen Startups, die wie Salesforce ein neues Modell adressieren in einem Umfeld, das es vielleicht schon seit Jahren gibt - aber einfach nur neu und disruptiv gedacht wird.

  • #2

    Johannes Haupt (Dienstag, 11 Juli 2017 17:57)

    Danke für das gute Roundup, gerade auch im Bezug darauf was die Edtech-Szene gerade so hergibt. Deutsche Gründer haben in diesem Bereich von Tag 1 international zu denken, auch weil hiesige Endnutzer in Sachen Online-Kurse & Co. einfach nicht so empfänglich sind wie Nutzer in den Staaten, spätestens sobald es um die Öffnung der Geldbörse für Udemy & Co. geht (ausgenommen vielleicht noch Sprachlern-Apps). Unterschreibe auch total dass es da politischer Steuerung bedarf, aber die Mühlen malen da extrem langsam und das ist definitiv nichts, worauf man sich als Gründer verlassen kann.

    Ciao
    Johannes

  • #3

    Josef Buschbacher (Dienstag, 11 Juli 2017 20:09)

    Danke für den guten Beitrag! Die Zurückhaltung bei Investoren zu Bildungsthemen ist wirklich erschreckend. Wir haben z.B. für das Projekt iBeacons in der Bildung, https://axon-app.com , oder zu Learning Apps mit Kompetenz- und Skillprofilen keine passenden Investoren gefunden.

    Zuversichtlich bin ich dennoch dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird. Viele Grüße sendet Josef Buschbacher

  • #4

    Robert Mischke (Mittwoch, 12 Juli 2017 22:34)

    Leider hat qLearning (umbenannt in skive) laut Newsletter den Dienst eingestellt.

  • #5

    Andreas Wittke (Donnerstag, 13 Juli 2017 08:20)

    Sehr guterArtikel, es fehlt jedoch meiner Meinung nach ein ganz wichtiger Punkt, denn es gibt gar keine EdTech-Szene in Deutschland. Bei uns gibt es nur den Satz "Die Technik muss der Didaktik folgen." und damit wird Technik immer als minderwertig angesehen. Infolgedessen gibt es bei uns auch keine Teaching-Technology Studiengänge und keine EdTech-Konferenzen. Ich habe erst jetzt in Mannheim die erste Konferenz dazu entdeckt und selbst unsere bekannten Mediendidaktiker sind meist technisch so schlecht ausgebildet, dass sie bei GDoc mit der rechten Maustaste keine Kommentare setzen können (selbst erlebt). Also woher sollen bei uns überhaupt EdTech-Gründer kommen? Das Feld wird von der Erziehungswissenschaft dominiert, die leider extrem technikfeindlich ist (siehe Bertelsmann Studie) und Technik wird auch gesellschaftlich aus der Bildung abgegrenzt, was man schön an der Pflichtfachinformatik-Diskussion sehen kann. Da wo es jedoch Innovation geben könnte, nämlich in der EdTech Szenen, werden nicht einmal Anträge geschrieben, alternativ werden auch diese Felder didaktisch erschlossen (siehe Campus Innovation und houu).. In Deutschland sind letztes Jahr zig Pädagogen abends als E-Learning Spezialisten ins Bett gegangen und morgens als Digitalisierungs-Experten aufgewacht, ohne je eine Zeile Code geschrieben zu haben und halten heute Keynotes. Es sind aber "nur" analog ausgebildete Pädagogen, die jetzt behaupten EdTech zu können.

    Andreas Wittke CDO bei oncampus, eines der wenigen Unternehmen in Hochschulen (FH Lübeck), die die Digitalisierung schon geschafft haben

  • #6

    Hannes Klöpper (Freitag, 14 Juli 2017 11:21)

    Hallo Herr Schmid,

    vielen Dank für den Artikel.
    Ein kleiner Hinweis: Holtzbrinck hat iversity nicht übernommen, sondern investiert und hält 25,1 %.
    Qlearning heißt seit längerem Skive und existiert meines Wissens nach mittlerweile nur noch als Webseite. Die Gründer arbeiten seit ca einem Jahr anderswo.
    Ein Faktor den Sie noch zusätzlich aufnehmen sollten in Ihre Darstellung ist kulturell. Die Skepsis gegenüber Neuem in Deutschland macht es extrem schwer neue Produkte am Markt zu etablieren. Alle Anbieter im Weiterbildungsmarkt sagen mir, dass ihr digital Geschäft höchst schleppend voran kommt. Und wo kein schnelles Wachstum zu erwarten ist, gibt es kein VC. Einzig ein globales B2C Play, dass die Bereiche in denen Deutschland weltweit eine Führungsrolle einnimmt vermarktet scheint hier finanzierbar. Aber die Institutionen mit starken Marken die hier als Anbieter in Frage kommen (TU9, Fraunhofer, die Automobilhersteller) sind für Startups als Partner nur bedingt geeignet. Denn VCs wollen Pläne sehen bei denen der Eintritt des Erfolgs an der Execution und nicht den (politischen) Entscheidungen irgendwelcher Gremien satter Organisationen hängen. Und so bleiben letztlich nur kleine Nischen, nicht große Würfe.
    Besten Gruß
    HK

  • #7

    Tobias Himmerich (Mittwoch, 19 Juli 2017 09:32)

    ... jetzt gibt es uns:
    www.eduvation.de

    Leider muss ich dem Artikel grundsätzlich zustimmen. Aber da hilft kein Meckern, wir müssen halt selber was ändern! Daher haben wir die EDUvation gegründet ...

    Liebe Grüße