Zeit, zu gehen?

Für viele Professoren ist die Wissenschaft ihre große Leidenschaft – über die Pensionierung hinaus. Wie gelingt der Stellenausgleich zwischen Jung und Alt? Zwei Beispiele.

Marco Verch: "Vintage Taschenuhr", CC BY 2.0

EINMAL MUSS ER noch zurückfahren. Die Wohnung leer räumen. Dem Vermieter die Schlüssel in die Hand drücken. Dann gibt es nichts mehr, was ihn hier hält. Nichts außer den Erinnerungen an die Stadt, die 16 Jahre lang seine Arbeitsheimat war. So hat er Hildesheim immer genannt. "Ich kann nicht sagen, dass ich nichts bereue", sagt Guido Bausenhart, 64. "Aber mit dem allermeisten bin ich zufrieden, mit dem größten Teil vom Rest einverstanden. Und mit dem wenigen, was dann immer noch übrig bleibt, kann ich leben."

 

Vielleicht muss es so klingen, wenn jemand Bilanz zieht, der sich die letzten Jahre seines Berufslebens mit dem beschäftigt hat, was Wissenschaftler als "Eschatologie" bezeichnen: der Frage nach den letzten Dingen. Bausenhart ist Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik, oder vielmehr: Er war es. Vor wenigen Monaten ist er in Rente gegangen, mehr als drei Jahre früher, als es die im Niedersächsischen Hochschulgesetz festgeschriebene reguläre Altersgrenze von 68 vorsieht. So hatte er es geplant, als er sich 2001 auf die Pendelei zwischen Hildesheim und seiner 550 Bahnkilometer entfernten "Familienheimat" Rottenburg am Neckar einließ. Und so hat er es durchgezogen.

 

Bausenhart ist keiner von jenen, die den viel diskutierten "Flaschenhals" verstopfen. Er hat niemandem den Weg blockiert. Seit Jahren gehört der Flaschenhals zu den Lieblingsthemen der deutschen Wissenschaftspolitik: Nachwuchswissenschaftler stoßen schnell auf ihn, wenn sie von einer Professur träumen. Von der "mangelnden Planbarkeit wissenschaftlicher Karrierewege" sprechen die Hochschulforscher dann: zu wenige Stellen, intransparente Berufungsverfahren und verlorene Zeit. Denn wenn der Traum platzt, ist es für eine Karriere außerhalb der Wissenschaft oft schon zu spät. Ein milliardenschweres "Tenure-Track"-Programm haben Bund und Länder vereinbart, das den Einstieg in die Professur flüssiger machen soll. Wovon kaum einer redet: was eigentlich am anderen Ende der wissenschaftlichen Karriere passiert. Wie erleben Hochschullehrer ihren Ausstieg in Zeiten, in denen alle nur noch vom Nachwuchs reden? Und: Ist jeder alte Professor in Pension ein guter Professor – weil er den Jungen den Weg frei macht?

 

Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat kürzlich nachgewiesen, dass der große Generationswechsel an den Hochschulen bereits Geschichte ist. Waren 2001 noch 21 Prozent aller Professoren älter als 60 Jahre, sank der Anteil bis 2010 auf 13 Prozent und blieb seitdem konstant. Gleichzeitig stieg der Anteil jüngerer Professoren unter 46 von 22 auf zuletzt 28 Prozent. "Verbesserte Beschäftigungsoptionen für jüngere Wissenschaftler entstehen nur noch aus zusätzlichen unbefristeten Stellen", sagt DZHW-Forscher Kolja Briedis. Verstärkt wird die Unbeweglichkeit der Personalstruktur im Flaschenhals durch die Rente mit 67. Die Altersgrenze der Professoren steigt in den meisten Ländern allmählich an, in Niedersachsen liegt sie bereits bei 68 Jahren. Die Profs bleiben also im Schnitt länger, ihre Stellen werden später nachbesetzt. Ein problematischer Trend?

 

Erst Referent des Bischofs, dann Professor

 

Wenn man Guido Bausenhart nach der Planbarkeit von Karrierewegen fragt, erzählt er, welchen Weg er selbst nahm, bis er auf seiner Professur ankam. Die ersten sechs Jahre nach dem Studium war Bausenhart persönlicher Referent des Rottenburger Bischofs, danach leitete er 16 Jahre lang die Ausbildung der Pastoralreferenten im Bistum. "Und dann ging ich auf die 50 zu und habe mich gefragt: Was hast du noch vor mit deinem Leben?" Er zog seine Habilitation durch und bewarb sich in Hildesheim, einer Uni in der Diaspora. "Mit meinem Werdegang konnte ich nicht wählerisch sein", sagt Bausenhart. Er meint das nicht negativ. Alle seine Studenten waren Lehrämtler, "die konnte ich nicht mit meinen persönlichen Forschungsvorlieben belästigen, da musste ich mich auf das Wesentliche konzentrieren". Was ihm umgekehrt in der Forschung eine große Freiheit gegeben habe.

 

Als er das erzählt, räumt seine Frau gerade den Mittagstisch ab, im Hintergrund läuft leise Radiomusik. Die vier Kinder sind längst aus dem Haus, sie sind erwachsen geworden in den Jahren, in denen er fast jede Woche in den Zug stieg und erst am Wochenende zurückkehrte. "Transkulturelle Ortsbigamie" habe das mal ein Professorenkollege, ein Geograf, genannt. Das hat Bausenhart gefallen. Einmal ist er nur für eine Sitzung nach Hildesheim gefahren, die dann ausgefallen sei. "Aber ich habe mich nie beschwert", sagt er. "Ich wusste, das ist meine Privatsache mit dem Pendeln, da kann ich nicht maulen."

 

Er könnte jetzt, da er vorzeitig aufhört, einfach behaupten, er tue das im Interesse der Generationengerechtigkeit. Doch Bausenhart ist keiner, der zur Selbststilisierung neigt. Er sagt, das Hin und Her sei dann zuletzt doch beschwerlich geworden. Und nur weil Niedersachsen, nachdem er schon Professor war, die Altersgrenze hochgesetzt habe, ändere er nicht seine Lebensplanung.

 

Auch Christina von Braun war schon älter, 50 Jahre, als sie 1994 auf den Lehrstuhl für Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität (HU) berufen wurde. Ihr Mann und ihre Kinder blieben in Bonn, und sie blickte zurück auf eine Karriere als Filmemacherin und Buchautorin. In Berlin gründete und leitete sie den deutschlandweit ersten Studiengang Gender Studies, sie wurde Sprecherin des Graduiertenkollegs "Geschlecht als Wissenskategorie". Irgendwann nahte ihr Ruhestand, und das sollte es gewesen sein?

 

Schlecht gemacht kann die Seniorprofessur eine Sparlösung sein

 

Bei dem Gedanken muss von Braun, inzwischen 73, lächeln. "Die Frage stellte sich für mich gar nicht", sagt sie leicht abgehetzt. Zu tun gibt es immer noch viel zu viel. Sie sitzt auf einer Holzbank in dem kleinen Café im Prenzlauer Berg, trinkt einen Tee und erzählt, wie sie vor acht Jahren "sehr nachdrücklich" von ihrer Fakultät gebeten worden sei, über die gesetzliche Altersgrenze hinweg zu bleiben. "Das hilft natürlich", sagte sie.

 

Was auch half: dass die HU zu den Hochschulen in Deutschland gehört, die am häufigsten sogenannte Seniorprofessuren einrichten. 28 waren es vergangenes Wintersemester, inklusive der Senior Researcher, die von der Lehre befreit sind, und der Senior Advisor, die sich besonders in der Nachwuchsförderung engagieren.

 

Auf den ersten Blick wirkt die Seniorprofessur wie der perfekte Generationsausgleich: Die Alten räumen ihre Professur für die Jungen und können trotzdem bis zu drei Jahre lang weitermachen – über einen Honorarvertrag, der die Differenz zwischen Pension und früherem Gehalt ausgleicht. "Es ist allerdings keineswegs ausgemacht, dass die Stelle tatsächlich gleich neu besetzt wird", sagt Hubert Detmer, Justitiar des Deutschen Hochschulverbandes. So könne die Seniorprofessur schnell zur vorübergehenden Sparlösung werden. Trotzdem überwiegen für Detmer die Vorteile: "Die richtig guten Leute können bleiben."

 

Christina von Braun blieb, ihr Mann zog nach, die Pendelei hatte ein Ende. Dann begann ihre dritte Karriere. Sie gründete das Kollegium "Jüdische Studien" an der Humboldt-Universität und schrieb gemeinsam mit Kollegen ein Konzept für ein uni- und länderübergreifendes "Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg". Da könne sie noch mal richtig was bewegen, habe sie sich selbst gesagt, all die Erfahrungen einbringen, die sie im Umgang mit Politik und Verwaltung gesammelt hatte. Mit Erfolg: 2012 wurde das Zentrum, ausgestattet mit 7,8 Millionen Euro Fördergeldern des Bildungsministeriums, eröffnet. Von Braun wurde Sprecherin und Projektleiterin.

 

Ob sie manchmal ein schlechtes Gewissen habe, dass sie so ein erfülltes Leben als Wissenschaftlerin hatte, während die Jungen heute so strampeln müssen? So einfach sei die Sache ja nun nicht, sagt von Braun. Klar, allzu viele säßen auf befristeten Postdoc-Stellen und müssten sich von Antrag zu Antrag hangeln. "Eigentlich ein unhaltbarer Zustand." Und das Pensum, das der "Nachwuchs" zu bewältigen habe, zwischen Lehre, Forschung und Bürokratie, sei gewaltig. Aber auch sie und ihr Mann hätten in den vergangenen 30 Jahren flexibel leben müssen, seien von Ort zu Ort gezogen. Und die Wissenschaft sei heute weitgehend offen. Offener für Frauen, die Rollenbilder veränderten sich. "Ich bin da total optimistisch."

 

Ein Gegensatz lässt sich allzu leicht konstruieren zwischen den immer zahlreicheren Alten, die großzügige Ruhegelder beziehen und weiter gemütlich vor sich hin forschen – und der ebenso steigenden Zahl der Jungen, die keine Dauerstelle mehr abbekommen, weil die Pensionen das System erdrücken. Für die HU träfen solche Vorwürfe nicht zu, sagt Uni-Sprecher Hans-Christoph Keller. Hier spiele niemand die Alten gegen die Jungen aus, weil in den vor wenigen Monaten vereinbarten Hochschulverträgen die steigenden Versorgungslasten ausgeglichen worden seien.

 

Einmal Wissenschaftler, immer Wissenschaftler

 

Jetzt, da die ersten fünf Jahre am Zentrum für Jüdische Studien hinter ihr liegen, hat von Braun sich vorgenommen, doch mal etwas weniger zu tun. Sie bleibt dem Zentrum als Senior Research Fellow verbunden, was bedeutet, dass die Tage nicht mehr ganz so voll sind, "sodass ich jetzt endlich Zeit habe, mir neue Buchprojekte vorzunehmen oder einfach mal in Ruhe zu verreisen".

 

Auch Guido Bausenhart wird oft gefragt, was er vorhabe. "Ich bin keiner, der dann antwortet: Endlich komme ich zu etwas, auf das ich lange hingelebt habe." Ja, er wolle weiter wissenschaftlich arbeiten, "aber dafür brauche ich keine Gremiensitzungen, keine Formulare, keine Vorlesungen. Ich will einfach nur noch gescheiter werden als Theologe." So ganz ist er mit den Gedanken aber noch nicht weg aus Niedersachsen. Mit seinen Kollegen hat er erfolgreich für die Erhaltung der Theologie in Hannover gekämpft. Auch das ist für ihn ein Beitrag zur Generationengerechtigkeit.

 

"Für mich ist es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass bald jemand Junges auf meiner Professur sitzen wird", sagt Guido Bausenhart. Und Christina von Braun sagt: "Wenn ich durch mein Bleiben die Stelle für den Nachwuchs blockiert hätte, wäre ich nicht geblieben." Abschied von der Uni, aber niemals von der Wissenschaft: die Paradoxie eines Berufs, den man behält, solange man klar denken kann. Daran wird auch kein Arbeitsrecht je etwas ändern.

 

Dieser Artikel erschien zuerst am 09. November in der ZEIT.

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