Runter geht's

Der "IQB-Bildungstrend 2016" bestätigt die befürchtete Trendwende bei den Schülerleistungen. Die Suche nach den Ursachen ist allerdings komplexer, als sie auf den ersten Blick aussehen mag.

Foto: HolgersFotografie/Pixabay

ES MUSS SUSANNE EISENMANN wie ein schlechter Witz vorkommen. Seit die frühere Stuttgarter Schulbürgermeisterin im Mai 2016 das baden-württembergische Kultusministerium übernommen hat, darf sie immerzu miese Nachrichten entgegennehmen. „Baden-Württemberg schmiert ab“, titelte Spiegel Online im Oktober 2016, als das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen den „IQB-Bildungstrend 2015“ veröffentlichte. Damals hatten die Forscher sich die Neuntklässler vorgenommen, und während ihre Leistungen bundesweit in Englisch stiegen und in Deutsch stagnierten, ging es für den Südwesten in beiden Fächern deutlich bergab.

 

Dieses Jahr ist die CDU-Politikerin Eisenmann zudem Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), und so musste sie auch noch das Vorwort zum „IQB-Bildungstrend 2016“ schreiben, den KMK und IQB heute Vormittag präsentiert haben. Antreten zu den repräsentativen Leistungstests mussten diesmal mehr als 29.000 Schülerinnen und Schüler der 4. Jahrgangsstufe aus ganz Deutschland. Geprüft wurden sie in Deutsch und Mathematik, und wieder: Die baden-württembergischen Viertklässler haben sich fast durchgängig verschlechtert im Vergleich zu den Viertklässlern fünf Jahre zuvor.

 

Wenn Eisenmann eine Zynikerin wäre, und das ist sie nicht, könnte sie sich immerhin damit trösten, dass Baden-Württemberg anders als im Vorjahr diesmal nur der allgemeinen Richtung folgt. Dass etwas im Busch ist, ließ sich bereits nach den deutschlandweit durchwachsenen IQB-Ergebnisse im Oktober 2016 vermuten. Der Verdacht bekam Nahrung durch die im November 2016 veröffentlichte Tims-Grundschulstudie (Stagnation) und nur eine Woche danach noch einmal durch die Ergebnisse von Pisa 2015 (ein leichter, statistisch aber noch nicht signifikanter Leistungsabfall). Die aktuellen IQB-Zahlen bestätigen jetzt: Nach einem guten Jahrzehnt steigender Leistungskurven sind Deutschlands Schulen, zumindest mal Deutschlands Grundschulen, mit einer Trendumkehr konfrontiert. Sowohl in Deutsch als auch in Mathe zeigen die Schüler deutlich schwächere Leistungen als vor fünf Jahren, im Lesen noch am wenigsten, in Orthografie ist der Rückgang am größten. Um allerdings zu großer Schwarzmalerei vorzubeugen: „Niederschmetternd“ sind die heutigen Ergebnisse deshalb auch nicht. Dazu später mehr.

 

Zunächst noch ein paar Fakten. Die deutschen Viertklässler des Jahres 2016 konnten statistisch signifikant schlechter schreiben als ihre Vorgänger 2011. Der Anteil der Schüler, die in Orthografie den sogenannten Regelstandard erreichen, ist um zehn Prozentpunkte auf nur noch 54 Prozent gefallen. Das heißt: Knapp jeder zweite Viertklässler erreicht nicht die Schreibkompetenz, die Schüler am Ende der vierten Klasse eigentlich im Schnitt haben sollten. Auch zuhören können die Grundschüler schlechter als früher, allein mit dem Lesen klappt es noch ähnlich gut. Und genau dort, beim Lesen, versteckt sich eine der guten Nachrichten, auf die IQB-Direktorin Petra Stanat Wert legt: Nur noch 12,5 Prozent der Schüler verfehlen hier den sogenannten Mindeststandard, im Umkehrschluss erreichen also 87,5 Prozent das grundlegende Klassenziel. „Dieser Wert sollte zwar bei Null liegen“, sagt Stanat, doch sei dieser Wert „weitaus weniger dramatisch“ als etwa bei der ersten Pisastudie im Jahr 2000, als fast ein Viertel der Schüler unter dem Mindeststandard lag.

 

Bedenklich fallen die Ergebnisse allerdings auch in Mathe aus: 62 Prozent der Schüler erreichen den Regelstandard, sechs Prozentpunkte weniger als 2011.

 

Selbst in Bayern muss man die Aufwärtsbewegungen mit der Lupe suchen; fast überall und in allen Ländern fällt der Vergleich zu 2011, wenn auch in unterschiedlicher Stärke und an unterschiedlicher Stelle, negativ aus. Signifikant schwächere Durchschnittswerte in beiden Fächern und damit eine durchgängige Verschlechterung melden die Forscher für Bremen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

 

Kein einziges Land konnte die durchschnittlichen Leistungen seiner Schüler steigern. Lediglich in einer einzigen Dimension schneiden zwei Bundesländer bei den Standards signifikant besser ab, und zwar beim Lesen: Hamburg (dort mehr erreichen den Regelstandard) und Schleswig-Holstein (weniger verfehlen den Mindeststandard). Die Liste der Länder, die sich hier oder da verschlechtert haben, ist dagegen zu lang, um sie hier im Einzelnen aufzuführen. 

 

Das IQB gibt sich große Mühe, einen Ländervergleich in Form von Bundesligatabellen zu erschweren, und sortiert in seinen Grafiken Bayern bis Thüringen konsequent alphabetisch. Doch klar ist, wie die Forscher selbst hervorheben, dass es nur Bayern und mit Abstrichen Sachsen gelingt, sich positiv von den übrigen Bundesländer abzuheben. Am Ende der Skala befinden sich Bremen und Berlin, wo, Zitat IQB-Studie, „in allen Kompetenzbereichen die Regelstandards seltener erreicht oder übertroffen und die Mindeststandards häufiger verfehlt (werden), als dies deutschlandweit der Fall ist“. 

 

Bei den übrigen Bundesländern fällt die Bilanz wiederum gemischter aus. Saarlands Viertklässler sind vergleichsweise stark in der Rechtschreibung, die Schleswig-Holsteiner können im Schnitt ordentlich lesen und zuhören. Die Hamburger haben einen relativ hohen Anteil von Schülern mit besonders gutem Hörverstehen. In Mathe steht Sachsen-Anhalt recht gut da.

 

Eisenmanns Kommentar klang denn auch ein wenig wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald: "Die Länder werden die große Stärke des Bildungsföderalismus nutzen, im Wettbewerb der Ideen voneinander zu lernen." Während Baden-Württembergs Kultusministerin bei der heutigen Pressekonferenz also auf die Zukunft vertrösten musste, konnte sich ihr SPD-Kollege Ties Rabe aus Hamburg, siehe oben, auch ein Stückweit in der Gegenwart sonnen. Denn  dort setzt sich ebenfalls ein Trend fort, wie Petra Stanat sagte. Es sei „bemerkenswert, wie gut Hamburg sich insgesamt entwickelt hat.“ Inzwischen setze sich die Hanse-Metropole deutlich von den anderen beiden Stadtstaaten ab. Dies weise darauf hin, „dass die die Etablierung eines Systems der Qualitätsentwicklung, bei dem Schulen regelmäßig Rückmeldungen über Leistungen ihrer Schüler erhalten und bei der Interpretation dieser Ergebnisse unterstützt werden, Früchte getragen hat.“

 

So stellt der „Bildungstrend 2016“ weiter die vertrauten Hackordnungen des Bildungssystems in Frage, zählt doch neben Hamburg erneut Schleswig-Holstein zu den wenigen Ländern, die wirklich auch positive Nachrichten zum Verkaufen haben. Dass ausgerechnet in Norddeutschland gegen den Deutschlandtrend mehr Kinder die erwarteten Standards im Lesen erreichen, ist längst kein überraschender Ausreißer mehr. Schleswig-Holsteins Förderprogramm „Lesen macht stark“ hat Susanne Eisenmann schon nach den 2015er Ergebnissen zum nachahmenswerten Vorbild erklärt.

 

Zurückhaltender sollten Eisenmann und ihre Kollegen dagegen an anderer Stelle sein, wenn sie die die IQB-Zahlen interpretieren. Die Methode „Schreiben nach Gehör“, bei der die Grundschüler erst einmal drauflosschreiben dürfen, ohne sich um Orthografieregeln kümmern zu müssen, ist arg in Verruf geraten in den vergangenen Jahren. Auch Eisenmann schimpft gern auf sie. Doch liefern die heute veröffentlichten keine klaren Belege für ihre Position, da die Methode zum Beispiel auch an Schulen in Schleswig-Holstein und Hamburg praktiziert wird. Doch auch wenn die Suche nach den Ursachen der deutschen Rechtschreibschwäche komplexer sein mag, mahnt Stanat, die Debatte nicht zu verschleppen: „Man wird darüber sprechen müssen, wie orthografische Kompetenzen besser gefördert werden können, ohne dass dies zum Selbstzweck wird."

 

Warum aber sind insgesamt enttäuschenden Ergebnisse des IQB-Bildungstrends am Ende doch nicht so niederschmetternd? Weil man sie im Zusammenhang sehen muss. Das, was die Bildungsforscher als „Heterogenität“ bezeichnet, also die Vielfalt an den Schulen, hat merklich zugenommen in den vergangenen fünf Jahren. Das ist normal in einer offenen Gesellschaft, und wer im gleichen Atemzug von „Heterogenität“ und „Problem“ spricht, sollte bei seiner Wortwahl aufpassen. Doch so sehr wachsende Vielfalt einen Gewinn für die Gesellschaft als Ganzes darstellt, so herausfordernd ist es für die Schulen, alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Lebensumständen zum schulischen Erfolg zu führen.

 

So ist der Anteil der Viertklässler mit mindestens einem Elternteil, das im Ausland geboren ist, zwischen 2011 und 2016 deutschlandweit um neun Prozentpunkte auf 34 Prozent gestiegen. Und in dieser Steigerung sind die hunderttausenden seit Ende 2015 nach Deutschland geflüchteten Kinder noch nicht einmal enthalten, da vom IQB nur Kinder getestet werden, die bereits seit mehr als einem Jahr in deutscher Sprache unterrichtet werden. Auch besuchen heute deutlich mehr Kinder mit sogenanntem sonderpädagogischen Förderbedarf eine allgemeine Schule als noch 2011. Die zunehmende Migration und Inklusion, sagt IQB-Chefin Stanat, erklärten zwar nicht „die ungünstigen Entwicklungen“, zeige aber doch, „dass die Optimierung des Umgangs mit Heterogenität eine besonders wichtige Zukunftsaufgabe ist.“ 

 

Der Bildungsexperte Axel Plünnecke vom IW Köln kommentierte dagegen auf Twitter: "Keine signifikante Veränderung bei Migranten und Nichtmigranten von 2011 zu 2016, aber Änderung der Schülerstruktur."

 

Zum IQB-Bildungstrend gehörte auch eine repräsentative Befragung unter Lehrern, und diese berichteten von einem hohen Fortbildungsbedarf, aber auch von einer hohen Bereitschaft, sich vor allen in den Bereichen „Inklusion“ und „Binnendifferenzierung/individuelle Förderung“ weiterqualifizieren zu wollen. Die Motivation der Lehrer ist somit eine der wirklich erfreulichen Nachrichten des heutigen Tages. Weniger erfreulich ist, dass der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Schülerleistungen in den vergangenen Jahren im Schnitt nicht verringert hat. 

 

Klar ist: Wenn es heute an die Interpretation der Ergebnisse geht, wird ein Satz selten fehlen. Und zwar der, dass parallel zum Negativtrend bei den Schülerleistungen der Lehrermangel gerade in den Grundschulen drastische Dimensionen angenommen hat. Das Ausmaß, in dem die meisten Kultusministerien danebengelegen haben mit ihren Prognosen zu den künftigen Schülerzahlen, ist von einer kaum noch zu steigernden politischen Brisanz – zumal die Abhilfe jahrelang dauern wird. Das weiß auch die Kultusministerkonferenz (KMK) und hat am Vortag der IQB-Veröffentlichung demonstrativ einen Maßnahmenkatalog zum Umgang mit dem „Thema Lehrkräftebedarf“ beschlossen. Die Beschwichtigung wird indes wenig helfen, konstatierte die KMK doch in ihrer begleitenden Pressemitteilung gestern selbst, es sei zu erwarten, dass ich die Situation zunächst noch verschärfen werde.  

 

Umso frappierender, dass gerade die IQB-Ergebnisse nicht herhalten können als Beispiel für die erschreckenden Folgen des Lehrermangels. Zwar erreicht der Anteil der Grundschullehrer, die das von ihnen unterrichtete Fach weder studiert noch als Schwerpunkt im Studium hatten, in Mathe 31 Prozent und in Deutsch immerhin noch 19 Prozent. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland liegen die Werte für Mathe sogar noch höher. Doch: Schüler, deren Lehrer fachfremd unterrichten, konnten deshalb im Schnitt nicht schlechter lesen, schreiben, zuhören oder rechnen. Freilich weisen das IQB daraufhin, dass Analysen für die Sekundarstufe I zu anderen Ergebnissen gekommen sind. Wie gesagt: So plakativ die Debatte in den nächsten Tagen ausfallen dürfte, so komplex sind die Hintergründe der Verschlechterung tatsächlich. 

 

Einer hatte die Entwicklung übrigens schon vor sechs Jahren vorausgesehen: Jürgen Baumert, der die erste Pisa-Studie für Deutschland koordinierte und als Nestor der Bildungsforschung gilt. 2011 prognostizierte er im ZEIT-Interview, Deutschland könne die erreichten Verbesserungen verspielen, wenn es „in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Gruppe derjenigen deutlich zu verkleinern, die die Mindestvoraussetzungen für das Erlernen eines zukunftsfähigen Berufs nicht erfüllen.“ Der Anteil der Zuwanderer aus sozial schwächeren Verhältnissen werde steigen. „Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg wird dann zu einem nicht tolerierbaren Problem, wenn die für gesellschaftliche Teilhabe notwendigen Grundkompetenzen nicht erworben werden“, warnte Baumert. Das Gutachten, auf das er sich im damaligen Interview bezog, hatte eine Kultusministerin in Auftrag gegeben. Aus Baden-Württemberg. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Birgit (Freitag, 13 Oktober 2017 16:46)

    "Der Anteil der Schüler, die in Orthografie den sogenannten Regelstandard erreichen, ist um zehn Prozentpunkte auf nur noch 54 Prozent gefallen. Das heißt: Knapp jeder zweite Viertklässler erreicht nicht die Schreibkompetenz, die Schüler am Ende der vierten Klasse eigentlich im Schnitt haben sollten. "

    Nein, hier müssen zum einen auch noch die Schüler und Schülerinnen mit Optimalstandard berücksichtigt werden!
    Zum anderen ergeben die Zahlen zusammen keine 100%

    "Nur" Weniger als 25% erreichen nicht den Mindeststandard!

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Freitag, 13 Oktober 2017 16:55)

    Liebe Birgit, vielen Dank für das Feedback. In der Studie heißt es wörtlich:
    "Im Fach Deutsch erreichen oder übertreffen im Jahr 2016 bundesweit im Bereich Lesen knapp 66 Prozent, im Bereich Zuhören gut 68 Prozent und im Bereich Orthografie rund 54 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler den Regelstandard." Erreichen oder übertreffen heißt meines Erachtens, dass der Optimalstandard enthalten ist, oder?
    Beste Grüße
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #3

    tutnichtszursache (Freitag, 13 Oktober 2017 17:16)

    Die Optimalstandards werden von +/- 10 Prozent erreicht. Es wäre reizvoll, einen solchen Test auch mit Abiturienten durchzuführen... Und weitergesponnen: Eine uneingeschränkte Hochschulzugangsberechtigung könnte an diejenigen mit Optimalstandards ausgegeben werden; alle anderen müssten noch "nachlegen", etwa in einem Studienvorbereitungs(halb)jahr.

  • #4

    Birgit (Samstag, 14 Oktober 2017 14:29)

    Hallo,
    ich hatte mich von dem folgenden Satz
    "Den Mindeststandard verfehlen in diesen Kompetenzbereichen jeweils knapp 13 Prozent, fast 11 Prozent und rund 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler."
    irritieren lassen - und davon, dass die Kompetenzstufe II nicht in den Tabellen aufgetragen ist.
    Wenn Sie die Stufen I und II zusammen betrachten, ist Ihre Aussage natürlich korrekt.
    Viele Grüße