Hidden Champions

Die Hochschulen im Süden und Osten Europas weisen überraschende Stärken auf, wenn man genau hinschaut.  Isabel Roessler vom Centrum für Hochschulentwicklung hat das getan.

Isabel Roessler. Foto: privat
Isabel Roessler. Foto: privat

Frau Roessler, eigentlich ist die Frage, die Sie in Ihrer aktuellen Studie bearbeiten, ziemlich naheliegend. Hat sie gewundert, dass sich noch keiner vor Ihnen an einer Antwort versucht hat?

 

Ein bisschen schon. Aber wir alle kennen das Phänomen von gefühltem Wissen, das keiner mehr hinterfragt. Wahrscheinlich ist genau das hier der Fall: Ein Vergleich der europäischen Hochschulregionen, denken womöglich manche, ist doch klar, was dabei rauskommt. 

 

Sie haben Europa nach den Himmelsrichtungen in vier Großregionen eingeteilt und die Performance der Hochschulen in diesen vier Regionen miteinander verglichen – auf der Grundlage der Daten, die im U-Multirank gesammelt werden. Und, kam denn etwas Überraschendes dabei raus?

 

Und ob. Dass die Unterschiede groß sind, das hatten wir erwartet, klar. Aber dass man eben nicht einfach sagen kann: Die im Norden und Westen, die sind gut, die im Süden und Osten dagegen schwach, das widerspricht dann doch weitläufigen Vorurteilen.  

 

Aber wenn wir uns die gängigen Hochschulrankings anschauen oder auch die Zahl der Nobelpreise, dann tauchen da ständig Universitäten aus Großbritannien, Skandinavien oder – mit Abstrichen – aus Deutschland auf. Um Griechenland, Russland oder Zypern zu finden, müssen Sie ziemlich weit runterscrollen in den Listen. 

 

Sie reden von der Forschungsleistung in der Grundlagenforschung. Aber Hochschulen haben noch mehr Aufgaben als nur die Forschung. Auch wenn manche das gelegentlich vergessen. Tatsächlich sind die Unterschiede bei der Forschung ja auch groß. 30 Prozent der westeuropäischen Universitäten gehören da laut U-Multirank zur Spitzengruppe, in Osteuropa sind es nur 10 Prozent. Wobei der Vorsprung in einer anderen Dimension noch gewaltiger ist: 45 Prozent der westeuropäischen Hochschulen sind in der Spitzengruppe bei der Internationalisierung, von den osteuropäischen nur 12 Prozent. >> 


U-Multirank geht in die Verlängerung

Isabel Roessler ist Senior Projektmanagerin beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Bevor sie dort 2007 anfing, war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Eine Kurzfassung ihrer auf U-Multirank beruhenden Studie kann online unter diesem Link abgerufen werden.

 

Apropos U-Multirank: Lange Zeit war offen, wie es weitergeht mit dem Projekt, das die EU 2013 als nichtkommerzielle Alternative zu den Hochschulrankings vom Times Higher Education & Co initiiert hatte. Ende 2017 ist die Anschubfinanzierung vorbei, und die EU-Kommission will sich zurückziehen – aber nicht ganz. Zunächst bis Juni 2019 habe die Kommission weitere Mittel zugesagt, berichtet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), Konsortialführer von U-Multirank.

 

Der Preis war offenbar, dass sich künftig weitere Partner an der Finanzierung beteiligen. Konkret sind das die Bertelsmann-Stiftung, einer der Träger des CHE, und die Santander-Gruppe, die künftig auch die strategische Weiterentwicklung von U-Multirank verantworten sollen. 

 

Beim CHE heißt es, das  neue Finanzierungsmodell stelle sicher, "diesen internationalen Vergleich von Hochschulen und Fachbereichen weiterhin nicht-

kommerziell, sondern als Open Access Modell für Studierende, Hochschulen, Unternehmen und Regierungen anbieten zu können."

 

Der Einstieg von Bertelsmann und Santander und der kurze Förderzeitraum von zunächst anderthalb Jahren zeigt allerdings auch, dass die langfristige Existenz des Rankings, das kein Geld einbringt, noch nicht gesichert ist. 

 

Angelehnt an das CHE-Hochschulranking verzichtet U-Multirank auf plakative Bundesliga-Tabellen, die eine vorher festgelegte Gewichtung meist weniger Kriterien widerspiegeln. Die Logik von U-Multirank sei demgegenüber ein "multi-dimensionalen Ansatz", formulieren das CHE und die beiden niederländischen Konsortialpartner, das Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS) an der Universität Twente und das Centre for Science and Technology Studies (CWTS) der Universität Leiden. Soll heißen: Die Hochschulen werden anhand von rund 30 Einzelindikatoren verglichen und dann in fünf Ranggruppen einsortiert – von „A“ (sehr gut) bis „E“ (schwach). Jeder Student und Interessant kann sich so seine persönliche Rangliste anhand der für ihn ausschlaggebenden Indikatoren zusammenstellen.

 

Wichtigste Datengrundlage ist eine Befragung von mehr als 100.000 Studenten an europäischen Hochschulen. 



>> Was heißt das immer mit „Spitzengruppe“? Was genau haben Sie da gemessen und wie? 

 

Das U-Multirank vergleicht insgesamt rund 30 Indikatoren, darunter Zitationsraten, Studienabsolventenquoten, Drittmitteleinnahmen oder auch der Anteil der Masterabsolventen, die in der näheren Umgebung der Hochschule einen Job annehmen. Diese Indikatoren sind nach fünf Dimensionen gruppiert, und zwar Forschung, Lehre, Wissenstransfer, Internationalität und regionales Engagement, wobei hier nicht die europäischen Großregionen gemeint sind, sondern die lokale Ebene. Und nun kann man alle europäischen Hochschulen nach ihrer Performance in fünf Leistungsgruppen einteilen, von herausragend bis mangelhaft, und zwar wiederum in jedem einzelnen Indikator.

 

Das heißt, eine Universität kann in der Forschung top sein und im lokalen Engagement mau?

 

Gut möglich. Wobei es gerade in Nord- und Westeuropa eine Reihe von Hochschulen gibt, die in allen Dimensionen gut abschneiden. Insgesamt aber beobachten wir, dass Nord- und Westeuropa vor allem bei der Internationalisierung ihrer Forscher und Studenten hervorstechen, bei der Forschung gar nicht mal so extrem. Die Hochschulen in Süd- und Osteuropa glänzen dafür mit ihrem regionalen Engagement. 

 

Wieso sind die Hochschulen im Norden und Westen internationalisierter?

 

Zum Beispiel weil sie über eine längere gemeinsame Geschichte beim Studierendenaustausch verfügen. Als das Erasmus 1987 begann, gab es elf Mitgliedsstaaten, die einen Austausch untereinander förderten: Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Frankreich, Irland, Italien, Niederlande, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich. Was Nord- und Westeuropa ebenso hilft, ist der Anteil englischsprachiger Studienprogramme. Am höchsten ist der in den Niederlanden, in Deutschland und Schweden. 

 

Ergibt eine Einteilung Europas in dieser groben Form nach Himmelsrichtungen überhaupt einen Sinn? Sind es nicht viel mehr einzelne Länder, deren Hochschulsysteme die Ergebnisse hoch- oder runterziehen?

 

Aber diese Hochschulsysteme sind nicht denkbar ohne die Regionen, in denen sie sich befinden. Die meisten Kooperationen in der Forschung zum Beispiel spielen sich innerhalb der europäischen Großregionen ab, darüber hinaus sind die Möglichkeiten schon aus rein praktischen Gründen beschränkt. Besonders eng vernetzt sind die skandinavischen Länder und steigern so die Zahl der Forschungspublikationen, die gemeinsam mit einem internationalen Partner geschrieben werden. 

 

Dass die ost- und südeuropäischen Hochschulen in der Forschung hinterherhinken, spricht das nicht schlicht und einfach für ihren Modernisierungsrückstand?

 

Nach dem Motto, wenn sie erstmal richtig ausgewachsen sind, sind sie auch gut in der Forschung und bei der Internationalisierung? Eben nicht. Ich glaube, wir müssen aufhören, unser eigenes Verständnis von Hochschule absolut zu setzen. Dass osteuropäische Hochschulen den Norden und Westen in Sachen Lehre überholen, ist genauso ein Ausweis ihrer Qualität. Und dass die Hochschulen in Südeuropa sich besonders für ihre nähere Umgebung engagieren, dass sie sich vernetzen mit der lokalen Wirtschaft und Gesellschaft, ist ebenfalls etwas, von dem wir lernen können. 

 

Dass die Universitäten gerade in Südeuropa Nachholbedarf haben, schon von ihrer Ausstattung her, ist doch unbestreitbar. 

 

Ja, und natürlich hat uns im Norden und Westen geholfen, dass hier dieses Humboldtsche Paradigma von Bildung durch Wissenschaft über Jahrhunderte so dominant war. Aber die Hochschulen in den wirtschaftlich schwächeren Ländern des Ostens und Südens haben parallel dazu ein ganz starkes Bewusstsein für die Bedürfnisse ihrer Regionen entwickelt. In Spanien zum Beispiel hat sich die Universität von Oviedo schon 1898 eine Satzung gegeben, die den Dienst für die Gesellschaft und Industrie formulierte.  

 

Was können wir im Norden und Westen von solchen Beispielen lernen?

 

In Bezug auf das regionale Engagement: sehr viel, gerade in unserer gegenwärtigen Debatte über Wissenstransfer. Denn im Technologietransfer sind wir schon ganz gut, aber der Austausch mit der Gesellschaft, das wissen wir alle, der stockt. Dass Osteuropa bei der Lehre so gut dasteht, ist vom Befund her komplizierter. Ich vermute, die viel traditionellere Studienstruktur inklusive der starken Verschulung erhöht die Abschlussquote. Inwiefern das ein Vorbild für uns sein kann, sollte man sich also genau anschauen. 

 

Mal ehrlich: Die Kernbotschaft ihrer Studie ist lautet, dass die Betrachtungsweise des U-Multiranks beispielhaft ist, oder? Geben Sie so viel Eigennutz zu?

 

Klar mache ich mit diesem Interview auch Werbung für U-Multirank. Aber nur, weil ich wirklich daran glaube, dass wir der Dritte Mission neben Forschung und Lehre mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zukommen lassen müssen. Und mit U-Multirank geht das. Wir müssen den Hochschulen in ihrer Unterschiedlichkeit die Gelegenheit geben, ihre jeweils besonderen Stärken zu zeigen. Und wenn das mit den Daten des U-Multiranks gelingt, ist das doch wunderbar. Allerdings ist ein Ranking am Ende wertlos, solange die Politik und die Gesellschaft als Ganzes nicht aufhören, die Hochschulen nach den paar gleichen klassischen Indikatoren zu bewerten. 

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