Schluss mit dem Fakten-Potenzgehabe!

Auf die Angriffe von außen reagiert die Wissenschaft mit einem Rückfall in den Positivismus. Damit schadet sie sich selbst am meisten. Ein Gastbeitrag von Daniel Hornuff.

Foto: March for Science in Berlin am 22. April 2017 (Heike Mewis)
Foto: March for Science in Berlin am 22. April 2017 (Heike Mewis)

MIT EIN WENIG zeitlicher Distanz zu den hitzig geführten Debatten um das sogenannte Postfaktische – und das angeblich aus ihm erwachsene Zeitalter – zeigt sich: Die Reaktionen der Wissenschaften sind auf manch fatale Weise mit den rechtspopulistisch motivierten Einlassungen verstrickt – keineswegs aus Gründen politischer Sympathie, sondern, im Gegenteil, aufgrund einer zwar progressiv gemeinten, letztlich aber kontraproduktiv vollzogenen Kommunikationspraxis.

So werden einerseits die gesellschaftspolitischen Auswirkungen von „alternative facts“-Einlassungen und „fake news“-Parolen mit großer wissenschaftlicher Sensibilität (etwa aus den Bereichen der Soziologie, Politik- und Medienwissenschaften) beobachtet. Andererseits bleibt weitgehend unreflektiert, wie die akademische Community ihrerseits identitätspolitische Angriffe kontert – wie sie also ihr Metier, das wissenschaftliche Denken, verteidigt und als gesellschaftlich unerlässlich charakterisiert. 

 

Konkreter gefasst, liegen im Grunde zwei entscheidende Fragen vor: Wie reagieren wissenschaftliche Disziplinen analytisch – bezogen auf die Untersuchung aktueller politischer Vorgänge? Und wie reagieren sie strategisch – bezogen auf die gesellschaftliche Sicherung und Verteidigung der akademischen Freiheit? 

 

Die Wissenschaften, so meine Überzeugung, müssen ihre eigene Sache so entschlossen wie lange nicht mehr verteidigen: Wer mit autokratischer Geste den institutionalisierten Wissenschaften grundsätzlich misstraut und sie nicht länger als ebenso gleichberechtigte wie vollgültige Mitglieder im pluralistisch verfassten Gesellschaftssystem akzeptiert, nutzt sein Machtkapital zum Rückbau  der Forschungsfreiheit. Die bestürzenden Vorgänge in der Türkei, Ungarn oder den USA zeigen in drastischer Eindeutigkeit die Notwendigkeit, sich für die gesellschaftlichen Grundlagen der Wissenschaften zu engagieren. 

 

Als katastrophal erweist sich jedoch, dass große Teile der Wissenschaft dazu neigen, auf den Vormarsch des Autoritarismus – und einer in westlichen Gesellschaften sich zeitgleich ausbreitenden Ablehnung wissenschaftlicher Verfahren – mit einer habituellen Monopolisierung des Wissens zu reagieren. Will heißen: Auf die verschwörungstheoretisch grundierte Anrufung der 'alternative facts' wird mit einer nicht minder emphatischen Anrufung der definitiven Fakten, des abschließend Beweisbaren, ja Unbezweifelbaren und damit Letztgültigen reagiert. Die Folge ist die Renaissance eines positivistischen Objektivismus. „Zu Fakten gibt es keine Alternative“, plakatierten Gruppierungen des March for Science erstaunlich selbstgewiss – ein Slogan, der epistemologisch nicht nur unzutreffend ist, sondern aus strategischer Sicht kaum ungeschickter formuliert sein könnte. 

 

„Was Wissenschaft vorführt, sind nicht alternativlose Fakten, sondern alternative Aussagen über jene Fakten, die Wissenschaft stets nur durch die Brille ihrer Theorien, Methoden und Verfahren sehen kann“, mahnt der Münchner Soziologe Armin Nassehi. Nichts anderes als „Wissenschaftskitsch“ werde hingegen produziert, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffentlich so tun, als könnten sie „eine Aussage darüber... treffen, was unabhängig vom Beobachter wirklich der Fall ist.“ 

 

Reproduzieren die Wissenschaften in ihrer öffentlichen Selbstdarstellung solch vorkantianische Behauptungen, verspielen sie ihre Möglichkeiten, einen systematischen Unterschied zu den Kampfinstrumenten der Neuen Rechten herzustellen. Im Gegenteil, sie stärken unfreiwillig die Methoden der politischen Willkür, indem sie sich durch diese in Essentialisierungswettbewerbe ziehen lassen: Wollen wir doch mal schauen, wer am Ende über die faktischeren Fakten verfügt! Trump oder Theorie? 

 

Dass ein solches Potenzgehabe zu Lasten der Wissenschaften geht, ist klar: Ohne echte politische Machtbefugnisse ausgestattet, liefern sie sich mit besten Absichten den denkbar schlechtesten politischen Konzepten aus. Die zur Schau getragene Hands-on-Mentalität der demokratisch legitimierten Autokraten will schon aus Gründen eigener Basisbefriedigungen möglichst rasch Hand anlegen, also ihrerseits Fakten schaffen – und so dem selbsterzeugten Gespenst des Postfaktischen mit der Illusion echter Lösungen begegnen. 

 

Systematisch unterscheidet sich ein wissenschaftliches Denken von identitären Proklamationen einzig dadurch, dass es sein eigenes Können – das, was Wissenschaften strukturell auszeichnet – in die Waagschale wirft. Und das bedeutet: Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen unsererseits öffentlich (!) alles daran setzen, die Feinde des offenen Denkens und die Verkünder letztgültiger Fakten in einen Methodenstreit zu verwickeln. Wie kaum eine andere Interessengruppe sind wir geübt darin, unterschiedlichste Methoden und verschiedenste Denkstile vergleichend zueinander in Beziehung zu setzen. Und nur darum kann es gehen: deutlich zu machen, dass jede Aussage über ein Faktum die kontingente Folge einer gesetzten Prämisse unter Hinzuziehung einer spezifischen Methode ist. 

 

Das klingt, zugegeben, reichlich kompliziert; und doch fürchtet der politische Essentialismus der Neuen Rechten nichts mehr, als eine Beleuchtung seiner wohlweislich verschwiegenen Annahmen und machtbewusst eingesetzten Methoden. Aufklärung, verstanden als generell mühevoller Prozess eines diskursiven Sich-Auseinandersetzens, führt dazu, scheinbar unverrückbare Überzeugungen in eine Nachbarschaft zu anderen, auch konträren Auffassungen zu bringen – mit dem Ziel, absolut gemeinte Aussagen mit der relationalen Verfasstheit der Dinge, Phänomene und Fakten zu konfrontieren. 

 

Dies aber setzt voraus, die vielfach gepflegte Arroganz eines akademischen Faktenglaubens abzustreifen. So wenig es erkenntnistheoretisch jemals genügt hat, sich als Inhaber eines Faktums zu präsentieren, so selbstschädigend erweist sich eine solche Attitüde heute. Nichts sollte uns teurer sein, als das wissenschaftliche Denken zu verteidigen, indem wir mit aller argumentativen Kraft seine spezifischen Möglichkeiten in die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung tragen.

 

Daniel Hornuff ist Kunstwissenschaftler an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Sein Essay beruht auf einem Vortrag in sieben Thesen, den Hornuff am Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bielefeld gehalten hat.  

 

Foto: Heike Mewis: "March for Science Berlin", CC-BY-4.0

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Kommentare: 2
  • #1

    Josef König (Dienstag, 25 Juli 2017 11:41)

    Vielen Dank Herr Hornuff, ein sehr guter Essay über die Notwendigkeit, die eigene Arroganz zurückzudrängen und sich wieder der eigenen Methoden in der Wissenschaft zu besinnen und sie zu verteidigen! Fakten stehen nicht für sich - sie bedürfen der Interpretation durch diese Methoden, und erst die Methodenkritik offenbart das cui bono des Sprechenden.
    Meinen bescheidenen Beitrag zu "postfaktisch" habe ich anlässlich der Wahl dieses Wortes zum "Wort des Jahres 2016" verfasst - siehe - falls mir die Verlinkung erlaubt ist:
    http://www.widderworte.de/2016/12/postfaktisch-ein-kampfbegriff-von-intellektuellen/

    Mit freundlichem Gruß
    Josef König

  • #2

    Reinhold Leinfelder (Mittwoch, 26 Juli 2017 12:47)

    Am Artikel ist so manches dran, vielen Dank.. Ich hab mich beim Science March zB auch über die überzogene Selbstherrlichkeit gegen Homöopathie und so manch anderes gewundert (man hätte da auch über die positive Bedeutung des Placebo-Effekts, über Unzulänglichkeiten bei der klassischen Arzt-Patient-Beziehung etc reden müssen). Sicher sollten die Wissenschaften auch stärker über ihre Methodik (früher nannte man das PUR) als nur über Ergebnisse reden (PUSH). Aber ich hab andererseits auch meine Erfahrungen mit Radikalkonstruktivisten (und mir ist zugegeben auch schon mal im emotionalen Eifer eines persönlichen Gesprächs rausgerutscht, jemanden aus dieser Gruppe als Faktenleugner auf eine Stufe mit Kreationisten und Klimawandelskeptikern zu stellen). Also, aus meiner Sicht selbstverständlich auch Methodenkritik, klar. Aber es spricht nicht nur nichts dagegen, im allgemeinen Umgang auch von Fakten zu sprechen, sondern wir sollten es auch bewusst tun, dort wo es gerechtfertigt ist. Wir haben eine DNA. Vererbung und Evolution sind Fakt (auch wenn im Detail immer wieder neue Erkenntnisse dazukommen) und ja, der anthropogene Klimawandel ist auch ein Fakt. Auch (erd-)geschichtliche Dokumente (Ammoniten, Dinosaurier, Kriegsgräber etc.) und Abläufe (pleistozäne Eiszeiten, Korallenbleiche, amthropogener Umbau der Erde im Anthropozän etc) sind Fakten. Das hat überhaupt nichts mit Positivismus zu tun. Fakten schützen zwar nicht vor ggf. falschen Schlusssfolgerungen oder methodischen Überschreitungen - also hier gerne auch mal ein konstruktivistisch/dekonstruktivistischer Blick - aber sind grundsätzlich doch objektiviert bzw. mit hohen Wahrscheinlichkeiten absicherbar. Also sollten wir auch hier bitte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, sonst finden wir uns in einem Relativismus wieder, den andere wieder wunderbar ausnützen werden ("die wissen doch eh nix"). Wir wissen bei genügend vielen Prozessen wissenschaftlich absolut genug, um uns darauf stützen zu können, um auch handeln zu begründen. Für mich ist das Fakt ;-)