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Plakative Klage

Die Gewerkschaft der FH-Professoren hält die Lehrverpflichtung von 18 Semesterwochenstunden für verfassungswidrig – und geht gerichtlich dagegen vor. Eine spannende Wende im Streit der Fachhochschulen für mehr Anerkennung.

DAS DÜRFTE SPANNEND werden. Der Hochschullehrerbund (hlb), die Vertretung der FH-Professoren, klagt gegen die seiner Meinung nach zu hohe Lehrverpflichtung an Fachhochschulen. Der Landesverband Niedersachsen habe einen sogenannten Antrag auf Normenkontrolle beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingereicht, teilte die hlb-Bundesvereinigung mit. Die Entscheidung der niedersächsischen Richter werde Auswirkungen auf ganz Deutschland haben, sagt der hlb, weil in 15 von 16 Bundesländern die gleiche Regel gilt: 18 Semesterwochenstunden. 

 

An Universitäten müssen die Professoren nur acht oder neun Stunden in der Woche unterrichten – eine "ungerechtfertigte Ungleichbehandlung", wie der hlb findet. Denn: Die Rechtfertigung, "Professorinnen und Professoren an Fachhochschulen könnten doppelt so viel lehren wie ihre Kolleginnen und Kollegen an Universitäten, weil sie keine Forschungsaufgabe hätten, hat sich nach Einführung der Forschung als Pflichtaufgabe auch an Fachhochschulen – in Niedersachsen 1994 – erledigt."

 

Der Hochschullehrerbund geht noch weiter in seiner Argumentation: Indem Niedersachsen (wie andere Länder) auf den 18 Semesterwochenstunden beharre, verstoße die Landesregierung gegen die im Grundgesetz-Artikel 5 geschützte Freiheit der Forschung "und gegen die beamtenrechtliche Fürsorgepflicht der Dienstherrin oder des Dienstherrn, weil ohne Bereitstellung eines Zeitbudgets die Forschungspflicht nicht erfüllbar ist".

 

Es ist eine selbstbewusste Ansage, die die Gewerkschaft der Fachhochschulprofessoren da in ihre Klage und in die heute dazu verschickte Pressemitteilung gepackt hat. Eine Ansage ans Gericht, an die Wissenschaftspolitik – und an die Universitäten. Sie lautet: Wir sind nicht mehr die, die wir bei unserer Gründung vor genau 50 Jahren waren. Wir fordern die Anerkennung unserer Leistungen vor allem in der anwendungsnahen Forschung – und faire Wettbewerbsbedingungen.

 

Oft genug wird Fachhochschulen von ihren Uni-Konterparts vorgehalten, sie seien, was ihre Forschung angeht, bestenfalls mittelmäßig. Die von ihnen eingeworbenen Forschungsfördergelder seien verschwindend gering. Doch die FHs entgegnen: Wie sollen wir denn bei der Forschung mithalten, wenn wir gleichzeitig mit der Lehre überlastet sind? Der hlb fordert deshalb (und das schon länger) maximal 12 Semesterwochenstunden. 

 

Es ist nicht klar, für wie realistisch der hlb selbst die Aussichten einschätzt, mit seiner Klage die Reduktion der Lehrverpflichtung zu erzwingen – oder ob sie vor allem eines sein soll: plakativ. Doch was wäre denn, wenn es tatsächlich so käme und die Politik am Ende von vermutlich langwierigen juristischen Auseinandersetzungen den FH-Professoren ihr Deputat senken würde?

 

Eines wäre es ganz sicher: ein wissenschaftspolitischer Paukenschlag. Rechnerisch würde sich das Lehrangebot für die rund eine Million Fachhochschulstudenten nämlich von einem Tag auf den anderen um ein Drittel verringern, Tausende zusätzlicher Professuren wären nötig, die Milliarden kosten würden.

 

Klar wäre auch: Würden die Fachhochschulen teurer, müssten dafür vermutlich die Universitäten mit die Zeche zahlen. Womit der Hintergrund der Klage offen zu Tage tritt. Es handelt sich um eine Fortsetzung des immer härter geführten Statuskampfes zwischen Fachhochschulen und Unis. 

 

Zuletzt wurde er in aller Öffentlichkeit ausgetragen, als Nordrhein-Westfalens Landesregierung ein Promotionskolleg für Fachhochschulen ankündigte – mit eigenem, von den Universitäten unabhängigen Promotionsrecht. Inzwischen ist das Kolleg beschlossene Sache, der lautstarke Protest der Unirektoren ist einem immer noch hörbaren Grummeln gewichen. Hessen hatte schon 2016 einigen FH-Fachbereichen erlaubt, selbst Doktorgrade zu verleihen. 

 

Neulich erst kulminierte der neue Anspruch der Fachhochschulen an sich selbst und an die Wissenschaftspolitik in einem umfangreichen Positionspapier, dem "Lübecker Manifest" – mit der Forderung nach einer passenden und finanziell ausreichenden Forschungsförderung, einem eigenen Mittelbau, dem Promotionsrecht – und weniger Lehrdeputat.

 

Der hlb hat das "Lübecker Manifest" natürlich gleich prominent auf seine Website gestellt. 

 

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Kommentare: 6
  • #1

    pb (Freitag, 30 August 2019 16:37)

    Hierbei wird m.E. eine wichtige Rahmenbedingung übersehen!

    Wenn es anderswo wie hier an meinem Standort ist, dann macht *keiner* der forschungsstarken FH Profs wirklich 18 SWS Lehre. Denn im Unterschied zu den hiesigen Universitäten sind die Möglichkeiten zur Lehrdeputatsreduktion für besondere Aufgaben an der FH deutlich besser.

    Für ca. 300 FH Profs gibt es hier ca. 1000 SWS Lehrdeputatsreduktion für annähernd 600 Uni-Profs hingegen nur ca. 500 SWS.

    Im Schnitt käme somit jeder FH-Prof auf mehr als 3 SWS Lehrdeputatsreduktion, hätte also demnach nur 15 SWS Lehre, was zugegebenermaßen immer noch sehr viel ist.

    In der Realität gibt es m.W. aber keine Gleichverteilung, es gibt FH-Profs, die nur lehren, die wirklich 18 SWS haben und andere, dritt-mittel-/forschungsstark sind, haben z.T. nur 9 SWS.

  • #2

    tmg (Samstag, 31 August 2019 12:52)

    Also weder publizieren noch lehren. Was wollen die FHs denn dann noch eigentlich tun?

  • #3

    Fragenstellerin (Montag, 02 September 2019 07:14)

    Seit wann ist der Hochschullehrerbund eine Gewerkschaft? (Scheint mir eher eine unangemessene Verwendung, auch wenn es anscheinend einige Standesvertretungen momentan als hip empfinden.)

  • #4

    McFischer (Montag, 02 September 2019 08:38)

    Der Vorstoss macht Sinn. Die 18 SWS sind einfach zu hoch, machen eine FH Professur für viele PostDocs (von den Unis) auch eminent unattraktiv. Zu den 18 SWS kommen ja auch noch Verwaltung, Qualitätssicherung, Kooperationen etc. Und im Vergleich zu Unis gibt es keinen Mittelbau und kaum Sekretariate, die hier unterstützen.
    An guten FHs, zumeist staatlichen, manchmal auch privat, wird viel getan, um (angewandte) Forschung zu machen. Das ist dann hohes Engagement der Professoren/-innen. Deputatsreduktion kann unterstützen, ist aber immer ein Kampf.
    Allerdings: Viele FH-Profs haben noch Nebentätigkeiten. Das geht vom Ingenieurbüro über Consulting bis zu Architekturbüros. Das hat sicher Vorteile (Anbindung an die Praxis), aber kann natürlich auch die Qualität von (und Zeit für) Forschung und Lehre an FHs deutlich einschränken.

  • #5

    stth (Dienstag, 03 September 2019 16:25)

    Liebe/r tmg #2,
    na, was wollen die FH tun? Genau das gleiche wie die Unis - also weder forschen noch lehren. Und sicher stützen Sie sich für Ihre polemische Behauptung auf viel Experten- und Insiderwissen über FH, anders kann ich es mir gar nicht vorstellen.

    Nein, jetzt im Ernst und ohne Ironie: An FH wird teilweise ordentliche Arbeit geleistet, wie anderswo auch. Der Vorstoß ist doch nur logisch. Natürlich sollte man darüber nachdenken. Vielleicht ist aber eine Flexibilisierung der Lehrverpflichtung sinnvoller? Auch um die Kosten nicht astronomisch hochzutreiben.

  • #6

    Klaus Diepold (Donnerstag, 05 September 2019 12:05)

    @McFischer:

    kurzer Hinweis - die Ausstattung an Unis bzgl. Sekretariate und Mittelbau ist auch zunehmend am Schwinden. Die Zahl der Profs nimmt zu, die Anzahl der studierenden nimmt zu, die Anzahl der DoktorandInnen nimmt zu, aber die Ausstattung im Mittelbau und vor allem beim "wissenschaftsstützenden" Personal stagniert. In dieser Hinsicht sind die Unterschiede zwischen FHs und Unis am schwinden.