"Proporz wäre langweilig"

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer erklärt Baden-Württembergs Antwort auf Macrons Vision europäischer Universitäten

Theresia Bauer. Foto: MWK
Theresia Bauer. Foto: MWK

Frau Bauer, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat im vergangenen Herbst vorgeschlagen, ein Netzwerk europäischer Universitäten mit europäischen Abschlüssen zu gründen. Konkret sprach er von mindestens 20 europäischen Universitäten bis 2024. Und Deutschlands Reaktion war erstmal gleich null. 

 

Null würde ich nicht sagen. Unter Fachleuten ist dieser Vorschlag auch in Deutschland sofort diskutiert worden. Aber wahr ist, dass Deutschland auf politischer Ebene über Monate mit der Regierungsbildung im Bund – also mit sich selbst – beschäftigt war. Umso wichtiger, dass die Diskussion jetzt Fahrt aufgenommen hat. 

 

Kaum stand die GroKo Anfang März, sind Sie gemeinsam mit ihrem Ministerpräsidenten und Parteifreund Winfried Kretschmann vorgeprescht und haben verkündet: EUCOR soll eine dieser europäischen Universitäten werden. Was genau ist denn EUCOR? 

 

Als Macron seinen Vorschlag formulierte, war mir gleich klar, dass das, wovon er sprach, bei uns am Oberrhein schon ein Stück Wirklichkeit ist: Fünf Universitäten aus Baden-Württemberg, aus der Schweiz und aus Frankreich arbeiten hier seit 1989 zusammen und haben 2015 den "European Campus" gegründet. Auf deutscher Seite sind das die Universität Freiburg und das Karlsruher Institut für Technologie, das KIT, dazu kommen die Universität Basel, die Université de Haute-Alsace in Mulhouse-Colmar und die Université de Strasbourg. Macht zusammen 15.000 Forscher, 11.000 Doktoranden und 115.000 Studierende. Das Besondere dabei ist, dass die Universitäten nicht nur einzelne zusätzliche Kooperationen in Forschung und Lehre durchführen, sondern ihr – ich nenne es mal – Kerngeschäft künftig gemeinsam gestalten wollen. Momentan durchleuchten die fünf Partneruniversitäten alle Aspekte ihrer akademischen Aktivitäten und erarbeiten eine gemeinsame Strategie und einen gemeinsamen Außenauftritt. 

 

Der European Campus sei das strategisches Leuchtturmprojekt und "die europäische Zukunft der Universitäten am Oberrhein", kann man auf der Website der Universität Freiburg nachlesen. Klingt toll. Aber wozu brauchen Sie dann noch den Schub der Macron-Idee?

 

Weil jetzt der Zeitpunkt ist, dass sich auch die beteiligten Regierungen ganz klar zu dem Projekt bekennen. Darum haben wir Anfang März im baden-württembergischen Kabinett beschlossen, uns hinter dieses europaweit einzigartige Projekt zu stellen und es voranzubringen. Uns war von Anfang an klar, dass man Macrons Idee nicht nur den Hochschulen oder der EU-Kommission überlassen kann. Für eine Europäische Universität braucht man das durchgängige Engagement aller institutionellen und staatlichen Ebenen. 

 

Apropos einzigartig: Der neue saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) hat als eine seiner ersten Amtshandlungen erklärt, die sogenannte Universität der Großregion (UniGR) sei als "Pionier und Leuchtturm interregionaler, grenzübergreifender Hochschulzusammenarbeit" geradezu "prädestiniert" dafür, sich zu einer Europäischen Universität weiterzuentwickeln. Zum UniGR-Netzwerk gehören die Universität des Saarlandes und die Hochschulen in Lothringen, Luxemburg, Lüttich, Kaiserslautern und Trier. Die Großregion, sagte Hans weiter, habe den "am stärksten integrierten Verbund grenzüberschreitender Universitäten in ganz Europa". Kann es sein, dass angesichts der Aussicht auf europäisches Geld jetzt plötzlich Regierungen überall in Deutschland und Europa die Einzigartigkeit ihrer Hochschulnetzwerke entdecken?

 

Das kann sein, wäre aber zu wenig. Wobei ich den großen Run noch nicht sehen kann. Ich freue mich jedenfalls, wenn auch die Kollegen im Saarland und anderswo ihre Projekte präsentieren. Das kann Macrons Idee insgesamt nur guttun. Wettbewerb belebt das Geschäft.

 

Glauben Sie, dass es Macron um Wettbewerb geht? 20 bis 25 europäische Universitäten klingt verdächtig so, als wollte der französische Präsident gern so ungefähr jeden EU-Mitgliedstaat mit einer europäischen Universität versehen. 

 

Es wäre ein Hohn, wenn eine so großartige Idee am Ende dazu dienen würde, die nationalen Probleme bei der Hochschulfinanzierung abzumildern. Doch so verstehe ich den französischen Präsidenten auch nicht. Europa sollte sich nur dort finanziell engagieren, wo ernsthafte und überregional bedeutsame Bemühungen spürbar sind. Der Mut zur Exzellenz muss auch und gerade in der Wissenschaft gelten. Außerdem scheint mir 20 bis 25 eine durchaus angemessene Anzahl. Bei insgesamt mehr als 800 Universitäten in Europa ist das in jedem Fall eine kleine Spitzengruppe. Und doch kann man mit dieser Anzahl sicherstellen, dass die europäischen Universitäten quer durch Europa ihre Wirkungen entfalten können und nicht nur auf einzelne Standorte beschränkt sind. 

 

Also kein typisch europäischer Proporz?

 

Europa begeht einen gefährlichen Irrtum, wenn es überall die Gießkanne ansetzt. Dass Europa längst anders kann, sehen wir übrigens am Europäischen Forschungsrat und seinen hochrenommierten Förderprogrammen. Wir wollen mithilfe europäischer Universitäten Grenzen überwinden, da können wir bei ihrer Verteilung doch nicht wieder nationalstaatlich argumentieren. Proporz wäre darüber hinaus auch inhaltlich furchtbar langweilig. Klar sollten sich die 20 Universitäten am Ende nicht auf drei Länder konzentrieren, aber eine Uni pro Mitgliedsstaat wäre reichlich bürokratisch gedacht. Jedes Konzept, das sich am Ende durchsetzt, muss meines Erachtens eine besondere Brillanz und Gedankenschärfe haben, um erfolgreich zu sein. 

 

Dann überzeugen Sie uns doch mal davon, dass EUCOR diese Brillanz und Gedankenschärfe besitzt.

 

Zunächst hat EUCOR brillante Mitgliedsuniversitäten: Basel und Straßburg gehören in ihren Ländern ebenso zur Spitzengruppe wie bei uns Freiburg und Karlsruhe. Dann existiert ein festes Fundament an Kooperationen: Es gibt seit vielen Jahren gemeinsame Lehre, es gibt gemeinsame Forschungsprojekte. Und schließlich spürt man am Oberrhein, dass sich die Akteure wirklich einer gemeinsamen grenzüberschreitenden Region zugehörig fühlen. Die Universitäten liegen nicht nur zufällig nah beieinander; sie sind die akademischen Fixpunkte in einem wahrhaft europäischen Lebensraum. Aber klar ist, wenn EUCOR sich als europäische Universität bewirbt, muss die Kooperation auf eine völlig neue Stufe gehoben werden. Einfach eine besonders engagierte Form von Studierendenaustausch reicht nicht. 

 

Geht das konkreter?

 

Wir werden als baden-württembergische Landesregierung das Gespräch suchen mit den regionalen Partnern in Frankreich und den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Das erste Ziel besteht darin, eine gemeinsame Willensbekundung zu formulieren, unsere länderübergreifende Unterstützung also quasi aktenkundig zu machen. Das soll noch im April geschehen. Im nächsten Schritt wollen wir dann auf die Bundeskanzlerin und den französischen Präsidenten zugehen und ihnen das Projekt vorstellen. Uns geht es nicht in erster Linie darum, europäische Fördergelder einzuwerben. Wir wollen vielmehr mit unseren Kompetenzen und unserem Engagement eine wunderbare europäische Idee Wirklichkeit werden lassen. 

 

Eine Willensbekundung klingt ja ganz nett. Aber wie sieht es mit einem eigenen finanziellen Commitment aus?

 

Das muss dazukommen, auf jeden Fall. Schon jetzt beteiligt sich Baden-Württemberg mit INTERREG-Projekten der EU und unterstützt damit ganz bewusst den Ausbau von EUCOR. Aber wir wollen mehr tun, auch aus Landesmitteln, und insofern in Vorleistung gehen. Weil wir wirklich an die Idee glauben. Und weil das Signal, dass sowohl die beteiligten Universitäten als auch die Trägerländer ihren eigenen – nachweisbaren – finanziellen Beitrag leisten, grundlegend ist, um echte Entschlossenheit zu demonstrieren. 

 

Sie sagen, eine europäische Universität müsse mehr sein als eine gehobene Form des Studentenaustausches. Was denn genau?

 

Ziel muss sein, dass die Studierenden ihr Semesterprogramm gleichberechtigt aus den Studienprogrammen der unterschiedlichen Universitäten zusammenstellen können. Dass es Professoren gibt, die an mindestens zwei Standorten lehren und forschen. Dass gemeinsame Forschungsinfrastrukturen und Labore entstehen, dass die beteiligten Hochschulen ihre Entwicklung aber auch sonst strategisch miteinander abstimmen. Bereits heute hat der Universitätsverbund EUCOR vereinbart, in vier strategisch bedeutsamen Forschungsschwerpunkten zu kooperieren: in Quantenphysik und Quantentechnologien, in der Präzisionsmedizin, in den Nachhaltigkeits- und Kulturwissenschaften. Oder nehmen Sie den Rückbau kerntechnischer Anlagen: Zu dem Thema gibt es an mehreren der Universitäten führende Fachleute. Insgesamt zeichnet sich ein spannendes Profil der EUCOR-Partner als europäische Universitäten ab. 

 

Sie wollen Ihre Bewerbung auf einem bestehenden Verbund aufsetzen. Andere meinen, die Förderung oder der Ausbau vorhandener Strukturen sei nicht radikal genug. Ganz neue Universitäten müssten her, weil nur die ganz neu, anders und europäisch gedacht werden könnten.  

 

Ich finde nicht, dass man sich da auf ein Modell festlegen sollte. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Lehre und Forschung, die europäische Universitäten ausmacht, kann man sich in Verbünden geographisch benachbarter Standorten genauso vorstellen wie bei thematisch genau definierten Kooperationen über größere Distanzen hinweg. Letzteres planen zum Beispiel die Universitäten Heidelberg, Prag, Warschau und Paris, die sich gerade zur "European University Alliance" zusammengeschlossen haben. Klar ist jedoch: Je weiter Hochschulen geographisch auseinanderliegen, desto stärker muss ihre inhaltliche Klammer sein. Klar ist auch: Egal, welches Konzept Sie dem Modell einer europäischen Universität zugrunde legen – durch die Initiative müssen die beteiligten Universitäten, so sie bereits bestehen, in ihrem Kern verändert werden. Es geht nicht nur um ein neues Label. 

 

Was bedeutet das wieder ganz konkret für Ihr bisheriges Verständnis von baden-württembergischen Landesuniversitäten?

 

Das bedeutet, dass wir als Politik gefordert sein werden, institutionelle Grenzen zu überwinden und die rechtlichen Grundlagen von Hochschulfinanzierung neu zu denken, zum Beispiel über Experimentierklauseln. 

 

Am Nebeneinander der Finanzströme von Bund und Land beziehungsweise an deren Zusammenbringen am vor einem Jahrzehnt fusionierten KIT knabsen Sie noch heute.

 

Das sollte uns nicht abhalten, sondern beflügeln. Wenn die Idee europäischer Universitäten an die Grenzen unseres Hochschulgesetzes stößt, dann müssen wir unser Hochschulgesetz ändern und nicht die Idee. Das gleiche gilt für die Hochschulaufsicht. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kontrolle den Zielen entspricht und nicht umgekehrt. 

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