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Also wir kommen auf weniger

Hochschulforscher berichten regelmäßig eklatant hohe Abbrecherquoten in den Ingenieurwissenschaften. Jetzt halten TU9 und acatech mit einer eigenen Studie dagegen.

HEUTE VERÖFFENTLICHEN die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, kurz acatech, und der Hochschulverbund TU9 eine neue Studienabbrecherstudie. Wobei sie ganz so neu dann doch nicht ist, erste Ergebnisse hatte der TU9-Vizepräsident und Stuttgarter Rektor Wolfram Ressel schon im Sommer präsentiert. 

 

Interessanter noch als die Studie selbst ist der Grund für ihr Zustandekommen. An den technischen Universitäten fühlen sie sich nämlich schon länger an den Pranger gestellt, vor allem in den Medien. Die Abbrecherquoten in den Ingenieurwissenschaften, so der Tenor, seien unangemessen hoch. Auch ich hatte 2012 einen Artikel zum Thema in der ZEIT geschrieben und gefragt: „Wie kann es sein, dass fast jeder zweite Ingenieurstudent an Deutschlands Universitäten sein Studium abbricht, und alles, was die verantwortlichen Professoren dazu zu sagen haben, erschöpft sich in müden Ausreden?“

 

Laut einer Untersuchung des damaligen Hochschul-Informations-Systems (HIS) verließen zu dem Zeitpunkt 48 Prozent der Ingenieurstudenten eines Jahrgangs Deutschlands Universitäten ohne Abschluss. Die TU9-Universitäten gehören zu den größten Anbietern ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge. Ihre Reaktion: Sie wollten ihre eigene Studie. Und sie bekamen sie, finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Das Ergebnis formulieren TU9 und acatech nun in ihrer Pressemitteilung wie folgt: „Die Abbruchquote liegt zwischen 21 und 23 Prozent und damit deutlich niedriger als bislang angenommen.“ Eingeflossen in die Auswertung sind die Daten von rund 60.000 Studenten an 12 technischen Universitäten, die zwischen Wintersemester 2008/09 und 2011/12 ein ingenieurwissenschaftliches Studium an einer Universität aufgenommen haben.

 

Im Unterschied zum HIS, deren Hochschulforschungsteil seit einigen Jahren Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DHZW) heißt, sei in der Studie zwischen Studienabbrechern, Fach- und Hochschulwechslern unterschieden worden, begründen die technischen Universitäten die enorme Diskrepanz zu dessen Zahlen. Über alle ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge hinweg liegen die bundesweiten Abbrecherquoten an Universitäten für die Bachelorstudenten der Jahrgänge 2010 und 2011 nämlich laut DZHW bei 32 Prozent. 

 

"Jeder Studienabbruch ist einer zuviel"

 

„Klar ist: jeder Studienabbruch ist einer zu viel“, sagt Projektleiter Eberhard Umbach, früherer Präsident des zu TU9 gehörenden Karlsruher Instituts für Technologie und jetzt acatech-Präsidiumsmitglied. „Wir können jedoch die Abbruchquoten nur nachhaltig senken, wenn wir eine differenzierte Analyse vornehmen.“ Implizite Botschaft: Das, was das HIS/DZHW macht, ist nicht differenziert.

 

Ulrich Heublein ist beim DZHW für Bildungsverläufe zuständig und trägt in Fachkreisen den Spitznamen „Mr. Studienabbruch“. Die DZHW-Abbrecherstudien sind im Wesentlichen seine Arbeit, kaum einer kennt sich in dem Gebiet so gut aus wie er. Ein Quasi-Monopol, könnte man sagen. Genau das halten offenbar auch im BMBF einige für ein Problem und haben deshalb die TU9-/acatech-Studie finanziert. 

 

Heublein kommentiert die heute veröffentlichten Zahlen wie folgt: „Die vorgelegte Studie gibt keine hinreichende Auskunft über den Studienabbruch in den Ingenieurwissenschaften an den deutschen Universitäten." Sie versuche, auf der Basis studiengangsspezifischer Abbruchquoten den Studienabbruch in Ingenieurwissenschaften für die Universitäten insgesamt zu bestimmen. Da sie aber den, so Heublein, "durchaus beträchtlichen" Hochschulwechsel nicht berücksichtige, sondern diesen einfach als Studienerfolg verbuche, "kann sie den Studienabbruch nicht vollends erfassen.“ Auch sei die Fächerzusammensetzung in den Ingenieurwissenschaften der untersuchten technischen Universitäten anders als im Bundesvergleich. Daher sei ein Vergleich mit den DZHW-Daten „völlig auszuschließen.“

 

Die Quote der Hochschul- und Fachwechsler summiert sich auf 16 bis 18 Prozent in der TU9-/acatech-Studie und bleibt bei der Berechnung der Abbrecherquoten tatsächlich außen vor. Das, so sagen die Autoren, sei ja auch kein Geheimnis, stehe mehrfach in der Studie und sei insofern allen Beteiligten bewusst.  

 

An den Zitaten von Umbach und Heublein kann man die herrschenden Spannungen ablesen, wobei acatech und TU9, siehe oben, bei jeder Gelegenheit betonen, mit ihren halbierten Zahlen das Problem Studienabbruch keineswegs verharmlosen zu wollen. Was sie natürlich trotzdem tun, zumindest sollen die Ergebnisse den bildungspolitischen Druck aus der Debatte nehmen. 

 

Doch bleiben sie dabei nicht stehen. Zur heute veröffentlichten Studie gehört auch eine Zusammenstellung sogenannter „Best-Practice-Beispiele“, garniert mit Handlungsempfehlungen an Politik und Hochschulen: Wie können Studieninteressierte schon vor dem Studium besser orientiert werden? Laut Studie wirken sich auch Eignungsfeststellungsverfahren, Orientierungsprüfungen, verpflichtende Vorkurse, eine Anwesenheitspflicht oder gar eine Studienhöchstdauer positiv aus. Insofern appellieren TU9 und acatech an die Länder, ihren Hochschulen die dafür nötigen Freiheiten zu geben. Darüber hinaus sei es unter anderem wichtig, die „systematische Analyse hochschulübergreifender Daten voranzutreiben.“

 

Die TU München schwört auf Eignungsprüfungen

 

Zu den TU9 gehört die Technische Universität München (TUM), und die hat nur zwei Tage vor der TU9-/acatech-Studie ihre eigene Auswertung veröffentlicht. Typischer TUM-Tenor und ganz im Sinne ihres umtriebigen Präsidenten Wolfgang A. Herrmann: Wir sind die besten. Oder, wie die dazu gehörenden Pressemitteilung es formuliert: „Studierende der TUM, die nach einer Eignungsprüfung zugelassen wurden, schließen ihr Studium deutlich häufiger erfolgreich ab als Studierende anderer Universitäten.“

 

Und genau an der Stelle werden die Münchner Zahlen, bei denen sich die TUM interessanterweise am DZHW und nicht an der TU9-/acatech-Vorgehen orientiert hat, wirklich spannend. Beispiel Informatik: Die TUM kommt auf 20 Prozent "Exmatrikulationen ohne Abschluss", bundesweit liegt die Abbrecherquote an Unis laut DZHW bei 45 Prozent. Oder Maschinenbau: TUM: 22 Prozent, alle Unis: 31 Prozent. Eigentlich seien die TUM-Werte sogar noch niedriger, betont Herrmann, weil man im Gegensatz zum DZHW die Hochschulwechsler, die ihr Studium anderswo erfolgreich abgeschlossen haben, nicht habe herausrechnen können. 

 

Die TUM ist überzeugt: Das Geheimnis liegt im vor 17 Jahren eingeführten "Eignungsfeststellungsverfahren", das in vielen Studiengängen den Numerus Clausus ersetzt hat. So beträgt die Exmatrikulationsquote in Studiengängen ohne Verfahren aktuell 40 Prozent, bei denen mit Eignungsprüfung sind es 21 Prozent.

 

Bei den Verfahren wird zunächst die Abiturleistung differenziert nach Fächernoten berücksichtigt, von einer Mindestpunktzahl an kommen die Bewerber in die Auswahlgespräche. Allein zu den Wintersemestern führe man 5000 bis 6000 Interviews, bei denen dann vor allem die Motivation und das Durchhaltevermögen der Bewerber ergründet werden sollen. Doch, so Herrmann, der Aufwand „lohnt sich“. Die Gesellschaft könne es sich nicht leisten, „durch undifferenzierte Verfahren wie den Numerus Clausus Ressourcen zu vergeuden“– vor allem nicht die Talente, die trotz Eignung nicht zugelassen würden. Es sei darüber hinaus bequem, aber „ungerecht und verschwenderisch“, Bewerber nur aufgrund des Abiturs zuzulassen und sie nach einem Jahr hinauszuprüfen. Trotz der „hervorragenden Erfahrungen“ erschwerten jedoch gesetzliche Vorgaben die Eignungsprüfungen. Die Politik, so Herrmann, sei „dringend aufgefordert“, dies zu ändern. 

 

Die TUM-Auswertung gefällt Ulrich Heublein methodisch übrigens besser. „Fundiert“ sei sie, die Berechnungen seien „völlig korrekt“. Ihre Schlussfolgerungen teilt der Hochschulforscher ebenfalls: „Wir können den beobachteten Effekt auch in unseren Studien feststellen.“ Allerdings kenne er außerhalb der TUM lediglich aus Kunst- und Musikhochschulen sowie aus einigen Architekturstudiengängen und privaten Hochschulen ein ähnlich „elaboriertes“ Eignungsfeststellungsverfahren. Anderswo scheiterten solche Ansätze meist an den gesetzlichen Regeln. 

 

Womit sich Heublein und die Autoren der TU9-/acatech-Studie in einem entscheidenden Punkt doch einig sind: Ganz gleich, wie hoch die Abbrecherquoten tatsächlich sind: Wer sie senken möchte, sollte auch über Alternativen zum Numerus Clausus nachdenken. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Klaus Diepold (Donnerstag, 07 Dezember 2017 09:07)

    Mir ist nicht ganz klar, ob über die reine Erfassung der Zahlen von Abbrüchen auch ein Versuch unternommen wurde die Gründe für die Abbrüche festzustellen. Es mag auch gut begründete Studienabbrüche geben, die zu einer zukunftsorientierten Neuausrichtung eines jungen Menschen führen kann.

    In vielen pesönlichen Gesprächen mit Ingenieurstudierenden stelle ich häufig fest, dass die Vorstellungen von und die Erwartungen an das Ingenieurstudium weit von der Realität abweichen. Vielleicht liegt da auch ein Grund für die Abbrecherquoten, da Technik nur selten ein Schulfach ist und entsprechend wenig Information bis zu den Schülerinnen und Schülern gelangen. Also - mir fehlt hier die Ursachenforschung.