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"Sträflich versagt"

HPI-Chef Christoph Meinel über Kultusminister, die ihre Schulen im Stich lassen, den leichtfertigen Umgang mit persönlichen Daten – und die heftige Kritik an der HPI-Schul-Cloud.

Der Informatikprofessor Christoph Meinel, 66, ist Institutsdirektor und CEO des Hasso-Plattner-Instituts. Seit das HPI zur Universität Potsdam gehört, ist er zugleich Dekan der Digital Engineering Fakultät. Foto: HPI/Kay Herschelmann.

Herr Meinel, herrscht an vielen Schulen gerade Wildwest in Sachen Datenschutz?

 

Persönlich würde ich es so sicher nicht formulieren, aber inhaltlich beschreiben Sie die Zustände damit recht gut. Zum Glück gibt es eine große Zahl von Lehrkräften, die sich auch durch die widrigsten technischen Voraussetzungen nicht davon hat abhalten lassen, für ihre Schülerinnen und Schüler nach digitalen Lerngelegenheiten zu forsten. Die Not in Zeiten der Schulschließungen ist allerdings so groß, dass viele sich dabei keine Gedanken machen, ob die Apps und Inhalte auch datenschutzkonform oder rechtswidrig eingesetzt werden. 

 

Werfen Sie das den Lehrern vor?

 

Das werfe ich nicht den Lehrkräften vor, sondern den Schulbehörden. In einem Unternehmen muss der Arbeitgeber für den Arbeitsschutz sorgen, und im Bereich der Schule gehört dazu, dass ich im Unterricht Lehrkräften einen rechtskonformen Umgang mit digitalen Inhalten ermögliche. Da haben viele Bundesländer und Schulbehörden sträflich versagt und lassen ihre Lehrkräfte und Schüler sehenden Auges rechtswidrig agieren. 

 

Mit welchen Folgen?

 

Die Debatten über den Datenschutz bewegen sich in Deutschland abstrakt immer auf einem enorm hohen Niveau, doch wenn man sich anschaut, wie die Menschen sich dann im Netz bewegen, ist von diesem Anspruch nichts zu spüren. Womöglich liegt das an der großen Unkenntnis über das, was etwa moderne Lernsysteme an Daten abgreifen. Ich rede nicht vom Download eines PDF, eines Videos oder einer Landkarte. Aber sobald Sie ein Lernprogramm öffnen, das interaktiv mit Ihnen Englischvokabeln trainiert, merkt sich das System genau, an welcher Stelle Sie gescheitert sind – und speichert diese Informationen bis zum nächsten Mal, wenn Sie sich anmelden. Um Ihnen dann Aufgaben zu stellen, die gezielt Ihre Schwächen adressieren. Wo liegen Ihre Nutzerdaten bis dahin? Wer verwaltet sie? Wer hat Zugriff darauf? Die meisten Leute fragen sich das nicht einmal. Und da sind Lehrkräfte und Schüler keine Ausnahme.

 

"Große Unkenntnis über das, was moderne
Lernsysteme an Daten abgreifen"

 

Wenn Sie das so streng sagen, bleiben den meisten Schulen nur zwei Optionen: digital dichtmachen oder die Preisgabe persönlicher Daten von Lehrern und Schülern riskieren.

 

Option eins kann es nicht geben. Das Humboldtsche Bildungsideal verlangt von Schule die Vorbereitung der Schüler auf ein selbstverantwortliches Leben und das ist ohne Fähigkeiten, mit Digitalen umzugehen, nicht mehr vorstellbar. Und Option zwei muss nicht so sein.

 

Sogar das Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) hatte neulich in einem Akt entwaffnender Ehrlichkeit Google- und Microsoftprodukte auf seine Online-Liste digitaler Lerngelegenheiten gestellt – und dann nach Protesten schnell wieder entfernt.

 

Ich erlebe das so oder ähnlich seit Jahren in Diskussionen mit der KMK und einzelnen Ländern. Auch in den zuständigen Behörden fehlt an vielen Stellen das notwendige technische Hintergrundwissen, was es bedeutet, digitale Inhalte im Schulkontext zu nutzen. Wäre es anders, hätte es so eine Empfehlung auf einer KMK-Website gar nicht gegeben. Von der KMK erwarte ich Hinweise zur Güte von Lernsoftware und deren gesetzeskonformen Einsatzes in den Schulen. Und dieser gesetzeskonforme Einsatz ist, so gut deren Produkte auch sein mögen, bei Google oder Microsoft nicht gegeben. 

 

Wenn Sie sagen, das von Ihnen so harsch kritisierte Datenschutz-Dilemma vieler Schulen müsste nicht sein, dann spielen Sie bestimmt auf die HPI Schul-Cloud an, oder?

 

Eine solche Schul-Cloud müsste nicht unbedingt von uns kommen, aber Sie haben Recht: Um digitale Inhalte im Unterricht einzusetzen, braucht es in jeder Schule eine funktionierende technische Infrastruktur. Internetanschluss, WLAN in jedem Klassenraum und Zugangsgeräte gehören dazu, aber auch eine rechtssichere und datenschutzkonform zu nutzende digitale Lernumgebung, und die ist technisch nur über eine Cloud sicherzustellen. Anstatt jetzt irgendwelche Empfehlungen auf Websites abzulegen, stünde es den Kultusministern gut an, sich zuerst hierum zu kümmern. Denn erst, wenn eine solche sichere digitale Lernumgebung vorhanden ist, macht es überhaupt Sinn, den Schulen Tipps zu geben, welche Lernsoftware sie in welcher Lernsituation nutzen sollten.

 

"Seit 20 Jahren gibt es teure Pilotprojekte,
aber keine praktikablen Lösungen"

 

Bemühungen, Schul-Clouds einzurichten, gibt es in Deutschland seit 20 Jahren. Zuletzt haben zahlreiche Länder millionenschwere Entwicklungsprojekte an den Start gebracht – und scheiterten fast ebenso oft daran. Warum kriegen die meisten Kultusminister das nicht besser hin?

 

Da fragen Sie den Falschen. Richtig ist: Die Herausforderung steht seit 20 Jahren. Und seit 20 Jahren gibt es dazu viele teure Pilotprojekte, aber keine praktikablen Lösungen. Meine Vermutung als Informatiker ist, dass es im angestammten Bildungsbereich eine Grundskepsis gegenüber jedweden technischen Settings gibt nach dem Motto: Digitalisierung habe nichts mit Bildung zu tun. In vielen Behörden und Schulleitungen fehlt einfach das Verständnis für die technische Komplexität angemessener Lösungen und der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Da sagen viele: Hauptsache es funktioniert irgendwie. Aber irgendwie ist eben nicht ausreichend und für ein Industrieland wie Deutschland auch beschämend.  

 

Bei all dem, was Sie sagen, sind Sie selbst nicht frei von Interessen. Ihre Aufgabe als HPI-Chef besteht doch darin, zu allererst ihre eigene Schul-Cloud als die perfekte Lösung aller Probleme zu vermarkten.

 

Ich will nichts vermarkten. Wir sind kein kommerzieller Anbieter, sondern eine gemeinnützige universitäre Forschungseinrichtung. Wir erhalten keine Lizenzgebühren; am Ende unseres Open-Source-Entwicklungsprojekts ist die HPI Schul-Cloud kostenfrei für alle verfügbar. Verstecken müssen wir uns als HPI aber auch nicht. Tatsächlich ist unsere Schul-Cloud die einzige Lösung, die eine digitale Lernumgebung bereitstellt, die den Datenschutz der Schülerdaten voll gewährleistet und den Schulen zugleich die sichere Nutzung unterschiedlichster digitaler Lernsysteme ermöglicht.

 

Erklären Sie das bitte.

 

Ausgangspunkt für die Entwicklung unserer Schul-Cloud waren die Verhandlungen der damaligen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka mit den Ländern über den Digitalpakt. Da stellte sich schnell die Erkenntnis ein, dass es nicht ausreicht, Schulen mit dem Internet zu verbinden und in den Schulen WLAN zur Verfügung zu stellen, sondern dass es auch eine digitale Lernumgebung wie die Schul-Cloud braucht, die Lernende, Lehrende und Softwareanbieter verbindet und dabei die Interessen aller bedienen kann. Ein Medium, in dem Dokumente erstellt, Daten gespeichert und gesucht, Hausaufgaben verteilt und bearbeitet werden und Lernende und Lehrende in den Austausch gehen können. Und eben auch datenschutzrechtliche Anforderungen erfüllt werden. Ein Beispiel dazu: Wenn Schüler und Lehrer in der Schul-Cloud interagieren, müssen die Klarnamen eine Rolle spielen. Wenn Schüler auf Lernsoftware der verschiedenen Hersteller zugreifen, reichen Pseudonyme aus, die Anbieter nicht einzelnen Personen zuordnen können. Schafft man dafür eine technische Lösung bedeutet das, dass Lehrer ihren Schülern Zugang zu jeder möglichen Anwendung ermöglichen können, ohne jedes einzelne Mal die Zustimmung der Eltern einholen zu müssen. Und auch kommerzielle Anbieter können für die Nutzung ihre Anwendungen fair bezahlt werden. 

 

"Daran kann ich nichts
Kritikwürdiges entdecken"

 

Viele Ihrer Konkurrenten sprechen empört von einer Marktverzerrung, weil das Bundesbildungsministerium einseitig Ihr Produkt fördert und nun in der Coronakrise sogar allen Schulen in Deutschland angeboten hat.

 

Nochmal: Wir sind gar kein kommerzieller Anbieter, die Schul-Cloud ist auch kein Produkt und das HPI ist gemeinnützig. Wir verdrängen niemanden, wir schaffen eine Plattform, auf der Schülern und Lehrern die notwendigen Werkzeuge zum digitalen Lernen nutzerfreundlich und sicher bereitgestellt, die unterschiedlichsten Softwarelösungen und digitalen Produkte für die Schulen integriert und deren datenschutzrechtliche Nutzung sichergestellt werden. Genau das ist der Grund, dass die Bundesregierung die Entwicklung der Schul-Cloud fördert und nun in der Corona-Krise hilft, dass jede Schule, die das möchte, an die HPI Schul-Cloud angeschlossen werden kann. Daran kann ich nichts Kritikwürdiges entdecken.

 

Und andere Anbieter könnten das nicht genauso leisten?

 

Nein, ich sehe kein zweites System, das eine nur annähernd ähnliche Leistungsbreite bietet, wie die HPI-Schul-Cloud, in Deutschland nicht und in Europa auch nicht. Man muss bei den vielen Angeboten für Schulen allerdings ganz genau hinsehen und differenzieren. So gibt es neben den unzähligen Anbietern von Lernsoftware nur sehr wenige Anbieter von digitalen Lernumgebungen und dann immer nur mit Zugang zu vorbestimmt ausgewählten Lernsoftwaresystemen. Wenn Sie da eine andere interaktive Lernsoftware im Unterricht nutzen wollen, heißt es: Kein Problem – einfach über das Internet gehen. Wenn Sie das aber machen, stehen Sie wieder vor dem Dilemma, dass personenbezogenen Daten unrechtmäßig verarbeitet werden. 

 

Sie reden sehr kritisch über andere Anbieter. Doch während Ministerin Karliczek Ihnen einen Freifahrtschein gibt, sind deren Produkte im Gegensatz zur HPI-Schul-Cloud schon unabhängig evaluiert worden. 

 

Von welchen Evaluationen reden Sie? Wenn ich als kommerzieller Anbieter an den Markt gehe, muss ich meine Produkte natürlich zertifizieren lassen, die Nutzer müssen ja überzeugt werden, sie zu bezahlen. Und natürlich braucht es bei der Entwicklung einer digitalen Lernumgebung und Integrationsplattform für freie Lernsysteme und solche Produkte eine ständige Evaluation. Und genau die ist von Anfang an Teil des Entwicklungsprozesses gewesen. Wir haben die Schul-Cloud im Design-Thinking-Modus, also nutzerzentriert zusammen mit dem bundesweiten Netzwerk der MINT-EC Schulen entwickelt – im permanenten Austausch mit deren Schülern, Lehrkräften und Schulleitungen. Wir haben die Datensicherheit der HPI-Schul-Cloud immer wieder von externen Dienstleistern untersuchen lassen, haben Aufträge an Agenturen vergeben, die Nutzerfreundlichkeit zu evaluieren. Verschiedene Begleitforschungsprojekte renommierter Bildungsforscher haben uns begleitet, und die Datenschützer waren in allen Entwicklungsetappen involviert. Also nein, den Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. 

 

"Ich behaupte nicht,
dass wir selbstlos handeln"

 

Sie hören sich die ganze Zeit so selbstlos an. Keine kommerziellen Interessen, keine Lizenzeinahmen. Seien Sie doch mal ehrlich: Was bringt Ihnen die Cloud als Institut?

 

Ich behaupte nicht, dass wir selbstlos handeln. Ehrgeiz ist schon dabei. Die Arbeit an der Cloud ist für uns ein wichtiges Forschungsprojekt, hat den Ruf unseres Instituts, führend im Bereich der Digitalisierung zu sein, weiter verstärkt und uns auch eine gute Sichtbarkeit – auch manchen Ärger –in der Politik beschert. Als die Bundesregierung ihre Klausur zur Finalisierung ihrer KI-Strategie Deutschlands im HPI veranstaltete, haben wir auch über die Schul-Cloud gesprochen. Es gab in Deutschland so viele Digitalisierungsprojekte, die gescheitert sind, jede Menge erschöpfte Schulen – und von all ihrer Mühe war nichts geblieben. Wenn wir die Schul-Cloud hinbekommen und bundesweit in den Schulen einen sicheren Unterricht mit digitalen Inhalten ermöglichen können, ist das ein Achtungserfolg und auch ein Stück dringend benötigter Bestätigung deutschen Ingenieursgeists. Wie ich sagte: Wenn das Projekt zu Ende ist, werden wir keinen Euro daran verdienen. Verdienen werden die Softwareanbieter und Schulbuchverlage, die über die Schul-Cloud ihre Lernsysteme anbieten können. 

 

Und die 15 Millionen Euro, die Sie jetzt nochmal zusätzlich bekommen, sind schon auch ein Argument, oder?

 

Der Teil des Geldes, der davon ans HPI geht, wandert eins zu eins in die Bezahlung der zusätzlichen Mitarbeiter und Entwickler, die wir einstellen. Sie werden übrigens nach den Richtlinien des öffentlichen Dienstes bezahlt, auf dem freien Markt wären die Gehälter höher. Ich selbst leite das Cloud-Projekt, habe aber noch nie einen Cent bekommen für meine Arbeit. Als gemeinnützige Einrichtung können und wollen wir keinen Profit machen. Das Forschungsprojekt an sich reizt uns und lässt uns ehrgeizig sein, weil wir zeigen können, digitale Lösungen zu produzieren, die in der Praxis von Relevanz sind. Das motiviert auch unsere jungen Studierenden, die über die Arbeit an der Schul-Cloud einen Teil ihrer praktischen Ausbildung im Digital Engineering absolvieren können. 

 

Mal abgesehen davon, ob Ihre Schul-Cloud tatsächlich hält, was Sie da versprechen: Sind Sie eigentlich dafür gerüstet, wenn plötzlich zehn- oder hundertmal so viele Schulen sich anmelden würden? So richtig gebrummt hat es bei Ihnen nämlich auch nicht. Vor Corona hatten gerade mal ein paar Dutzend Schulen angeschlossen.

 

Ein paar hundert waren es schon – alles ausgewählte Schulen, die in den verschiedenen Pilotprojekten des BMBF und der drei Bundesländer Niedersachsen, Brandenburg und Thüringen an der Entwicklung der HPI-Schul-Cloud mitgewirkt haben. Und seit Bundesministerin Karliczek die bundesweite Öffnung beschlossen hat, haben sich bereits mehr als 2.800 Schulen neu angemeldet. Auch Brandenburg und Thüringen haben den Zugang  über ihre Pilotschulen erweitert. Mit den zusätzlich vom BMBF bereitgestellten Mitteln können wir nun schnell agieren und skalieren. Damit können wir die Serverkapazitäten erweitern, wir können Personal einstellen, das die Schulen bei ihren ersten Schritten und der Administration unterstützt. Es müssen Verträge geschlossen werden, jeder Schüler und jeder Lehrer braucht einen eigenen Account, das ist extrem zeitaufwändig.

 

"Wenn eine Sache als vernünftig anerkannt wird,
finden sich auch Mittel und Wege, sie weiterzuführen"

 

Die Schulen lassen sich auf die Cloud ein, und Ende des Jahres dürfen sie sich wieder abmelden? Weil dann die von Karliczek verkündete Sonderöffnung endet? Lohnt sich der ganze Aufwand dann überhaupt?

 

Eine Innovation von vornherein abzulehnen, nur weil sie nicht von Anfang an eine verlässliche Dauerperspektive mitliefert, habe ich noch nie für eine gute Idee gehalten. Denn dann würde es so gut wie überhaupt keine Neuerung mehr geben. Umgekehrt habe ich aber schon oft die Erfahrung gemacht: Wenn eine Sache als vernünftig anerkannt wird, finden sich auch Mittel und Wege, sie weiterzuführen. Der Bund hat schon signalisiert, dass er die Übergangslösung bis 31. Juli 2021 verlängern will – dann endet die Pilotförderung für die HPI Schul-Cloud insgesamt.

 

Und dann?

 

Die Bundesländer müssen sich entscheiden, wie sie den Schulen einen rechtssicheren digitalen Unterricht ermöglichen wollen.

 

Die Sorge der Länder ist vielmehr, dass der Bund jetzt mit seiner Lieblingslösung, der HPI Schul-Cloud, finanzstark Tatsachen schafft, die sie am Ende nicht mehr rückgängig machen können – dafür aber dauerhaft auf den Kosten sitzenbleiben. 

 

Tatsache ist, dass die meisten Länder selbst keine Lösungen haben. Und die Lösungen, die existieren, nur eingeschränkt funktional oder nicht rechtskonform sind. Der Frust bei den Ländern ist schon deutlich spürbar. 

 

Frust gibt es auch an den Schulen. Die Lehrkräfte sollen jetzt innerhalb weniger Woche kaum zumutbare Digitalisierungssprünge vollziehen.

 

Ich weiß, dass das für viele ein schwieriger Übergang ist, die Schulen sollen ins kalte Wasser springen und sofort schwimmen. Bisher war es in unseren Modellprojekten so, dass wir die Einführung der Cloud immer auch als ein Schulentwicklungsprojekt begriffen haben, dass die Lehrkräfte stets einbezogen wurden und wir entsprechend behutsam vorgegangen sind. In der jetzigen Notsituation muss aber alles ganz schnell gehen. Deshalb haben wir die hochmoderne neue Lernplattform lernen.cloud eingerichtet, um mit Online-Kursen, Tutorials, Best-Practice-Beispielen und der Möglichkeit des persönlichen Austausches die Nutzung digitaler Unterrichtsformate zu befördern. Wir sehen das als digitale Fortbildungsplattform für Lehrkräfte. Und wenn es nötig ist, findet sich für jede Frage ein persönlicher Ansprechpartner, der schnell reagiert.



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Kommentare: 8
  • #1

    scheppler (Montag, 20 April 2020 16:52)

    Teil 1:
    Es ist schon beachtlich, dass das HPI seine Lösung als die einzig datenschutzkonforme anpreist:
    "Wenn Sie das aber machen, stehen Sie wieder vor dem Dilemma, dass personenbezogenen Daten unrechtmäßig verarbeitet werden."

    Auf welcher Grundlage nach Artikel 6 DSGVO verarbeitet denn das HPI bzw. die im Sinne der DSGVO verantwortlichen Schulen dort die personenbezogenen Daten? Nach eigenen Angaben (https://blog.schul-cloud.org/einwilligungskonzept-der-hpi-schul-cloud/) geschieht das über Einwilligungen nach Absatz 1, lit. a. Mit Verlaub: Das kann auch jeder andere Anbieter auf dem Markt - bis hin zu Moodle als vollwertige OpenSource-Alternative zur HPI-Cloud. Und man mag sich gar nicht vorstellen, wie bereits existierende Moodle-Derivate wie mebis oder die hessische Lernplattform mit über 20 Millionen Euro ins Fliegen geraten könnten - inkl. attraktiver Adaptierbarkeit durch andere Länder. Was soll da die Neuentwicklung durchs HPI?

    Schauen wir aber mal genauer auf die angebliche Datenschutzkonformität zur Datenverarbeitung, für die sich das HPI so rühmt: Die Einwilligungslösung dürfte mit Bezug auf Unterricht (zu dem eine schulgesetzliche Teilnahmeverpflichtung im Rahmen der Schulpflicht besteht) seitens der Verantwortlichen (also Schulen) als "public authorities" nur sehr bedingt in Einklang zu bringen sein mit dem DSGVO-Erwägungsgrund 43, der festlegt, dass Einwilligungen gegenüber "public authorities" eben nicht als freiwillig angesehen werden können. Oder in den Worten des HPI selber (oben verlinkt):
    "Alle Beteiligten sind sich an dieser Stelle einig, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht - zum einen um rechtssicher zu handeln und zu anderen um Lehrkräfte vor Ort zu schützen. Im gemeinsamen Abstimmungsprozess mit den Landesdatenschützer:innen ist daher besprochen, dass der Einwilligungsprozess aufgrund fehlender Alternativen und fehlender schulgesetzlicher Grundlagen für die Pilotierung der einzig gangbare Weg ist, bei Roll-out aber — und das insbesondere in der Landesprojekten — dringend Änderungen der Schulgesetze von Nöten sind."

    Diesen Duldungszustand hätte man tatsächlich auch für jeden bereits existierenden Anbieter auf dem Markt (inkl. Moodle) herstellen können. Und dass man die Ideallösung der Schulgesetzverankerung sogar für kommerzielle Anbieter herstellen kann, sieht man in Bremen.

    Das HPI hat damit nach meiner Kenntnis kein einziges Alleinstellungsmerkmal mit Blick auf Datenschutz, das eine derartige Exklusivförderung rechtfertigen würde. Es sei denn, man rechnet die Leitung einer Arbeitsgruppe zusammen mit dem Bitkom (https://www.bildung-forschung.digital/de/fuenf-arbeitsgruppen-1718.html) und aus meinem aktuellem Recherchestand heraus noch hinterfragenswürdigen Vorgänge rund um den IT-Gipfel im Saarland dazu. Da scheint das HPI tatsächlich eine besondere Rolle gespielt zu haben ;-)

  • #2

    scheppler (Montag, 20 April 2020 16:53)

    Teil 2:
    Wenn man aber mal versucht etwas Transparenz in z.B. die Förderanträge zu bekommen (keine einfache Sache, da das HPI zumindest meine Transparenzanfrage dahingehend zurückgewiesen hat und keine Einsicht gewährt hat) und sich die Präsentationen des HPI anschaut, sieht man dann doch, wo die möglichen Alleinstellungsmerkmale liegen könnten:

    - Marktschaffung: Das HPI setzt mit seiner Plattform nicht unwesentlich darauf, einen Vermarkungskanal für Unterrichtsmaterialien zu schaffen. Verlagen, Startups, kommerziellen Dritten allgemein gesprochen soll es ermöglicht werden, über die HPI-Schulcloud direkten Zugang in Schule, zu Lehrer*innen und/oder Schüler*innen zu erhalten. Dieser „Marktplatz“ soll auch für OER (Open Educational Ressources) zur Verfügung stehen. Das mildert aber nicht im geringsten, dass hier eine gewisse Kommerzialisierung neuer Qualität über die Schulcloud in Schulen Einzug erhält.
    - Learning-Analytics: In der HPI-Schulcoud ist dies offenbar zumindest angelegt, dass es möglich wird, Schüler*innenverhalten (pseudonymisiert) zu beobachten, erkennt und/oder analysieren. Dies könnte dann z.B. für Rückschlüsse dienen, wo Schüler*innen noch Unterstützung brauchen oder was ihnen bereits gut gelingt. In der mir vorliegenden Vorhabensbeschreibung heißt es dazu seitens des HPI: „Analytics/Learning Record Store: Für die Speicherung von auf Drittsystemen erfolgten Lerninteraktionen soll in der Schul-Cloud ein datenschutzkonformer Learning Record Store eingesetzt werden. In diesen können Drittsysteme unter Beibehaltung der Pseudonymisierung Daten speichern und ggf. auch wieder abrufen.“ Auch hier wird also Dritten (womöglich kommerziellen Lernprogramm-Anbietern) ein Zugang zum Lernverhalten der Kinder ermöglicht. Pseudonymisierung bedeutet dabei wohl lediglich, dass dem Dritten die Identität des/der Schüler*in nicht z.B. namentlich bekannt ist. Eine Profilierung könnte bei Verwendung von zeitlich stabilen Pseudonymen aber dennoch möglich werden (z.B. um Lerner*innen wiederzuerkennen).

    Und gerade diese letzten beiden Punkte bilden schon etwas, was man in anderen Lernplattformen so tatsächlich kaum findet - #Alleinstellungsmerkmal. Aber genau mit diesen Komponenten, die relativ tief im Selbstverständnis der SchulCloud des HPI verankert zu sein scheinen, werden zwei wesentliche Mentalitätsentwicklungen mit Blick auf schulisches Lernen forciert. Denn weder einen solchen „Materialmarktplatz mit Direktzugang in die Lern-/Lehrumgebung“ noch einen solchen „LearningAnalytics-Ansatz implementiert in die Lern-/Lehrumgebung“ kennen wir so in Schule als staatlicher Einrichtung. Und hier stellt sich die Frage: Wollen wir das überhaupt? Können wir das überhaupt kontrollieren (wer entscheidet, ob und welcher Dritte z.B. einen Zugang erhält)? Und da schließen sich noch diverse weitere Fragen an.

    Wenn aber nun das HPI dies grundsätzlich angelegt hat und das Bundesministerium für Bildung dafür mehrere Millionen Euro an Förder-/Forschungsmitteln bewilligt, wird damit - aus meiner Sicht seitens des BMBF - eine bestimmte Mentalität in Schule forciert oder gar etabliert, über die wir uns als Gesellschaft und in den Hoheiten der Länder noch nicht ansatzweise bewusst sind oder demokratisch ausgetauscht haben. Ich subsummiere in meinen Beobachtungen der aktuellen Entwicklungen im Bildungsbereich solche Tendenzen unter den Oberbegriffen der „Ökonoimisierung in Schule“ und „Lobbyismus in Schule“. Schließlich greift mit der durchs BMBF nun veranlassten Öffnung der Schulcloud für Schulen über den MINT-EC-Forschungskreis hinaus das BMBF via HPI-Schulcloud damit aus meiner Sicht aber schon prägend in die Schullandschaft ein - nicht nur (siehe die kritischen Fragen des Interviewers) aber eben auch hinsichtlich solcher grundlegenden Funktionalitäten und die damit veränderten Sichtweisen auf Bildung in Schule.

    Die Schulcloud des HPI ist aus meiner Sicht damit bei weitem nicht so „harmlos“, wie es versucht wird darzustellen. Sondern insbesondere mit der Rückendeckung des BMBF ergeben sich diverseste Fragen, die wir uns stellen sollten - und die im Interview nicht ansatzweise thematisiert wurden.

  • #3

    Jörg Ludwig, IServ GmbH (Montag, 20 April 2020 18:37)

    Hier werden leider unwahre Behauptungen verbreitet.

    Selbstverständlich ist der IServ Schulserver vollständig datenschutzkonform. Wir arbeiten bereits seit Anfang 2013 eng mit dem ULD Schleswig-Holstein zusammen. DSGVO war für uns nur noch Formsache, da unsere Software schon vorher alle Vorgaben erfüllt hat. Falls der Server lokal in der Schule betrieben wird und der Kunde keine Fernwartung wünscht, ist nicht mal ein AV-Vertrag erforderlich.

    Auch Angebote von Drittanbietern können bei IServ problemlos per OpenID / OAuth integriert werden, seit Oktober 2017 auch pseudonym.

  • #4

    Florian (Montag, 20 April 2020 20:32)

    Sehr gutes Interview. Danke.
    Ich finde die Schul cloud von hpi eine sehr gute Lösung, die die öffentliche Aufmerksamkeit nun deutlich verdient hat

  • #5

    DigiOnline GmbH, Kerstin Ciba (Mittwoch, 22 April 2020 11:59)

    Wir widersprechen der Behauptung, dass einzig die HPI Schulcloud den Schutz personenbezogener Daten voll gewährleiste.

    WebWeaver wird seit vielen Jahren als Schulcloud/Lernplattform von zahlreichen Schulen, Schulträgern und Ländern genutzt bzw. selbst betrieben - selbstverständlich unter Einhaltung der Vorgaben der DSGVO.

    https://www.webweaver.de/datenschutz_schule
    https://www.webweaver.de/school

  • #6

    Bergander (Donnerstag, 23 April 2020 11:05)

    Ich verstehe, offen gesagt, die Aufregung hier nicht ganz: Die Regierung als Auftraggeber sorgt doch bei der Schul-Cloud dafür, dass alle Beteiligten diskriminierungsfrei Zugang zu digitalen Bildungsmedien haben, durch Pseudonymisierungs- und De-Pseudonymisierungs-Techniken die entsprechenden Grundsätze des Datenschutzes gewahrt bleiben und möglichst wenige Schülerdaten gesammelt werden. Das sichert die Bildungshoheit und digitale Souveränität.
    Und wenn ich das Interview richtig gelesen habe, spricht der Entwicklungschef der Schul-Cloud ja gar keinem Produkt ab, datenschutzkonform zu sein. Er betont vielmehr, dass durch die Pseudonymisierungs-Technik beliebige Lernsoftware aus dem Internet datenschutzkonform über die Schul-Cloud genutzt werden kann. Hier scheint mir der Knackpunkt zu liegen, bei dem die kommerziellen Anbieter, die jetzt aufschreien, offenbar keine gleichwertigen Produkte auf dem Markt haben.

  • #7

    Bernd (Montag, 27 April 2020 14:52)

    "Und dieser gesetzeskonforme Einsatz ist, so gut deren Produkte auch sein mögen, bei Google oder Microsoft nicht gegeben." Genau so ist das. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass Aufsätze von Schulkindern, deren Lernprofile, Stärken, Defizite, oder Beurteilungen von Lehrkräften, bei US Konzernen landen. Das geht überhaupt gar nicht. Wollen wir zudem unsere gesamte schulische Bildung abhängig machen vom Good Will einer US-Administration, die vor nicht mal einem halben Jahr erst bewiesen hat, wie schnell man in der Lage ist einem ganzen Land einfach mal komplett die Kreativwirtschaft abzuschalten, indem man ADOBE verpflichtet, seine Cloud für gesamt Venezuela einzustellen. Die schulische Bildung unserer Kinder ist systemrelevant und darf nicht abhängen von US-Konzernen oder von der Willkür der US-Politik.

  • #8

    Kay Gollhardt (Dienstag, 28 April 2020 23:17)

    Am Ende muss sich der Staat doch fragen, ob Bildungsclouds gezielt unter die staatliche Hoheit fallen sollen oder ob privatwirtschaftliche Anbieter das Feld übernehmen können. Ich meine der Staat sollte hier präsent sein, er muss aber auch die enormen Anforderung stemmen können. Die Länder haben viele Jahre versucht Plattformen und Clouds zu etablieren und waren damit fast überall überfordert. Viele halbfertige Lösungen, mit mäßiger Usability und kaum Nutzeraufkommen. Es ist ja auch Irrsinn das Rad 16 mal erfinden zu wollen. Eine Verschwendung von Geld und Zeit. Auch Know How lässt sich so kaum konzentrieren und weiter ausbauen. Dass nun der BUND das Heft des Handelns übernimmt, überrascht nicht. Das HPI sollte jetzt seine Cloud an alle Länder geben und Ableger der Kultusministerien sollten diese betreiben und inhaltlich weiterentwickeln. Die Lerninhalte sollten zum Zwecke der Bildungsgerechtigkeit (im Netz gleichbedeutend mit Mediengerechtigkeit) von den Ländern Co-finanziert und selektiert werden (in Ergänzung zu dezentralen Erwerbungen von kommunalen Lizenzen und Einzellizenzen). Die Lizenzierungen der klammen Kommunen und der überzogene OER-Hype reichen nicht als Content-Strategie für dieses Land. Das wird die nächste bittere Erkenntnis sein, wenn man Technik und Datenschutz der Plattformen halbwegs im Griff hat.