Blick zurück (4)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der vierte Teil einer Serie.

Die Ludwig-Maxmilians-Universität in München, Wulfs damalige Wirkungsstätte. Foto: dustpuppy: "Vor der Uni, Geschwister-Scholl-Platz", CC BY 2.0

Universalist im fünfzigsten Semester

Warum sich ein ewiger Student nicht damit abfinden will, dass Zweitstudien in Bayern neuerdings 2000 Mark im Jahr kosten.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Januar 1999)

 

AUF DEM HERD stapeln sich die Magazine. „Kochen ist nicht mein Ding”, sagt Wulf, 58 Jahre, Student im fünfzigsten Semester. „Dazu bin ich zu intellektuell. ” Er braucht jeden Quadratzentimeter der Ein-Zimmer-Wohnung, um die Überbleibsel seines akademischen Lebens unterzubringen: vergilbte Zeitungen in Plastikkisten, angestaubte Lehrbücher auf Klavier und Fußboden. Seit 1974 studiert er an der Universität München, da hat sich eine Menge angesammelt. Seine Garderobe musste er in einen Einkaufswagen an der Wohnungstür auslagern, im Zimmer war kein Platz mehr.

 

Wulf ist einer von mehreren tausend Studenten in Bayern, die in diesen Tagen Post von ihrer Hochschule bekommen. In dem freundlichen Brief steht, dass Zweitstudiengänge vom Sommersemester an Geld kosten, 1000 Mark pro Semester. So steht es im heiß diskutierten neuen Landeshochschulgesetz. Die Regelung trifft Studenten, die schon ein Uni-Studium abgeschlossen haben. Bei Wulf ist das nicht nur eines. „Ich führe ein Leben für die Bildung”, sagt er nicht ohne Stolz. Und er ist bereit, dieses Leben zu verteidigen: „Ich werde Einspruch einlegen. ”

 

Wie schafft man das überhaupt, fünfzig Semester an der Uni? Wulf rückt den Stuhl zurecht. „Eigentlich wollte ich gar nicht studieren”, sagt er nachdenklich. Ein Lebenslauf im Zeitraffer: Gymnasium, in der zwölften Klasse ein schizophrener Anfall, wie er es nennt, ein Jahr später noch einer. Dann nie wieder. Schulabbruch, Ausbildung zum Gärtner, später Gartenbau-Diplom an der Fachhochschule, acht Anstellungen und sieben Kündigungen, mit 31 Jahren frühverrentet. „Das mit der Rente war mehr Glück als Verstand”, sagt er grinsend. „Chronische Leistungsschwäche” nennt der Junggeselle seine Krankheit. Zusammen mit seiner Vorgeschichte reichte das in Zeiten der Vollbeschäftigung für eine fünfzigprozentige Erwerbsminderung und eröffnete ihm drei Jahre später die Möglichkeit, ganz aus dem Arbeitsalltag auszusteigen. Ein neues Leben nahm seinen Anfang: das Studium.

 

Los ging es mit vier Semestern Anglistik und Germanistik, doch konnte sich der hoffnungsfrohe Jungstudent mit der Literaturwissenschaft nie richtig anfreunden. „Da wurde total gesiebt. Ein Professor hat mich mal über eine Stunde lang geprüft – und durchfallen lassen. Der war gründlich. ” 1976 kam Wulf auf die Idee, es mit Medizin zu versuchen. „Das lag mir viel näher, schließlich war ich auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium gewesen. ” Nach vierzehn Semestern Examen und Anmeldung zur Promotion. „Mein Doktorvater sagte, ich sei intelligent und würde das schaffen. Aber am Ende ist es keine runde Sache geworden. ” Der Professor lehnte die Arbeit ab, eine riesige Enttäuschung nach drei Jahren Plackerei.

 

Fleißkärtchen
und Mensamarken

 

Gut nachvollziehen kann der gescheiterte Doktorand, wie sich Promotionsstudenten nun über eine weitere Neuerung des Hochschulgesetzes ärgern. Sie sollen nach sechs Semestern automatisch exmatrikuliert werden – ohne Rücksicht auf das Einzelschicksal. „Man weiß doch nie, was passiert”, sagt Wulf, und seine heisere Stimme macht einen Sprung.

 

Doch der passionierte Student hat sich aufgerappelt damals, und ein dritter Abschnitt in seinem Leben begann, ein Abschnitt, der bis heute andauert. „Ich verbringe meine Zeit mit Büchern, als Autodidakt. ” Besonders schätzt er die Bibliothek des Studentenwerks, die ist sehr umfangreich. Er beschäftigt sich mit Anglistik, Psychologie, Philosophie und neuerdings Portugiesisch. So gehen die Tage dahin, ohne dass er richtig sagen könnte, womit er sie füllt. „Früher habe ich viel Zeit verbummelt”, gibt er zu. „Doch jetzt bin ich viel motivierter. ”

 

Auf dem kleinen Tisch liegen Berge von Karteikärtchen. Wulf lernt fleißig Vokabeln und weiß auch einen Grund dafür. „Ich habe eine Freundin in Brasilien”, sagt er lächelnd. 

 

Es tut ihm weh, von seinen Mitmenschen ausgegrenzt zu werden, nur weil er anders ist. Aufdringliche Blicke begleiten ihn, wenn er sich in der Mensa einen Weg durch die wartenden Kommilitonen bahnt. Dreißig, vierzig Jahre älter, lange weiße Haare, zotteliger Vollbart – das fällt auf. Einen einzigen Studenten in seinem Alter kennt er: Aber der, findet Wulf, sei ein komischer Kauz. „Als ich 1974 mit Anglistik anfing, waren wir zwölf Leute im Seminar. Da war noch ein Gemeinschaftsgefühl. Das gibt es heute an der Massenuni nicht mehr. ”

 

Einen Funken Resignation, mehr leistet er sich nicht: Trotz seiner Einsamkeit bleibt er freundlich und zuvorkommend. An der Essensausgabe reiht er sich geduldig in die Schlange der Vegetarier ein, wechselt hier und dort ein Wort. In der Hand trägt er ein kleines Plastiksäckchen mit Essensmarken. Die hat er gebunkert, damit er sich nicht jeden Tag aufs Neue anstellen muss. In manchen Dingen kann er sehr organisiert sein.

 

„Die Uni hat in Deutschland eine umfassende Aufgabe, nicht so wie die Klippschulen in England”, sagt Wulf und genehmigt sich ein Gemüsegulasch. „Ich versuche, ihre Angebote zu nutzen und Universalist zu sein. Fachidiotentum ist nichts für mich. Ich stöbere einfach gern. ” Und wenn sein Einspruch scheitert? Wenn er doch zahlen muss?

 

Wulf überlegt ein paar Augenblicke, dann sagt er: „Ich habe im Prinzip nichts gegen Studiengebühren. ” Es folgt eine Argumentation, die von Jahrzehnten dialektischen Denkens zeugt. These: „Die Politiker haben recht, wenn sie die mangelnde Beteiligung der Bürger an ihrer Ausbildung beklagen. ” Antithese: „Allerdings trifft es bei einer Zahlungsaufforderung stets die falschen. Dann müssen Leute wie ich zahlen, während die wirklich Vermögenden drum herumkommen. ” Synthese: „In der Praxis lassen sich gerechte Studiengebühren nicht verwirklichen. ”

 

Lebenshilfe auf
dem Lehrplan

 

Einspruch hin oder her, Wulf wird auch mit dem neuen Gesetz weiterstudieren. Und so leicht kriegen sie ihn nicht. Zum Sommersemester trägt er sich für ein Aufbaustudium ein, das bleibt ohnehin gebührenfrei. Wahrscheinlich wechselt er auch nochmal, zu den Wirtschaftswissenschaften. Denn der ewige Student hat geerbt. Seine Mutter ist gestorben, und nun muss er sehen, wohin mit dem Geld. „Ich spekuliere an der Börse. Nun habe ich schon so viel studiert, doch wie man mit Geld umgeht, natürlich nicht. Aber das lässt sich ja nachholen. ”

 

Wieder zu Hause, zwängt er sich mühsam durch den engen Türspalt, den der Garderoben-Einkaufswagen freilässt. Was seine Aussichten betrifft, mit fast 59 Jahren nochmal einen Job zu finden, sieht Wulf zwischen all seinen Büchern glasklar: „Ich würde liebend gerne in meinem Beruf als Arzt arbeiten, irgendwo in der Wissenschaft oder so. Aber das ist wohl aussichtslos. ” Oft raten ihm Bekannte, er solle auf die Rente verzichten und sich irgendwo bewerben. Doch dieses Risiko möchte er nicht eingehen. „Es gibt kein Verfahren der Rehabilitation für mich”, sagt er. „Wenn die mir dann auch kündigen, stehe ich auf der Straße, ganz ohne alles. ” Bevor ihm das zustößt, gibt sich Wulf lieber seinem Schicksal hin und tut das, was er ohnehin am besten kann: studieren.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0