Blick zurück (8)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der achte Teil einer Serie.

Revolte Reloaded

Die Linkspartei lässt den SDS wiederauferstehen. So mancher Beobachter bejubelt die neue Politisierung der Studenten. Doch wollen sich diese heute wirklich noch politisch engagieren? Eine Spurensuche.

(erschienen in der ZEIT vom 31. Juli 2008)

 

DIE REVOLUTION IST nach Hessen gekommen. Freitagabend war das, sie bleibt bis Sonntag, und zwischendurch übernachtet sie in der Turnhalle nebenan. Ihre Frontfrau trägt eine Sonnenbrille im blonden Haar, studiert in Berlin und liebt historische Vergleiche. "Eines unserer Ziele ist eine Bewegung wie 1968. Wir stellen uns bewusst in die Tradition des SDS", sagt sie. "Die Herausforderung bleibt, den Kapitalismus zu überwinden."

 

"Enteignet Springer!" steht auf einem Transparent in dem holzgetäfelten Hörsaal der Universität Marburg, der an einem wolkenverhangenen Juniwochenende die Kulisse für den dritten Verbandstag von Die Linke.SDS abgibt. Daneben verkündet ein Spruchband: "40 Jahre – 1968 die letzte Schlacht gewinnen wir."

 

Die 40 Jahre alten Ideale sollen heute wieder die Messlatte sein

 

Die junge Frau mit der Sonnenbrille heißt Stefanie Graf, kurz Steffi. Man könnte die zufällige Namensgleichheit mit der Tennisspielerin, die heute Werbung für Designerparfum macht, ironisch nennen. Irgendwie aber auch passend. Denn wie auch immer Revoluzzer vor 40 Jahren ausgesehen haben mögen, heute tragen sie mehrheitlich weiße Blusen, Hemden und Jack-Wolfskin-Jacken.

 

Eine weitere Namensgleichheit halten viele Alt-68er für weniger passend. Mit einem Selbstbewusstsein, das an Vermessenheit grenzt, hat sich der neue Studentenverband, dessen Vorstandsmitglied Graf ist, das Kürzel, die Parolen und die Symbole des alten SDS angeeignet und damit eine mediale Aufmerksamkeit erzeugt, von der Asten und Linke Listen nur träumen konnten. So selbstbewusst ist der Umgang mit der Geschichte, dass Graf und ihre Leute nehmen, was sie brauchen, und den Rest liegen lassen. Darum ist SDS nicht mehr die Abkürzung für Sozialistischer Deutscher Studentenverband, sondern politisch korrekter für Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband. Auch der Umstand, dass der alte SDS nach seiner Loslösung von der SPD bewusst außerparlamentarisch und parteiunabhängig sein wollte, stört die Neuen nicht. Die Linke.SDS ist der Studentenverband der Linkspartei. Doch "sind die Ideale, denen sie sich vor 40 Jahren verschrieben haben, woran sie letzten Endes gescheitert sind, auch unsere Messlatte", sagt Steffi Graf, die auch im Bundesvorstand der Linkspartei sitzt.

 

Schon gibt es erste Kommentatoren, die angesichts der starken Sprüche und der professionellen Pressearbeit des SDS eine neue Politisierung der vermeintlich so unpolitischen Studentenmehrheit in Deutschland entdecken, die selbst Studiengebühren mit einem erstaunlichen Gleichmut hingenommen zu haben schien. Die Jugend, so der Tenor, rege sich endlich wieder, die Rückbesinnung auf das vernachlässigte emanzipatorische Erbe Rudi Dutschkes habe begonnen. Was gleich mehrere Fragen aufwirft: Erstens, waren die meisten Studenten bis jetzt tatsächlich so unpolitisch? Zweitens, zünden die 68er-Anspielungen bei ihnen wirklich so gut? Und drittens, sind jene, die da in Marburg den Sozialismus feiern, so anders als der Rest?

 

Auf einer Bierbank, ein paar Hundert Kilometer von Marburg entfernt, sitzt Adrian Kreller, Locken, Kapuzenpulli und Shorts. Die Marketing-Vorlesung ist zu Ende, er lässt die Beine baumeln. Sein Blick geht in die Ferne, hinüber zum frisch renovierten Henry-Ford-Bau der Berliner Freien Universität (FU). Nach einer Weile sagt er: "Manchmal muss man sich entscheiden im Leben. Effizient studieren, Spaß haben und dann noch irgendwelche Gremienarbeit, das geht nicht." Man könnte denken: Kreller, 20, BWL-Bachelor, ist der Prototyp des unpolitischen Studenten, der zwischen Campus und Partykeller pendelt, der noch zu Hause wohnt und daher nicht jobben muss, sondern mit gelegentlichem Rasenmähen davonkommt. Doch dann sagt Kreller Sätze wie diesen: "Die Leute wehren sich gegen Ideologien und Schlagwörter. Die Dinge sind nie schwarz-weiß, doch Parteien und Verbände tun immer noch so, als ob es den einen selig machenden Weg gäbe." Klar, fügt er dann noch hinzu, er sei auch mal bei einer Veranstaltung der Jungen Liberalen gewesen, "aber da auf Dauer durchzusteigen mit all den Parteiprogrammen, Satzungen und Mail-Listings wäre fast ein Vollzeitjob. Da investiere ich meine Zeit lieber anders."

 

Passiv-unpolitisch klingt das nicht. Eher nach dem, was der bekannte Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann als "fast schon unheimlichen Pragmatismus" bezeichnet. Und es erklärt, warum traditionelle Parteistrukturen viele junge Menschen abschrecken und dass man die Abwendung von den Parteien keineswegs als fehlende Politisierung beklagen sollte, wie Hurrelmann betont: "Man muss sie da abholen, wo sie sind, dann kann man sie auch für Politik begeistern." >>


10 Jahre nach der Gründung: Die Website des neuen SDS.


Projekte, die irgendwie mit dem eigenen Leben zu tun haben

 

Zum Beispiel in Berlin, Prenzlauer Berg: An einem heißen Sommertag rattert die Hochbahn an einem alten Fabrikgebäude vorbei, im obersten Stock stellt Gregor Scheppan, blond, verwuschelte Haare, den Ventilator auf die höchste Stufe. Ein paar Tische, ein kastiger Uraltcomputer und ein Flipchart: das ist die Politikfabrik, die Scheppan vor sechs Jahren mit Freunden gegründet hat.

 

Früher haben sie hier oben Nähmaschinen hergestellt, heute Projekte für politische Bildung. Vor der vergangenen Bundestagswahl sind sie mit ihrem »Wahl-O-Mat« in die Schulen gegangen und haben den 18-Jährigen erzählt, warum sie wählen gehen sollen. Vor dem G-8-Gipfel in Rostock haben sie ein Modell-G-8 mit 80 Teilnehmern aus 12 Staaten organisiert. Diesen Sommer schicken sie zum zweiten Mal Jugendliche auf "Stadt-Land-Plus"-Tour nach Osteuropa, wo sie auf Entdeckungsreise gehen und auf Websites regelmäßig berichten sollen. Alle Mitglieder der Politikfabrik sind noch Studenten, Politikwissenschaftler wie Scheppan, aber auch Geisteswissenschaftler und ein Architekt. "Ist all das unpolitisch? Ich würde sagen: Eher die treuen Parteigänger, die nicht selbst denken, sind unpolitisch", sagt Scheppan.

 

Studenten da abholen, wo sie sind, hier klappt es offenbar über Projekte und Initiativen, die irgendwie mit dem eigenen Leben zu tun haben oder gleich mehrere Ziele miteinander verbinden: die Gesellschaft voranbringen, Praxiserfahrung sammeln, am eigenen Lebenslauf arbeiten. "Die Geisteswissenschaftler, die bei uns gearbeitet haben", sagt Scheppan, "haben nach dem Examen bis zu fünf Jobangebote bekommen."

 

Gesellschaftliches Engagement, das die Bewerbungschancen erhöht – früher hätte man das als Karrierismus bezeichnet. Klaus Hurrelmann, der auch die Shell-Jugendstudie leitet, warnt vor derart einfachen Deutungen. "Ich würde die Haltung vieler junger Leute nicht so einfach abwerten wollen", sagt er. "Der gegenwärtige Pragmatismus ist auch Folge der Wirtschaftskrise, die die Ängste der Jugendlichen vor Abstieg und Arbeitslosigkeit verstärkt hat. Selbstlosigkeit muss man sich auch leisten können."

 

Es gibt zwei Millionen Studenten in Deutschland. Der 68er-Kongress, den der Studentenverband als einen Riesenerfolg feierte, hatte nach Verbandsangaben 1600 Teilnehmer. Mit Die Linke.SDS habe man endlich einen Weg gefunden, meint Steffi Graf, das "riesige Potenzial" bislang nicht engagierter Studenten in eine neue linke Bewegung münden zu lassen. In Marburg waren 60 Leute dabei. Vermutlich tut man dem SDS nicht Unrecht, wenn man Selbstironie nicht als die größte Stärke der Delegierten bezeichnet.

 

Vor der Tafel im Marburger Hörsaal steht eine Studentin im schwarzen T-Shirt am Mikrofon, daneben sitzt ein junger Mann mit kurzen Haaren und Dreitagebart. Sie sind die Versammlungsleiter. Und da gibt es einiges zu leiten. Ein ganzes Heft voller Satzungs-, Änderungs- und politischer Anträge gilt es abzuarbeiten, es geht um die Fahne des Verbands und die immergleiche Diskussion, ob man nicht doch lieber nur "SDS" heißen wolle. Wenn jemand nach drei Stunden Debatte eine Pause will, wird darüber zunächst abgestimmt mit Rede und Gegenrede und Enthaltungen.

 

Wie sie sich dann sogar in der Pause neben dem Büchertisch mit marxistischer Literatur die Köpfe heißreden über Geschäftsordnungsanträge, wird dem Beobachter schnell klar: Die Revolution ist hier nur auf Antrag zu haben, und sie wird gemacht von einer Handvoll Anzugträgern mit Che-Guevara-Mützen und Mädchen mit dickem rotem Stern auf ihrem T-Shirt. Während sich die einen wohl aus Angst vor dem Verfassungsschutz nicht filmen lassen wollen, lösen die anderen schon mal ein paar Matheaufgaben aus dem Brückenkurs. Und plötzlich sieht es so aus, als wären die SDSler gar nicht so anders als der Rest ihrer Studentengeneration. Da nennt dann schon einmal ein Vorstandsmitglied als Beweis der Unangepasstheit den Umstand, dass die SDSler in der Turnhalle übernachten und nicht in gemütlichen Jugendherbergen wie die Kollegen von den anderen Verbänden.

 

Auch wenn Steffi Graf und ihre Mitstreiter das nie zugeben würden: Am Ende ähneln ihre Probleme sogar denen junger Christdemokraten. "Wer sich in politischen Parteien engagiert, fällt leider ein bisschen aus dem Mainstream", sagt der VWL-Student Sebastian Millies, der seit 2007 stellvertretender Kreisvorsitzender der Jungen Union in Berlin-Spandau ist. Als er jüngst in einer Info-Veranstaltung zur Karriereplanung laut fragte, ob parteipolitisches Engagement von Arbeitgebern unterstützt werde, ging ein genervtes Murren durch den Saal. "Viele Leute wollen nur meckern", sagt er. "Ich will etwas verändern. Und gute Abgeordnete fallen auch nicht vom Himmel."

 

Da ist es wieder: das Arbeiten durch die Parteistrukturen, ohne das es kaum politische Karrieren geben kann. Das extrem zeitaufwendig ist. Das Anpassung und Unterordnung unter die Parteiideologie erfordert. Womöglich spricht Politikfabrik-Macher Scheppan für die Mehrheit der Parteilosen, wenn er sagt: "Ich will nicht Claqueur für irgendeine Ideologie sein. Ich will mich nicht von Parteistrukturen und Seilschaften plätten lassen. Ich will nur ein politischer Mensch sein und meinen dürfen, was ich will."

 

Eine neue Studentenbewegung dürfte so noch lange auf sich warten lassen. Zumindest, wie sie sich der neue SDS vorstellt. Denn vielleicht ist das ja bereits die neue Studentenbewegung: individualistisch, pragmatisch und trotzdem politisch.

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